Die Zukunftsvision

von Ingo Nöhr

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In den aktuellen Nachrichten spiegelt sich eine immer verrücktere Welt. Viele Amerikaner sorgen sich schon um einen Putschversuch ihres Präsidenten, sollte er die Wahl verlieren. Einen kleinen Eindruck über die Reaktion von betrogenen Wählern gibt die Situation in Belarus, wo nun auch Tausende von Frauen gegen Lukaschenko demonstrieren. Elon Musk stellt seinen Gehirn-Chip vor, mit dessen Hilfe demnächst die Tauben hören und die Lahmen gehen sollen. Nebenbei träumt er schon von bemannten Weltraummissionen zum Mars. Sicherlich wird seine dortige Kolonie dann argwöhnisch von der Marssonde Hope beobachtet, die von den Vereinigten Emiraten kürzlich gestartet wurde.

Und in Deutschland? Da übertreffen sich in 16 Bundesländern Politiker aller Couleur im Angesicht der anstehenden Wahlen mit hektischen Rezepten und wetteifern, wie sie der Corona-Gefahr am besten Herr werden. Dumm nur, dass ihnen ein nicht mehr zu ignorierender Teil des Volkes die Gefolgschaft verweigert.

Kein Wunder, dass sich unser alter Krankenhausrecke Jupp etwas überfordert fühlt und seinem Kumpel Ingo beim monatlichen Stammtisch sein Leid klagt.

Hallo Ingo, gut, dass ich wieder einen normalen Menschen vor mir habe. Ich bin total fertig.

  • Wie, Jupp, hast du dir den Corona-Virus eingefangen? Dann halte mal bitte Abstand und setze deine Maske auf. Der Wirt hat bestimmt noch eine Flasche Desinfektionsmittel für dich.

Nein Ingo, da kann ich dich beruhigen. Ich habe keinerlei Symptome und mich kürzlich noch in eine Gruppe von Leuten an einer Teststation reingemogelt, um mich kostenlos testen zu lassen.

  • Da hoffe ich aber, dass du nicht in Bayern unterwegs warst und wochenlang jetzt auf das positive Resultat warten musst.

Nein, das Ergebnis war negativ und außerdem passe ich höllisch auf. Ich habe mir sogar die Corona-App zugelegt. Also keine Angst. Nein, ich hatte den Fehler gemacht, mir gestern Abend noch eine Dokumentation über die Ereignisse der letzten Wochen anzuschauen. Und heute früh ist es dann passiert. Ich hatte beim Aufwachen eine Vision.

  • Eine Vision? „Vision ist die Kunst, Unsichtbares zu sehen.“ - wenn ich mal Jonathan Swift zitieren darf. Unser weiser Bundeskanzler Helmut Schmidt hat damals gesagt: Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen. Aber Visionen sind doch eigentlich etwas Gutes, ein Blick in die Zukunft. Hat die Künstliche Intelligenz unsere Probleme im Klimawandel gelöst? Gibt es nun ein universelles Mittel gegen bösartige Vireninfektionen? Haben wir unvorstellbar leistungsfähige Homecomputer auf Quantenbasis? Oder hast du endlich im Lotto gewonnen und weißt nicht, wie du die Million anlegen sollst?

Nein, Ingo. All das nicht, eher das Gegenteil. Warum ich so geschockt bin? Es war wohl eher ein Albtraum, aus dem ich aufgewacht bin. Ich sprach mit einem Historiker aus der Zukunft, der eine  globale Umbruchphase untersucht und dazu die ersten zwanzig Jahre unseres Jahrhunderts analysiert. Und nebenbei: KI und Quantencomputer haben wohl einiges optimieren können, sind aber letztendlich an der Dummheit der Menschen gescheitert.

  • Jupp, das hört sich sehr spannend an. Erzähle mir mehr davon. Vielleicht hast du ja verborgene Hellseherfähigkeiten. Los sag schon: wird Donald Trump wiedergewählt?

Ja, Trump wurde nach vielen Tricksereien und Manipulationen von einer ausreichenden Anzahl von Wahlmännern gewählt, obwohl er erneut nicht die Mehrheit der Wähler hinter sich hatte.

  • Da hat er bestimmt wieder so eine Firma wie Cambridge Analytica beauftragt, die über Facebook alle unsicheren Wähler identifiziert und mit Propaganda und Fake News entsprechend bearbeitet haben.

Natürlich, schon damals lagen ja über jeden amerikanischen Bürger umfangreiche Dossiers vor. Jetzt hat seine Regierung das chinesische Score-System kopiert und überwacht alle verdächtigen Subjekte, potenzielle Opfer und vermutliche Tatorte mit KI-Algorithmen. Präventive Kriminalistik, sagt mein Historiker aus der Zukunft.

  • Und lass mich raten: dort liefern sich private waffenstarrende Bürgerwehren wilde Gefechte mit Gangsterbanden, Drogenclans und nebenbei müssen ein paar unliebsame Kritiker dran glauben.

Ach Ingo, du siehst zu viel Gangsterfilme im Fernsehen. Überfälle im alten Stil gibt es nicht mehr. Viel vornehmer und bei weitem lukrativer ist das Geldscheffeln durch die Cyber- und Wirtschafts-kriminalität geworden. Der Drogenkonsum ist komplett zusammengebrochen, seitdem es die billigen Neuralink-Gehirnimplantate von Elon Musk gibt, die permanent Rauschzustände aller Art erzeugen können.

  • Jupp, das erinnert mich an die Mäuse, die auch solche Stimulationsdrähte in ihrem Hirn hatten. Sie sind regelrecht verhungert, weil sie keine Zeit zum Fressen opfern wollten.

Trump sollte sich auch so einen Chip einpflanzen lassen. Nach seiner Wahl ist er komplett ausgerastet. Jetzt herrscht endlich Recht und Ordnung. Er hat mit seinem America-first-Konzept jetzt auch seine Ruhe vor all diesen fiesen Ausländern und internationalen Institutionen. Die USA hat sich mit den Wirtschaftskriegen gegen China und die EU weltweit isoliert, nachdem er alle Abkommen der Globalisierung zerstört hat.

  • Aber die Amerikaner sind doch in zwei große Gruppen polarisiert, was sagt denn die Fraktion der Trumpgegner? Und wie reagieren die vielen Verlierer im Wirtschaftsgeschehen?

Die Verlierer haben resigniert, als sie merkten, dass sie eigentlich keine Stimme und Wahlalternativen haben. Sie sind noch weiter verarmt, werden aber mit Helikoptergeld und „Brot und Spiele“ ruhiggestellt. Der Schuldenstand ist absurde Höhen gestiegen und der Dollar als weltweite Leitwährung wurde schon in vielen Ländern von China durch eine digitale Devisenkombination abgelöst.

  • Aber wo bekommt die USA dann das Geld her? Druckt die Federal Bank weiterhin Billionen von Dollarscheinen, saugen die Hedgefonds weltweit Firmen aus, sprudelt es aus den globalen Spekulationsgeschäften an den Börsen?

Von allem wohl etwas. Einige wenige Großkonzerne und Banken sind jetzt die wahren Alleinherrscher und finanzieren die politische Kaste. Dass die klassische Industrie am Boden liegt, stört nicht weiter, seitdem die Rüstungsindustrie einen fulminanten Aufstieg erlebt hat. Die wichtigste Waffe, mit der die USA fast alle Länder der Welt erpressen kann, sind die Drohnen. Dagegen gibt es noch keinen Schutz. Die Zahl der kriegerischen Konflikte hat enorm zugenommen, seit nationale Interessen mit brutaler Gewalt durchgesetzt werden. 

  • Jetzt rächt sich sicherlich, dass viele Ländergrenzen von den damaligen Kolonialmächten mit dem Lineal gezogen wurden. Ohne Rücksicht auf Kulturen und Völkerstämme wurden historisch gewachsene Gebiete künstlich getrennt oder zusammengewürfelt. In der neuen Zeit der tolerierten Abrechnung besteht natürlich auf allen Seiten ein riesiger Bedarf an Rüstungsgütern. Gerade rasseln Griechenland und Türkei für ein bisschen Gas mit ihren Waffen. Beides sind NATO-Mitglieder. Da ist für mich hochinteressant, wie der NATO-Bündnisfall funktionieren soll, wenn ein NATO-Land um militärische Hilfe ruft.

Das wundert mich nicht, Ingo. Türken und Griechen hatten immer schon Probleme miteinander. Mein Historiker hat gesagt, dass nach seiner Meinung der erste Auslöser dieses weltweiten Umbruchs in der Geschichte genau datiert werden kann: der Terrorschlag am 11. September 2001. Die 3000 toten Amerikaner entfesselten eine beispielslose Kettenreaktion, die eine jahrzehntelange Überwachungshysterie auslöste und in zwei sogenannten Kriegen gegen den Terror Millionen Todesopfer forderte. Dabei hatten die Regierungen in Irak und Afghanistan überhaupt nichts mit dem Terrorangriff zu tun. Verantwortlich waren Saudis, aber die waren als wichtige Wirtschaftspartner der USA tabu.  

  • Danach haben viele Menschen das Vertrauen in die Regierung verloren und hingen Verschwörungstheorien nach: das Kennedy-Attentat, die Mondlandung, der Einsturz der World-Trade Türme, die Corona-Pandemie – ein erschreckend hoher Anteil der Amerikaner hält die offiziellen Verlautbarungen dazu für Lügen. Trump macht es ihnen ja tagtäglich vor: 20.000 Fake News und Unwahrheiten wurden in seiner Amtszeit bislang gezählt.

Diesen Vertrauensverlust sehen wir auch aktuell in Deutschland. Schau dir nur die großen Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen an. Jetzt wehte sogar schon die Reichsflagge vor dem Bundestag. Die wütenden Verweigerer haben sich ungeachtet ihrer politischen Ausrichtung gegen einen gemeinsamen Feind zusammengetan. Und ob da der ausgeübte Druck mit hohen Bußgeldern und Diffamierungen als rechtsradikale Maskenverweigerer die Situation wirksam bereinigen wird, wage ich stark zu bezweifeln. Ein zweiter Lockdown ist in der Bevölkerung bestimmt nicht mehr durchsetzbar.

  • Mich wundert das nicht, Jupp, dass die Regierenden und Experten in den Medien immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren. Besonders beim Thema Corona-Pandemie. Langsam kommen ernstzunehmende Mediziner zu Wort, die darauf hinweisen, dass die Zahl der täglichen 1.300 Neuinfizierten wenig aussagt, wenn man sie nicht zu der Anzahl der wirklich Infektiösen, der durch den Covid-19 Virus Erkrankten und Getöteten in Beziehung setzt. Von den über 30.000 Intensivbetten in Deutschland sind momentan 228 mit Covid-19 Patienten belegt, dass sind weniger als 0,8%. Von den täglichen 2.600 Sterbefällen in Deutschland werden seit Mitte Juni weniger als 10 Gestorbene dem Coronavirus zugerechnet.  Am gleichen Tag sterben aber 330 durch Rauchen, 200 durch Alkohol und bis zu 55 durch Krankenhauskeime. Ich denke, wir sollten unsere Prioritäten bei der Aussage „Leben hat Vorrang“ mal kritisch überdenken.

Ja Ingo, dass meinte mein Historiker wohl damit, dass wir auch im 21. Jahrhundert immer noch in kollektive Hysterien verfallen können, die durch Massenmedien lange Zeit aufrechterhalten werden. Nur, was ihn überrascht hat, dass die wirklich existenzbedrohende Krise des Klimawandels trotz unübersehbarer Warnzeichen über so lange Zeit verdrängt worden ist. Nun sind viele Regionen in Europa, Afrika und Amerika unbewohnbar geworden, dafür entstanden in Skandinavien und Sibirien neue Refugien für die Reichen. Die klassischen Urlaubsziele am Mittelmehr und in der Karibik sind künstlichen Disneyland-Inseln gewichen, wo einem noch die heile Welt vorgegaukelt wird.

  • Also Jupp, ich glaube, es genügt. Da schlägt ja wieder deine extrem pessimistische Lebenseinstellung voll durch. Alle deine Ängste hast du in deine Zukunftsvision projiziert. „Visionen sind Strategien des Handelns. Das unterscheidet sie von Utopien.“ Das Zitat stammt von Roman Herzog, unserem ehemaligen Bundespräsidenten. Denk doch mal alternativ.

Alternativ? Ingo, ich fasse es nicht. Wie kannst du bei diesen Katastrophenmeldungen noch als Optimist in der Welt herumlaufen?

  • Ganz einfach - durch einen Perspektivenwechsel. Also mein optimistischer Historiker würde in der Zukunft unsere Zeit ganz anders beurteilen. Natürlich sieht er auch den großen Umbruch mit all seinen negativen Auswirkungen. Aber: er schaut auf die korrektiven Kräfte in der Gesellschaft. Lügen der Politiker werden in den Medien aufgedeckt, Alibiaktionen der Regierungen entlarvt, die jahrzehntelangen Versäumnisse im Bildungssystem, bei der Gesundheitspolitik und im Verkehrswesen gnadenlos angeprangert, die grassierende Umweltzerstörung penibel dokumentiert. Die rebellische Jugend treibt die Modernisierung in allen Bereichen voran. Ein kleines schwedisches Schulmädchen mit seinem Protest entfesselte eine weltweite Bewegung. Ein Verstecken der Versäumnisse funktioniert nicht mehr. Es herrscht ein gesundes Misstrauen gegenüber allen offensichtlichen Versprechungen. Problemlösungen durch Gewalt werden missbilligt, Kooperationen und soziale Gemeinschaften vernetzen sich international. Die Lockdowns haben drastisch die Fragwürdigkeit unbegrenzten Konsums und Wachstums vor Augen geführt. Und ganz nebenbei auch noch die labilen Machtverhältnisse entschleiert. Darin liegen doch bislang ungenutzte Potenziale zur Verbesserung der Weltsituation.

Also Ingo, jetzt bin ich platt. Dein Historiker muss unbedingt Kontakt aufnehmen mit meinem Experten. Vielleicht treffen die sich dann in der Mitte. Ich brauche jetzt ein Bier.

  • Gute Idee, Jupp. Wenn wir jetzt deinem Szenario folgen würden, hätten wir einen Neuralink-Chip im Kopf und würden dem Wirt per Gedankenübertragung unsere Bestellung zuleiten. Ich bin mir aber sicher, dass er sich keinen Chip einpflanzen lassen wird.

Da wirst du Recht haben. Also bestellen wir wieder mit der althergebrachten Methode. Herr Wirt, bitte zwei Bier zum Prost auf die Zukunft.

 

Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt,
die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv, sich anzustrengen.
(Erich Fromm, Psychoanalytiker, 1900 – 1980)

Das Leben ist eine große Straße mit vielen Schildern.
Wenn du also auf der Spur fährst, so verkompliziere nicht deinen Verstand.
Fliehe vor Hass, Unheil und Eifersucht. Begrabe nicht deine Gedanken, setze deine Vision in die Realität um. Wache auf und lebe!
(Bob Marley, Reggae-Sänger, 1945 – 1981)

 

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