Die große Gesundheitsverschwörung

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
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Ingo Nöhr ist entsetzt. Zu ihrem monatlichen Stammtisch erscheint am 1. April sein sichtlich geschwächter Kumpel Jupp schwer angeschlagen. „Mensch Jupp, was ist denn mit dir passiert? Du hast ja ein paar Pfund abgenommen. Hattest du eine Lebensmittelvergiftung?“ – „Quatsch! Die letzten zwei Wochen hat mich die Grippe flachgelegt. Trotz Impfung! Ich lag nur noch apathisch im Bett und habe mein Ende erwartet. Jetzt komme ich aber langsam wieder auf die Beine.“ Ingo zeigt sich mitfühlend. Er hatte die Grippewelle einfach verpasst. Es lag wohl an seiner Impfung mit dem teueren Vierfach-Grippeimpfstoff. Er beschließt, es besser nicht zu erwähnen, sonst regt sich Jupp nur wieder über die Zwei-Klassenmedizin auf.

  • Da ist dein Immunsystem ja jetzt wieder topp trainiert. Das freut mich natürlich zu hören, Jupp. Hast du denn wenigstens das Weltgeschehen ein bisschen verfolgen können?

Das letzte, was ich mitbekommen habe, war die Wahl von unserer Angela zur Kanzlerin. Jetzt höre ich nur, dass alle auf Facebook schimpfen. Was habe ich denn da verpasst?“

  • Facebook - also, eigentlich haben seine zwei Milliarden Nutzer erkennen müssen, was das wirkliche Geschäftsmodell von Mark Zuckerberg ist: Daten sammeln und die zu Geld machen. Das hat auch immer gut geklappt, 2017 hatte er 16 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Die Firma Cambridge Analytics hat sich auf etwas krummen Wegen 50 Millionen Facebook-Profile besorgt und damit wohl sehr wirksam Wahlpropaganda für Donald Trump und den Brexit gemacht. Jetzt sehen viele Politiker die Demokratie in Gefahr und Mark Zuckerberg ist ein vielgefragter Mann mit Vorladungen bei diversen Regierungen und Parlamenten.  

Also, Ingo. Wahlpropaganda mit Social Media, das ist doch ein alter Hut. Barack Obama hat schon 2012 mit Data Mining bis zu 500 Informationen über die US-Wähler zusammentragen lassen und damit seine Wiederwahl gezielt beeinflusst.

  • Schon richtig, Jupp, aber jetzt haben die Facebook-Fans plötzlich gemerkt, was man mit ihren Daten alles anstellen kann. Nun hat Datensammler Zuckerberg ein Imageproblem. Er entschuldigt sich gerade weltweit mit ganzseitigen Anzeigen und kündigt große Reformen an. Die neue Justizministerin Katarina Barley hat die europäischen Facebook-Manager zum Rapport zitiert und in den nächsten Wochen muss der Facebook-Chef vor dem amerikanischen Kongress aussagen. Ich bin sicher, da wird er dann die große Bombe platzen lassen, denn er will ja wieder zu den Guten gehören.

Das passt doch gar nicht zusammen, Ingo. Wie kann ein Gutmensch eine Bombe platzen lassen? Will er jetzt sein Privatvermögen von 30 Milliarden Dollar den Armen spenden? Oder wie Bill Gates alles in die Entwicklungshilfe stecken? Wahrscheinlich spendet er mal eben eine kleine Milliarde für die Wiederwahl von Donald Trump?

  • Nein, Jupp. Er will allen Menschen etwas Gutes tun. Und wo ist die größte Baustelle? Die globale Gesundheit. Die Big Four – Google, Amazon, Facebook und Apple tun sich zusammen, um den höchst lukrativen Healthcare-Sektor aufzumischen. Die BigHealthGroup will in allen Industriestaaten ein hocheffizientes Gesundheitssystem anbieten: volldigitale Kliniken, modernste Medizintechnik, Top-Mediziner, leistungsfähige aber preisgünstige Krankenversicherung.      

Trump wird bestimmt wieder schimpfen, wie gerade über Amazon, weil die keine Steuern zahlen. Er hat doch sein eigenes Republikaner-System für die Kranken versprochen, warum sollte er jetzt die Konkurrenz akzeptieren?

  • Ich glaube nicht, Jupp. Er wird aus drei Gründen begeistert sein: Endlich kann er das verhasste ObamaCare kippen und damit von seinen täglichen Pleiten ablenken. Zweitens verdankt er Facebook seine entscheidenden Wählerstimmen. Und schließlich kann er der arroganten Merkel und den übrigen Europäern mal zeigen, dass sie alle von amerikanischer IT abhängen.

Da wird unser Gesundheitsminister Jens Spahn aber dumm gucken, oder? Der wird die Amis mit unserem Bürokratie-Moloch im Gesundheitssystem schon an der Grenze abwürgen.

  • Da bin ich mir nicht mehr sicher. Der Jens Spahn ist bestimmt schon in die Pläne eingeweiht. Er war nämlich letztes Jahr zur 65. Bilderberg-Konferenz in Virgina, diesem angeblichen Weltverschwörertreffen, eingeladen. Dort werden sie ihm bestimmt alles verklickert haben.

Wie kommt denn der Spahn zu den Bilderbergern? Da war der doch noch gar nicht als Gesundheitsminister im Gespräch.

  • Richtig, Jupp. Aber er war parlamentarischer Staatssekretär und arbeitete als Pharmalobbyist für die weltweite Beratungsfirma Politas. Und jetzt schau mal, was er als Minister in dreieinhalb Jahren schaffen will: die elektronische Gesundheitskarte, die medizinische Versorgung auf dem Lande, schnelle Arzttermine für Kassenpatienten und die Pflegereform. Es darf aber kein zusätzliches Geld kosten. Und nun vergleiche dazu, was die BigHealthGroup schon alles im Katalog anbietet.

Es soll ja alles ganz schnell gehen, nachdem die Regierung schon ein halbes Jahr mit ihren Koalitionsstreitereien vergeudet hat. Aber deine Group braucht ja auch einige Zeit, um das neue System aufzubauen. In Deutschland? Ich glaube nicht an den Erfolg – die deutsche Schlafmützigkeit wird sie zum Wahnsinn treiben.

  • Nein, es wird vielmehr eine Abstimmung mit den Füssen geben. Die Patienten werden auf die modernen Angebote und günstigen Leistungen aufspringen. Unser gigantischer Wasserkopf im deutschen Gesundheitssystem verschlingt ungeheure Summen: Hunderte von Krankenkassen, Spitzenverbände, Kassenärztliche Vereinigungen, Landeskrankenhausgesellschaften, Landesausschüsse, Bundes- und Länderbehörden, usw.
    Google hat vor einem halben Jahr 33 Millionen Dollar bei Oscar investiert, einem digitalen Krankenversicherer. Antragstellung, Arztwahl, Patientensteuerung, all das erledigt eine App. Laut Ärztezeitung holen sich rund 80% der Internet-User Informationen zu Gesundheitsthemen aus dem Netz – sie fragen Dr. Google. Und Amazon gründet gerade mit der größten US-Bank, JP Morgan Chase und dem Hedgefond Berkshire Hathaway eine eigene Krankenkasse. Wetten wir, dass die bessere Leistungen für weniger Geld anbieten können?

Da wird die elektronische Gesundheitskarte ja quasi als Abfallprodukt anfallen. Aber wo sollen denn die so exzellent versicherten Patienten behandelt werden? Bei der Digitalisierung von Kliniken sind wir noch weitgehend auf dem Stand eines Entwicklungslandes. Zudem haben wir die Probleme beim Datenschutz und in der Datensicherheit noch lange nicht gelöst. Und die medizinische Versorgung auf dem Lande? Da wird die BigHealthGroup bestimmt keine Topkliniken auf den Acker setzen.

  • Okay, Jupp, zum Thema Topkliniken musst du nur mal nach Dänemark schauen. Achtzehn modernste Superkliniken entstehen dort gerade. Volldigitalisiert, ohne große Hemmnisse beim Datenschutz. Vermutlich wird die BigHealthGroup das dänische Modell als Pilotprojekt nutzen, um den Deutschen vor Augen zu führen, wie eine moderne Gesundheitsversorgung aussehen kann.

Jetzt hat die Group aber ein grundlegendes Transportproblem. Wie kriegen sie die Patienten in die dänischen Kliniken? Per Flugtaxi, wie unsere Digitalministerin Doro Bär begeistert vorstellte?

  • Ja, da hat die gute Frau Bär leider eine Menge Spott und Häme einstecken müssen. Dabei hat sie eigentlich recht. Airbus baut schon das Vahana-Lufttaxi, ein Karlsruher StartUp erprobt den Volocopter in Dubai, kofinanziert von Daimler. Uber hat soeben einen NASA-Vertrag zum Bau von Flugtaxis unterzeichnet. Und die Flixbus-Gruppe hat gerade die erste Strecke mit dem FlixTrain eröffnet: Köln – Hamburg. Von da aus benötigt ein Flugtaxi zur Megaklinik nach Aarhus oder Odense knapp 90 Minuten. Oder man fliegt direkt mit Niki Lauda dahin. Der arbeitet jetzt mit RyanAir zusammen. Da ist bei einem Börsenwert von 20 Mrd. Euro mehr Power drin als mit der Lufthansa, die es gerade mal auf 12,6 Mrd. Euro bringt. Wieder mal ein Beispiel wie mutige Pioniere wie Tony Ryan und Niki Lauda alteingesessenen Institutionen gewaltig einheizen können.

Gut, Ingo. Wenn das System so richtig anläuft, werden bei der BigGroup bestimmt noch mehr Geldgeber aufspringen. Lass mich mal brainstormen: Alexa, Siri, Cortana und Google Home übernehmen die Überwachung alter Leute, beraten sie gesundheitlich durch IBM Watson und andere KI-Ärzte, alarmieren Rettungsdienste und bringen notfalls per WhatsApp Videotelefonie den Notarzt auf den Fernsehschirm. Microsoft will bestimmt auch mitverdienen und schaltet per Skype Telemedizin bei Bedarf Spezialisten aus seinem weltweiten Pool von 500 Millionen LinkedIn-Mitgliedern dazu. Und bezahlt wird ohne zeitliche Verzögerung durch das hauseigene Paypal-System.

  • Klar, und DocMorris verkauft die Medikamente über Amazon, welche die Pillenschachteln dann per Dohne anliefert. In den dichten Großstädten wird UberEats die Medikamente zusammen mit dem Essen auf Rädern dann mit autonomen RobotAutos ausliefern.

Okay, betrachten wir nochmal die Versprechen von Jens Spahn: die Versorgung auf dem Lande läuft per Telemedizin mit KI-Ärzten im Hintergrund, notfalls kommt der Doc mit dem Flugtaxi angereist. Wartezeiten für Kassenpatienten erübrigen sich dadurch. Die Hausspione wie Alexa überwachen permanent den Gesundheitsstatus und alarmieren bei Bedarf die Rettung, ansonsten petzen sie alles an die digitale Krankenversicherung. Gespeichert wird auf der Patientenkarte, bezahlt per Paypal, geliefert per Drohne in den Vorgarten oder auf den Balkon. Die Defizite in der Digitalisierung sind also Schnee von gestern. Aber jetzt sag mir eins, lieber Ingo: Woher bekommst du das medizinische Pflegepersonal? Zurzeit flüchten mehr Menschen aus dem Pflegeberuf als neu ausgebildet werden können.

  • Richtig erkannt, Jupp. Problem Pflege- und Ärztenotstand. Natürlich hat Zuckerberg da auch eine Idee. Durch E-Learning und Kurzpraktika erfolgt eine Höherqualifizierung von Pflegekräften zu Mikro-Ärzten, die alle Bagatelldiagnosen und Routineanwendungen beherrschen. Damit können sie nach dem Pareto-Prinzip 80% der Fälle mit 20% des Aufwandes abdecken und entlasten somit die Hausärzte. Dieser neue Status wird begleitet von einer drastischen Gehaltserhöhung, also mindestens eine Verdopplung, wegen des höheren Ausbildungsstandes und der Verantwortung. Das macht den Pflegeberuf schlagartig lukrativer und höherwertiger. Zur Lösung von Sprachproblemen vor Ort bieten Google und Microsoft ihre etablierten Echtzeit-Übersetzer an. Die Sprachmodule werden gerade mit bairisch, schwäbisch, kölsch und plattdeutsch aufgestockt.

Also Ingo, das sind ja sensationelle Neuigkeiten. Ich habe das Gefühl, ich habe jahrelang geschlafen. Da ist doch bestimmt vieles noch geheim. Woher weißt du das eigentlich alles?

  • Du wirst es nicht glauben: von den Russen. Über 60 russische Diplomaten wurden weltweit ausgewiesen. Jetzt ist Putin richtig sauer. Er will die Blamage der Geheimdienstler wieder wettmachen und ausdrucksvoll demonstrieren, wie gut seine Spione funktionieren. Daher hat er aus Rache am 1. April im Internet alle ausgespähten und abgehörten Informationen über die große Gesundheitsverschwörung veröffentlicht.

Soso, Ingo. Da präsentierst du mir am Ostersonntag ja ein besonderes Geschenk: russische Ostereier. Ich werde mal meine Alexa zu Hause fragen, ob sie schon das gesundheitliche Überwachungsprogramm für mich installiert hat. Bevor die präventiv in meine Gesundheit eingreift, lass uns noch schnell ein Bier bestellen. Vielleicht können wir uns künftig nur noch konspirativ hier in unserer Eckkneipe treffen.

  • Gute Idee, Jupp. Herr Wirt, bitte zwei Bier. Damit mein Freund Jupp nicht so negativ auffällt, vielleicht seins versteckt in einer großen Tüte?

Du Spinner! Na, dann Prost auf deine BigHealthGroup. In einem Jahr schauen wir mal nach, was daraus geworden ist.

 

„Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt: schnellere Pferde.“
(Henry Ford, Autobauer)

„Es ist nicht einfach, perfekt zu sein, aber irgendeiner muss es sein.“
(Niki Lauda, Ex-Rennfahrer und Unternehmer)

"Facebook hilft, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die wir auch im echten Leben kennen. Mehr nicht. Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet."
(Mark Zuckerberg, Gründer von Facebook)

„In Zeiten der Krise sollte man keine Krawatte tragen: Das verringert unnötig die Blutzufuhr zum Gehirn.“
(Larry Page, Gründer von Google)

„Das Gute an faktenbasierten Entscheidungen ist, dass sie Hierarchien komplett außer Kraft setzen.“
(Jeff Bezos, Gründer von Amazon)

"Neue Entwicklungen lassen sich dauerhaft nicht per Gesetz verbieten."
(Travis Kalanick, Gründer von Uber)

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