Die Welt im Umbruch? – ein Rückblick auf die Zukunft

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
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Das Jahr 2016 ist fast vorüber und der Rückblick unserer beiden Freunde Ingo Nöhr und Jupp fällt erwartungsgemäß unterschiedlich aus. Jupp wird durch die vielen Negativmeldungen der letzten Monate zunehmend deprimierter, während der optimistische Ingo hoffnungsfroh den Neubeginn aus der verfahrenen Weltsituation erwartet. Die beiden Sichtweisen prallen beim monatlichen Stammtisch in ihrer Eckkneipe wieder einmal aufeinander.

Ingo, was sagst du jetzt als unverbesserlicher Optimist dazu? Die Krisen in unserer Welt nehmen 2016 dramatisch zu. Nichts funktioniert mehr so, wie es früher mal gedacht war. Die Lufthansa sagt wegen der Pilotenstreiks Tausende von Flügen ab, Bankeneliten entpuppen sich zunehmend als kriminelle Vereinigungen, Autohersteller haben ihre Kunden systematisch betrogen. Die nächsten Olympiaden sehen wir nur noch im Bezahlfernsehen. Die Regierung wird gerade von der EU verklagt, weil sie seit neun Jahren bewusst gegen die EU-Nitratverordnung verstößt. Und wir ehrlichen Steuerzahler müssen mal wieder alles bezahlen.

  • Also Jupp, am EU-Bußgeld trägst du ein bisschen Mitschuld. Du willst partout nicht auf dein Schweinefleisch verzichten, daher muss du auch deren Gülleprodukte im Wasser mittrinken.

Ach was, halb so wild und bald gelöst. Wissenschaftler der Universität Hohenheim testen gerade ein Verfahren, mit dem man aus Gülle Dünger und Biokohle herstellen kann. Viel schlimmer sind die politischen Kapriolen: der Euro wackelt bedenklich, die Briten hauen aus der EU ab, die türkischen und amerikanischen Präsidenten spinnen herum. In Europa gewinnen die Rechtsradikalen zunehmend die Oberhand, auch weil sich die Flüchtlingsströme nicht stoppen lassen. Und der Presse kann man auch nicht mehr trauen.

  • Aber das hat doch einen guten Nebeneffekt produziert. Die deutschen Medien müssen sich nun gemeinsam mit den Politikern mühsam den Wutbürgern zuwenden und sich mit knirschenden Zähnen ihre Beschwerden anhören. Über Jahrzehnte konnte man die Verlierer in der Gesellschaft ignorieren, da sie als Nichtwähler auf ihr politisches Einflussrecht verzichtet hatten. Aber die Politik hatte ein wichtiges Prinzip des Managements vergessen: Achte auf die Verlierer deiner Maßnahmen! Sei alarmiert, wenn ihre Wut ein Sprachrohr findet! Nun ist es passiert: Donald Trump und die AFD sind für die herrschende Klasse existenzbedrohend, denn sie versprechen, es „denen da oben“ mal ordentlich zu zeigen.

Da oben muss aber auch mal für Ordnung gesorgt werden. Im Gesundheitswesen ist es mittlerweile genauso, Ingo: Die Krankenkassen ermuntern die Ärzte, ihre Patienten kränker zu schreiben als sie wirklich sind, um mehr Geld aus dem Ausgleichstopf abzuziehen. Notleidende Kliniken nehmen ihre ambulanten Notfallpatienten medizinisch unbegründet stationär auf, um mehr Kohle zu machen.
Die Deutschen haben zwar die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf in Europa, liegen mit der Lebenserwartung aber gerade mal im Mittelfeld. Spanier, Italiener, Franzosen und selbst die bankrotten Griechen leben im Schnitt drei Jahre länger als wir. Brauchst du noch mehr Hiobsbotschaften? Alles passiert jetzt auf einmal, diese Häufung gab es doch noch nie. Unsere Welt gerät zunehmend aus den Fügen.

  • Tut mir leid, Jupp. Ich kann deine pessimistische Sicht zwar nachvollziehen, aber ich sehe durchaus positive Aspekte in diesen Entwicklungen. All diese Institutionen sind an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und, viel schlimmer, an die Glaubwürdigkeit gekommen. Das Vertrauen der Bürger in die Eliten der Banken, der Hersteller und der Staatsgewalt wurde durch Gier und Inkompetenz zerstört.

Aber das ist doch schrecklich, Ingo. Das reißt unsere Gesellschaft doch auseinander, wie man jetzt schon in den Vereinigten Staaten sehen kann. Viele wichtige Errungenschaften der Demokratie werden zerstört: Solidarität, Toleranz, Gerechtigkeit. Wie kannst du da noch „positive Aspekte“ finden?

  • Du musst die Geschichte der Menschheit aus der Sicht eines Pendels betrachten. Durch geplante oder zufällige Ereignisse wird das Pendel in einer Richtung angestoßen und der Ausschlag positiv verstärkt. Solange, bis es durch Sättigung oder Überdosierung an einen Endpunkt angekommen ist. Nun fällt das Pendel zurück und schwingt in das andere Extrem. Bis dort erneut eine Ernüchterung oder Enttäuschung eintritt und die Richtung sich wieder ändert. Ein ständiges Hin und her, Auf und Ab. Nicht nur wir Deutschen können da aus einer jahrhundertelangen Erfahrung sprechen.

Und wo soll das jetzt hinführen? Was erwartet die Amerikaner, die Türken, die Deutschen, wenn sich bei den Wahlen die Wutbürger und machtbesessene Politiker durchsetzen? Gibt es dann neue Zwei-Klassen-Gesellschaften mit umgekehrten Vorzeichen: die alten Verlierer auf der Gewinnerseite und die bisherige Machtelite auf der anderen?

  • Nun, ich erwarte einen Trümmerhaufen aus verkrusteten Strukturen, aus denen sich wie Phönix aus der Asche neue Systeme bilden können.

Deine Trümmerhaufen werden aber von einem Millionenheer von arbeitslosen Menschen bevölkert, die sich als neue Verlierer empfinden und ebenfalls radikalisiert werden können. Und der selige Goethe sagte schon voraus: „Unsere Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt der neue sogleich wieder aus der Asche hervor.“ Demnach wird die menschliche Gier erfrischt wieder auferstehen und reine Anarchie ausbrechen. Wie stellst du dir den Neuanfang vor?

  • Die Geschichte wiederholt sich doch mit ständigen Neuanfängen. Schauen wir mal zurück, wenn wir die Zukunft erkennen wollen. Buchdrucker Johannes Gutenberg und Bibelübersetzer Martin Luther revolutionierten die Bildung und machten Tausende von schreibkundigen Klosterbrüdern arbeitslos. Die 68er Generation brachten die sexuelle Befreiung, die Grünen hievten den Umweltschutz ins politische Visier, Fukushima bescherte uns den Atomausstieg.
    Ich projiziere mal ein bisschen in die nächsten Jahre: die selbstfahrenden Elektroautos werden unsere dahinschlummernde Autoindustrie bis ins Mark erschüttern, aber durch die digitale Vernetzung schlagartig viele Verkehrsprobleme lösen können.
    Das unkontrollierbare Internet wird die etablierten Pressemedien und TV-Anstalten mit ihren vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten ablösen, so wie das Smartphone die Wählscheibentelefone und Analogkameras ersetzt hat. Der Zugang zu Wissen wird durch Wikipedia, Amazon, Google, Open Access und Big Data Dienste einfacher und für jedermann verfügbarer gemacht. Heute doch schon alles absehbar.

Aber zu welchem Preis? Postboten, Kurier-, Taxi- und LKW-Fahrer müssen wegen der Google-Autos und Amazon-Drohnen um ihre Jobs fürchten. In zwanzig Jahren soll jeder zweite Arbeitsplatz in Deutschland durch Roboter ersetzt werden können. Viele Berufe werden ganz verschwinden.

  • Klar, die Roboter werden immer stärker unseren Alltag bestimmen und uns ungeliebte Arbeiten abnehmen. Und der gute alte Hausarzt muss sich nun mit bestinformierten Patienten auseinandersetzen, die durch den Dr. Watson von IBM und medizinische Internetportale schon eigene Diagnosen und Therapien erarbeitet haben. Noch gar nicht abzusehen, was die Nano- und Gentechnologien für medizinische Fortschritte liefern werden.
    Das Auto hat damals Pferdekutscher und Hufschmiede arbeitslos gemacht. Hätte Henry T. Ford seine künftigen Kunden nach ihren Wünschen gefragt, hätten sie geantwortet: größere Kutschen und schnellere Pferde.

Aber dadurch werden doch Millionen Arbeiter ihren Job verlieren. Die kannst du nicht einfach schnell mal in neue Fachkräfte umwandeln. Als im Ruhrgebiet die Kohle- und Stahlindustrie international nicht mehr konkurrenzfähig war, haben sie Bergleute zu Laboranten umgeschult. Wie sie da mit zerbrechlichen Reagenzröhrchen in ihren riesigen Pranken hantieren, das Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wie soll man diesen Wandel in der Gesellschaft finanzieren?

  • Genau da setzt ja mein Optimismus an. Geld ist doch genügend vorhanden. Es steckt nur in den falschen Taschen. Beispiel Roboter: wenn Maschinen mehrere Arbeiter kostengünstiger ersetzen, sollten sie auch deren Steuern und Sozialleistungen bezahlen. Beispiel Banken: Wann wird endlich die Trennung von Investmentbanking und Kreditgeschäft wirksam? Die wahnwitzigen Spekulationen an den Börsen würden durch eine Tobin-Steuer für Finanztransaktionen sofort uninteressant werden.
    Nationale Regierungen werden zunehmend durch globale Trends überrannt werden. Man wird dann erkennen müssen, dass die bisherigen Sackgassenmodelle durch neue Konzepte ohne die schädlichen Einflüsterungen der Lobbyisten ersetzt werden müssen. Die in der Finanzpolitik, in der Justiz, in der Bildung, im Gesundheitswesen über eine Generation herangezüchteten bürokratischen Ungeheuer werden in sich zusammenfallen.
    Schau mal die ehemaligen Sowjetstaaten im Baltikum! Nach fünfzig Jahren kümmerlichem Dasein als sowjetische Republik ist Estland weltweit das führende Land im E-Government. Dort kannst du mit dem Mobiltelefon das Busticket oder Parkgebühren bezahlen, die Steuererklärung oder Wählerstimme per Internet abgeben und Krankenakten oder Schulnoten online einsehen, weil jeder Bürger online vernetzt ist.

Ingo, du brauchst gar nicht so weit zu gehen. In Dänemark krempeln sie gerade das Krankenhauswesen komplett um. Sechs volldigitalisierte Superklinikneubauten setzen einen neuen Standard in der Gesundheitsversorgung. Radikaler Einsatz von E-Health. Unsere Datenschützer schüttelt es angesichts dieser Durchsichtigkeit der Bürger.

  • Die Datenschützer zählen doch heute schon zu den aussterbenden Berufen. Die Bürger outen sich hemmungslos in Facebook und Instagram, Ärzte versenden Röntgenaufnahmen und Befunde mittels WhatsApp, kein Monat vergeht mehr ohne eine Nachricht über ein Datenleck mit Milliarden von Bürgerdaten. Und der Bundesnachrichtendienst darf mit Zustimmung des Bundestages künftig Daten aus ganzen Telekommunikationsnetzen mit Auslandsverkehren auch im Inland komplett abschnorcheln, also etwa Netzknoten wie den Frankfurter De-Cix ausspähen. Jetzt haben wir endlich unsere eigene NSA in Deutschland. Die Geheimdienste haben mittlerweile so viele Hintertürchen in Datenbanken und Programmen eingerichtet, dass die zahllosen Hackertruppen hellauf begeistert sein werden.

Tja, Ingo. Ich glaube, ich weiß schon, was in unserer immer dicker werdenden Geheimakte zu lesen sein wird: zwei alternde Dissidenten mit staatsgefährdenden Ansichten, die sich aus Frust regelmäßig Drogen in Form von Alkohol zuführen. Vielleicht wird unser Wirt schon als Drogendealer geführt. Wie dem auch sei – Herr Wirt, bitte zwei neue Bier.

  • Gute Idee, Jupp. Wie Woody Allen denke ich viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens verbringen werde. Auf unser spannendes Jahr 2017. Prost!

 

Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.
(Victor Hugo, französischer Schriftsteller, 1802 – 1885)

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