Candide und die Beste aller möglichen Welten

von Ingo Nöhr

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»Es ist erwiesen,« sagte Meister Pangloss, »dass die Dinge nicht anders sein können, denn da alles zu einem Zwecke erschaffen worden ist, geschah es notwendigerweise zu einem besten Zwecke. Beachtet wohl, dass die Nasen zum Tragen von Brillen erschaffen wurden, und so haben wir denn auch Brillen! Beine sind offenbar zum Tragen von Stiefeln eingerichtet, und wir haben Stiefel! Die Steine sind so gebildet, dass man sie behauen und Schlösser daraus erbauen kann, und so hat der gnädige Herr denn auch ein sehr schönes Schloss, und zwar muss der größte Baron der Provinz am besten behaust sein! Da die Schweine zum Essen erschaffen wurden, so essen wir eben auch das ganze Jahr über Schwein. Aus allem diesen geht hervor, dass jene, so behauptet haben, alles sei gut, eine Dummheit sagten: sie hätten sagen müssen, alles sei zum Besten.«

Noch etwas verkatert von der Silvesternacht treffen sich unsere beiden Krankenhausstrategen Ingo und Jupp wieder in ihrer Stammkneipe, wo in einer Sitzecke noch zwei übriggebliebene Gäste ihren Rausch ausschlafen. Jupp trägt einen ausgesprochen mürrischen Gesichtsausdruck zur Schau.

  • Hallo Jupp, ich brauche gar nicht fragen, wie du ins Neue Jahr gekommen bist. Man sieht es dir direkt an. Ist dir die berühmte Laus über die Leber gelaufen? Sieht so dein Start ins Neue Jahr aus? Was erwartest du denn von 2016?

Ach Ingo, ich sehe nur noch Katastrophen, Dilettantismus, Geldgier und Staatsversagen um mich herum. Probleme werden nur noch ausgesessen, Lösungen auf die Zukunft verschoben. Oder man verschließt gleich ganz die Augen und ignoriert die Lage.

  • Jupp, dein Ausblick hört sich nicht gerade optimistisch an. Die Chinesen sagen: Fege den Staub des letzten Jahres fort und mit ihm alle unguten Gefühle. Was hat dir denn so die Suppe verhagelt?

Mensch Ingo, schau dir doch mal die Welt an! Am Nordpol herrscht gerade Frühlingswetter, Terroristenanschläge erzeugen hysterische Panikreaktionen, Flüchtlinge erwecken alte Ängste der Überfremdung, die Rechtsradikalen bekommen wieder Oberwasser, Regierungen in Polen und Ungarn brechen verfassungsrechtliche Grundsätze, Deutschland zieht wieder in einen Krieg, und Europa bricht auseinander. Vom ungelösten Euro-Problem will ich gar nicht reden. Vielleicht wird Donald Trump auch noch der nächste US-Präsident. Ich sehe nur noch den Abgrund vor mir.

  • Ganz schlecht, Jupp. Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Sagt schon Friedrich Nietzsche. Du liest zu viel Zeitung und siehst zu viel TV. Du weißt doch: nur schlechte Nachrichten interessieren noch die Leute. Die Deutschen sind sowieso als Katastrophenfans berüchtigt. Unsere Angela Merkel arbeitet doch mit Hochdruck und bislang erfolgreich in der Krisenbewältigung.

Unsere Regierung ist doch schon seit Jahren nicht mehr arbeitsfähig. Die letzten Gesetze zu den Themen Bundeswahl, Bundesbesoldung, Erziehungsgeld, Einkommenssteuer, Vorratsdaten­speicherung, Geheimdiensttätigkeiten, Parteienfinanzierung, - alle mussten nachgebessert werden, weil sie verfassungswidrige Inhalte enthielten. Reiner Murks.

  • Aber Jupp, du musst zugeben, dass unser Bundesverfassungsgericht diese Gesetze gestoppt hat. Und wenn dieses zu langsam reagierte, griff notfalls der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ein. Die Kontrollinstanzen funktionieren doch. Der Österreicher Max Schrems hatte sich an der Datenschutzpraxis von Facebook gestört und beim EU-Gerichtshof beschwert. Prompt wurde als Konsequenz das Safety Harbour Abkommen zwischen USA und EU für ungültig erklärt.

Mein lieber Ingo, ich weiß, dass du ein unverbesserlicher Optimist bist. Dich scheint das alles nicht aufzuregen. Hast du denn keine Angst vor der Zukunft? Was sind denn deine Vorsätze für 2016?

  • Weißt du Jupp, ich hatte eine besinnliche Zeit zwischen den Jahren und habe mal in meinen alten Büchern gestöbert. Da fiel mir der satirische Roman "Candide oder der Optimismus" von Voltaire in die Hände. Meister Pangloss, Doktor der Metaphysico-theologico-nigologie, lehrt seinem Schüler Candide, dass wir in der Besten aller möglichen Welten leben. So kann er auch den schlimmsten Vorfällen immer noch etwas Positives abgewinnen.

Ingo, das Buch kenne ich noch aus der Schulzeit. Grauenhaft. Voltaire macht sich darin über die Philosophie von Lessing und Leibniz lustig. Du weißt ja auch, wie die Geschichte ausgeht? Pangloss und Candide werden von der realen Welt zutiefst enttäuscht.

  • Jupp, das stimmt zwar, aber ich möchte mich von dem Elend der Welt nicht mehr herunterziehen lassen. Der berühmte Clown Charlie Rivel hat eine Lebensweisheit praktiziert: "Der Optimist hat nicht weniger oft unrecht als der Pessimist, aber er lebt froher."

"So ist das Leben," sagte der Clown, und malte sich mit Tränen in den Augen ein strahlendes Lächeln ins Gesicht.

  • Mag sein Jupp. Ich jedenfalls will wieder fröhlicher in die Welt schauen können. Ein Optimist ist ein Mensch, der alles halb so schlimm oder doppelt so gut findet. Das erhöht doch die Lebensfreude. Deshalb habe ich mir vorgenommen, in allem Schlechten das Körnchen Gute zu finden.

Ingo, soso, das Körnchen Gute im Schlechten. Da musst du vielleicht lange suchen. Theodor Fontane hat mal gesagt: Ein Optimist ist ein Mensch, der ein Dutzend Austern bestellt, in der Hoffnung, sie mit der Perle, die er darin findet, bezahlen zu können.

  • Vielleicht sollten wir in unserer deutschen "Insel der Seligen" gar nicht in diesem Luxus schwelgen. Mich hat vor kurzem dieser Beitrag von Stefan Berg im Spiegel-Heft 51 sehr beeindruckt. Seit zehn Jahren an Parkinson leidend hat er darin ein beein­druckendes Plädoyer für eine Medizin mit menschlichem Maß verfasst.

Lass mal sehen. Du Ingo, er schreibt ja über unsere letzten Gesprächsthemen. Hier:
" ... Berichte über die neuesten Heilsversprechen von der Forschungsfront. Da treffen sich Wissenschaftler in den USA, die es für möglich halten, unser Erbgut zu durchleuchten und unsere Gene von potenziellen Krankheiten zu befreien. Von Keimbahnen wird berichtet, die diese hoch karätige Putztruppe säubern will."

  • Klar Jupp. Die Gentechnologie will uns unsterblich machen. Dazu noch ein paar Nano-Roboter, die unsere Blutbahnen freischrubben. Am besten lässt man die erbgeschädigten Babys gar nicht auf die Welt kommen.

Höre ich da etwas Sarkasmus heraus? Hier geht es weiter: " ... Pläne, einen gläsernen Patienten zu schaffen, von dem Versprechen „ewiger Gesundheit“, ... Dazu müsse nur jeder Mensch ständig alle Daten seiner Lebensfunktionen messen, aus dem ermittelten Statistik-Konvolut könne später die richtige Behandlungsmethode errechnet werden."Das sind doch unsere Fans der Quantified-Self Bewegung, über die wir uns im Oktober unterhalten haben.

  • Richtig, Jupp. Aber Stefan Berg ist davon überhaupt nicht begeistert. Er fragt ganz einfach nach dem Nutzen: "Hat mich eine Datensammlung oder eine Pille oder eine Maschine nach durchwachten Nächten neuen Lebensmut finden lassen? War es Technik, die mich wieder lachen ließ, war es ein Gesundheitsautomat? Oder waren dies die Liebe, die Zuwendung meiner Frau, meiner Kinder, der Schwestern, meines Arztes, dazu die Rücksicht meines Arbeitgebers?"

Klar Ingo, der kranke Mensch braucht eben beides. Und mehr über seinen Körper zu wissen, kann ja nie schaden.

  • Im Gegenteil. Er sieht sogar eine negative Auswirkung durch diese Datensammlung: "Wer sich allein auf statistische Mittel verlässt, sich einem medizinischen Dauercheck unterwirft, der wird jede Abweichung als Anzeichen einer Krankheit deuten. Wer ständig alles kontrolliert, der wird früher oder später von Angst zerfressen. Von der Optimierung führt ein direkter Weg zur Neurose. ... Wer Perfektion und Optimierung propagiert, legt den Grundstein für unsere eigenen Ängste. In ihrer Schwäche sehen viele Ältere sich nur noch als Last, weil sie, eingeschränkt wie sie sind, andere einschränken."

Aber Ingo, da sprichst du dich jetzt gegen jede Vorsorgeuntersuchung aus.

  • Wissen kann helfen, es kann uns aber auch überfordern. Als Stefan Berg seinen Arzt danach fragte, wie lange er wozu noch fähig sein werde, antwortete er: Kümmern Sie sich nicht um Statistiken. Jeder Mensch ist einmalig, jeder Krankheitsverlauf ist anders.

Und woraus schöpfst du jetzt deinen Optimismus? Wo findest du das Körnchen Gute im Schlechten?

  • Allein schon in der Definition des Schlechten. Ist denn das Unperfekte automatisch schlecht? Normale Alterungsprozesse werden heutzutage subjektiv als Krankheit empfunden. Stefan Berg bringt es auf den Punkt: "Welches Menschenbild steht hinter der Suche nach dem leidfreien, optimierten Leben? Der perfekte Mensch? Eine Menschmaschine? Große Kunstwerke haben wir jenen Menschen zu verdanken, die heute unter der Optimierungsprämisse vielleicht gar nicht mehr zur Welt gekommen wären oder die mit der Diagnose ADHS behandelt und "gedämpft“ worden wären. Der Mensch mit der Normabweichung war gelegentlich kreativer als jener, der den Normen entsprach."

Ingo, lies das mal hier! Das ist ja wirklich ein heftiges Plädoyer: "Ihr lieben Daten-Narren und hoffnungsvollen Produzenten des ewigen Lebens, habt ihr einmal des Trostes bedurft? Lasst uns vor lauter Begeisterung darüber, immer mehr Kompliziertes zu verstehen, die einfachen Dinge nicht aus dem Blick verlieren. Über unsere Neugier auf das Mögliche dürfen wir das Nötige nicht vergessen, vor lauter Freude über die hochsensible Technik nicht die Wirklichkeit des hochsensiblen Menschen. Und dieser Mensch wird immer ein verletzliches Individuum bleiben, einmalig, geheimnisvoll, unberechenbar, keine Maschine, die per App repariert werden kann. Die Apps und Apples kommen und gehen. Aber der alte Adam bleibt.

  • Tja, Jupp, der alte Adam bleibt. Alt, aber zufrieden und froh mit seiner suboptimalen Existenz. Das soll jetzt meine neue Lebenseinstellung werden. Finde das Gute im Schlechten!

Also Ingo, da stehen uns im neuen Jahr noch spannende Gespräche bevor. Darauf lass uns mit einem Bier anstoßen.

Herr Wirt! Bringen Sie uns bitte das Beste aller möglichen Biere! Unser Dr. Pangloss hier und sein Candide haben Durst. "

 

Wenn's alte Jahr erfolgreich war, dann freue dich aufs Neue.

Und war es schlecht, ja dann erst recht.

(Albert Eínstein)

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