Der perfekte Patient

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Jupp trifft heute mit einer sehr schlechten Laune zu unserem traditionellen Stammtisch ein. Er musste gerade stundenlang beim Hausarzt auf eine Tetanusspritze warten, weil er sich bei der Gartenarbeit leicht verletzt hatte.

  • Eigentlich bin ich nur wegen meiner Frau dahin gegangen, sie gab einfach keine Ruhe. Und dann musste ich mir im Wartezimmer drei Stunden lang die Zipperlein meiner Altersgenossen anhören,  grauenhaft. Jetzt beobachte ich mich auch schon auf alle Krankheitssymptome und werde glatt zum Hypochonder. Ingo, ich sag es dir: Ich hätte lieber gleich zur Notfallambulanz der Uniklinik fahren sollen. 

Jupp, die Notaufnahmen sind neuerdings auch schon überfüllt. Damit siehst du mal wieder meine These bestätigt, dass unser Gesundheitswesen ohne die lästigen Patienten viel besser funktionieren würde. Der perfekte Patient ist ein Unfallopfer mit Knochenbrüchen.  Da wird dann geröngt, geschient,  meinetwegen auch genagelt, bandagiert, und die natürliche Heilung abgewartet. Zum Schluß sind alle zufrieden: der Patient und seine Familie, der Arzt und das Pflegepersonal sowie letztendlich auch der Verwaltungsleiter. Aber jetzt nimmt die Anzahl der schweren Verkehrsunfälle seit Jahrzehnten kontinuierlich ab und wir müssen uns immer mehr mit den Folgen der demografischen Entwicklung herumschlagen. Und damit wir wenigstens noch jüngere Patienten bekommen, erfindet die Gesundheitsindustrie laufend neue Krankheiten wie ADHS, Burnoutsyndrom, sogar Schwangerschaft ab 40 wird wie eine Krankheit behandelt.

  • Na na, Ingo, jetzt übertreibst du aber. Du wirst doch wohl nicht die ganzen chronischen Leiden und Infektionskrankheiten unterschlagen wollen. Herz-/ Kreislauf- und Krebserkrankungen nehmen heutzutage die Spitzenstellung ein. Die moderne Medizin hat schließlich drastisch unsere Lebenserwartung und in der Regel auch die Lebensqualität gesteigert. Willst du die Patienten eigentlich ganz abschaffen?

Nein, nicht richtig. Dafür lebt ein riesiger Industriezweig von unseren Beiträgen. Ich möchte nicht wieder das Märchen von den ständig steigenden Gesundheitskosten aufwärmen,  aber die Frage nach einem adäquaten Nutzeffekt bei vielen Behandlungen darf doch mal gestellt werden. Ich nenne nur das Stichwort Evidenzbasierte Medizin. Benötigen wir wirklich einen derart ausgeuferten Pharmamarkt? Wo liegt das Bedarfsoptimum in der Höchstleistungsmedizintechnik? Stimmen unsere Prioritäten aus ethisch -moralischer Sicht überhaupt noch? Was kostet uns unser absurd aufgeblähter Verwaltungsmoloch in Bund und Ländern? Das böse Wort der Zwei-Klassen-Medizin, warum traut sich kein Politiker mal die Wahrheit auszusprechen? Aus Rücksicht auf seine finanzkräftigen Lobbyisten? Die Grundfrage ist doch: wo liegt das richtige Maß?

  • Ingo, jetzt legst Du aber richtig die Axt an. Unser Gesundheitssystem ist doch aufgrund der in Jahrzehnten gewachsenen Komplexität nicht mehr reformfähig, zumindest nicht mit unserem gegenwärtigen Parteiensystem. Hunderttausende haben sich ihr gut versorgtes Nest geschaffen und werden nicht mehr freiwillig weichen. Sie sitzen an den wichtigsten Schaltstellen.

Jupp, da gebe ich dir sogar recht. Deswegen will ich an der Basis ansetzen - bei den Leuten,  die alles bezahlen müssen. Eben den Patienten.  Und sogar noch viel frühzeitiger. Bei den Kleinkindern. Kinderkrippe, Kitas, Kindergärten, Grundschulen - dort muss systematisch und nachhaltig das Prinzip der gesunden Lebensführung vermittelt werden. Vor allem die richtige Ernährung, ausreichende Bewegung, störungsfreier Schlaf, Vermittlung von Techniken zur Aggressions- und Stressbewältigung, Solidaritätsbewußtsein und eine frühzeitige Erkennung von physischen und psychischen Störungen. Wird punktuell schon gemacht, aber nicht mit dem realiter erforderlichen Einsatz. Wenn wir die wahren Quellen der Jugendkriminalität und Verwahrlosung  effektiver angehen würden, könnten wir später gewaltige Summen einsparen.

  • Ingo, da läufst du überall offene Türen ein, aber damit löst du doch kurzfristig keine Probleme. Wir könnten per Gesetz den ungeheuren Zucker-, Salz- und Fetteinsatz in unseren Nahrungsmitteln auf ein vernünftiges Maß begrenzen, die Tabak- und Alkoholproduktion minimieren und die Fleischwaren mit den tatsächlichen Herstellungskosten belegen. Aber gäbe es dann weniger Patienten? Wir haben doch ein viel tiefergreifendes Problem in der Gesellschaft. Ich glaube, ein großer Teil der älteren Patienten bei meinem Hausarzt fühlt sich im Wartezimmer einfach wohl. In ihrer Familie kümmert sich keiner um sie, oft leben sie allein und langweilen sich. Beim Arzt werden sie ernstgenommen und pflegen dort ihre sozialen Kontakte.

Genau da will ich ja ansetzen - bei der Sortierung der Patienten. Psychisch Vereinsamte benötigen meist nur eine medikamentöse Einstellung ihrer Blut- und Kreislaufwerte, ansonsten eine soziale Betreuung. Oft reicht es, wenn sie Aufgaben in einem Ehrenamt übernehmen, welches ihnen den sozialen Halt gibt. Dann gibt es die somatisch Erkrankten, die sind oft bei den Heilpraktikern besser aufgehoben. Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen können in Selbsthilfegruppen wertvolle Lebenshilfe bekommen. Akut Erkrankte und Unfallverletzte erhalten natürlich die sofortige Notfallversorgung. Damit können wir 80% des Patientenguts in die für sie richtigen Kanäle leiten, was ja heute schon ansatzweise getan wird.

  • Richtig, Ingo. Das hat die Politik doch schon erkannt und entsprechend die Weichen gestellt. Also was muss nun grundlegend verändert werden? Unser Gesundheitswesen wird doch weltweit bewundert. Und wir beide fühlen uns doch recht gut versorgt darin, oder?

Das mag sein, aber die Relationen stimmen doch nicht. Allein ein Vergleich der Einkommen der Sozialberufe müsste dich nachdenklich machen. Die groteske Verzerrung entsteht dadurch,  dass die Patienten und Idealisten keine vergleichbare Lobby haben. Früher war der ideale Patient derjenige, der ehrfürchtig zu seinem Halbgott in Weiß aufgeschaut hat und hoffte, dass er ihn mit seiner Zauberwissenschaft wieder gesund macht - ein Hohepriester mit einer eigenen geheimnisvollen Sprache.

  • Viele davon saßen heute mit mir im Arztwartezimmer. Es gibt sie also immer noch, diese Konstellation, aber vor allem in den Krankenhäusern. Der gute alte Hausarzt mit seiner Bereitschaft zu Hausbesuchen und der generationenübergreifenden Betreuung stirbt ja aus. Jetzt läuft alles per Computer.

Siehst du, Jupp, das ist meine Hoffnung. Die junge Generation wächst mit permanenter Internetverbindung über Smartphones auf. Da werden Symptome zuerst mit Wikipedia und Gesundheitsportalen recherchiert. Mögliche Diagnosen, Therapien und deren Nebenwirkungen sind schon vor dem Ärztebesuch bekannt, notfalls durch Chats in entsprechenden Patientenportalen. Über den Doc gibt es vielleicht schon Patientenbewertungen, Kliniken werden durch Rankings beurteilt, Zweit-, Dritt- und Viertmeinungen sind bei Internet-Doktoren und medizinischen Datenbanken schnell eingeholt. Die eventuell verordneten Medikamente werden in Nutzerforen und Pharmawatch-Websites kritisch hinterfragt. Ein Kostenvergleich über Preisroboter gibt sofort Auskunft über die günstigste Apotheke. Telemedizin und EHealth - Apps helfen beim kontinuierlichen Überwachen von Gesundheitsparametern. Und all diese Leistungen bekommst du heute schon ohne Wartezeiten beim Arzt, kostenfrei, sofort und überall bei jedem Aufenthaltsort. Vielleicht kommt schon bald der Lab-on-a-chip für Otto Normalverbraucher auf den Markt, dann ist er sein eigener Klinikchemiker.

  • So sieht also dein idealer Patient aus, Ingo. Ein misstrauischer Computer-Nerd mit Google-Brille, Elektronik in seinem T-Shirt und Schuhen, jederzeit mit der Welt verdrahtet. Der dem Doktor erzählen kann, was medizinisch so gerade läuft. Und im fortgeschrittenem Alter liegt er dann berauscht in seiner Virtual Reality Kapsel, betreut von Pflegerobotern und überwacht von telemetrischen Sensoren. Der fällt dem Gesundheitswesen nur noch minimal zur Last. Wofür soll ein Arzt dann noch viele Jahre lang studieren?

Gute Frage. Ein Halbgott wird vom Sockel gestürzt. Ein ganz neuer Stil von Klassenkampf.  Die unterdrückte Klasse der Menschen erhebt sich gegen die etablierte Machtelite. Mit den neuesten Errungenschaften der Technologie. Darauf trinken wir einen, Jupp. Auf unseren Genossen den Wirt, der uns weiterhin zuverlässig und ohne medizinische Hintergedanken mit dem gesundheitsschädlichen Alkohol versorgt. Prost!

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