Die Stechmücke im Schlafzimmer

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de

Der langerwartete Beginn des Frühlings hat bei unseren beiden altgedienten Klinikrecken Jupp und Ingo Nöhr eine etwas nachdenkliche Stimmung ausgelöst, die angesichts der beunruhigenden Ereignissen in der Welt in philosophischen Betrachtungen über die menschlichen Ursachen mündet. Zuerst müssen sie sich aber noch mit dem Aprilscherz eines unbekannten Zeitgenossen auseinandersetzen, der die Eingangstür ihrer beliebten Eckkneipe mit einem rotweißen Absperrband und einem amtlich aussehenden Schild blockierte: „Heute nur Zugang für Anti-Alkoholiker und Milchtrinker - 1. April = Welt-Antidrogentag“.

Mann Ingo, ein einzelner Scherzbold könnte dir den ganzen Tag versauen. Dazu muss ich dir eine Geschichte erzählen, die ich kürzlich gehört habe. Unglaublich, was Kinder im Internet so alles bewegen können. Hast du schon mal von Martha Payne aus Schottland gehört?

  • Kenn ich nicht, Jupp. Wenn du auf die Nutzung von Whatsapp, Facebook, Instagram und andere Datensammelgruben anspielst, nehme ich an, dass du sagen willst, dass schon Kinder das Marketingverhalten großer Konzerne beeinflussen.

Das meine ich gar nicht. Es geht viel direkter. Also, die Martha war gerade neun Jahre alt, hatte einen Laptop geschenkt bekommen und staunte über die ganzen Möglichkeiten der Social Media. Sie ging zu ihrem Papa und teilte ihm mit, dass sie jetzt auch Blog-Journalistin werden möchte. Sein Vorschlag: „Da schreib halt was über deine Erlebnisse, aber möglichst nicht über unsere Familie.“ Er eröffnete ihr einen einfachen Blog im Internet und Martha legte los. Als erstes bewertete und fotografierte sie das armselige Kantinenessen in ihrer Schule mit einem entsprechenden Kommentar.

  • Na ja, was soll‘s? Jupp - Essen … diese Fotos findest du doch zu Zehntausenden in Facebook und Twitter. Was ist daran besonderes?

Du wirst staunen. Ein bekannter Schulmenü-Koch griff diesen Blog auf, er ermunterte sie weiterzumachen … und dann ging aber die Post ab. Fünf Wochen später hatte Marthas Webseite drei Millionen Besucher aus aller Welt, sie wurde von den Lokalzeitungen interviewt und von BBC zu einer Radiosendung eingeladen. Da wurde es der Schulbehörde zu bunt und sie verbot ihr wegen der negativen Schlagzeilen, weiterhin Fotos vom Schulessen zu machen.

  • Das ist ja leicht nachzuvollziehen. In Deutschland hätten Anwälte ihr schon längst eine saftige Klage wegen Geschäftsschädigung angedroht und eine kostenträchtige Abmahnung geschickt.   

Ja, warte ab. Ingo, es geht weiter: Marthas Abschied vom Blog löste nun einen Proteststurm im Internet aus. Eine Menschenrechtsgruppe prangerten diese Zensur an und schottische Parlamentarier erzwangen letztendlich einen Rückzieher des behördlichen Beschlusses. Martha erzielte nebenbei Einnahmen aus den vielen Interviews und spendete sie an eine Hilfsorganisation. Schon nach zwei Monaten waren über 100.000 Britische Pfund auf ihr Spendenkonto eingegangen. Innerhalb eines Jahres war Martha weltweit bekannt und erhielt fünf Auszeichnungen für ihr Engagement. Zwei Jahre später hatte ihr Blog NeverSeconds zehn Millionen Besucher. Und das Kantinenessen ihrer Schule erhält seitdem gute Noten.

  • Alle Achtung. Eine Neunjährige. Das ist natürlich ein Aufhänger für die Presse. Und Shitstorms per Internet werden ja zunehmend beliebter. Martha erinnert mich an das pakistanische Mädchen namens Malala Yousafzai, die mit elf Jahren in einem Blog-Tagebuch der BBC über die Gewalttaten der Taliban berichtete und bei einem Attentat schwer verletzt wurde. Aufgrund ihres fortwährenden Engagements für das Schulbildungsrecht von Mädchen erhielt sie mit 17 Jahren den Friedensnobelpreis.

Ja, ich erinnere mich. Sie hatte vorher auf der UN-Vollversammlung eine beeindruckende Rede gehalten: „Ein Kind, ein Lehrer, ein Stift und ein Buch können die Welt verändern“. Karl Marx hatte auch mal mit einem Buch angefangen und damit die Welt zwei Generationen lang zweigeteilt.  

  • Es müssen nicht immer Bücher sein. Mahatma Gandhi und Nelson Mandela haben allein durch ihre charismatische Persönlichkeit die Massen bewegt, leider auch unseligerweise Adolf Hitler. Heutzutage müssen wir mit solchen obskuren Gestalten wie Donald Trump und Erdogan zurechtkommen. 

Trumps Vater startete seine Immobilienkarriere als einfacher Zimmermann, Erdogan ist der Sohn eines Seemanns, und Adolf Hitler schlug sich zunächst als Kunstmaler durch. Immer wieder zeigt sich, dass eine einzelne Person oder eine kleine Gruppe von Menschen die Welt verändern kann. Es ist anscheinend das einzige, was bisher funktioniert hat. Und dank dem Internet sind jetzt schon die Kinder dazu in der Lage. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Wenn du dich zu klein fühlst, um in der Welt etwas zu bewegen, … lege dich in einem Zimmer ins Bett, in dem ein kleiner Moskito herumfliegt.“ Ich finde, unsere Gendesigner sollten endlich die Mücken mit Glühwürmchen kreuzen, damit ich im Dunkeln sehen kann, wo ich hinhauen muss.

  • Also Jupp, ich glaube, das Leben wäre noch schöner, wenn Mücken Fett statt Blut saugen würden. Aber wie du siehst, leben die Weltveränderer nach dem Motto Hannibals: „Entweder wir finden einen Weg … oder wir machen einen.“ Alexander der Große durchschlug den Gordischen Knoten und Christoph Kolumbus knallte das Ei auf den Tisch: Ich mich anpassen? Nee, da soll sich lieber die ganze Welt ändern!

Das Problem dieser Welt ist, dass die intelligenten Menschen so voller Selbstzweifel und die Dummen so voller Selbstbewusstsein sind. Und besonders die Deutschen haben die Mentalität, dass jeder daran denkt, die Welt zu verändern, aber niemand es selbst tun will. Bloß nicht den Kopf herausstrecken. Die Amerikaner sind da anders. Apple-Gründer Steve Jobs sagt zu recht: „Menschen, die verrückt sind zu denken, sie könnten die Welt verändern, sind diejenigen, die es auch tun.“ Und seine vier Kollegen wie Larry Page von Google, Mark Zuckerberg von Facebook, Jeff Bezos von Amazon und Bill Gates von Microsoft haben in wenigen Jahren ein weltumfassendes Imperium von über 2 Billionen Dollar Umsatz aufgebaut.   

  • Ein ganz verrückter Vertreter ist Elon Musk. Seinen 300 PS starken Sportwagen Tesla Roadster bestückte er mit fast 7.000 handelsüblichen Laptop-Akkus und verblüffte mit einer Reichweite von 400 Kilometern die Autowelt. Vor zehn Jahren! Nebenbei gründete er den Bezahlservice PayPal und das private Raumfahrtunternehmen SpaceX, welches auch seit zehn Jahren erfolgreich für die NASA arbeitet. Die Triebwerke stellt er übrigens mit 3D-Druckern her. Als nächstes will er zum Mars fliegen und gemeinnützige Künstliche Intelligenz entwickeln. Er ist die lebende Verkörperung für die These von Albert Einstein: „Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten“.       

Ja, ein Wahnsinn: 32 Kriege toben aktuell auf der Erde. Die Militärausgaben von 2016 mit bald zwei Billionen Dollar sind seit langem irrsinnig und die aktuelle Aufrüstung kann nur noch kranken Hirnen entsprungen sein. Ein einziger Kanonenschuss vom modernsten Stealth-Zerstörer kostet 800.000 Dollar. Ein US-General berichtete kürzlich, dass sie eine feindliche Spielzeug-Drohne erfolgreich mit einer Patriot-Rakete abge­schossen haben, die 3 Millionen Dollar kostet. Die kriegerischen Konflikte lösen gewaltige Völkerwande­rungen mit noch unübersehbaren Folgen aus: über 60 Millionen Menschen sind zurzeit auf der Flucht.

  • Diese Wanderungen wurden auch durch das Internet verstärkt. Wie eine ausbrechende Epidemie sprach sich der Willkommensgruß von Angela Merkel herum, jeder Verzweifelte fühlte sich angesprochen, traf Gleichgesinnte und machte sich auf den Weg ins gelobte Land. Die Revolutionen in einigen arabischen Ländern, welche die Diktaturen in kurzer Zeit hinwegfegten, wurden erst durch die extrem schnelle und umfassende Verknüpfung mittels Facebook und Twitter möglich. Die Afrikaner haben das schon lange vorher erkannt: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“  

Wir haben ja ein aktuelles Beispiel in Europa: die Rechtspopulisten. Sie haben die Power der Social Media erkannt und lehren damit den Mächtigen das Fürchten. Im Gesundheitswesen fehlen noch derartige Graswurzel­bewegungen. Im weltweiten Vergleich der Internet-Geschwindigkeit liegen wir an 22. Stelle. Höchst blamabel als eine der führenden Industrienationen. Wenn die Patienten endlich mal gegen die organisierten Bremser der Digitaltechnologie aufmucken würden, hätten wir durch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte schnell eine bessere Diagnostik- und Therapiequalität, eine effektive Kostentransparenz und -senkung sowie einen enormen Bürokratieabbau. Dr. Google und ausländische DocMorris-Apotheken kann auch Minister Gröhe nicht mehr lange aufhalten.

  • Jupp, auf dem Gesundheitskongress des Westens habe ich einen schönen Witz gehört, bei dem einigen Teilnehmern das Lachen im Hals steckenblieb. Kommt ein verzweifelter Patient zum Chefarzt und bittet ihn nach einer jahrelangen Irrfahrt durch ungezählte Fachpraxen um eine endgültige Diagnose. Der Chefarzt selbstbewusst: Mit meiner 30jährigen Berufserfahrung werde ich ihr Problem sofort lösen können. Der in der Ecke sitzende Assistenzarzt im ersten Jahr brummelt leise vor sich hin: Schön gebrüllt, Löwe. Mit meinem Laptop hier habe ich über IBM Watson den Zugang zu 600 Jahren Chefarzterfahrung. 

Ja ja, der schlaue Watson. Mein lieber Ingo. Wenn ich mir so die Tonnen an gesetzlichen und normativen Regelwerken für die Medizinprodukte und Betriebstechnik anschaue, die von den Verantwortlichen im Krankenhaus gelesen, verstanden, akzeptiert und effektiv umgesetzt werden müssen … dann ist da schon längst die künstliche Intelligenz von IBM Watson überfällig. Was nützt uns die ganze schöne 4.0 Welt, wenn wir sie im Krankenhaus 2.0 mit der Gesetzgebung 1.0 in die Praxis umsetzen müssen? Überregulierung ist der Terrorismus des neuen Jahrhunderts!

  • Du hast recht, Jupp. Lass uns den Ruhestand mit einem gepflegten Trunk genießen und für unsere bemitleidenswerten Kollegen eine Gedenkminute einlegen. Herr Wirt, zwei Bier bitte!

Großartig, das machen wir. Ist das Bier in der Kanne, ist der Geist im Manne.
Ist das Bier im Manne, ist der Geist in der Kanne. Zum Wohl, mein lieber Ingo.

 

Die Wahrheit ist, es hat niemals auf der Welt viele bemerkenswerte Leute gegeben.
Die meisten stützen sich ständig auf den Typ gerade neben ihnen -
und fragen, was sie tun sollen. (Woody Allen)
     

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