Das Gewehr im ersten Akt

von Ingo Nöhr

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Ingo Nöhrs Kumpel Jupp kommt etwas angeschlagen zum monatlichen Treff in der Eckkneipe. Augenscheinlich hat ihm die Halloween-Nacht mächtig zugesetzt. Vermutlich leidet er gerade wieder an einer Überdosis von schlechten Nachrichten, wie sich schnell im Gespräch herausstellt. 

Hallo. Jupp. Du gehst so gebeugt. Trägst du das aktuelle Elend der Weltpolitik wieder auf deinen Schultern? Es wird doch gerade spannend: Katalonien hat gerade seine Unabhängigkeit erklärt, dessen Regionalregierung hat allerdings gerade Zuflucht in Brüssel gesucht.

Vielleicht kommt Horst Seehofer jetzt auch auf die glorreiche Idee, seinen Freistaat Bayern aus der deutschen Misere herauszulösen und unabhängig zu werden. Eine eigene Partei, das beste Bier, die besten Autos - wofür braucht Bayern noch das Rest-Deutschland? Die internationalen Gäste kommen doch jedes Jahr zuverlässig auf das Oktoberfest. Und wenn es schiefgeht, bekommt der Horst als Asylant in Brüssel bei Sangesbruder Öttinger bestimmt einen gutbezahlten EU-Job.

Aber vielleicht solltest du doch besser deine Zeitung abbestellen und keine Nachrichten mehr sehen.

  • Ach, Ingo. Das ist gar nicht mehr lustig. Schau dir doch die Welt an – eine permanente Horrorshow. Kolossale Herausforderungen überall und wir streiten uns bis nächstes Jahr um Kleinigkeiten im Koalitionsvertrag. Verheerende Hurrikane in Amerika und Orkane in Europa, aber Trump und seine Claqueure halten den Klimawandel immer noch für Fake-News und streichen radikal die Forschungsgelder. Und noch ein Milliardär hat gerade eine Wahl gewonnen, diesmal in Tschechien. USA und Israel verlassen die UNESCO, weil Hebron zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Nebenbei übertrumpfen sich die beiden Regierungschefs im Mauerbau, eifrig begleitet vom ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der für seinen neuen Grenzzaun ganz frech 400 Millionen Euro von der EU fordert, um sein Land weiterhin „migrantenfrei“ zu halten.

Ja Jupp, wir haben augenblicklich das Problem, dass die Regierungen der neuen EU-Mitglieder wie Ungarn, Polen und Tschechien nicht immer glühende Verfechter des europäischen Gedankens und der damit verbundenen Fördergelder sind, sobald es um die Erfüllung von lästigen Pflichten geht. Die Euroskepsis frisst sich immer weiter westwärts, wie du an den Wahlausgängen in Niedersachsen und Österreich erkennen kannst.

  • Oh, Ingo. Hör mir auf mit den Wahlen. Ich habe die letzte Bundestagswahl noch nicht verkraftet. Statt regulär 598 hat unser Bundestag nun 709 Mitglieder. Wir mit unseren 83 Millionen Einwohnern leisten uns das zweitgrößte Parlament der Welt. 435 US-amerikanische Abgeordnete vertreten viermal mehr Bewohner. Und die weltgrößte Demokratie in Indien kommt bei der 16-fachen Bevölkerung mit 543 Vertretern im Parlament aus.

    Allein im Jahre 2018 kostet uns dieser bundesdeutsche Debattenhaufen über eine halbe Milliarde Euro. Dazu müssen wir noch 105 Ex-Abgeordnete anderthalb Jahre durchfüttern. Und was bekommen wir als Gegenleistung? Wie es aussieht, eine Jamaika-Koalition, die mangels Konsens noch weniger zustande bringt als die bisherigen Großen Koalitionen. Hoffentlich schaffen sie wenigstens die völlig überflüssige Sommerzeit ab.

Ich gebe dir recht, Jupp – mit diesem ineffektiven System kannst du die drängenden Zukunftsprobleme nicht lösen. Wir werden von der Digitalisierung, dem Klimawandel und den dadurch ausgelösten Völkerwanderungen brutal überrannt werden. Allzu lange haben wir uns bräsig in unserem Wohlstand gesuhlt. In dieser Zeit konnten sich die macht- und geldgierigen Eliten hemmungslos bedienen. „Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.“ hat Epikur von Samos schon 300 Jahre vor Christus festgestellt. Wir haben leider nichts aus dem Lord Actons Dictum des 19. Jahrhunderts gelernt: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut“.

  • Ingo, das erinnert mich an Abraham Lincoln, der festgestellt hat: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ Du hast bestimmt von dem neuen Buch der 27 amerikanischen Psychologen gehört, die den US-Präsidenten aufgrund seiner schweren Persönlichkeitsstörungen für den gefährlichsten Mann der Welt halten: „The Dangerous Case of Donald Trump“. Und gerade der legt sich sofort mit dem anderen Psychopathen in Nordkorea an, der ebenfalls ganz machtbesoffen von Einsatz seiner Atombomben träumt.

    Das Gefährliche an diesen Sandkastenspielchen hat der russische Schriftsteller Anton Tschechow mal so ausgedrückt: „Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert.“ Wie die tollen Erfindungen von Waffenmeister Q in den James Bond Filmen will der Akteur sein neues Machtwerkzeug auch mal in der Realität ausprobieren. Erst kürzlich hat sich ja ein fanatischer Waffennarr diesen Wunsch in einem grausamen Massaker in Las Vegas erfüllt.

Jupp, schau mal um dich. Solche Psychopathen triffst du oft im Büro, denn sie sind vor allem in Führungspositionen zu finden. Dort beträgt der Anteil etwa sechs Prozent, während in der normalen Bevölkerung nur ein bis zwei Prozent von denen herumlaufen. Die Politik ist für die Psychopathen ein ideales Spielfeld, denn dort sind alle Mittel legal verfügbar, um ihre Potenzgelüste auszuleben. Machtpositionen zieht bestimmte Persönlichkeitstypen magnetisch an.

Kevin Dutton listet in seinem Buch „Psychopathen – Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann“ die zehn häufigsten Berufe auf, die von Psychopathen bevorzugt werden: Unternehmensleiter, Anwälte, Medienvertreter, Verkäufer und – halt dich fest: Chirurgen. So gesehen ist der Op-Saal auch unter diesem Aspekt als ein Hochrisikobereich zu betrachten. Es folgen Journalisten, Polizisten, Geistliche, Köche und Beamte. Die wenigsten Betroffenen findet man bei den Pflegern und Krankenschwestern, den Therapeuten und Ärzten, Handwerkern und Buchhaltern. Und wen findest du überproportional im Bundestag vertreten: Anwälte und Beamte, eng verfilzt mit CEOs der großen Firmen – ein Psychopathen-Klub auf höchster Ebene.

  • Da kommen wir jetzt zur entscheidenden Frage, Jupp: Wie soll denn die perfekte Regierung aussehen? Vor etwa 2400 Jahren diskutierte Platon in den zehn Büchern der Politeia mit seinem Lehrer Sokrates über die ideale Staatsform: eine Aristokratie der Besten, die nach der Idee des Guten streben. Diese regierenden Philosophenherrscher gehen als Elite aus dem Stand der Krieger oder Wächter hervor, welcher die Verteidigung nach außen gewährleistet, aber auch Polizeifunktionen innehat. Bauern und Handwerker bilden den Nährstand als tragende Säule für die Ernährung und den Erwerb.

    Wie ist der Weg dorthin? Philosophisches Wissen und Befehlsgewalt müssen dazu vereint werden. Entweder übernehmen Philosophen die Herrschaft eines bestehenden Systems oder die bereits regierenden Machthaber werden zu echten und gründlichen Philosophen umerzogen. Wenn das nicht geschieht, wird das Elend der gewohnten Verhältnisse niemals enden.

Jupp, dieser Gedanke hat ja bis heute eine Wirkung. Thomas Morus hat diese Vision in seinem Roman Utopia weiter ausgebaut. Aber bis heute hat es noch kein Land geschafft, dieses Ideal zu erreichen. Im Gegenteil: die Regierung wird leider nicht von den Weisesten mit Weitblick geführt, vielmehr verwaltet sie die bestehenden Strukturen ohne irgendwelche Visionen. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“, sagte einst Helmut Schmidt über Willy Brandt, als der die visionäre Ostpolitik einläutete.

  • Ingo, zurzeit werden wir mit unseren Spritgeldern wohl eine andere Vision finanzieren: Neom, die smarte Megacity des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman bin Abdulaziz Al Saud. Mithilfe des früheren Siemens-Chefs Klaus Kleinfeld will er für 500 Milliarden Dollar in der Wüste eine Superstadt aufbauen, in dem es mehr Roboter als Menschen geben soll.

    Der Scheich fühlt sich wohl von der Konkurrenz in seinem Nachbarland angestachelt: Dubai hat gerade den ersten Roboterpolizisten in Dienst gestellt. Bis 2030 soll ein Viertel der Polizisten aus Robocops bestehen. Passend dazu hat die Stadtverwaltung schon autonome Polizeiautos in Singapur bestellt. Und alles wird natürlich von der Künstlichen Intelligenz gesteuert.

Jupp, das Militär hat den Wert der KI schon längst erkannt. Mittlerweile sind an 65 Standorten weltweit 44.000 US-Soldaten im Drohnenkrieg aktiv. Vor vier Jahren hat das MIT Lincoln Laboratory auf dem Prinzip der Schwarmintelligenz die 290 Gramm leichte Mikrodrohne PERDIX entwickelt. In einem Feldversuch im Oktober 2016 konnte sie in einem Schwarm von 102 Kollegen mit ihrem Minigehirn selbständig beliebige Formationen anfliegen. Und die neue, überschallschnelle Generation der Kampfdrohnen Taranis von BAE Systems vermag ohne menschliches Zutun mittels KI-Algorithmen gegnerische Ziele eigenständig zu identifizieren und zu zerstören.

Dies ist die nächste Dimension des maschinellen Tötens, nachdem die US-Drohnen über den deutschen Knotenpunkt Rammstein bis heute schon schätzungsweise 20.000 Menschen in Pakistan, Afghanistan, Jemen und Somalia „eliminiert“ haben, meistens mit erheblichen „Kollateralschäden“, sprich Unschuldige in der nächsten Umgebung des Einschlags. Wie gesagt, Tschechows Gewehr hängt schon längst an der Wand.  

  • Mensch, Ingo – was für eine Horrorzukunft! Wenn das so weitergeht! Bald serviert uns so ein elektronischer Blech-Heini synthetisches Bier per Mikrodrohne an unseren Tisch. Und sollten wir zufällig einem Terroristen ähneln, werden wir vorsorglich von seiner KI erschossen. Darauf brauche ich erstmal ein Bier.

Herr Wirt, bitte zwei Bier. Und bleiben Sie uns bitte noch möglichst lange erhalten.

„Die Schlüsselfrage für die Menschheit ist heute, ob man ein globales KI-Wettrüsten starten oder verhindern soll. Wenn eine militärische Großmacht die Entwicklung der KI-Waffen vorantreibt, ist ein globales Wettrüsten praktisch unvermeidlich, und der Endpunkt dieser technologischen Entwicklung liegt auf der Hand: Autonome Waffen werden die Kalaschnikows von morgen. …

Es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis sie auf dem Schwarzmarkt erscheinen und in den Händen von Terroristen, Diktatoren, die ihre Bevölkerung besser kontrollieren wollen, Kriegsherren, die ethnische Säuberungen durchführen wollen, etc. Autonome Waffen sind ideal für Aufgaben wie Morde, destabilisierende Nationen, die Bevölkerungen unterwerfen und selektiv eine bestimmte ethnische Gruppe töten. …

Zusammenfassend glauben wir, dass die KI großes Potenzial hat, der Menschheit in vielerlei Hinsicht zu nutzen, und dass das Ziel des Feldes darin besteht, dies zu tun. Der Beginn eines militärischen KI-Wettrüstens ist eine schlechte Idee und sollte durch ein Verbot von offensiven autonomen Waffen über die sinnvolle menschliche Kontrolle hinaus verhindert werden.“

(aus „Autonomous Weapons: an Open Letter from AI & Robotics Researchers” of Future of Life Institute, signed by 3462 AI/Robotics researchers and 18909 others as Stephan Hawking, Elon Musk, Steve Wozniak etc.)

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