Der einfache Weg zum Glück

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Was wir bisher gelernt haben: Sobald ein Optimist ein Licht erblickt, das es gar nicht gibt, findet sich ein Pessimist, der es wieder ausbläst. Dabei hat der Optimist nicht weniger oft unrecht als der Pessimist, er lebt aber fröhlicher. Der neue Konflikt zwischen Ingo Nöhr und seinem Kumpel Jupp hat sich im Laufe der Monate verfestigt. Jupp ist weiterhin der Meinung, dass Optimismus nur durch einen Mangel an Informationen erzeugt wird. So dreht sich das Gespräch beim traditionellen Stammtisch in der Eckkneipe wieder um das alte Thema: Ist der Pessimist etwa nur ein Optimist, der nachgedacht hat?

  • Mann Jupp, was habe ich wieder für ein Glück gehabt. Meine laute Klappe hätte mich ruinieren können.

Ich weiß, Ingo. Seit du deinen Voltaire gelesen hast, bist du der glücklichste Mensch der Welt. Ich habe den gleichen Roman gelesen und fühle mich genauso grauenhaft wie vorher.

  • Aber sieh doch mal. Wie oft bin ich schon über unsere Bundeskanzlerin und ihre Minister hergezogen? Seit dem Fall Böhmermann weiß ich, dass ich mich nach § 103 Strafgesetzbuch strafbar gemacht habe – Majestätsbeleidigung. Überleg‘ mal. Wenn der Donald Trump meine Beleidigungen mitbekommen hätte! Er könnte bei der Bundesregierung einen Antrag auf Strafverfolgung stellen und wie ich die deutsch-amerikanischen Beziehungen so einschätze, könnte unsere Angela da gar nicht nein sagen.

Drei bis fünf Jahren Haft sind möglich. Und Donald Trump könnte ein riesiges Schmerzensgeld von dir erstreiten. Wrestlerstar Hulk Hogan hat gerade 115 Millionen Dollar Schadensersatz gerichtlich erstritten, davon 60 Millionen für seinen seelischen Schaden, nachdem sein Sex-Video veröffentlicht wurde.

  • Ja, da siehste mal, wie schnell dich dein Schicksal ereilen kann. Gut, dass Donald Trump kein deutsch versteht. Aber ist das nicht höchst beunruhigend, was du für Risiken eingehst, wenn du nur einen fremden Namen im Internet veröffentlichst. Ich sage nur: die Panama-Papers. 400 Journalisten in 78 Ländern nennen jetzt die Klarnamen von Geldanlegern in über 200.000 Firmen. Wenn da allein die betroffenen Staatsoberhäupter und Minister wegen Majestätsbeleidigung klagen würden, wären doch die Gerichte in aller Welt auf Jahre hinaus blockiert.

Mensch Ingo! Jetzt bist du wahrscheinlich auch noch froh, dass du nicht in den Panama-Papers auftauchst, oder? Mit dem gleichen Anspruch kannst du dich auch glücklich schätzen, dass du kein fundamentalistischer Attentäter oder IS-Kämpfer geworden bist. Selbst wenn du als Helfer in „Ärzte ohne Grenzen“ Gutes tun willst, wird gerade dein Krankenhaus in Syrien oder Afghanistan vorsätzlich bombardiert. Du bist wahrscheinlich auch deswegen glücklich, weil du nicht in einem afrikanischen Slum hausen musstest und jetzt nach einer mörderischen Flucht über das Mittelmeer in Idomeni dahinvegetierst. So kann man immer glücklich durchs Leben gehen. Es gibt ständig welche, denen es schlechter geht.

  • Genau Jupp. Uns beiden Rentnern geht es dank Norbert Blüm doch so gut wie nie zuvor in der Geschichte. Uns bleibt die Altersarmut erspart und wir müssen nicht die Leergutflaschen aus den Mülleimern einsammeln.

Was nutzt mir das Geld, wenn ich todkrank der russischen Pflegemafia in die Hände falle. Über eine Milliarde Euro Schaden haben die angerichtet. Jährlich! Durch Abrechnungsbetrug. Und dann noch die ganze Korruption im Pharmabereich. Wie soll ich sicher sein, dass mein Arzt mir wirklich die richtigen Pillen verschreibt und nicht die mit den höchsten Provisionszahlungen?

  • Da habe ich eine gute Nachricht für dich, Jupp. Das ist jetzt vorbei. Gerade wurde in nur 38 Minuten das Gesetz zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen in der Dritten Lesung im Bundestag verabschiedet. Künftig finden sich im Strafgesetzbuch die Paragrafen 299a und 299b, nach denen demjenigen eine Geld- oder bis zu dreijährige Haftstrafe droht, der einem Angehörigen eines Heilberufes Vergüns­tigungen anbietet oder diese annimmt. Die Apotheker haben sie aber noch schnell vorher ausgeklammert. Da war die Lobby mal wieder auf Zack.

Wahrscheinlich brauche ich die Pillen von den Apothekern gar nicht mehr. Ich bin lange genug durch meinen Fleischkonsum mit Antibiotika und anderen Dopingmitteln angefüttert worden, dass ich schon meine eigene Apotheke in mir herumtrage. Jetzt werde ich gerade durch die Pestizide in Obst und Gemüse vergiftet.

  • Siehst du, Jupp. Ein Pessimist kann nur angenehm überrascht werden. Du hast die Hormone im Hühnerfleisch, die Salmonellen in den Eiern und die Schwermetalle in den Fischen bislang ohne sichtbare Schäden überlebt. Vielleicht hättest du in deinem Leben eben noch mehr Fastfood essen sollen. Das härtet ab und stärkt das Immunsystem. Was uns nicht umbringt, macht uns hart. Unsere Ärzte sollten endlich mal herausfinden, warum die meisten Menschen trotz der schädlichen Umwelteinflüsse weiterhin gesund bleiben.

Eines haben sie ja schon festgestellt: dass Jodtabletten die Schilddrüsen im Falle einer radioaktiven Verseuchung schützen. Nachdem die Belgier den Evakuierungsradius um ihre schrottreifen Atommeiler von 20 auf 100 km erweitert haben, wollen die Behörden in der Region Aachen zur Sicherheit Jodtabletten an jeden Bürger verteilen. Bald werden die Gentechniker entsprechende Schutzgene in unsere DNA einpflanzen können.

  • Damals im Kalten Krieg schützte dich vor dem Atombombeneinschlag eine Aktentasche über dem Kopf. Beim Super-GAU in Tschernobyl wurde Wodka als Allerheilmittel gegen Strahlenschäden angewendet. Der bayrische Umweltminister Alfred Dick wollte damals demonstrieren, dass die radioaktive verstrahlte Milchmolke völlig ungefährlich sei. Er steckte vor laufenden Kameras einen Finger in einen Topf Molke und schleckte ihn dann ab. Jetzt kam heraus, dass er statt dem Molkefinger seinen sauberen Zeigefinger in den Mund gesteckt hat. Die Behörden setzen halt auf einfache Rezepte, anstatt mal die Kernenergie sicherer zu machen.

Ingo, in Bayern findet man als Andenken an Tschernobyl in Pilzen, Wildfleisch und Waldbeeren heute immer noch radioaktives Cäsium über den EU-Grenzwerten. Bei den Lebensmitteln denke ich aber auch an die moralische Komponente. Wenn ich mir in Berlin eine billige Pizza bestelle, muss ich damit rechnen, dass ich an der Geldwäsche eines arabischen Familienclans beteiligt bin. Und mein freundlicher Chinese nebenan muss vielleicht monatlich Schutzgeld zahlen. Weißt du, wie das in Chinatown in New York vor 20 Jahren funktioniert hat? Ein Bote der Mafia brachte immer das Fischfutter für das Aquarium im Restaurant. Natürlich gegen ein dickes Bündel Dollarscheine. Solange die Fische munter herumschwammen, wussten die Gäste, dass das Lokal unter dem Schutz der Triaden stand. Wenn sie gerade verhungerten, sollte man besser einen großen Bogen um die Örtlichkeit machen.

  • Jupp, jetzt kommt also die Moral ins Spiel. Du findest wirklich zu jeder Lösung ein passendes Problem. Da bleibt dir nichts Anderes mehr übrig, als dein Essen selbst zuzubereiten. Mit Obst und Gemüse aus deinem eigenen Garten und Wasser aus einem Tiefbrunnen, weit weg von den Frackinggebieten. Am besten kochst du nur noch mit Solarenergie, damit du die schädlichen Immissionen der Kraftwerke reduzierst. Und vor allem solltest du zuhause bleiben und nicht mehr nach Mallorca fliegen. Wer weiß, wer dich im Flughafen oder Flugzeug gerade mit einem exotischen Virus anhustet. Dengue-, Chikungunya-, Pappataci- oder West-Nil-Fieber besuchen mittlerweile unsere Krankenhäuser. Der Zika-Virus hat gerade 1,5 Millionen Menschen in Brasilien angesteckt. Am 5. August starten dort die Olympischen Sommerspiele. Das wird ein Festessen für die Zika-Viren. Zur letzten Olympiade sind fast 4 Millionen Besucher in London zusammengekommen. Das bringt wieder neue Kunden zu unseren Ärzten.

Jetzt haben wir neben den multiresistenten Keimen auch noch die Computerviren in den Kliniken zu bekämpfen. Ransom-Software heißt der aktuelle Trend – eine neue Dienstleistung der Hacker sozusagen. Liebe Klinik, ich habe deine Patientendaten gerade gut verschlüsselt und damit vor jeglichem Missbrauch geschützt. Jetzt musst du für diesen praktischen Datenschutz nur noch eine kleine Gebühr für den Schlüsselcode überweisen, dann kannst du weiterarbeiten. Warum können die Hacker nicht erst bei den Finanzämtern anfangen? Das würde vielen Leuten besser gefallen.

  • Ja, die Idee gefällt mir. Moderne Robin-Hood-Hacker könnten alle Finanzdaten so verschlüsseln, dass sie den Code nur nach Löschung der Steuerforderungen bei den unteren Einkommensgruppen freigeben. Die Daten der Panama-Liste werden natürlich sofort freigeschaltet.

Hoffentlich hast du jetzt nicht verbotenerweise zu einer Straftat aufgerufen, Ingo. Heutzutage muss man sehr vorsichtig sein, was man äußert. Daher schlage ich vor, wir wenden uns weniger brisanten Themen zu. Der Flüssignahrung zum Beispiel.

  • Gute Idee, Jupp. Herr Wirt, bitte zwei Bier für uns glücklichen Rentner. Wir zahlen auch nicht mit Bitcoins.

Der Computer wurde zur Lösung von Problemen erfunden, die es früher nicht gab.“ (Bill Gates)

Zurück

Einen Kommentar schreiben