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Medizinprodukte-Newsletter Nr. 1 / 2000
Sonderausgabe zur 10. Sitzung des AMBB am 20.01.2000
"Kapazitive Neutralelektrode Mega 2000"
Große Kapazitäten im OP ...
... waren das Thema einer Veranstaltung des Arbeitskreises Medizintechnik
Berlin-Brandenburg (AMBB) am 20. Januar 2000 beim Berliner Senator für
Gesundheit und Soziales (Gastgeber). Im Kern ging es um die Sicherheit und
Zulassung wiederverwendbarer Neutralelektroden "Mega 2000" nach dem
Prinzip der kapazitiven Ankopplung, die nach Werbeaussagen des Herstellers (Megadyne,
USA) quasi für alle Anwendungsformen der HF-Chirurgie und für alle
Standardgeneratoren verwendet werden können. (Produktinformation: http://www.megadyne.net)
Hochkarätig war auch das Feld der Teilnehmer, die aus
ganz Deutschland und sogar aus den USA angereist waren. Sitzungsleiter
Dipl.-Ing. H.-J. Pieper von der Berliner Charité konnte u.a. Vertreter der
Firmen Megadyne (s.o.), Medex Medical (www.medexmedical.de),
Erbe (www.erbe-med.de), Martin (www.martinmedizintechnik.de),
3M (www.mmm.com) und Valleylab (www.ussurg.com)
begrüßen. Nach einer beeindruckenden Präsentation des Einsatzprinzips der
Megadyne-Elektrode wurden verschiedene mögliche Sicherheitsprobleme vor dem
Hintergrund unklarer rechtlicher Verhältnisse durch das neue europäische
Medizinprodukterecht diskutiert.
Sicherheitsaspekte im Kreuzfeuer
Messungen der Firma Erbe haben ergeben, dass die Impedanz der o.g.
kapazitiven Neutralelektrode deutlich höher ist als die einer
Standard-Klebe-Elektrode. Hierdurch kann es zu einer Erhöhung von Leckströmen
kommen, die aber nicht als besorgniserregend gewertet wurde. Schwerwiegender
sind nach den Ausführungen der Firma Erbe Rückwirkungen auf geregelte
Generatoren, welche die Leistungsabgabe an der aktiven Elektrode beeinflussen
können. Die Firma Erbe steht derzeit in Kontakt mit der Firma Megadyne bzw.
deren Vertretung Medex Medical und geht davon aus, dass diese in ihren
Produktunterlagen zu den neuen Neutralelektroden auf Anwendungseinschränkungen
beim Einsatz mit Erbe-Generatoren hinweisen wird. Ansonsten würde die Firma
Erbe im Rahmen ihrer Verpflichtung zur Marktbeobachtung von sich aus die
Fachöffentlichkeit informieren. Die Vertreter der anderen Herstellerfirmen von
HF-Generatoren und Neutralelektroden äußerten sich ebenfalls kritisch. Insbesondere
wurde moniert, dass das Produkt von einer Benannten Stelle in Irland für den
europäischen Markt als Produkt der Risikoklasse I eingeordnet wurde, obwohl in
Deutschland, nach Aussage einiger anwesenden Firmenvertreter, Neutralelektroden
üblicherweise (aber nicht zwingend) zur Klasse IIa zugeordnet werden.
Auf europäischer Ebene soll zwischenzeitlich sogar eine Zuordnung zur
Risikoklasse IIb in der Diskussion sein.
Fazit der Veranstaltung:
1. Gebrauchsanweisung und Werbung sollten angepasst werden
Die werblichen Aussagen der Firma Megadyne, nach denen ihre wiederverwendbare
Neutralelektrode mit kapazitiver Ankopplung praktisch für alle Anwendungen und
mit allen Standardgeneratoren eingesetzt werden kann, sind möglicherweise
in dieser Form nicht haltbar.
Risiken bestehen nach Darstellung der o.g. deutschen Hersteller insbesondere
bei unzureichender Überwachung und möglichen Materialfehlern der
Neutralelektrode, ferner durch eine nicht eindeutig reproduzierbare Schnitt-
oder Koagulationsleistung bei bestimmten Generatoreinstellungen. Nach dem
Prinzip dürfte das Risiko für Verbrennungen durch zu hohe Stromdichten unter
der Neutralelektrode (unter sonst gleichen Bedingungen) eher geringer sein als
bei der konventionellen galvanischen Ankopplung. Wie
sich das Risiko für Verbrennungen an anderen Kontaktstellen wie
Überwachungselektroden verhält, müsste genauer untersucht werden.
Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass diese neue Elektrode bereits
weltweit in vielen Ländern zugelassen ist, ein CE-Zeichen
nach Medizinprodukterichtlinie trägt und in einigen deutschen Krankenhäusern
(genannt wurden z.B. das UKE Hamburg) bereits im
Tagesbetrieb eingesetzt wird. Zudem gibt Medgadyne
bzw. deren Vertretung Medex Medical dem Anwender /
Betreiber (nach
eigenen Angaben) eine
schriftliche Garantieerklärung gegen
Regressansprüche durch Patienten bei möglichen
Vorkommnissen (Verbrennungen). Ob diese Garantieerklärung lediglich bei
Verbrennungen unter der Neutralelektrode greift oder auch bei Verbrennungen
unter Überwachungselektroden, wurde nicht deutlich.
2. "Klassenkampf" auf europäischer Ebene
Die einvernehmliche Abklärung der
Zuordnungsfrage (Klasse I, Klasse IIa oder IIb) auf bundesrepublikanischer bzw.
sogar europäischer Ebene muss noch abgewartet werden, zumindest konnte im
Rahmen der Veranstaltung keine eindeutige Position gefunden werden.
In jedem Fall sollten sich Anwender und Betreiber medizintechnischer Geräte
darauf verlassen können, dass die komplexen Vorschriften des europäischen
Medizinprodukterechts greifen, wenn von Produkten die rechtlichen Kriterien
erfüllt sind (CE-Zeichen). Es kann nicht ihre Aufgabe sein, Herstellerfirmen,
Benannte Stellen und Behörden inhaltlich zu kontrollieren oder sogar deren
Arbeit zu leisten. Bei bestimmungsgemäßer Verwendung von zugelassenen
Medizinprodukten darf es für den Anwender keine produktbedingten
Sicherheitsrisiken geben, die er zu verantworten hätte.
3. Medizintechniker stellen sich ihrer inhaltlichen Verantwortung
Die Medizintechniker und Mediziningenieure im
Arbeitskreis Medizintechnik Berlin-Brandenburg (AMBB)
wollen sich jedoch gerne ihrer inhaltlichen Verantwortung stellen, indem sie auf
sachliche Schwachstellen hinweisen und praxisnahe Lösungsmöglichkeiten
erarbeiten. Der AMBB hat in der Zusammenarbeit von Klinikingenieuren/-technikern,
Sachverständigen,
Behördenvertretern und Firmenmitarbeitern ein Forum geschaffen, das eine
wesentliche Informationsgrundlage für die Beurteilung des Einsatzes von
kapazitiven Neutralelektroden mit marktüblichen
HF-Generatoren erstellt. Nun sind die verantwortlichen Beteiligten gefordert,
ihren Verpflichtungen im Rahmen der Umsetzung des europäischen
Medizinprodukterechts nachzukommen.
In diesem Rahmen kann und soll lediglich ein erster Überblick
gegeben werden. Ein ausführliches Protokoll der Veranstaltung von M.
Kindler und Stellungnahmen der betroffenen Firmen finden Sie auf der Homepage
des Arbeitskreises Medizintechnik Berlin-Brandenburg (AMBB) unter http://www.ambb.de.
Diskussionsbeiträge zu diesem Thema können Sie gerne
auch im AMD-Medizintechnik-Forum unter
http://www.amd-gmbh.de veröffentlichen.
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