Der Clash of Civilisations

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Einerseits war Jupps Vorstellung von der geplanten neuen EU-Regelung zu Medizin­produkten vollkommen überzogen, andererseits konnte ich seine Verärgerung nur zu gut verstehen. Auch wurde mir bewusst, dass ich mich nun auch selbst mit dem neuen Papierwust der EU-Kommission intensiver auseinan­der­setzen musste, um Jupps pauschalen Rundumschlägen mit sachlichen Argumen­ten Paroli bieten zu können. Zunächst aber mußte er sich auf dem Spaziergang wieder etwas beruhigen. Ich probierte es daher mit einem Ablenkungsthema, der interkulturellen Kommuni­kation. Wir schlenderten also in der abendlichen Frühlingsluft die kaum befahrene Straße entlang.

“Ein großer Nahrungsmittelkonzern wollte in Pakistan die Einführung eines Milch­pulvers für Säuglinge promoten. Da dort viele Dialekte gesprochen werden, ent­schied sich die Marketingabteilung für eine einfache Bilderserie. Links ein Bild von einem kranken Säugling, in der Mitte das Milchpulverprodukt, rechts ein gesundes lachendes Baby. Die Botschaft war einfach: trinke diese Milch und dein Baby wird gesund.

Die PR-Aktion endete in einem großen Desaster. Man hatte schlichtweg vergessen, dass die Schrift von der Zielgruppe in dieser Region von rechts nach links gelesen wird. Somit veränderte sich die Aussage in ihr Gegenteil: Gibst du deinem gesunden Baby etwas von diesem Produkt zu trinken, so wird es krank werden.“

Jupp schaute beim Stichwort „trinken“ plötzlich etwas sehnsüchtig nach der Kneipe an der nächsten Straßenecke und beschleunigte unbewußt seine Schritte. Klar, nach seinen Erfahrungen mit der qualitätskontrollierten Küche zuhause konnte ich ihn gut verstehen.

„Sehr schönes Beispiel einer verpfuschten Kommunikation. Die EU macht doch das Gleiche bei den Medizinprodukten. CE-Pepperl drauf und schon denkt die Zielgruppe in unserem Gesundheitssystem: Alles Roger, da kann uns nichts passieren! 100% sicher und geprüfte Qualität! Die denken nicht mehr nach, schauen nicht mehr hin und legen los mit der Anwendung.“

„Und dann ist es immer wieder erstaunlich, was ein Patient so alles aushalten kann!“ sagte mir einmal in früheren Jahren der Arzt und Vater der Medizingeräteverordnung, Regierungsrat Dr. Krebs in Anbetracht der haarsträubenden Zustände in der Sicher­heit von Medizinprodukten. Mittlerweile hatten wir die Tür zur Gaststube erreicht und ohne große Worte zu verlieren, traten wir ein.

Jupp hatte schon ein bißchen recht mit seiner Kritik. Nach dem ersten tiefen Schluck des erfrischenden Bieres konnte ich ihm nur zustimmen: „Sicher, die typisch deutsche Hoppla–Jetzt-komm-ich- Mentalität kennt doch jeder Autofahrer: Ich habe Vorfahrt, also hat mir hier keiner in die Quere zu kommen. Los geht’s!

In den meisten Entwicklungsländern herrschen kata­strophale Verkehrsverhältnisse und kaum ein Fahrer würde eine deutsche Führer­schein­prüfung bestehen können. Trotzdem passieren dort im Stadtverkehr relativ wenige Unfälle, weil keiner so genau über die Vorfahrtsregeln Bescheid weiß und lieber zweimal hinguckt, ob nicht ein frecher oder unvorsichtiger Autofahrer seinen Weg kreuzt. Jeder rechnet mit dem Fehlverhalten des Anderen. Setze diese Fahrer mal dem deutschen Verkehr aus – Du wirst einen Clash of Civilisations erleben!“

„Richtig, man wird die Medizinprodukte mit dieser technischen Sichtweise niemals vollständig sicher bekommen. Auch ein Clash of Civilisations – hier die Technik-Bürokraten, da die Mediziner. Und ebenso ein Kommunikationsdesaster.

Schau Dir doch mal an, wie es in den deutschen Krankenhäusern mittlerweile zugeht! Die medizintechnischen Abtei­lun­gen sind weitgehend abgebaut, deren Dienste zusammengestrichen, als Profitcenter ausgelagert oder an den billigsten Anbieter fremdvergeben. Die Ärzte und das Pflegepersonal sind noch stärker über­lastet und haben keine Zeit für qualifizierte Geräteeinweisungen. Es gibt keine flächendeckende Qualitätskultur durch anonyme Fehlermeldesysteme (Critical Incident Reporting Systems) und die Patienten haben immer noch das Nachsehen, wenn sie eine anständige Entschädigung für einen „Kunstfehler“ erstreiten möchten. 

Den ganzen EU-Aktionismus halte ich völlig fehlgeleitet und überzogen. Man wird die Dummheit der Menschen, die Geldgier der Kriminellen, die Trägheit der Behörden und den Einfluß der Lobbyisten damit nicht in den Griff bekommen.“

Ich hatte gerade ein passendes Beispiel für Lobbyismus parat, denn vor kurzem hatte ich in der WELT über die vertrackte Situation der deutschen Raps-Bauern ge­lesen. Die Europä­ische Union machte es den Biodieselproduzenten schon 2009 zur Pflicht, nur noch nachhaltig produzierte Biomasse zu verwenden. Als erstes EU-Land hat Deutschland dann die Richtlinie zur nachhaltigen Biospritproduktion umge­setzt, während Länder wie Polen, Spanien oder Frankreich lange Zeit überhaupt keine Anstren­gungen unternahmen.

Prüfer der Nachhaltigkeitszertifizierer zogen über die Lande und kontrollierten in Stichproben die Produktionsbedingungen der Betriebe. Allein mehr als 1000 Agrar­firmen erwarben das begehrte Zertifikat und bezahlten dafür mehrere Tausend Euro. Bis weit nach Osteuropa hinein orientieren sich Rohstofflieferanten seither am deut­schen Ökosiegel.

Doch wenn die deutsche Agrarbranche darauf gehofft hatte, für ihre Vorreiterrolle die Anerkennung der EU-Kommission einzuheimsen, wurde sie brutal enttäuscht: Mitten in der Rapsernte 2012 ließ die EU-Kommission die völlig konsternierten Unter­neh­men wissen, dass es nun ein europäisches Zertifikat gebe und der deutsche Nach­haltigkeitsnachweis damit ab sofort nicht mehr anerkannt wird. Damit ist das deut­sche Siegel nichts mehr wert und die jetzige Rapsernte nur schwer verkäuflich.

Dabei hatte die damalige schwarz-rote Bundesregierung bereits im November 2007 eine Strategie zur Klima- und Energiepolitik im Biokraftstoffsektor, die so genannte "Roadmap Biokraftstoffe“ vorgelegt. Danach sollte der Anteil von Bioethanol im Ben­zin bis 2010 auf zehn Prozent steigen. Es war die Geburtsstunde des E10- Benzins. Hintergrund dieser Strategie war die Vorgabe Brüssels an die europäischen Auto­hersteller, den Ausstoß von Kohlendioxid auf 130 Gramm pro Kilometer zu senken. Die Einführung des E10-Benzins jedoch floppte und dürfte mit den neuen Vorschlä­gen aus Brüssel wohl endgültig gescheitert sein.

Dies erinnerte mich an ein früheres Erlebnis in einem europäischen Normen­aus­schuß, bei dessen Sitzung ein schmerzhaft niedriger Grenzwert für die Meß­genauig­keit bestimmter Produkteigenschaften festgelegt werden sollte.

Hilfesuchend schaute ich meinen italienischen Nachbarn an. "Dieser Grenzwert ist doch viel zu niedrig gesetzt. Das kostet doch Millionen an Umrüstungs­aufwand, um diese Werte in der Produktion zu erreichen. Und wofür überhaupt? Bisher konnten wir doch alle mit dem höheren Grenzwert ausgezeichnet leben."

Es nutzte nichts. Die Abstimmung ging wie üblich mit 15 zu 1 für diesen Entwurf aus. Die deutsche Opposition stand mit ihrer Meinung mal wieder mutterseelenallein auf dem Parkett.

In der Mittagspause beim üblichen Sandwich-Essen im Gebäude gegenüber wollte ich es dann wissen. Ich fragte meinen Kollegen aus Mailand, warum er denn nicht gegen diesen Entwurf gestimmt habe, schließlich müsse er nun auch mit hohem Aufwand umrüsten.

Er lächelte leise und sagte in einem verschmitzten Ton: "Genau das ist der Grund, Amigo. Ihr Deutschen rüstet alles 150% um und verbraucht viel Geld und Zeit dafür, bis Ihr damit fertig seid. Bei uns dauert das alles viel länger, wir haben auch keine Kontrolleure. Und außerdem sind wir mit dem bisherigen Status sehr zufrieden. Also verkaufen wir unsere Produkte weiter wie bisher und schauen mal so lange zu, wie Ihr das macht. Und wenn Ihr mit der Umrüstung fertig seid, können wir die scharfen Grenzwerte vielleicht wieder zurücknehmen. Wahrschein­lich sind sie wirklich ein bißchen zu niedrig."

Als er mein verdutztes Gesicht sah, mußte er laut lachen und er klopfte mir auf­mun­ternd auf die Schulter: "That´s business! European Business, my friend".

Das war anscheinend nicht die passende Geschichte für Jupps Gemütsverfassung. Sein Gesicht färbte sich rot und wütend rief er mit ausholenden Handbewegungen, wobei er fast sein Bierglas umwarf: „Genauso wird es uns hier auch ergehen. Wir investieren weiterhin Unsummen in die vermeintliche Gerätesicherheit und verbrin­gen Monate bis Jahre mit den Konformitätsverfahren, während unsere lieben Her­stellerkollegen im Um- und Ausland sich über unseren Kadavergehorsam totlachen und die Anwender im Gesundheitswesen weiterhin mit den wirklichen Ursachen ihrer Probleme alleingelassen werden!“

Vorsichtig versuchte ich es wieder einmal mit einer Beschwichtigung: „Wie Du doch weißt, Jupp, ist es ein erster Entwurf, der noch überarbeitet wird."

Jupps Replik kam sofort: "Wenn Du mit der Überarbeitung die Verschlimmbesserun­gen durch die Industrielobby in Brüssel meinst, auf die kann ich gut verzichten. Außer­dem haben die dort ein Heimspiel und schon bei den Entwürfen entscheidend mitgewirkt."

Dann stutzte er und hatte es plötzlich sehr eilig, das Thema zu beenden. Soeben war im Fernsehen das Pokalspiel seiner Lieblingsmannschaft angepfiffen worden. Wir einig­ten uns noch schnell, die Diskussion in den kommenden Wochen fortzusetzen. Dann fanden Jupp und ich endlich etwas Entspannung bei Fußball und Flaschenbier.

In der Ecke der Kneipe las ich am Zeitungsständer nur kurz die heutige Schlagzeile: Auch Uli Hoeneß hatte jetzt mit einem Kommunikationsdesaster zu kämpfen.

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