Deming, Feng Shui und die Sterne

von Ingo Nöhr

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Letzte Woche gab es also das historische ISO 9001-Spaghetti-Essen bei Jupp. Er wollte ja mit dieser Pilotaktion ein Qualitätsmanagementsystem in seiner Familie einführen. Getreu der PDCA-Regel von Deming hatte Jupp zunächst sein Pilotprojekt nach ISO 9001 geplant (PLAN), dann im Familienkreis umgesetzt (DO), und war nun bereit, das Feedback seiner Kundschaft entgegenzunehmen (CHECK). Danach wollte er in die Verbesserung seines Systems (ACT) ein­steigen.

Trotz guter Vorsätze und intensiver Vorbereitungen muss diese Premiere allerdings als höchst verbesserungswürdig angesehen werden. Denn es hagelte Beschwerden von allen Seiten.

Das geplante Molekulardessert vom Sohnemann kam nicht zustande, da die jüngste Tochter mit dem flüssigen Stickstoff alle Orchideen auf der Fensterbank kunstvoll zu Eisskulpturen verwandelt hatte. Er hatte sich daraufhin schmollend in sein Zimmer zurückgezogen.

Um die Kochzeit abzukürzen, hatte Jupp einen Dampfdrucktopf verwendet. Leider wollte die ältere Tochter neugierig in den Topf hineinschauen und verursachte dabei eine größere Explosion. Die Küche wurde in Sekundenschnelle in das Bühnenbild eines Horrorfilms a la Kettensägen-Massaker verwandelt.

Die Beschaffenheit der Spaghettis wurde sehr heterogen beurteilt: zu hart, zu weich, zu lang, zu kalt.

„Sind da etwa Eier drin?“ fragte die vegane Tochter mißtrauisch. Jupp hatte aufgepaßt: „Nein, reiner Hartweizen. Fast wie Kruppstahl. Du weißt doch, in italienische Nudeln gehören keine Eier hinein“

„Vielleicht ist der Hartweizen genmanipuliert?“ vermutete die Schwägerin. – „Der ist vom Bauern im Nachbardorf, rein biologisch hergestellt. Exakt so, wie die Bibel es wünscht.“

„Wenn nicht der Weizen, dann aber bestimmt das Soja!“ Die ältere Tochter versuchte sich zu erinnern, ob Weizen und Soja wohl mit ihrer Blutgruppe harmonieren würde.

„Sind die Tomaten aus Holland?“ Hier meldete sich die konsumkritisch denkende Ehefrau von Jupp. – „Nein, das sind glückliche Biotomaten aus Freiland­haltung!“ – „Du weißt doch aber hoffentlich, dass China bald weltweit der größte Produzent von Bioprodukten ist?“

Jupp schaute etwas gequält  drein: „Auf der Kiste waren keine chinesische Schriftzeichen zu sehen, nur deutscher Text. Bei uns in Deutschland wachsen auch Tomaten!“

Dann kam es Schlag auf Schlag von den weiblichen Vertretern der Gemeinschaft:

„Hast du das Nudelwasser auch vorher kosmoenergetisch aufgeladen?“ – „Habt ihr schon untersucht, ob unser Keramikgeschirr frei von radioaktiven Substanzen ist?“ – „Das Essen schmeckt einfach fad. Ist das etwa Meersalz? Weißt du, was da mittlerweile für ein Müll herum­schwimmt? Warum hast du nicht etwas von dem Himalaya-Salz genommen?“

„Ich habe es ja schon immer gesagt. Das kann ja nichts werden. Dieser Ort ist verflucht. Der Eßtisch steht bestimmt auf einer Kreuzung von Wasseradern, die schädliche Erdstrahlen aussendet. Und wann richten wir unsere Küche endlich nach Feng-Shui aus? Ihr müßt unbedingt die Lehre von den fünf Elementen beachten.“

Dann steigerte sich die Unzufriedenheit zu einem handfesten Familienkrach mit den Kindern, als herauskam, dass Jupp für sich eine echte Fleisch-Frikadelle unter die Sojabuletten geschmuggelt hatte. Durch diesen unseligen Kontakt hatte er die sensiblen Astralkörper seiner Kinder auf Jahre hinaus mit Aas kontaminiert und dazu noch unabsehbare seelische Traumata erzeugt. 

Die gute Ehefrau fand abschließend ein paar tröstende Worte für Jupp: „Es ist nicht deine Schuld. Hast du schon in dein heutiges Horoskop geschaut? Skorpion-Aszendent und Pluto im 1. Haus. Eine ganz gefährliche Konstellation. Unter diesem Sternzeichen fanden jeweils die Attentate auf Olof Palme, Oskar Lafontaine und Theo van Gogh statt!“

Und die ältere Tochter wartete mit einer interessanten Betrachtung über den Lebenslauf der Spaghetti auf: „Ich habe mir das Verpackungsdatum auf der Schachtel angeschaut. Das ent­spricht ja dem Geburtszeitpunkt der Spaghetti. Da starten dann alle drei Biorhythmen bei Null: der körperlicher Rhythmus von 23 Tagen, der emotionale von 28 und der geistige von 33 Tagen. Heute, knapp drei Monate später, befinden sich alle drei Rhythmen nahe dem Übergangspunkt von negativ zu positiv. Weißt du nicht, dass dieser Zeitpunkt ganz beson­ders kritisch ist?“

„Na, klar“, wagte Jupp einzuwerfen, um wenigstens etwas den Eindruck zu erwecken, dass er auch diesen Aspekt in seiner Planung gebührend gewürdigt hatte. „Das ist natürlich ein schlechter Tag für die Spaghetti. Schließlich werden sie ja heute von uns aufgegessen. Oder sollen wir sie lieber gleich am Verpackungstag verarbeiten, bevor sie ihren komischen Rhythmus entwickeln? “

„Mann, Papa. Wir sprechen von einem LEBENSmittel. Die Spaghettis sind nach 7, 144 oder auch 235 Tagen in ihrer Bestform und dann besonders bereit für die Transformation in eine höher­wertige Lebensform. Man muss aber natürlich noch das Horoskop an diesem Tag berück­sich­tigen.“

Hiermit brachen wir im allgemeinen Einvernehmen aller Beteiligten den Pilotversuch des familiären QM-Systems ab. Wir hatten wohl einfach den falschen Tag ausgewählt. Jupp und ich setzten den Alternativplan B um und analysierten die Lage bei Bier und Pizza beim nächsten Italiener. Unbeeinflußt von unseren Biorhythmen und kosmischen Sternenein­flüssen.

„Jupp, ich bewerte das Experiment durchaus als erfolgreich. Schließlich sind ja von deiner Familie in durchaus konstruktiver Weise eine Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten angesprochen worden“, drückte ich mich diplo­matisch aus. Ein guter Auditor frustriert seine Kunden nicht mit schlechten Nachrichten, sondern zeigt ihnen den Weg zur Optimierung auf.

„Sicherlich müssen wir noch stark an der Zielsetzung arbeiten. Die Qualitätsziele sind an­scheinend noch nicht allen Familienmitgliedern ausreichend vermittelt worden.“ Jupp biss etwas trübsinnig in seine fetttriefende Salami-Pizza, auf der langsam der Analog-Käse vor sich hinschmolz. Vermutlich enthielt seine Wurst eine gehörige Portion rumänisches Pferde­fleisch. Der Gaul war bestimmt unter dem Attentat-Sternzeichen geboren worden. Gut, dass seine Familie uns hier nicht sehen konnte.

„Möglicherweise hast du bei deiner Qualitätsplanung einige Spezifikationen nicht aus­reichend berücksichtigt, Jupp. Du solltest zusätzlich zur Grünen Woche noch die nächste Esoterik-Messe besuchen. Danach kannst du in die Ursachenforschung die Sternbild­einflüsse sowie alle schädlichen Einwirkungen von Erdstrahlen und bösen Geistern mit einbe­ziehen.“

„Ach was, da werde ich ja verhungern, bis alle Parameter und Rahmenbedingungen optimal eingestellt sind. Ich habe erstmal die Nase voll mit diesem Projekt. Als nächstes wollte ich ja eigentlich ein Hygienemanagement und eine Risikoanalyse aller Arbeitsplätze im Haus ein­füh­ren. Aber das muss jetzt warten. Ich habe auch noch andere Aufgaben zu erledigen. Auf meinem Schreibtisch wartet ein 210 Seiten dicker Entwurf auf meine Kommentierung. Der dürfte dich auch interessieren.“

Mit diesen verheißungsvollen Worten von Jupp möchte ich das Kapitel unseres Pilotversuchs vorerst beenden. Was es mit dem dicken Entwurf auf sich hat, erfahren Sie im nächsten Blog. Bis dahin wünsche ich guten Appetit.

Ingo Nöhr

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