Der Homunkulus in der Echokammer

von Ingo Nöhr

Nach einer Pause im Dezember treffen sich die beiden Klinikpensionäre Jupp und Ingo wieder im virtuellen Raum des Internets zu ihrem traditionellen Stammtischgespräch. Gemäß ihrer Mentalität haben sie die Zeit mit unterschiedlichen Aktivitäten verbracht. Während der optimistische Denker Ingo sich in fast mönchischer Klausur in seinen Sabatmonat zurückgezogen hat, wurde der handwerklich besser begabte Jupp in seinem Haus und Garten in kreativer Weise tätig.

Während die beiden vor einem Jahr eine Rückschau der letzten zehn Jahre mit einem optimistischen Blick in die Zukunft getätigt hatten, gerät die Erinnerung an die letzten zwölf Monate zu einer gänzlich anderen Betrachtung. Der damalige Rat von Wilhelm von Humboldt erfüllte sich auf unerwartete Weise: „Man muss die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen.“


Ingo Nöhr # 101, Januar 2021:

Der Homunkulus in der Echokammer

Guten Morgen Jupp, willkommen im neuen Jahr. Ich hoffe, ich konnte dir bei unserem letzten Gespräch Anfang November etwas Optimismus in die Zukunft einpflanzen. Wie ist es dir denn in den letzten acht Wochen ergangen?

  • Lieber Ingo, dir wünsche ich für das neue Jahr auch das Beste und vor allem, dass du als positiv gestimmter Lebenskünstler weiterhin das Gute in der Welt und in den Menschen findest. Also, mir geht es eigentlich gut. Ich habe die Zeit intensiv genutzt, um meine Zimmer neu zu streichen, die Wohnung zu entrümpeln, den Garten winterfest zu machen und ansonsten mit meiner Familie viele Stunden die klassischen Spiele wieder aufleben zu lassen, die ich bei der Aufräumaktion entdeckt hatte. Insofern bin ich heute trotz der katastrophalen Corona-Situation ein zufriedener Mensch. Wie sieht es bei dir aus?

Jupp, das freut mich sehr zu hören. Auch ich habe meine Lockdown-Zeit bislang erfolgreich überstanden, allerdings habe ich mich freiwillig in eine totale Isolation begeben. Kein Handy, kein Internet, Fernsehen und keine Zeitung - eine herrliche Stille. Nur ein paar gute Bücher habe ich in die Hand genommen, die ich schon immer mal lesen wollte. Daraus habe ich viel gelernt und ein tieferes Verständnis von unserer gegenwärtigen Gesellschaft und ihrer Situation gewonnen.

  • Ingo, dann hast du von den gewaltigen Entwicklungen der letzten Wochen wohl gar nichts mitbekommen. Donald Trump kämpft auch nach Wochen verbissen und aussichtlos gegen seine verlorene Wahl an. Die EU hat in letzter Minute noch einen Brexit-Vertrag hinbekommen. Die Corona-Seuche ist mit eintausend Toten täglich endgültig außer Kontrolle geraten. Dennoch verweigern sich die Corona-Leugner gegen jegliche Einsicht. Mein Nachbar ist endgültig im Lager der QAnon angekommen, kämpft gegen den Impfchip von Bill Gates und fantasiert von der Machtübernahme des Deep State. Und die EU hat gegen Deutschland mittlerweile 14 Verfahren wegen permanenter Verstöße gegen europäisches Natur- und Umweltrecht eingeleitet.

Ja, Jupp. Mir ist in den letzten Wochen vieles klar geworden, dass diese Meldungen eine tiefere Ursache haben. Wir erleben heutzutage klassische Filterblasen, welche durch die Zeitungen, Fernsehberichte und Social Media permanent gefüttert werden. Viele Menschen sind mit der Komplexität der Welt und der daraus auf sie einströmenden Nachrichten völlig überfordert und klammern sich an einfache Antworten. Sie misstrauen dem Staat und den Politikern und glauben nicht mehr daran, dass diese noch die Interessen der kleinen Leute vertreten. Deswegen ist Trump wohl so lange erfolgreich gewesen: er ist die Identifikationsfigur der wütenden Verlierer. Er pfeift auf die political correctness und demonstriert seinen Anhängern, dass man mit purem Egoismus das politische Establishment in die Verzweiflung treiben kann.

  • Dass mag ja sein, Ingo, aber das erklärt für mich nicht das Rätsel, warum 74 Millionen Wähler den gewaltigen Schaden dieser Politik für ihr Land ignoriert haben. Die Demokraten sind plötzlich Anarchisten, Feinde des Volkes, Linksradikale. Ein empörend großer Prozentsatz der Amerikaner glaubt trotz sechzig verlorener Gerichtsverfahren immer noch die Verschwörungstheorie des nationalen Wahlbetruges. Nebenbei verachten sie zum großen Teil die Schutzmaßnahmen zur Covid-19-Bekämpfung und nehmen einen unglaublichen Blutzoll von 350.000 Toten in Kauf. Was ist mit diesen Menschen passiert? Auch mit meinem sonst so vertraglichen Nachbar? Eifern wir den US-Republikanern nach?

Für diesen Effekt gibt es einen Begriff, der aus dem Tonstudio kommt: die Echokammer. Das ist ein schalldicht abgeschotteter Raum, der alle Störgeräusche von außen abhält. Diese Menschen haben sich vor den Herausforderungen der Umwelt in eine derartige Blase geflüchtet, wo nur noch gewünschte Signale zu ihnen vordringen können. Donald Trump hat es ja vorgemacht, indem er in seiner Regierung und seinen Behörden sämtliche Kritiker und Störer gefeuert hat und nur noch von Ja-Sagern umgeben ist.

In der Echokammer ist die Welt wieder überschaubar und man ist ausschließlich von Gleichgesinnten umgeben. Willfährige Dienstleister der Pressemedien und Fernsehanstalten liefern die passenden Hintergrundgeräusche. Alles Kritische wird als Fake News abgestempelt. Sie diskriminieren Andersdenkende als Covidioten, Querdenker und Corona- „Leugner“, diese in einer Ebene wie die Holocaust-Leugner. Wir verlieren die Lust am gepflegten Disput, um über den Tellerrand zu schauen  und die Fähigkeit, mit abweichenden Meinungen auszukommen.

Dein Nachbar wird sich als Eingeweihter der QAnon-Sekte gegenüber allen Nichtwissern in seiner Gruppe sehr wohlfühlen. Er vereinfacht die Komplexität der Welt auf einfache Bilder, auf die Aufteilung in Gut und Böse, dazwischen gibt es keine Zwischenstufen. Dieser Zustand ist doch bei vielen Sekten anzufinden. Und nicht nur dort. Auch in den sogenannten Qualitätsmedien suchen Leser, Hörer, Zuschauer nach der Bestätigung ihrer Meinung und ihrer Vorurteile. So funktionieren doch auch Parteien, insbesondere die AfD.

  • Ingo, ich habe von diesem Effekt gehört. Wir erhalten besonders gefilterte und nur für uns vorgekaute Informationen im Internet. Die Social Media wie Facebook und Anbieter wie Google und Amazon haben die Bildung von Filterblasen optimiert. Mit Algorithmen und maschinenlernenden Systemen versuchen sie anhand des Benutzerprofils, seines Standorts, seiner Suchhistorie und seines Klickverhaltens vorherzusagen, welche Informationen er auffinden möchte und schalten entsprechende Anzeigen zur Förderung des Konsums.

Jupp, wohin führt das? Unsere Fortbildung über die Welt konzentriert sich auf kurze Twitter-Nachrichten, auf fünf-Minuten-Reports, Schlagzeilen, Stereotypen, Klischees, Zerrbilder. Dadurch entsteht ein neuer Menschentyp – der digitale Homunkulus: technisch hochgetunt und geistig verarmt. Die unendlich feinstufige analoge Welt um uns herum wird digital auf 0 und 1 reduziert. Er ist zu faul, noch geistige Arbeit zu leisten und konsumiert Fast Food zur Steigerung seines Lustgefühls. Mit den Lebensweisheiten eines Shakespeares, eines Goethe, die Genialität eines Beethovens möchte er sich nicht mehr befassen. Er liebt den Lärm der elektronischen Reizüberflutung.  Lieber schaut er sich reißerische Filme, Soap operas, verzerrte Reality Shows und Verfilmungen von Büchern an. 

  • Ingo, du machst mich nachdenklich. Können wir überhaupt noch eine überschaubare Zeit in Stille und Besinnung zubringen? Der Corona-Lockdown hat in vielen Familien unbekanntes Leiden hervorgerufen. Die Flucht in die lärmende Außenwelt wurde verboten. Draußen lauerte ein unsichtbarer und bösartiger Feind und verdammte die Menschen zu einem Höhlendasein.

Jupp, du hast es erfasst. In der heutigen Zeit flüchten wir uns in hektische Betriebsamkeit, und sei es auch nur in den Urlaub. Und vor allem lieben sie den Lärm. Sprächen die Menschen nur von Dingen, von denen sie etwas verstehen, wäre die Stille unerträglich.

Aber wie sind wir soweit gekommen? Bei unseren Vorfahren ging es erheblich beschaulicher zu. Ich glaube, ich habe die Ursache dafür gefunden. Es hat mit der Entgrenzung des Geldes zu tun. Aber diesen Disput heben wir uns lieber für den nächsten Monat auf. Ich schlage daher ein Prosit auf unser neues Jahr 2021 vor. Auf dass wir gesundbleiben und noch viele dieser erbaulichen Gespräche führen können.

  • Ingo, gute Idee. Ich sehe schon: die Stille stellt keine Fragen, aber sie kann uns auf alles eine Antwort geben. Ich werde bis zum nächsten Monat mal meine eigene Echokammer und die meines Nachbarn erkunden. Auch dir alles Gute und weiterhin hochinteressante Gedankengänge. Prosit.

 

Gedanken zur Stille


Ich, der ich verdammt bin, in dem wildesten Strudel der Welt zu leben, [...]
mit Leidenschaft lechze ich nach Stille!

(Heinrich Heine, 1797 - 1856, deutscher Dichter und Romancier)

 

Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne,
was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.

(Johann Wolfgang von Goethe, 1749 – 1832)

 

Lass dich nicht zum bloßen Werkzeug machen, werde nicht zum Sklaven von Meinungen und Moden. Verschaff dir ein bisschen Stille zum Wohle deiner Seele. Lärm bringt nicht das Gute, das Gute macht keinen Lärm.

(Papst Johannes Paul I., 1912 - 1978, starb nach 33 Tagen Pontifikat)

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