Don’t panic!

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Panik ist - laut Duden - die "durch eine plötzliche Bedrohung, Gefahr hervorgerufene übermächtige Angst, die das Denken lähmt und zu kopflosen Reaktionen führt“. In einer Paniksituation verliert der Akteur die Selbstbeherrschung und damit die Beherrschung einer Situation.

Die neueste Geißel der Menschheit ist das Corona-Virus, welches Millionenstädte, Kreuzfahrtschiffe und Urlaubshotel unter wochenlange Quarantäne stellt, den Welthandel durch blockierte Containerschiffe und ausgefallene Fabrikarbeiter bedroht und hysterische Aktivitäten auslöst. Kein Wunder – das ist das Hauptthema beim aktuellen Stammtischgespräch von Ingo und Jupp.

  • Jupp, hast du schon genügend Vorräte für mehrwöchige Quarantänen angelegt? Ein Tank mit Desinfektionsmitteln wäre sicherlich auch hilfreich. 50.000 Italiener dürfen ihre Heimatorte nicht mehr verlassen. 70 Containerschiffe mit Waren können nicht in China ablegen, 90% der Firmen produzieren nicht mehr. Die Börsen erwarten schwere Einbrüche in der Weltwirtschaft. Nicht nur Medikamente werden bald knapp. Anscheinend droht wieder ein Weltuntergang. Den letzten haben wir am 21. Dezember 2012 überlebt, als der Maya-Kalender endete. Ach ja, davor hatten wir alle Angst vor dem Jahr2000-Crash. Jetzt warten wir mit Greta auf die Klimakatastrophe.

Ingo, du solltest das Covid-19 Virus wirklich ernstnehmen. Selbst Papst Franziskus hustet und schnieft vor sich hin. Maybritt Illner hat in ihrer letzten Talkrunde zum Coronavirus offiziell keine Panik verbreiten wollen. Allerdings war die Studiowand flächendeckend mit Quarantäne-Schildern geschmückt und die geladenen Experten hatten nicht immer beruhigende Nachrichten zu berichten.

  • Jupp, Jens Spahn hat gerade unerschütterlich verkündet, dass er und seine Behörden mit Ihren Pandemieplänen alles im Griff haben. Wir sollen uns nur die Hände waschen und zu Hause bleiben. Und Donald Trump setzt auf die Heilkräfte der Aprilsonne, dann wird das Virus von alleine verschwinden.

Der Präsident der Bundesärztekammer wies auf seine 1.900 Isolierbetten in sieben Zentren hin, musste dann aber zugeben, dass viele Intensivbetten wegen akutem Personalmangel nicht genutzt werden können. Eine Apothekerin meldete in der Sendung, dass Desinfektionsmittel langsam knapp werden. Atemschutzmasken sind schon seit Tagen weltweit ausverkauft. Spahn schlug vor, die Masken mehrfach zu verwenden. Notfalls will er zu Beschlagnahmen greifen.

  • So ein Blödsinn, Jupp. Alle Welt rennt nun mit diesen Masken herum. Als wenn sie die Gesunden vor einer Infektion schützen könnten. Sobald sie sich mit infizierten Fingern die Augen reiben oder etwas essen, öffnen sie dem Virus die Tür. Die Masken sollten nur auf Rezept herausgegeben werden, denn die verbleibenden Vorräte müssen dringend für die infizierten Patienten reserviert bleiben, damit sie die Erreger nicht in der Gegend herumspucken.

Interessant war, was der Virologe Christian Drosten von der Charité zu sagen hatte. Er verwies auf die letzten großen Pandemien in Deutschland von 1957 und 1968 und erwartet letztendlich eine Infektionsrate von 60% - 70% der Bevölkerung. Entscheidend ist die Geschwindigkeit, wie sich die Pandemie ausbreiten wird. Geschieht dies innerhalb von wenigen Monaten, wird unser Gesundheitssystem vollständig kollabieren. Zieht sich der Ausbruch über ein Jahr hin, wäre die Versorgung noch beherrschbar. Bei einem Verlauf über zwei Jahre würde die Corona-Infektion zum kaum beängstigenden Normalfall werden und ein Impfstoff wäre verfügbar. Es gilt also, die Ausbreitung in Deutschland zu verlangsamen, und da sind Quarantäne-Maßnahmen sicherlich sinnvoll. Drosten ist optimistisch, denn schließlich haben wir gerade die saisonale Influenza mit 100.000 Grippefällen und 130 Toten relativ gut überstanden.

  • Jetzt lass uns doch mal einen Schritt zurücktreten, Jupp. Was sind denn die wirklichen Gesundheitsrisiken der Deutschen? Die Schweinegrippe von 2009/2010 forderte knapp 1.000 Menschenleben, etwa 1.300 starben 2018 durch den Konsum von illegalen Drogen. Aber jedes Jahr sterben 120.000 Menschen durch das Rauchen, 74.000 durch Alkohol und 70.000 durch Blutvergiftung, die dritthäufigste Todesursache mit einer Letalität von 30-50%. Die Todesrate von Covid-19 liegt dagegen bei 1-2%.  An Masern starben 2018 weltweit mehr als 140.000 Menschen. In Deutschland erkranken derzeit jährlich ca. 54.500 Menschen an Infektionen durch antibiotika­resistente Erreger und bis zu 20.000 Menschen überleben nicht die Krankenhauskeime. DAS sind doch unsere Probleme! Wo bleiben da die Prioritäten?

So gesehen, hast du recht, Ingo. Wir haben uns ja auch an die 3.059 Verkehrstoten und 384.000 Verletzten bei 2,7 Millionen Unfällen in 2019 gewöhnt. Wenn wir eine Betreiberverordnung für Autos wie bei den Medizinprodukten hätten, wären unsere Straßen und Städte komplett leergefegt.

  • Richtig gesehen Jupp. An angstmachenden Meldungen herrscht zurzeit wirklich kein Mangel. Die Presse und Sozialen Medien füttern permanent die Panikängste der Deutschen. Heute tritt zunehmend Hysterie anstelle von Bildung. Wusstest du, dass 4,5 Millionen US-Amerikaner glauben, schon einmal von Außerirdischen entführt worden zu sein. Ralph Waldo Emerson sagte mal: „Furcht besiegt mehr Menschen als alles andere auf der Welt.“

Das wundert mich nicht. 50% der Amerikaner preisen schließlich auch Donald Trump als den gottgesandten Heilsbringer. Dieser Zustand lockt aber keinen Zeitungsleser mehr hinter den Ofen hervor. Ich erinnere mich an die letzte Horrormeldung in der Presse: ein Asteroid, der im Februar knapp an der Erde vorbeiraste. Wobei „knapp“ in diesem Fall 5,7 Millionen Kilometer entspricht.

  • Ach, Jupp, der war gerade mal 900 Meter groß, den hätten wir noch verkraften können. Der Riesenstern Beteigeuze im Sternbild Orion steht angeblich kurz vor der Supernova-Explosion „in der Nähe der Erde“, knapp 640 Lichtjahre entfernt. Eigentlich wäre das schon im 14. Jahrhundert passiert, etwa zur Gründung der ersten deutschen Universität in Heidelberg. Jetzt hat er es sich wieder anders überlegt. Andererseits – kürzlich haben Astronomen die stärkste Explosion seit dem Urknall gemessen, als ein extrem großes Schwarzes Loch explodiert ist. Ist aber auch schon früher passiert, nämlich vor rund 390 Millionen Lichtjahren.

Na ja Ingo, das betrifft uns ja nicht vor der Haustür, mal eine Sternschnuppe hier, eine zusätzliche Lichtquelle am Nachthimmel dort, und ein kurzer Röntgenschauer. Wir wären ja beinahe wegen des Insektensterbens verhungert. Aber nachdem sich der bayrische Ministerpräsident persönlich um das drohende Bienensterben gekümmert hat, sollte er sich folgerichtig auch auf die sechste Welle des globalen Artensterbens reagieren, denn jährlich verschwinden unwiederbringlich bis zu 58.000 Tierarten. Bei der Erwartung der Klimakatastrophe haben wir das Waldsterben der 1980er Jahre schon vergessen. Dabei erwarten wir gerade das Waldsterben 2.0, ausgelöst durch Dürre, Brände, Stürme und Borkenkäfer.

  • Da werden uns die halbe Million Brandenburger Tesla-Autos von Elon Musk nicht mehr retten können, Jupp. Beim Zerlegen des Tesla Model 3 fanden die Japaner plötzlich in der Steuerung zwei KI-Chips, die einen technologischen Vorsprung von sechs Jahren zur weltweiten Konkurrenz aufweisen. Da kommen unsere Automobilbauer auch in Panik. Bei Daimler setzt der neue Entwicklungschef Markus Schäfer überraschend auf den Brennstoffzellen-Antrieb, nachdem auf dem Markt die Stückkosten für Brennstoffzellen „dramatisch“ sinken.

Dann haben wir nebenbei noch die permanenten Horrormeldungen von Regierungskrisen, Terroraktionen, AfD- und Fremdenhass-Attacken – Jupp, eigentlich müssten wir unseren Stammtisch jetzt wöchentlich abhalten. Wir kommen ja gar nicht mehr nach mit unseren Debatten. Wie schon Sigmar Gabriel feststellte: „Vielleicht ist die Debatte in Deutschland manchmal schwieriger als in anderen Ländern, weil wir ein Land sind, das reich und hysterisch ist.“ Kommt jetzt nach der German Angst schon die German Hysterie? Frei nach dem Motto: „Du hast soviel zu tun, warum machst du nichts? – Ich warte auf die richtige Motivation. - Und die wäre? – Last-minute-panic.“

  • Last minute – vielleicht ist dies die Ursache. Verdummen wir vielleicht immer mehr durch die digitalen Medien? Wer in eine düstere Welt hinabsteigen will, wird heute im Netz auf unzähligen Seiten von Verschwörungstheoretikern bedient. Die komplexe Wirklichkeit wird hollywood-kompatibel geschrieben: es gibt immer einen Guten, einen Bösen, den Höhepunkt und den Wendepunkt. Die Medien bedienen eigentlich nur unsere Lust am Zuschauen, am Grusel. Was meinst du, Jupp?

Ich habe mal eine schlaue Analyse von Lisa Altmeier gelesen, wie das Netz regelmäßig in zwölf Stufen auf Anschläge reagiert. Nach den Entsetzungsbekundungen folgt eine Solidaritätswelle. Schon kommen kritische Stimmen zum religiösen Hintergrund zu Wort. War es ein Islamist oder ein Psycho? Es folgt ein Streit mit den Verteidigern der Religion. Natürlich sind die öffentlich-rechtlichen Medien im Vergleich zu Twitter viel zu langsam, halten sie etwa Nachrichten zurück? Unter dem Druck der Öffentlichkeit schießen die Journalisten über das Ziel hinaus und machen Fehler. Die Medienkritiker melden sich: Warum wird dem Täter eine prominente Bühne gegeben? Jetzt schlägt die Stunde der Solidaritätskritiker. Sie werfen den Mitleidigen Scheinheiligkeit vor: warum melden sie sich nicht gleichermaßen bei dem Elend in Afrika? In der zehnten Stufe entdeckt man die Politiker, Merkel natürlich vorneweg. Wo waren die Geheimdienste, die doch sonst immer ihre Finger überall drin haben? Letztendlich schlägt die Stunde der Verschwörungstheoretiker: Findet ihr es nicht auch etwas komisch? Das riecht doch nach einer Inszenierung durch dunkle Mächte.

  • Hochinteressant, Jupp. Die ganze Serie endet dann wohl mit der nächsten Sensationsmeldung, nehme ich an. Das zeigt doch, dass wir das Vertrauen in uns selbst, in die Medien, in die Politik und vor allem in uns als Gesellschaft verloren haben. Wir verbringen einen Großteil unserer Lebenszeit damit, in irgendeinen Bildschirm zu schauen und digital zu interagieren. Wir müssen nicht mehr denken, denn Wikipedia weiß alles, Google findet alles, Amazon liefert alles und Facebook meldet alles, was uns gefällt. Wir werden süchtig. Die Welt wird digital abgebildet und dadurch verständlicher. Wir formen sie uns durch Aufnahmefilter passend zurecht. Dabei benötigen unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt gerade die Fähigkeit zum Denken, zum Durchdenken.

Und zum Nachdenken. Ingo, jetzt raucht mein Gehirn langsam vor lauter Soziologie und Philosophie. Ich glaube, wir benötigen nun einen analogen Ausgleich. Was gibt es Besseres dafür als ein kühles Bier.

  • Weise gesprochen, Jupp. Und was die Angst angeht, ein kleiner Tipp: neun von zehn Spinnen haben panische Angst vor hysterisch kreischenden Frauen.

Herr Wirt, bringen Sie uns bitte zwei angstfreie Biere. Prost auf die Genesung unserer Titanic-Gesellschaft.

 

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