Disruptive Politik - oder wie man in kurzer Zeit die Welt neu gestaltet

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de

Die absurden Bilder der Weltpolitik werden nur noch vom Höhepunkt des Karnevals übertroffen. Die pensionierten Krankenhausstrategen Ingo Nöhr und Jupp treffen sich in der närrischen Zeit wieder zum traditionellen Plausch am Stammtisch in ihrer Eckkneipe. Die aktuellen Meldungen im Gesundheitssektor über Grippewelle und Masernausbrüche werden überlagert von den Kapriolen einiger Staatsmänner. Haben diese die Macht, den Lauf der Weltgeschichte zu verändern? 

Hallo, Ingo, hast Du auch die Karnevalsumzüge am Rosenmontag verfolgt? Die Düsseldorfer haben Donald Trump als Vergewaltiger der Freiheitsstatue dargestellt. Wenn das Foto um die Welt geht, dann können wir uns auf einen Twitter-Shitstorm aus Washington gefasst machen.

  • Ja Jupp, ganz schön brisant. Gleich dahinter folgte der Wagen mit der Rache: Die etwas lädierte Freiheitsstatue hält das Haupt des geköpften Trump in die Höhe. Vor kurzem war es auf einem Titelbild eines bekannten Nachrichtenmagazins noch umgekehrt zu sehen. Da hatte Trump die Miss Liberty geköpft.

Stell Dir nur mal vor, wir hätten den türkischen Präsidenten in diesen Posen gezeigt. Der hätte sofort seine neue, EU-finanzierte Armee von zwei Millionen Flüchtlingen gegen uns in Marsch gesetzt. Dann wären wir auch bald ein Teil des Großosmanischen Reiches.

  • Ein gelungenes Beispiel von disruptiver Politik, die jetzt anscheinend weltweit salonfähig geworden ist.

Ingo, was, bitte schön, ist disruptive Politik? Und wo findet sie statt?

  • Mein lieber Jupp. Wir haben disruptive Politik doch schon vor ein paar Jahren in Deutschland selbst erlebt. Disruptive Technologien sind ein uraltes Phänomen: Dampfmaschinen haben die Handarbeit ersetzt, Autos die Pferdekutschen, Transistoren die Radioröhren, Digitalkameras die Fotoapparate, Smartphones die Wählscheibentelefone und so fort. Eine Innovation hat eine bestehende Technologie in kurzer Zeit vollständig vom Markt verdrängt.

Das verstehe ich schon. Eine Innovation ist dann erreicht, wenn der Markt Hurra schreit. Jetzt kommen die Elektrocars und die selbstfahrenden Autos, die Drohnen und die denkenden Computer, welche die amtierenden Weltmeister in Go und Poker blamieren. Aber wo soll denn die Politik innovativ sein? Und vor allem disruptiv?

  • Schau Dir nur unsere Energiepolitik an. 2010 hatte das Kabinett Merkel die Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke beschlossen und unsere Energiekonzerne sahen weiterhin rosigen Zeiten entgegen. Dann passierte am 11. März 2011 die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Und schon drei Monate später beschloss der Bundestag die Beendigung der Kernenergienutzung. Von Merkels disruptivem Atomausstieg haben sich die Stromgiganten bis heute noch nicht erholt. Und wir haben manchmal Wind- und Solarenergie im Überfluss, die wir nicht adäquat speichern können. Dabei könnten wir den überflüssigen Strom für die Elektrolyse von Wasser verwenden und den so entstandenen Wasserstoff in die Brennstoffzellen der Automotoren einzufüllen. Der Toyota Mirai fährt damit schon seit September 2015 serienmäßig herum.

Ah, so meinst du das also. Unbedachte Politikerentscheidungen lösen überraschend einen gewaltigen Erdrutsch in der Gesellschaft aus. Da fällt mir doch sofort der Brexit ein, der die EU auch völlig unvorbereitet getroffen hat. So wie damals im November 1989 die Mauer in Berlin fiel. Die Wiedervereinigung wäre demnach auch ein Ergebnis disruptiver Politik.

  • Ja, auch Merkels Willkommen leitete die Flüchtlingsströme zu uns, die unsere Gesell­schaft nachhaltig veränderten. Die US-Wahl polarisiert das gesamte amerikanische Volk. Putins Annexion der Krim, Erdogans Rundumschlag gegen seine Kritiker, die IS-Attentate und Kriege, die "fail states" in Afrika, all diese verstörenden Erlebnisse beeinflussen massiv unser Weltbild und somit den Druck auf unsere Politiker. Stell dir mal vor, die rechten Populisten gewinnen wie in Polen und Ungarn auch die Wahlen in Frankreich, den Niederlanden und in Deutschland. Unser liebgewonnenes Europa würde sich drastisch ändern, vielleicht sogar auseinanderfliegen.

Klar, Lügen werden gerade zu alternativen Fakten, Zeitungen zu Staatsfeinden und Kritiker zu Terroristen erklärt. Unberechenbare Politiker ohne Weitblick hatten wir aber immer schon. Fragt sich aber, wie lange sie sich halten können, wenn herauskommt, dass die disruptive Entscheidung langfristig gesehen mehr Nachteile als Verbesserungen beschert hat. Die kriegerischen Interventionen des Westens im Irak, in Afghanistan und in Libyen haben ein heilloses Chaos angerichtet, dessen Reparatur unglaubliche Summen verschlingt und Jahrzehnte dauern wird.

  • Lieber Jupp, es ist deprimierend. Lass uns mal die destruktive Weltpolitik verlassen und uns unserem Spezialgebiet zuwenden. Die GAFA mit ihrem 1,7 Billionen Dollar Umsatz entdecken jetzt zunehmend das Business im Gesundheitssektor.

Entschuldige Ingo, wenn ich dich unterbreche, aber wer sind denn jetzt die GAFA? Hat sich wieder ein Ölkonzern umbenannt?

  • Nein, das ist eine Abkürzung für die "Big Four" Konzerne: Google, Apple, Facebook und Amazon. Deren Umsatzgröße übertrifft mittlerweile das Bruttoinlandsprodukt von Kanada, der Nummer zehn in der weltweiten Hitliste. Was die Digitalisierung unserer deutschen Unternehmen angeht, hinken wir auf dem Niveau eines Entwicklungslandes rettungslos hinterher. Mehr als die Hälfte ist nicht vorbereitet. Wie sagte Angela Merkel 2013 im Beisein von Barack Obama so schön: "Das Internet ist für uns alle Neuland". Da gab es das Worldwide Web schon über zwanzig Jahre.

Okay, disruptiv waren sie ja mit den technischen Innovationen. Aber was wollen die denn im Gesundheitssektor anfangen?

  • Jupp, ich spinne jetzt mal ein bisschen vor mich hin. Wir Deutschen haben trotz jahrzehntelanger Kostendeckelungsreformen jährlich steigende Gesundheitskosten mit zurzeit 350 Mrd. Euro und gehören damit zum Club der teuersten Systeme der Welt. Laut Analyse des Statistischen Bundesamts zählt das Bundesgesundheits­ministerium auch zu den größten Bürokratiesündern in Deutschland. Wenn es einen Nobelpreis für Bürokratie gäbe, würde er oft nach Deutschland gehen.

Na, die Ursachen liegen doch klar auf der Hand. Wir leisten uns einen planwirtschaftlichen Moloch mit zehntausenden Verwaltungsbeamten, mit Parallelstrukturen in sechzehn Bundesländern. Ephraim Kishon hat mal gesagt: "Von allen Plagen, mit denen Gott der Herr unser Wirtschaftsleben heimsucht, ist die Bürokratie die weitaus schlimmste. Die Bürokratie ist nicht etwa ein Versagen der Regierung. Das glauben nur die Optimisten. Die Bürokratie ist die Regierung selbst." Die Marktgesetze nach Angebot und Nachfrage gelten hier nicht.

  • Du bringst es auf den Punkt, Jupp. Aber gerade die extrem kosteneffiziente Umsetzung von Marktideen hat die Big Four so erfolgreich gemacht. Jetzt stell dir mal folgendes Szenario vor: Die GAFA-Truppe identifiziert die lukrativsten Segmente des deutschen Gesundheitswesens und bietet auf rein privater Basis, ohne staatliche Fördermittel, ohne Kassenärztliche Vereinigungen und vor allem ohne kostenfressenden Wasserkopf ein Alternativmodell an: private Krankenversicherung, Privatkliniken mit fünf Sterne Hotelstandard, mit renommierten Honorarärzten und dem modernsten Equipment für eine sorgfältig ausgesuchte Patientenklientel - eben Gesundheit 4.0 in Reinkultur. Eine Lawine von interessierten Investoren und Businessmanagern schafft in kurzer Zeit die Fakten. Der Gesetzgeber wird überrumpelt und kommt mit seinen Regularien viel zu spät. Das erfolgreiche Modell setzt den Bundesgesundheitsminister und die Länderregierungen politisch unter Druck, schließlich sind immer irgendwo Wahlen zu gewinnen.

Unsere Klinikwelt wäre eine andere. Du hast Recht, Ingo. In kleinerem Rahmen haben längst Amazon den Buchhandel, AirBnB das Hotelgewerbe, Uber die Taxiunternehmen, Ebay den Einzelhandel, Spotify die Musikindustrie, Twitter und die Online-Blogs die Pressemedien angegriffen. Von Youtube und ihrem Einfluss auf die Filmindustrie gar nicht zu reden. George Bernard Shaw hat das Erfolgsrezept schon früh erkannt: "Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an. Der unvernünftige Mensch besteht darauf, dass sich die Welt nach ihm zu richten hat. Deshalb hängt jeder Fortschritt von dem unvernünftigen Menschen ab."

  • Die Zeit von Dinosauriern ist wohl endgültig vorbei, Jupp. Die Anpassung an die bürokratische Welt durch vernünftige Menschen funktioniert immer weniger. Gerade heute am Rosenmontag hat der Rat der EU die finalisierten Texte der beiden EU-Verordnungen zu Medizinprodukten und Invitro-Diagnostika vorgelegt. Im Sommer können die bereits in Kraft treten. Eintausend Seiten insgesamt, kannst du dir das vorstellen? Ein Monsterdokument. Wer soll das lesen, das verstehen, in die Praxis umsetzen und letztendlich die Wirksamkeit kontrollieren?

Wie beruhigend, dass ich für den ganzen Medizintechnikkrempel nicht mehr verantwortlich bin. Ich würde ja 90% meiner Arbeitszeit nur noch mit dem Lesen von Vorschriften verbringen. Da lobe ich mir doch den unkomplizierten Alltag. Schau mal hier: ganz ohne Antragsformular, ohne Vertragsbewertung, Lieferantenselektion und Wareneingangskontrolle können wir ganz einfach laut rufen: Herr Wirt, bitte zwei Bier!

  • Und nicht zu vergessen: seit der Erfindung des Bieres vor zehntausend Jahren in China hat es in der Produktion noch keine disruptive Innovation gegeben. Das ist doch sehr beruhigend. Prost, Jupp.

Im Nachhinein ist jede gute Idee logisch, aber um dorthin zu gelangen, muss man die Denkrichtung ändern. (Edward de Bono) 

Zurück

Einen Kommentar schreiben