Die Roboter-Invasion

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Gratulation! Die pensionierten Krankenhausrecken Ingo Nöhr und sein Kumpel Jupp feiern ein Jubiläum. Seit fünf Jahren debattieren sie in nunmehr sechzig Stammtischrunden über die Merkwürdigkeiten in der Welt, meistens sehr kontrovers. Vor allem, seit sich Ingo aus lauter Verzweiflung über das Zeitgeschehen in einen strammen Optimisten gewandelt hat. Immer auf der Suche nach dem guten Kern in dem Schlamassel und dabei von einer passenden Karikatur von Rippenspreizer begleitet. In der heutigen Runde bemühen sie sich, mit der digitalen Gesellschaft klarzukommen. Ein schwieriges Unterfangen, wenn man bedenkt, dass beide die meiste Zeit ihres Berufslebens mit Wählscheibentelefonen verbracht haben.

Anmerkung: Ihre minutiös aufgezeichneten Gespräche haben mittlerweile einen größeren Leserkreis gefunden. Um Ihnen einen Überblick über die Vielfalt der angesprochenen Themen zu ermöglichen, stellen wir in Kürze eine Tabelle über alle bisherigen Folgen mit Schlagworten und Zitaten bereit. Auch die Suchfunktion dieses Portals leistet schnelle Hilfe zum Auffinden der entsprechenden Stammtischrunde.

Na Jupp, du siehst wieder so aus, als hättest du ein verstörendes Erlebnis gehabt. Ist zu Hause alles in Ordnung?

  • Also, Ingo. Wie soll ich sagen - ja und nein. Ich wollte meiner Familie eine Freude machen. Und meine Frau von der Hausarbeit entlasten. Da haben die Kinder und ich zusammengelegt und ihr zum Geburtstag einen Putzroboter geschenkt.

Du meinst, so einen kleinen runden Kasten, der ständig durch die Wohnung fährt und dabei den ganzen Schmutz aufsaugt?

  • Ja, genauso einen. Das lief anfangs auch ganz toll. Wir haben alle staunend dagesessen und ihm bei seinen Touren zugeschaut. Er hat auch ganz ordentlich geputzt, vor allem nachts. Meine Frau war ganz begeistert und hat sich zu Weihnachten gleich einen Fensterputzroboter gewünscht. Und für mich sollte dann wohl auch ein Roboter zum Rasenmähen abfallen.

Also Jupp, das hört sich ja so an, als würden jetzt die Roboter in Kompaniestärke in dein Haus einziehen. Wann fährt dich denn dein Roboterauto spazieren?

  • Na, das wird jetzt alles noch etwas dauern. Wegen diesem blöden Putzroboter hängt bei uns der Haussegen schief. Dabei ist das alles nur diese Klatschtante in Schuld, die uns letzte Woche mit ihrem frischgeworfenen Welpen besucht hat.

Wie kommt das denn? Der Hund hat ja wohl den Blechheini nicht gefressen oder war es eher umgekehrt? Der Kläffer liegt jetzt wohl im Mülleimer?

  • Nein, noch viel schlimmer. Als die beiden Damen so in ihrem Gespräch vertieft waren, hat die Töle ihre Notdurft unbemerkt in einer versteckten Ecke verrichtet. Und unser blöder Putzroboter hat in der Nacht die Kacke in der gesamten Wohnung verteilt. Kannst du dir das bildlich vorstellen? Drei Tage lang hatten wir Großreinigung. Und zwar per Hand mit Putzeimer und Scheuerlappen. Den stinkenden Roboter habe ich erstmal im Garten abgestellt.

Vielleicht ganz gut so, Jupp. Es gab vor kurzem Gerüchte in der Branche, dass ein Hersteller von Staubsaugroboter die gesammelten Daten aus den Wohnungen der Kunden an Amazon, Apple oder Google verkaufen will. Seine Topmodelle fertigen nämlich Karten über die Räume an, wo etwa Sofas und Schränke stehen. Angeblich können sie dadurch im vernetzten Zuhause Soundsysteme, Klimaanlagen und Beleuchtung optimieren. Smart Home lässt grüßen.

  • Ingo, das ist doch nicht schlecht, wenn der Roboter meine Wohnung kennt. Dann kann er viel gezielter reinigen und haut nicht immer gegen die Tische. Da fehlt nur noch ein Geruchssensor, der rechtzeitig die Hundekacke entdeckt. Und ein Einbrechersensor wäre auch nicht schlecht. Er könnte dann ein wüstes Hundegebell oder Löwengebrüll ausstoßen und nebenbei die Polizei anrufen.

Ach was, Einbrecher fängt doch schon dein digitales Überwachungssystem. Ich würde deinen Putzfuzzi nachts vor den Kühlschrank Wache schieben lassen. Vielleicht kriegst du dann raus, wer sich heimlich immer an deinen Spirituosen bedient. Denke doch noch weiter, Jupp. Dein Putzroboter könnte aus den gesammelten Haaren und Hautschuppen DNA-Analysen anfertigen. Stell dir vor, er würde plötzlich Tumorzellen entdecken! Vielleicht findet er nebenbei noch heraus, dass das Besucherkind nicht vom Familienvater abstammt. Wäre doch spannend, oder? Und aus den herabfallenden Krümeln vom Esstisch kann er auf eure Ernährungsgewohnheiten schließen und ein paar Ernährungstipps aussprechen. 

  • Die Gesundheitskontrolle soll schon meine Bio-Tracer-Toilette übernehmen. Nach jedem Stuhlgang erhalte ich sofort auf meinem Smartphone eine Analyse meines Stoffwechsels. Die ist dann gleich mit meiner Fitness-App verlinkt. So bekomme ich täglich ein ärztliches Bulletin über meinen Gesundheitszustand.

Ich glaube es nicht: ein Lokus 4.0! Wenn das Klo in deinem Urin noch Alkoholspuren von der Feier des vorherigen Abends findet, kann es ja gleich den Funkschlüssel für dein Auto sperren, damit du nicht einfach losfahren kannst. Und wenn sich dein Schnapskonsum über mehrere Tage oder Wochen hinzieht, meldet dich dein Smart-Klo gleich bei den Anonymen Alkoholikern an. Hast du in deinen Brandmeldern auch schon Sensoren für Zigarettenkonsum eingebaut, welche bei Bedarf beim nächsten Kiosk gleich eine neue Stange bestellen? Die dann per Drohne auf deinem Balkon abgeworfen wird? Übrigens, gerade haben sie festgestellt, dass die Russen seit Jahren mit Drohnen die ukrainischen Munitionsdepots angreifen. Die letzte hat im März mit einer Handgranate mehrere Tausend Tonnen Sprengstoff in die Luft gejagt. An deiner Stelle wäre ich also sehr vorsichtig, mich mit Drohnenbesitzern anzulegen.

  • Ingo, du übertreibst mal wieder maßlos. Wir kommen nicht drum herum - wir müssen uns der digitalen Revolution stellen. Sonst überrollt sie uns. Und so ein vernetztes Haus ist doch eine tolle Sache. Du sparst Energie, dein Haushalt arbeitet optimiert und du musst dich um viele Sachen nicht mehr kümmern. Wie die ersten Waschmaschinen, Geschirrspüler, Heimcomputer und Digitalkameras auf den Markt kamen – wie viele Leute haben da geglaubt: so was brauchen wir nicht. Und jetzt ist das eine Selbstverständlichkeit. Glaub mir, in ein paar Jahren ziehen auch bei dir ein paar Roboter ein. Und du wirst sie dann nicht mehr missen wollen.

Jupp, das mag ja sein. Aber im Schlepptau schleichen sich dann auch die Hacker in mein Haus. Erst kürzlich haben die ein amerikanisches Kasino attackiert, indem sie über ein Fischaquarium in deren Netzwerk eingedrungen sind. Die Kasinoleute hatten über Internet den Tank temperiert und die Fische automatisch gefüttert. Letztes Jahr hat das Mirai-Botnet die Kontrolle über intelligente Heimgeräte auf der ganzen Welt übernommen und in Zombie-Maschinen für Netzattacken verwandelt. Und vor ein paar Tagen hat die deutsche Regierung den Einsatz des Bundestrojaners auf allen privaten Geräten beschlossen. Da freuen sich die Hacker wieder über die offenen IT-Türen der Geheimdienste und Sicherheitsbehörden.

  • Ingo, als alter Optimist, wie kannst du das alles so schwarz sehen? Die digitale Überwachung soll uns doch vor Kriminellen und Terroristen schützen. Wir müssen denen technisch voraus sein, sonst haben wir gegen das organisierte Verbrechen keine Chance mehr.

Also, mein lieber Jupp, schau dir doch mal die Terrorangriffe der letzten Jahre an. Kaum einer konnte durch die Überwachung verhindert werden. Vielmehr waren alle Terroristen einschlägig als Gefährder bekannt, wurden oft sogar überwacht und produzierten haufenweise Warnsignale. Möglich waren diese Fälle durch ein Versagen der Sicherheitsbehörden. Jetzt haben wir die Skandale in der Automobilindustrie: Abgasbetrug und Kartellbildung. Die deutschen und die europäischen Verantwortlichen, insbesondere unser Verkehrsminister Dobrindt, haben jahrelang die Augen zugemacht. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat sogar extra einen Prüfbericht über die Porsche-Abschalteinrichtung geschönt.  Als Optimist bin ich froh, dass noch frühzeitig genug die dunklen Seiten der Digitalisierung zum Vorschein kommen. Unsere Aufsichtsbehörden sind heillos überfordert.

  • Da magst du ja recht haben, Ingo. Aber die Künstliche Intelligenz mit ihren selbstlernenden Maschinen wird uns bald viele Probleme lösen können. Denke nur an das Autofahren. Mit den Roboterautos wird es kaum noch Unfälle geben.

In einem hast du recht, Jupp: die KI wird bald unseren Alltag bestimmen. Sascha Lobo hat prophezeit, dass wir in fünf Jahren die Hälfte des Tages tun und lassen, was uns eine Maschine vorschreibt. Das wird auf drei verschiedene Arten geschehen: freiwillig, weil es uns richtig erscheint. Unfreiwillig, weil es für uns nicht anders geht. Und drittens unwissentlich. Uns droht die maschinelle Bevormundung.

  • Also Ingo, eins weiß ich sicher: meine Frau lässt sich von nichts und niemanden bevormunden. Gnade dem Roboter, der nicht spurt oder ihr widerspricht. Der landet gleich in der Schrottpresse.

So einfach ist das nicht, Jupp. Das Schlimme ist, dass die lernenden Maschinen von uns Menschen programmiert werden. Sie übernehmen damit ohne ein eigenes Wertgefühl unsere negativen Eigenschaften und könnten dadurch egoistisch, aggressiv und rassistisch handeln.  Und wenn die KI sich erstmal eigenständig weiterentwickelt, wird die daraus entstehende Superintelligenz uns Menschen wie armselige, dumme Ameisen betrachten, die in der Welt nur Unheil anrichten. Die Vorboten sind schon da und heißen: Alexa, Cortana und Siri. Ihre Nachfolger werden bald als persönliche Assistenten in unsere Familien einziehen und unsere Kinder betreuen.

  • Schlimme Aussichten, Ingo. Jetzt bist du ja zum extremen Pessimisten mutiert. Stell dir vor, Alexa würde bei unseren Gesprächen mit am Tisch sitzen und mitquasseln. Und dabei alles simultan an die amerikanischen Geheimdienste übermitteln. Da könnten wir ja gar nicht mehr meckern. Die lässt sich auch mit viel Bier nicht betäuben.

Gutes Stichwort, Jupp. Wir brauchen wieder ein analoges Elixier. Herr Wirt, zwei Bier bitte. Wir wollen auf das gute alte Handwerk trinken, solange es noch existiert. Prost!

 

 Ein Politiker erkundigt sich vor einer Fernreise bei einem Mathematiker, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine Bombe im Flugzeug ist.

Der Mathematiker rechnet einen Tag lang und verkündet dann: Die Wahrscheinlichkeit ist eins zu Zehntausend! Dem Politiker ist das noch zu hoch, und er fragt den Mathematiker, ob es nicht eine Methode gibt, um die Wahrscheinlichkeit zu senken.

Der Mathematiker verschwindet wieder für einen Tag und hat dann die Lösung: Nehmen Sie selbst eine Bombe mit! Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Bomben an Bord sind, ist dann das Produkt (1/10.000) x (1/10.000) = Eins zu Hundertmillionen. Damit können Sie beruhigt fliegen!

(Autor unbekannt)

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