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Gegenwart genießen und die Zukunft abwarten?

von Ingo Nöhr

Ingo Nöhr zum 1. Januar 2026

Unsere zitiergewaltigen Manager-Pensionäre haben wieder ein wildes Jahr überstanden und halten traditionsgemäß nach dem Jahreswechsel einen Rückblick, diesmal aber gleich über fünf Jahre, gemäß dem Motto von Konfuzius: „Wenn der Mensch nicht über das nachdenkt, was in ferner Zukunft liegt, wird er das schon in naher Zukunft bereuen.“
Und zum Nachdenken bietet sich natürlich ein Blick in die protokollierten Gespräche vom Januar 2021 an. Was haben sie vorausgesagt, welche Überraschungen zeigten sich und was erwarten sie von den nächsten fünf Jahren? Wer die beiden kennengelernt hat, darf wieder diametral abweichende Einschätzungen erwarten.

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  • Jupp: Mann, Ingo, jetzt ist schon wieder ein Jahr vorbei. Wer weiß, was wir alles verpasst haben, seit wir den öffentlichen Medien ausweichen. Aber du weißt doch: „Wer die Gegenwart genießt, hat in Zukunft eine wunderbare Vergangenheit.“

Ingo: Ich habe diese Ruhe vor den täglichen Horrormeldungen genossen und den permanenten Tratsch um die aktuellen Aufgeregtheiten in keiner Weise vermisst. „Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoss mit gutem Gefühl die Gegenwart.“

Wir sollten nicht nur das vergangene Jahr betrachten, sondern gleich mal die letzten fünf Jahre analysieren. Dann sehen wir, was von den früheren Sensationen eigentlich Bestand hatte. Winston Churchill sagte mal „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen.“

  • Jupp: Gute Idee. Schauen wir doch mal in das Protokoll vom Januar 2021 rein. Da fällt mir gleich das Zitat von Wilhelm von Humboldt ins Auge: „Man muss die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen.“ Es war wohl gerade eine aufregende Zeit: „Donald Trump kämpft auch nach Wochen verbissen und aussichtlos gegen seine verlorene Wahl an. Die EU hat in letzter Minute noch einen Brexit-Vertrag hinbekommen. Die Corona-Seuche ist mit eintausend Toten täglich endgültig außer Kontrolle geraten“ hat unser Chronist damals vermerkt.

Ingo: Ah, ich sehe gerade: wir haben damals über Echokammern gesprochen. Donald Trump hat diese seitdem bewusst angefüttert: „Unsere Fortbildung über die Welt konzentriert sich auf kurze Twitter-Nachrichten, auf fünf-Minuten-Reports, Schlagzeilen, Stereotypen, Klischees, Zerrbilder. Dadurch entsteht ein neuer Menschentyp – der digitale Homunkulus: technisch hochgetunt und geistig verarmt. Die unendlich feinstufige analoge Welt um uns herum wird digital auf 0 und 1 reduziert. Er ist zu faul, noch geistige Arbeit zu leisten und konsumiert Fast Food zur Steigerung seines Lustgefühls.

Mit den Lebensweisheiten eines Shakespeares, eines Goethe, die Genialität eines Beethovens möchte er sich nicht mehr befassen. Er liebt den Lärm der elektronischen Reizüberflutung. Lieber schaut er sich reißerische Filme, Soap Opera, verzerrte Reality Shows und Verfilmungen von Büchern an.“

Das erinnert mich an einen Gedanken von Albert Camus, den er vor über 60 Jahren mal geäußert hat: „Manchmal denke ich darüber nach, was die Historiker der Zukunft über uns sagen werden. Ein einziger Satz wird ausreichen, um den modernen Menschen zu definieren: Er verzerrt und liest Zeitungen.“

  • Jupp: Genau getroffen damals. Schon vor fünf Jahren erkannten wir: „Viele Menschen sind mit der Komplexität der Welt und der daraus auf sie einströmenden Nachrichten völlig überfordert und klammern sich an einfache Antworten. Sie misstrauen dem Staat und den Politikern und glauben nicht mehr daran, dass diese noch die Interessen der kleinen Leute vertreten. Deswegen ist Trump wohl so lange erfolgreich gewesen: er ist die Identifikationsfigur der wütenden Verlierer. Er pfeift auf die political correctness und demonstriert seinen Anhängern, dass man mit purem Egoismus das politische Establishment in die Verzweiflung treiben kann.“

Ingo: Es gab 2021 nach 16 Jahren Angela Merkel den Regierungswechsel zu Olaf Scholz und seiner berüchtigten Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP. Wir bekamen mit der Corona-Pandemie die Lockdowns, den Maskenzwang und die Impfvorgaben. Mit dem Ukraine-Krieg begann eine weltweite Energiekrise mit Inflation. Millionen von Flüchtlingen kamen in unser Land und nebenbei wollten wir noch die Klimakatastrophen mit den internationalen Treffen COP26 und COP27 angehen, nicht zuletzt durch den Druck der Fridays-for-Future Bewegung. Wir mussten plötzlich im Home Office arbeiten, durften unsere kranken Kinder und Sterbenden in den Kliniken und Altenheimen nicht besuchen sowie im Park nicht auf einer Bank ein Buch lesen.

  • Jupp: Uns beiden ging es dabei noch gut: wir Rentner hatten unseren Garten und blieben von den massiven Maßnahmen unbehelligt. Aber dennoch hat es unsere Gesellschaft massiv beschädigt und das Vertrauen in unsere Regierungen und Politiker ist gründlich verloren gegangen.
    Wenn ich so die fünf Jahre zurückblicke, muss ich feststellen, dass wir heutzutage noch keines der Probleme in den Bereichen Energie, Klima, Migration, Long- COVID und Fake-News gelöst haben. Dank Donald Trumps erneutes Wüten wird alles noch schlimmer. Es entartet sogar in vorher unvorstellbare Absurditäten.

Ingo: Das bringt mich auf eine Idee: unsere Stammtischgespräche mündeten immer wieder mal in Prognosen. Du als Schwarzseher und ich als Optimist gaben doch ein unterhaltsames Duo ab. Wie siehst du denn die Entwicklungen der nächsten fünf Jahre?

  • Jupp: Guter Vorschlag, Ingo. Ich fühle mich weitgehend bestätigt in meinen früheren Befürchtungen. Fangen wir mal mit der deutschen Regierung an. Die CDU/CSU/SPD-Truppe halte ich für inkompetent und machtlos, die anstehenden Reformen wirksam durchzusetzen, dafür sorgt schon unsere überbordende Bürokratie und die verkrusteten Strukturen im Föderalismus.
    Das Vertrauen der Bürger wird noch mehr abnehmen und die Möglichkeit, zur Strafe der herrschenden Cliquen bei den nächsten Wahlen die AfD entscheidend in die Länderparlamente zu bringen, wird lukrativ. Die gewaltige Neuverschuldung wird sich in Inflation und höheren Steuern niederschlagen, Sozialleistungen müssen dafür gestrichen werden.
    „Ihr müsst mehr arbeiten“ heißt die Parole von Kanzler Merz, er vergisst aber dabei, dass die Reichen mit ihren Vermögen kaum Steuern zahlen und das Beamtenheer sich nicht an den Sozialkosten beteiligt. Die Mittelschicht wird schrumpfen und die Armut weiter steigen. Unsere Wirtschaft wandert aus, unsere Autoindustrie geht kaputt.

Ingo: Interessant, du extrapolierst die Tendenzen einfach weiter in die Zukunft. Ich glaube dagegen immer noch an die Dynamik des komplexen Systems und erwarte korrigierende Reaktionen. Ein schönes Beispiel war doch der knallharte Widerstand der Jungen Union bei der Rentenreform. Die Industrie rationalisiert sich stärker durch KI-Anwendungen, das Internet bietet eine unzensierbare Transparenz in der Medienwelt und kann dadurch Fake-News entlarven.

Extreme Wetterereignisse werden die Bevölkerung klimasensibler machen und die Regierungen massiv unter Druck setzen. Überhaupt wird der wachsende AfD-Erfolg die etablierten Politiker zu überraschenden Zugeständnissen zwingen. Die Brandmauer wird nicht mehr funktionieren und die Jugend probt den Aufstand gegen die verkalkte Politkaste.

  • Jupp: Ja, das hört sich nachvollziehbar an. Aber Ingo, du vergisst, dass der wichtige Anteil der Wähler die Rentner sind und die jungen Rebellen riesige Vermögen erben. Da verpufft der Reformwille an der Behäbigkeit und Faulheit der noch breiten Masse.
    Kommen wir mal zum Weltgeschehen. Ich prophezeie, dass Donald Trump mit seinem brutal-chaotischen Politikstil andere Staatslenker infizieren wird. Sie werden von ihm lernen, dass Frechheit siegt und die schweigende Mehrheit ihres Volkes es zähneknirschend hinnimmt. Die USA wird durch die Zerstörung der staatlichen Gewalten und durch die tief etablierten Trump-Fans einen unwiederbringlichen Schaden erleiden.
    China wird mit seinen BRICS-Kollegen der künftige Gewinner für die Führung der Welt sein. Demokratien werden besonders in Beschuss geraten, der Nationalismus wird hoffähig, neue Autokraten wachsen heran. Geopolitische Konflikte werden sich zu Stellvertreterkriegen ausweiten. Der Klimaschutz wird weiterhin eine untergeordnete Rolle spielen, weil wir uns um allen möglichen Kleinkram kümmern.      

Ingo: Stichwort Trump: ich gebe ihm kein ganzes Jahr mehr, dazu ist seine wachsende Demenz viel zu offensichtlich. JD Vance steht schon in den Startlöchern, aber ein großer Teil der Republikaner wird langsam begreifen, was ihre Politik dem „gottgegebenen“ Land angetan hat. Da gebe ich dir Recht, auch ich glaube, dass China und der globale Süden nun zunehmend dem „alten Westen“ die Vorherrschaft streitig machen wird.  Das Pendel schlägt zurück und bringt durch die enttäuschte US-Wählerschaft wieder realistisch denkende Führungspersönlichkeiten an die Macht.

Ich denke, in den nächsten fünf Jahren wird mit regionalen Allianzen eine Neuorientierung der geopolitischen Mächte stattfinden und die wachsende Klimakrise wird neue Prioritäten schaffen und die internationale Kooperation wieder fördern. Allerdings hat der Gedanke der Demokratie weltweit einen Schaden erlitten und die Sehnsucht nach starken Staatslenkern wächst.

Für mich ist der Einfluss der Künstlichen Intelligenz in Wirtschaft und Gesellschaft noch kaum abzuschätzen. Wir werden Produktionssteigerungen erleben, aber auch steigende Arbeitslosigkeit und Wegfall vieler Berufe. Mehr Smart Homes und Smart Cities, Roboter im Alltag und starke Veränderungen in der Realitätswahrnehmung. Eliezer Yudkowsky und Nate Soares haben gerade einen US-Bestseller mit einer dringenden Warnung veröffentlicht: „If Anyone Builds It, Everyone Dies – Why Superhuman AI Would Kill Us All“, also auf gut deutsch: „Wenn es jemand baut, sterben alle – Warum übermenschliche KI uns alle töten würde.“

  • Jupp: Lieber Ingo, als mein noch analoges Gegenüber werden wir in den nächsten Monaten und Jahren viel Gesprächsstoff vorfinden. Die Zeitenwende ist viel umfangreicher als sich unser naiver Olaf Scholz vorgestellt hat. Seine Bazooka nimmt sich da wie ein verirrter Silvesterkracher aus. Gut, dass wir weiterhin mit unserem realen Gastwirt einen gesicherten Zugang zu unserem geliebten Bier haben.

Ingo: Nun denn: Prost auf die Zukunft, die wir neugierig und hoffentlich angstfrei abwarten können. Denn wie Stefan Zweig schon feststellte: „Nur wer sorglos in die Zukunft blicken konnte, genoss mit gutem Gefühl die Gegenwart.“

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Die Zukunft gehört denen, die an das Schöne ihrer Träume glauben.
(Eleanor Roosevelt)

Die Zukunft hat viele Namen: Für Schwache ist sie das Unerreichbare,
für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.
(Victor Hugo)

„Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.
(Antoine de Saint-Exupéry)

Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft.
Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit. …
… Das wirklich beängstigende am Totalitarismus ist nicht, dass er Massaker begeht, sondern dass er das Konzept der objektiven Wahrheit angreift:
Er gibt vor, die Vergangenheit wie die Zukunft zu kontrollieren.
(George Orwell)

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