Die große Vereinfachung

von Ingo Nöhr

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„Kannst du dir heute eine Stadt ohne Verkehrsschilder und Ampeln vorstellen?“ Jupp eröffnete unser aktuelles Treffen in seiner Lieblingskneipe wieder mit einer interessanten Frage. Aber so leicht ließ ich mich nicht irritieren: „Na klar, schau doch mal in Indien oder Afrika auf die großen Plätze. Da fährt alles durcheinander: Autos, Eselskarren, LKWs, Fahrräder, Busse, Mopeds und mittendrin die Fußgänger und Karrenschieber. Ohne Spurlinien, Vorfahrtsschilder, Ampeln oder irgendeine Verkehrsregelung.“

„Und? Fahren die sich etwa alle gegenseitig über den Haufen?“  Jupps Frage hatte etwas Lauerndes an sich. Er wollte auf irgendetwas hinaus. „Nein, eigentlich nicht. Jeder muss auf den anderen auf­passen, dass der ihn nicht anfährt oder gar überfährt. Wahrscheinlich gilt hier das Gesetz des Stärkeren. Oder derjenige hat Vorfahrt, der am lautesten hupt. Ich würde es als Darwin‘sches Prinzip bezeichnen.“

Ein Leuchten trat in seine Augen. Jetzt kamen wir Jupps Idee wahrscheinlich näher: „Und was meinst du? Kannst du dir so ein ungeregeltes Chaos in Deutschland vorstellen?“

„Na, ja. In Berlin schon. Bei den vielen Baustellen. Und den wildgewordenen Taxifahrern. Von den rasenden Fahrradkurieren ganz zu schweigen. Aber im Ernst, eigentlich nein. Von den indischen Verhältnissen sind wir weit entfernt. Wir halten uns immer noch an die Gesetze und Regeln. Du weißt doch, für die Revolution kaufen die Deutschen erst mal eine Bahnsteigkarte. Hat Lenin schon damals festgestellt.“

„So, Ingo. Jetzt stell‘ dir mal vor, in einer mittelgroßen Stadt ebnen wir alle Bürgersteige ein, entfernen wir alle Schilder und alle Ampeln und lassen sämtliche Verkehrsteilnehmer ohne sichtbare Regulierung überall herumfahren. Was wäre dann los?“

Unvorsichtigerweise antwortete ich etwas zu schnell: „Dann ging es ja zu wie in einem Autoscooter. Ich denke mal, die Werkstätten und die Ambulanzen hätten anschließend sehr viel Arbeit. Und die Fußgänger würden sich kaum noch aus dem Haus wagen.“

„FALSCH!“ Jupp kostete seinen Triumph mit einem tiefen Zug aus seinem Bierglas gnadenlos aus. „Es würde rein gar nichts passieren. Keiner kann einfach losfahren oder blind daher marschieren. Jeder müsste erst mit dem anderen Blickkontakt aufnehmen und sich verständigen.“

„Das ist doch reine Theorie. Wenn bei uns eine Ampel auf einer Hauptkreuzung ausfällt, knallt es doch mit Bestimmtheit in den nächsten Stunden, weil nicht alle die Vorfahrtsregeln kennen. Das klappt nie bei uns.“

„Schon wieder falsch!“ Jetzt hatte Jupp mich dort, wo er mich haben wollte. „Die Niederlande sind voll mit solchen Städten. Bin ich vor kurzem durchgefahren. Shared Space nennt sich das dort, Gemeinschaftsstraße. Die Straßen gehören dort jedem Benutzer. Es gibt für alle nur drei Regeln: Nimm Rücksicht! Fahre rechts! Vorfahrt hat rechts vor links! Das versteht jeder Depp. Und funktioniert bestens.“

„Das funktioniert? Im Radfahrerparadies Holland vielleicht, aber doch nicht in Deutschland. Wir sind eine Autofahrernation. Die einzige der Welt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung.“ wagte ich zweifelnd einzuwerfen.

„Na ja,“ musste er jetzt zugeben. „Die Deutschen haben das auch versucht, aber sie sind nie so richtig damit klargekommen. Es gab etliche Pilotprojekte, aber eigentlich hat sich das Modell bei uns noch nicht durchgesetzt. Wir haben die Straßenverkehrsordnung ja schon im Kindergarten verinnerlicht. Wie sollen wir da ohne diese Regeln auskommen?“

Das war tatsächlich ein interessanter Gedanke. Wir machen aus unseren Stadtzentren Fußgänger­zonen, in denen die Autos nur im Schritttempo fahren dürfen. Die Radfahrer müssten allerdings besser erzogen werden, ebenso die Inlineskater und Rollschuhfahrer. Die Unfallgefahr würde drastisch reduziert, die Umwelt geschont und die Lebensqualität der Anwohner und Besucher wesentlich erhöht.

Mit unseren Sinnen können wir die Vielzahl der Verkehrsschilder sowieso schon nicht mehr komplett wahr­nehmen. Warum sie nicht ganz abschaffen? Drei simple Regeln würden genügen. Die wichtigste steht schon seit Urzeiten im §1 StVO: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

Diese Regel reicht in Indien schon aus. Möglicherweise nur ergänzt durch den Zusatz: „Achte auf den Stärkeren, wenn dir dein Leben lieb ist!“  Wir Deutschen sind schon auf absurde Art überreguliert. Nach einer Zählung Ende Dezember 2009 hatte allein der Bund 1.924 Gesetze und 3.440 Verord­nungen mit insgesamt 76.382 Artikeln und Paragraphen verabschiedet. Dazu kommt noch eine vergleichbare Anzahl in den Bundesländern und seitens der Europäischen Union.

Wenn man alle Gesetze studieren sollte, so hätte man gar keine Zeit, sie zu übertretenstellte schon damals Johann Wolfgang von Goethe fest. Was würde er erst heute dazu sagen? Würde er Tacitus zustimmen, der rigoros behauptete:  „In dem verdorbensten Staat gibt es die meisten Gesetze“?

Es fehlt einfach an einem begrenzten Haltbarkeitsdatum. Jedes Gesetz sollte nach einer bestimmten Anzahl von Jahren automatisch auslaufen und von einem Gremium der betroffenen Bürger auf die Notwendigkeit einer Verlängerung hin überprüft werden.

Wie wäre es, wenn wir einfach mal wieder auf die Zehn Gebote oder vergleichbare Regeln zurück­greifen würden? Könnte unsere Welt dann noch funktionieren? „Die Zehn Gebote Gottes sind deshalb so eindeutig, weil sie nicht erst auf einer Konferenz beschlossen wurden.Dieser Satz wird Konrad Adenauer in den Mund gelegt. Er war der Chef des damaligen Innenministers Höcherl, der „nicht immer mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen“ wollte, als 1963 eine Telefonabhör­affäre seiner Beamten aufgedeckt wurde. Dieser Ausspruch hat fünfzig Jahre später wieder eine aktuelle Bedeutung erlangt, diesmal allerdings mit weltweiten Konsequenzen.

Im Geiste sehe ich die vierhundert Seiten des Entwurfes der EU-Verordnungen zu Medizinprodukten und Invitro-Diagnostika vor mir. Wie könnte man diese auf einfache Regeln reduzieren? Ich versuche es mal:

  1. Konzentriere dich auf den Anwender. Er muss auch unter schwierigen Bedingungen mit deinem Produkt klarkommen können.
  2. Schädige den Patienten nicht mehr als unbedingt erforderlich. Du solltest dein Produkt im Einsatzfall auch bei deiner Familie anwenden wollen.
  3. Missbrauche nicht eine Monopolstellung. Gesundheit ist ein wertvolles Gut, welches keine Gewinnoptimierung verträgt.

Und der indische Zusatz für Hersteller, Importeure und Fachhändler:  „Achte auf den Stärkeren, wenn dir deine Existenz lieb ist!“ wäre dann sinngemäß auf den Patienten zu beziehen, der als der Stärkere über die Produkthaftung die Beweislast umkehren kann: Der Hersteller oder Lieferant hat im Schadens­falle grundsätzlich seine Unschuld zu beweisen, sonst muss er bezahlen. Ansonsten gilt die Regel des römischen Philosophen Seneca: Was das Gesetz nicht verbietet, das verbietet der Anstand.

„Hallo, Ingo!“ Ein Schubs von Jupp riss mich unsanft aus meinen Träumen. „Noch ein Bier?“

„Na klar. Aber ein Bier nach dem Deutschen Reinheitsgebot. Nur mit Gerste, Hopfen und Wasser gebraut.“ – Der Wirt grinste sich eins. Schließlich wusste er genau wie ich, dass die deutschen Biere nach der Bayerischen Landesordnung, die am 23. April 2016 ihren 500. Geburtstag feiert, gar nicht gebraut werden können.Heute benutzt man Hefebakterien zum Gären und Malzenzyme zur Verbesserung der Bierfiltrierbarkeit. Nebenbei schlucken wir noch Schädlingsbekämpfungsmittel und chemische Düngemittel, die beim Anbau der Gerste eingesetzt werden. Das Wasser wird mit einer Reihe von meist unaussprechlichen Chemikalien vorbehandelt.

Die EU erlaubt zudem Zuckercouleur für eine bessere Farbe, Wuchs- und Hemmstoffe für die Keimung, Cellulosepräparate zur Beschleunigung der Keimzeiten, Ascorbin- und Zitronensäure als Antioxidantien sowie zur Schaumstabilisierung Propylenglykolalginat, Carrageen, Methylcellulose und Gummiarabicum. Gentechnisch veränderte Gerste, Weizen, Mais, Reis, Hopfen und Hefen stehen bereits vor der Tür, um ihren Siegeszug im deutschen Bierland anzutreten.

Na, denn Prost. Und lieber Brauer: „Achte auf den Bierfreund, wenn dir dein guter Ruf lieb ist!“

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