Der neue Mensch 4.0

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Wir leben in einer spannenden Zeit, einer Revolution. Der digitalen Revolution. Uns alten Hasen wird sie wohl nichts mehr anhaben können, wir schauen der Entwicklung staunend aus der zweiten Reihe zu. Aber plötzlich entsteht um uns herum eine gewaltige Unruhe. Höchste Zeit, dass Jupp und ich uns mal mit diesen neuen Phänomenen mit der magischen Zahl 4.0 befassen. Was kann dazu besser passen als unser monatlicher Stammtisch in unserer Eckkneipe.

Hallo, Jupp? Hast du schon deine Ideen bei Arbeitsministerin Andrea Nahles abgeliefert? Du kannst dich über Twitter bei ihrer Kampagne: Arbeit weiter denken – vom Grünbuch zum Weißbuch: Arbeiten 4.0 an der Diskussion beteiligen. Sag ihr doch mal, wie du die Arbeitswelt von morgen gestalten würdest.

  • Was, die Pippi-Langstrumpf-Nahles? Die hat doch noch nie richtig gearbeitet. Nach 20 Semestern Studium ist sie gleich in der Politik aufgestiegen. Und die will uns jetzt etwas über das Arbeiten erzählen? Warum schreibt die ihr viertes Buch nicht gleich selbst? 

Jupp, es ist nicht das vierte Buch, sondern die Entwicklung der Arbeitswelt zur Stufe 4.0. So wie die Industrie jetzt auch auf das Niveau 4.0 ankommen soll.

  • Also Ingo, ich verstehe nur Bahnhof. Industrie 4.0? Wo war sie denn vorher?

Das ist ganz einfach, Jupp: zuerst entstand die Industrie bei Stufe 1.0 durch die Wasser- und Dampfkraft. Danach kam mit Henry Ford in Stufe 2.0 das Fließband und die elektrische Energie. Zurzeit befindet sich unsere Industrie in Stufe 3.0 durch die exzessive Nutzung von Elektronik und IT Automatisierung. Und Industrie 4.0? Da ist dann alles hoch automatisiert und jedes Teil mit jedem vernetzt. In den Roboterfabriken, neuerdings nennt man sie Smart Factories, unterhalten sich die Maschinen untereinander und stimmen ihre Arbeitsabläufe und Zuarbeiten selbst ab. Der Mensch wird dann kaum noch gebraucht. In den letzten Jahrzehnten hat ja die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft trotz steigender Produktionszahlen immer mehr abgenommen.

  • Aha, Ingo. Ich verstehe langsam. Arbeiten 4.0 heißt dann also schlichtweg: die Roboter machen künftig unsere Arbeit, zahlen aber dafür keine Steuern und Sozialabgaben.

Nein, so ist das nicht gedacht, Jupp. Der Arbeitsplatz wird globaler und digitaler. Wir werden immer mehr Solo-Selbständige haben, seit Hartz IV-Zeiten als Ich-AGs bezeichnet, die mit einem Click im Internet, daher der Ausdruck Clickworker, Arbeitsaufträge über Croudworking-Plattformen übernehmen, weil die großen Unternehmen durch Crowdsourcing immer mehr arbeitsintensive Detailarbeiten extern ins Internet auslagern. Ich gebe dir mal ein Beispiel: eine Firma möchte eine neue Werbebroschüre für sich erstellen. Bislang hat man damit ein Designerbüro beauftragt und in monatelangen Sitzungen eine gemeinsame Lösung erarbeitet. Jetzt schreibt man die Arbeit im Internet weltweit aus und ein Pakistani könnte den Auftrag an Land ziehen, weil er mit einem kostengünstigen und schnellen Konzept aufwartet. 

  • Also Ingo, dieser Kraut- und Rübensalat ist ja nichts Neues. Da haben die Werbemanager für die alte Heimarbeit einfach neue Modewörter eingeführt. Und sieh doch mal: die anstrengende Gesetzentwicklungsarbeit haben die Parlamentarier doch schon seit vielen Jahre an die Lobbyisten ausgelagert. Die Politiker bekommen ihre Gesetzesentwürfe dadurch von der Industrie schon fertig geliefert.

Na ja, Jupp, so einfach ist es ja auch wieder nicht. Übrigens wird auch schon ganz angestrengt über die Dienstleistung 4.0 nachgedacht. Die heißt jetzt neudeutsch Smart Services. Auch da kann man viele Arbeitskräfte durch Roboter ersetzen. Rasen mähen, Staub saugen und Fenster putzen erledigen heute schon die preislich durchaus erschwinglichen Haushaltsroboter. Beim Online Shopping musst du dich nicht mehr persönlich ins Geschäft bewegen. Ein einzelner Lehrer kann durch e-learning Systeme Tausende von Schülern und Studenten betreuen.  Die Fliegerei inklusive Start und Landung kann man schon längst den Autopiloten überlassen, da muss man sich nicht mehr um psychisch labile, übermüdete oder streikfreudige Piloten sorgen. Und die zickigen Schauspielerinnen ersetzt man in Hollywood einfach durch computergenerierte Doubles.  Dadurch erspart man sich den Ärger wegen extrem hoher Gagenforderungen und deren Mimikstarre durch die Botox-Spritzen.

  • Jetzt verstehe ich auch, warum mein Postkurier kürzlich so deprimiert war. Er erzählte mir, dass sein Job keine Zukunft mehr hat. Bald werden die Pakete durch selbstfahrende Autos oder sogar aus der Luft durch eine Drohne in meinen Vorgarten abgeworfen. Aber das werde ich mir bei meinem Pizza-Service nicht gefallen lassen.

Jupp, warum? Vielleicht kannst du dir die Pizza dann zu Hause selbst über einen 3D-Drucker zusammenstellen. Dein Pizzabäcker wird regelmäßig nur noch die erforderlichen Zutaten in deinem Drucker auffüllen und dir nebenbei noch ein paar neue exotische Pizzarezepte verkaufen wollen.

  • Ingo, 3D-Pizza – du spinnst. Aber ist dir klar, dass diese Entwicklungen unsere Wirtschaft ruinieren können? Denk mal nur an die ganzen Gewerbe- Immobilien, welche den finanziellen Grundstock unserer Banken und Versicherungen ausmachen. Wer nutzt die dann noch, wenn man alles zu Hause am Computer oder unterwegs mit dem Smartphone erledigen kann? Gut, dass unser Gesundheitswesen wenigstens noch in Stufe 1.0 verharrt.

Da sei mal nicht so pessimistisch, Jupp. Die meisten Kliniken haben schon die Stufe 2.0 erreicht und viele bemühen sich gerade im Erklimmen der nächsten Stufe. Das Krankenhaus 4.0 ist aber schon längst in aller Munde.

  • Also, jetzt denk aber mal realistisch, Ingo. Die Unfallchirurgen wird man nicht einfach durch Op-Roboter ersetzen können. Da ist noch echtes Handwerk und viel Erfahrung von Nöten.

Du übersiehst einen Fakt, mein lieber Jupp. Vielleicht haben die Unfallchirurgen künftig gar nicht mehr so viel zu tun. Die Google-Cars bauen keine Unfälle. Und wenn wir erst mal die smarten Werkzeuge haben, dann darf ein Handwerker sein Gerät erst anfassen, wenn er vorher den elektronischen Test bestanden hat. Sollte er betrunken, unkonzentriert oder mit zwei linken Händen ausgestattet sein, verweigert das Werkzeug seinen Dienst. Kein Arbeitsunfall mehr.

  • Ja, aber du kannst das Klinikpersonal doch nicht einfach abschaffen. Du brauchst immerhin noch Ärzte und Pflegekräfte für die Patientenversorgung.

Jupp, wo willst du denn die alle hernehmen, bei unserer zunehmend vergreisenden Bevölkerung? Können wir uns den Luxus der extrem langen Ausbildung von Fachärzten noch lange leisten? IBM hat mit seinem Dr. Watson Expertensystem eine Wissensbasis über medizinische Diagnosen und Therapien geschaffen, die laufend mit Milliarden von Health-Apps-generierten Daten aufgefüllt wird. In der Pflege wird man für die schweren Arbeiten Heberoboter einsetzen, für die Altenbetreuung genügt oft ein Schmuseroboter. Und in schweren Fällen setzt man dem Patienten einfach einen Helm mit Virtual Reality Software und seinem Lieblingsfilm auf, um ihn ruhigzustellen.

  • Ingo, ich sehe schon: In der Zukunft stört der Patient wieder mal am meisten. Bevor er dem Krankenhaus und seiner Sozialkasse zur Last fällt, sollte er sich erstmal persönlich mit den Health-Apps diagnostizieren, von Heilpraktikern behandeln lassen und placebomäßig auf Voodoo-Zauber setzen. Wenn das noch nicht geholfen hat, darf er auf einen Lab-on-a-Chip pinkeln und die Daten an eine Zentrale übermitteln, die dann über das weitere Vorgehen entscheidet. Nein, mein lieber Ingo, das wird sich unsere Gesundheitswirtschaft aber nicht gefallen lassen. Da würden ja die ganzen Pfründe wegfallen.

Ja, Jupp, ich glaube, da hast du recht. In Deutschland sind wir noch lange nicht so weit, Stichwort Breitband-Netz. Ein Gigabyte im deutschen Mobilnetz kostet immer noch das 50-fache des vergleichbaren Dienstes in Finnland. In der IT-Ausrüstung befindet sich Deutschland auf der Höhe von Portugal. Der IT-Strategieberater Sascha Lobo hat kürzlich Deutschland vom digitalen Entwicklungsland zu einem Digitally Failed State heruntergestuft.

  • Das bedeutet also, damit sich etwas ändert, müssen wir erst den Politiker 4.0 entwickeln. Aber da ist ja unsere Kanzlerin Merkel schon an vorderster Front dabei. Wie sagte sie beim Obama-Besuch in Berlin 2013 auf einer Pressekonferenz: "Das Internet ist für uns alle Neuland." Allerdings musste sie sich in den letzten Jahren erst um den Euro kümmern. Und dummerweise ist die Computerwelt des Parlaments gerade durch einen Virus auf den Steinzeitlevel 1.0 zurückgeworfen worden. Jetzt sind wieder die Büroboten gefragt.

Na ja, Jupp. Vielleicht ist das auch schon die nächste Entwicklungsstufe. Seitdem durch Snowdon herausgekommen ist, dass die NSA und CIA alles bei Stufe 4.0 abhören können, arbeiten die Kriminellen und Terroristen auch schon auf Level 5.0 – gar keine digitale Kommunikation und Vernetzung mehr.

  • Das würde mir auch besser gefallen. Herr Wirt, bringen Sie uns bitte nochmals zwei Bier der Entwicklungsstufe 1.0: Deutsches Reinheitsgebot, frischgezapft, handgeschöpft und persönlich geliefert.

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