Das qualitätsgemanagte Krankenhaus von morgen

von Ingo Nöhr

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Nachdem wir augenscheinlich alle den Weltuntergang vom 21. Dezember überlebt haben, wollen wir uns am Silvesterabend wieder zuversichtlich der Zukunft widmen: Wie sieht das Krankenhaus von morgen aus? Jupp hat da seine eigenen Visionen entwickelt. Zunächst fängt unser Gespräch ganz banal an.

Jupp hatte sich viele Jahre in den USA aufgehalten und lebt nun ganz nach der amerika­nischen Devise: Bei Problemen nicht jammern, sondern selbst nach der Chance, dem Marktvorteil gegenüber den anderen suchen. So hat er als nunmehr pensionierter Krankenhausmanager die Entwicklung des Medizinproduktegesetzes und seiner Verord­nun­gen mit aufmerksamen Augen und Ohren verfolgt und ganz überraschende Schlussfolgerun­gen gezogen.

"Sieh mal, mein Freund ...", diese Worte sind meistens der Auftakt für wirklich neue Denk­ansätze. Aber warum animiere ich bloß in meiner Umwelt alle Menschen dazu, mich als "Freund", "my friend" oder "Amigo" anzureden?

"Jeder Verantwortliche in einem deutschen Krankenhaus muss dieses MPG umsetzen. Man kann das nach deutscher Manier bürokratisch und preussisch korrekt mit viel Papier und Anweisungen erledigen. Dann kann man anschließend den Behörden was vorzeigen, und alle sind glücklich. Man packt es wieder in den Schrank und wartet auf die nächste Kontrolle."

"Nun mal langsam …" Als Vertreter der deutschen Mentalität musste ich nun doch zur Ehrenrettung eingreifen. "Bürokratisch und preussisch korrekt – mit dieser Methode waren wir schließlich bisher unglaublich erfolgreich. Weltweit sogar. Wie sonst hätten die Amerikaner ohne unsere deutschen Ingenieure ihre Mondlandungen bewerkstelligen sollen?"

Jupp ließ sich dadurch nicht beeindrucken. Der Amerikanische Geist brach bei ihm durch: "Richtig, und weil wir euren Experten die Ent­wicklung der Raumfahrt  überlassen haben, kauft ihr aus Dankbarkeit unseren ganzen Hollywood-Müll ab, übernehmt unsere Fast-Food-Kultur und überschwemmt eure Sprache mit unserem Analphabeten-Slang. Wer ist denn nun erfolgreicher?"

Nach einem längeren Exkurs über die amerikanischen, russischen und internationalen Raum­stationen, die chinesische Herausforderung, die Klimadebatte und Hurrikan Sandy, Obamas und Putins Problemen, und einigen anderen weltbewegenden Themen landeten wir bei der euro­päischen Richtlinienpolitik und der deutschen Umsetzung.

"Du geht das falsch an", behauptete Jupp mit wissender Miene: "Hör mal, du musst die Vorteile heraus­arbeiten und nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren und über die Nachteile jammern. Sieh mal zum Beispiel das Medizin­produkte­gesetz", womit wir endlich wieder beim allseits beliebten Thema waren.

"Nun bin ich wirklich gespannt, wo das Business im MPG liegt", stachelte ich ihn an.

Seine Reaktion ließ nicht auf sich warten. "Ist doch klar, wir Krankenhäuser liegen bei diesem Überangebot an Betten in einem Verdrängungs­wettbewerb. Die Deutschen werden nicht zahlreicher, sondern nur älter. Deswegen muß man jeden Patienten mühsam einfangen, damit er nicht zum Nachbarhaus geht. Überhaupt der Name: Krankenhaus! Absolut abschreckend. Im Zeitalter der Wellness sollte es keine Krankenhäuser, sondern nur noch Gesundheitshäuser geben. Natürlich mit ganzheitlicher Medizin, ohne dem geht es heute gar nicht mehr. Und der beste Köder heißt 'Qualität' und deren Zertifizierung."

"Na klar, der neue Name ist dann „Bio-Wellness-Recreation-Center“ mit zertifizierter Qualität, mit einer großen Urkunde zum Aufhängen und mit einem schönen Gütezeichen für die Briefköpfe."

Nun hatte der ISO 9001-Wahn auch schon die Krankenhäuser, pardon – die künftigen Gesund­heits­häuser erreicht. Da sprang das ame­ri­ka­nische Herz von Jupp richtig an.

"Sicher, man muss sich auch ordentlich verkaufen können. Außerdem spart Qualität Geld, reinigt die Abläufe, verschlankt die Strukturen, bändigt die Ärzte, beruhigt die Patienten und hebt die Motivation. Und es hört sich gut an, jeder kriegt dabei leuchtende Augen.“

"Klar“, dachte ich laut, „beim Geldverdienen ein üblicher Effekt. Das heißt also, du verbindest die Umsetzung der Betreiberverordnung mit der Einführung eines QM-Systems nach ISO 9001. Deine medizintechnische Abteilung ist der Dienstleister. Arzt, Schwester und Patient sind deine Kunden, Gerätebetreuung und Anwenderqualifikation definieren deine Prozesse. Ist das nicht alles viel zu teuer? Was sagt denn ein Verwal­tungs­leiter unter dem heutigen Kostendruck dazu?", stichelte ich. Das Kostenargument zieht eigentlich immer in Deutschland.

"Erstens, mein lieber Freund, führt Qualitätsmanagement mittel- und langfristig zu Einspa­rungen. Zweitens aber ist mein Chef schon seit Jahren durch die vielen Qualitäts­programme der Ärzte weichgekocht worden, die aber trotz vieler Dienstreisen mit wolkigen, wenig greifbaren Erfolgs­zahlen endeten. Der Patient ist ja meistens schon zufrieden, wenn ihn die Schwester nett anlächelt, der Arzt einen Witz erzählt, das Essen schmeckt, und der Pförtner ihn nicht anmault. Der durchschaut doch gar nicht die Qualität der medizinischen Leistungen. Und dann die tollen Qualitätsberichte. Meistens geschönt, weil nicht von fremder Hand kontrolliert.

Bei mir aber fällt jeder Geräteausfall und jeder zusätzliche Reparaturtag äußerst unange­nehm auf. Mein Erfolg lässt sich exakt in Zahlen fassen und beeinflusst direkt die Kosten. Die Versicherungen senken die Haftungsprämien, die Hersteller ermöglichen mir maßge­schneiderte Wartungsverträge. Die Aufsichtsbehörden lassen mich in Ruhe. Und bei jedem vermeintlichen ärztlichen Kunstfehler erfüllen wir leicht die Beweispflicht."

So konnte man es auch sehen. Aber etwas machte mich stutzig. Die Argumente für ein solches System in der Medizintechnik lagen also doch auf der Hand. Warum sind die Kliniken nicht längst flächendeckend auf dieses Erfolgsrezept angesprungen?

Jupp verdrehte gequält die Augen. "Nun ja", seufzte er, "es ist ein Kulturproblem, - die verfluchten Preussen." 

Ich war verblüfft. Sollten wir Deutschen als die nach den Engländern eifrigsten Anbeter der ISO 9001 ein Kulturproblem haben? Wir kommen doch anscheinend bestens damit klar, wenn es allein in Deutschland über 51.000 Zertifikate und an die 100 Zertifizierer gibt. "Willst du wirklich behaupten, wir Deutschen denken in diesem Punkt nicht amerikanisch?"

"Natürlich, leider ist es so. Die ISO 9001 wurde in den 70er-Jahren für ungelerntes Personal in der Industrie geschrieben. Die Interpretation und Anpassung an unsere Verhältnisse im Krankenhaus ist schwierig. Kein Mensch im Gesundheitswesen versteht die Sprache der Norm."

"Ja, und?", erwiderte ich. "Die Amerikaner haben in ihren Krankenhäusern doch die gleiche Situation!"

Der tiefe Seufzer kam wirklich aus dem Herzen. "Das ist immer noch das alte Problem: Die Deutschen ändern solange die eigene Situation, bis sie ihrer Interpretation der Norm entspricht. Die Amerikaner ändern dagegen solange die Interpretation der Norm, bis sie auf die eigene Situation passt. Und ich fühlte mich als einziger Amerikaner in unserer Klinik."

Er tat mir aufrichtig leid. Ich kannte diese Situation. Ein Hochleistungs-Rennwagen am Start, bereit, sofort nach dem Signal loszujagen. Leider hat man ihm noch ein paar schwere Anhänger hinten angekuppelt.

Aber als engagierter Rentner mit einer 40-Stunden-Woche hatte Jupp sich von dieser Last durch neue Visionen befreit: „In das Gesundheitshaus von morgen werden zunehmend industrielle Abläufe ihren Eingang finden. 3D-Drucker werden mit Laser-Sinter-Technologie maßge­schneiderte Prothesen, künstliches Herzgewebe, Medikamente, Ersatzzähne und -knochen aus Stahl, Plastik, Titan, Aluminium oder organischem Material herstellen. Nano- und Gentechnologie, Roboter­technik, Telemedizin und Internet werden die heutige Medizin revolutionieren.“

„Und noch mehr Patienten zu den Heilpraktikern treiben, weil die Ärzte vor lauter Technik keine Zeit mehr zum Zuhören haben werden“, wagte ich einzuwerfen. Das vermutlich stimmungs­bremsende Stichwort „RoboDoc“ unterdrückte ich zunächst, wir werden später bei der kritischen Betrachtung des Risikomanagements darauf zurückkommen. 

Jupps Visionen haben auch diesen Aspekt berücksichtigt: „Nein, natürlich befriedigen wir auch den Hang unserer Kunden zur Esoterik und den Naturheilverfahren, denn mein Gesund­heitshaus gleicht einem Hotelbetrieb aus dem Wellness-Gewerbe. Ich hole mir dafür die ganze Branche der Alternativmedizin ins Haus. Die gesamte Architektur ist innen wie außen streng nach den Feng-Shui-Prinzipien gestaltet worden. Die Patientenzimmer wurden vorher von Wünschel­rutengängern nach geopathogenen Erdstrahlen und Wasseradern ausgependelt. Störzonen werden durch Amulette und Pyramidendächer eliminiert. Notfalls stellen wir einen Orgon-Akkumulator nach Wilhelm Reich auf diese Stelle.

Man kann sagen: die klassische Computertomographie wird ergänzt durch Irisanalyse, Karten­legen, Hand- und Kaffeesatzlesen, Kirlianfotografie und Pendeldiagnostik, ausgeübt von hellseherisch begabten Medien im Rang eines Oberarztes. Das Patientenmonitoring auf der Intensivstation beinhaltet natürlich auch die sieben Hauptchakren und bildet die analytische Grundlage für die spätere Bioresonanztherapie und Elektroakupunktur nach Voll.

Und unsere astrologisch abgestimmten Therapien erst: mit quantenenergetisiertem Jordan­wasser geweihte und Ayurveda-typgerechte Infusionen werden nur mit gleich­zeitigem Auflegen von ausgesuchten Mineralheilsteinen zur Stärkung des Astralleibes verabreicht, im Hintergrund läuft meditative Reiki-Musik, gekoppelt mit einer farbigen Lichttherapie. Bach-Blüten, Schüssler-Salze und hochkonzentrierte Vitamine von Dr. Rath sorgen zusätzlich für die energetische Basis­versorgung der Aura des physischen Körpers.

Die entsprechend mystisch eingekleidete Krankenschwester wird beim Handauflegen magische Worte sprechen, während die Fußpflegerin eine Fußzonenreflexmassage durch­führt. Morpho­genetische Kraftfelder und überlichtschnelle Tachyonen beschleunigen die Heilwirkung. Wahl­weise können wir zur Verstärkung auch Geistheiler wie buddhistische Mönche, afrikanische Medizin­männer, indische Gurus oder brasilianische Schamanen anbieten. Bei Hexen und Teufels­austreibern verlangen wir allerdings ein Diplom oder ein entsprechendes Hochschul­zertifikat.

Etwaige notwendige Diäten werden umgewandelt in feinstoffliche Kraftnahrung, deren energetisch aktive Wirksamkeit durch biophotonische Vitalitätsmessungen nach Popp nachgewiesen wurde. Bei übergewichtigen Patienten erfolgt die Nahrungszufuhr durch homöopathische Globuli, anthro­po­sophische Health Energizer und solar-lunare Lichtquantenenergie, oder wir stellen gleich auf kontemplatives Heilfasten um.

Und der Clou: es gibt trotz unserer hochmodernen Technologie keinen Elektrosmog, denn wir zapfen zur Stromversorgung die Nullpunktenergie des Kosmosvakuums an. Wir nutzen über die kosmische Hintergrundstrahlung die Global-Scaling Communication von Hartmut Müller. Das ist konsequente Nutzung der unerschöpflichen Quantenenergien des Universums, mein Lieber! Das kommt bei den Kunden gut an und spart obendrein noch enorme Energie- und Telefonkosten.“

Ob dieser grandiosen Vision entstand eine längere Gesprächspause. Wie berauscht schwelgten wir in den Nachbildern und ließen dieses Zukunftsszenario auf uns einwirken.

„Wahnsinn. Brauchst du noch einen Medizin-Ingenieur für die Steuerung der fünfdimensionalen Kraftfelder? Wie kann ich dir in deinem Gesundheitshaus helfen?", fragte ich schließlich einge­schüchtert.

"Wir fangen erst mal klein mit der ISO 9001 an. Ich habe da schon eine Idee", erwiderte er über­raschend. Mir schwante Übles, Jupps Ideen in seiner MPG-Phase waren schon immer gewöh­nungs­bedürftig gewesen. Er enttäuschte mich auch in diesem Punkt nicht.

"Ich muss das deutsche Denken am eigenen Leibe verspüren. Daher werde ich bei mir zu Hause privat ein Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 einführen und du, mein Freund, kommen­tierst das bitte schonungslos in altbewährter Weise. Ich habe auch schon die ersten Vorarbeiten geleistet."

Mir blieb die Spucke weg. Wenn auch ein etwas enttäuschender Rückschritt nach all den rosigen Zukunftsaussichten. Ich hatte etwas Ähnliches wie einen quantenfeldgesteuerten Vakuumenergie-Motor in seinem klapprigen Mercedes erwartet.

Aber Jupps Privathaushalt qualitätsgeregelt, das war ja eine ganz neue Herausforderung. Auf die ersten Ergebnisse bin ich besonders gespannt.

Sie sicherlich auch? Dann erfahren Sie nächsten Monat mehr darüber. Sollten Sie an weiteren Details zu den esoterischen Werkzeugen interessiert sein – Anfrage genügt. Ingo Nöhr wird ihnen gerne die Quellenlage offenlegen.

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