Innovation – über Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht Ihren Politiker!

von Ingo Nöhr

Hallo, Jupp, wie geht es Dir heute? Schon innovative Ideen produziert?

  • Ach Ingo, sei bloß still. Ich habe gerade eine Broschüre von der Schavan, du weißt doch: Ex-Doktorin und Ex-Forschungsministerin, gelesen. Der Titel „Wie wir morgen leben – zehn Zukunftsprojekte, die uns bewegen“ ist ja noch okay, aber dann kommt die Drohung: „Wir haben die Zukunft im Blick“. Ausgerechnet unsere Politiker! Wann haben sie jemals um unsere Zukunft gesorgt? Es geht doch immer nur um ihre eigene. Um unsere Zukunft kümmern sich schon ausreichend deren Lobbyisten im Bundestag. Leider ohne uns Bürger zu beteiligen.

Du meinst, wir können den Politikern nicht mehr trauen? Schließlich haben sie die Energiewende beschlossen, riesige Förderprojekte für Innovationen aufgelegt und Hundertschaften von privaten Beratungsgesellschaften für Verbesserungen beauftragt. 

  • Energiewende? Die ist doch total vermurkst worden. Der Steuerzahler kommt nun für die radioaktiven Altlasten auf, der Strompreis steigt ins Unerträgliche und auf der Nordsee werden die Windräder mit Dieselmotoren am Laufen gehalten, damit sie nicht rosten, nur weil sie den Strom nicht verteilen können. Und wir feuern unsere Kraftwerke immer mehr mit umweltschädlicher Braunkohle, um die Atomkraftwerke zu ersetzen.

Und was sagt uns Frau Schavan über unsere Zukunft?

  • Es ist der gleiche Stil, wie sie uns in den 60ern Jahren die friedliche „Kernenergie“ mit ihren „Entsorgungsparks“  angedreht haben, mit Ausblick auf kostenlose Energie in der Zukunft. Sie schwärmt von der CO2-neutralen, energieeffizienten und klimaangepassten Stadt mit Elektroautos und Nullemissionshäusern. Kein Wort über die wachsende Kriminalität und das Auseinanderdriften von reichen und prekären Gesellschaftsschichten. Wir werden ghettoähnliche, streng gesicherte Luxusbezirke bekommen, umgeben von Slums, in die sich kein Polizist mehr reinwagt. Schau mal nach Berlin, da siehst du schon die ersten Anfänge.

Keine Bange, in Zukunft kriegen wir den Robotercop. Das Militär hat ja schon die ersten Maschinen-Soldaten entwickelt. Und die Kampfdrohnen sind schon lange im Einsatz. Die haben keine Angst vor Verbrecher.

  • Quatsch, der moderne Verbrecher sitzt an einem Internetanschluß und hackt sich in fremde Netze ein. Da passt das BMBF-Aktionsprogramm „Cloud Computing“ wie aufs Auge. Die Hacker kommen dann einfach durch die offenen NSA- und CIA-Türen und brauchen nicht erst mühselig in die Firmen- oder Heimcomputer einbrechen. Jetzt wollen sie ausgerechnet Günther Oettinger zum Digital-Kommissar der EU machen. Das ist doch eine kolossale Lachnummer. Erst hat er als Energiekommissar die Energiekonzerne beschützt, nun soll er die Telekom-Unternehmen vor der Senkung der Mobilfunkgebühren bewahren. Und meine verehrte Ex-Ministerin faselt von einer „Kultur des Vertrauens und der Privatsphäre im Internet“ und hat das Zukunftsprojekt „Sichere Identitäten“ ins Leben gerufen. So etwas nennt man Realsatire.

Ja, Jupp. Du hast in diesem Punkt recht. Die Geheimdienste haben wieder einmal eindrucks­voll bewiesen, dass die Politiker nichts mehr zu sagen haben, ebenso wie vorher die Banken und Börsen. Da helfen kein Grundgesetz und keine moralischen Grundsätze mehr.

  • Apropos Roboter: Schavan träumt von der vierten industriellen Revolution und nennt es das Zukunftsprojekt INDUSTRIE 4.0: „Zur Steuerung von Maschinen, Anlagen und Endprodukten dienen dort eingebaute vernetzte Computer, sogenannte Cyber-Physical-Systems.“ Am Ende hast du hochdynamische Produktionsanlagen, wo jedes Werkstück mit dem anderen kommuniziert und du mit einer Handvoll menschlichen Operatoren auskommen wirst. Wir Steuerzahler füttern dann die Arbeitslosen durch und zahlen die explodierenden Folgekosten der wachsenden Kriminalität. Wenn die Roboter wenigstens mal die Steuern ihrer wegrationierten Kollegen zahlen würden.

Das wäre doch auch was für die Klinik: Jedes Medizinprodukt ist mit einem kleinen Chip ausgestattet. Es diskutiert dann mit den anderen Geräten im Umfeld, ob es systemkompatibel, mit den richtigen Zubehörteilen ausgestattet, rechtzeitig inspiziert und gewartet worden ist. Bei der ersten Fehlbedienung schickt es per SMS oder Whatsapp eine Einweisungsdatei an den Anwender. Ohne richtige Beantwortung der Prüfungsfragen kann er das Gerät nicht weiter bedienen. Ja, und erst in der Pharma-Industrie: jede Pille hat einen Chip, der überwacht die individuelle Medikation durch Kommunikation mit seinen Nachbarpillen auf dem Tablett. Wenn er Unverträglichkeiten entdeckt, gibt es gleich Alarm: „Herr Doktor, meine Pille piept. Ich glaube, sie mag ihren gelben Nachbarn nicht!“

  • Ingo, lass dir das gleich patentieren. Am besten fügst du noch Beinchen aus Nanopartikeln hinzu, sodass die Pille im Notfall einfach davonlaufen kann. Es gibt übrigens viel Geld vom Staat für Innovationen im Krankenhaus. Das Zukunftsprojekt „Krankheiten besser therapieren mit individualisierter Medizin“ will unter anderem auch den Lungenkrebs bekämpfen. Dabei müssten die Politiker einfach mal den Anbau von Tabak generell verbieten. Kein Tabak, kein Rauchen, weniger Lungenkrebs. Tausendmal wirksamer als teure Diagnostik und Therapie. Leider führt es auch zu weniger Tabaksteuer und verhindert die übliche „Landschaftspflege“ für den Wahlkampf unserer Politiker.

Aber Jupp, du hörst dich sehr pessimistisch an, wenn du an die Zukunft denkst. Es ist doch nicht alles schlecht. Schau doch mal den Fortschritt in den letzten Jahrzehnten an. In der Kommunikation, Technologie, Medizin, usw.

  • Ja. Nur in der Moral haben wir uns wieder in die Steinzeit zurückentwickelt. Haust Du mich, hau ich dich zweimal. Nein, gegen die Zukunft selbst habe ich ja nichts. Man darf sie nur nicht den Politikern überlassen. Die Titelgrafik der Broschüre ist doch symptomatisch: du siehst eine global vernetzte Wirtschaft mit dem dicksten Knotenpunkt in den USA, ein Elektroauto mit Gefahrensymbol, davonfliegende Flügel von Windrädern, zwei fliegende Augenroboter zur Überwachung und einen Menschen, der nur aus Nullen und Einsen besteht und die Welt dirigiert. Genial. Der Zeichner hat eigentlich nur die Dollarzeichen weggelassen. Vermutlich, damit seine versteckte Kritik nicht so schnell auffällt.

Also Jupp, dich könnte der KKC auf seinem MEDICA-Stand gut gebrauchen, wenn er die Medizinprodukte hinsichtlich der Risiken und Nebenwirkungen von Innovationen kritisch auseinander nimmt. Das ist praktizierter Bürgerdialog mit der Wirtschaft. Und nun Prost auf die Zukunft!  

 

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