Kommt der große Umbruch?

von Ingo Nöhr

Ingo Nöhr zum 1. Juni 2021

 

Kommt der große Umbruch?

Es gibt weiterhin viel Bewegung in der Weltgeschichte. Donald Trump hat seine Republikaner noch weitgehend im Griff, muss sich aber nun zunehmend mit etlichen Strafermittlungen beschäftigen. Unser Gesundheitsminister hat den augenscheinlich unerschöpflichen Goldesel des Steuerzahlers nach den Maskenbeschaffern nun auch den Anbietern von Schnelltests bereitgestellt. Die dritte Corona-Welle ebbt langsam ab und die Impfraten steigen zuversichtlich – freilich in Deutschland und nicht in der Dritten Welt. Urlaubsreisen in fremde Länder werden wieder möglich, allerdings ist zuweilen mit unerwarteten Flugzeugentführungen zu rechnen. Möglicherweise ist der unentwegt hustende Sitznachbar mit einem selbstausgefüllten Impfpass von Telegram an Bord gelangt. Bei der Benutzung von Seilbahnen sollte man vorher einen Blick auf die Seilbremse werfen, ob sie vom Betreiber nicht aus Gründen der Kostenersparnis durch einen simplen Bügel ausgeschaltet wurde. Das Risiko eines Absturzes ist aber relativ vernachlässigbar klein gegenüber der Wahrscheinlichkeit, in der Ferne mit einer noch unbekannten, aber wesentlich aggressiveren Mutation des Corona-Virus engere Bekanntschaft zu machen.

Nichtsdestotrotz – auch für Unterhaltung ist gesorgt: Bill Gates lässt sich nach 27 Jahren scheiden. In einigen Gesellschaftskreisen erwartet man pikante Enthüllungen. Dies ist aber beileibe nicht das Thema der Rentner Ingo und Jupp bei ihrem monatlichen Treffen, nach langer Zeit erstmalig live in einem Biergarten.

  • Grüß dich, Jupp. Schön, dass wir uns mal wieder in 3D begegnen. Du hast gewichtsmäßig etwas zugelegt, wie mir scheint. Wie wäre es mit einem Wanderurlaub in den Bergen oder am Meer zum Abspecken?

Also Ingo, bei meiner nächsten Urlaubsreise werde ich mir vorher genau anschauen, über welche Länder meine Flugroute führt und wer mit mir in der Maschine drinsitzt. Lukaschenkows dreistes Kidnapping erinnert mich an frühere Zeiten, als harmlose Reisende sich plötzlich in Kuba oder in der arabischen Wüste wiederfanden. Nur sitzen die Luftpiraten diesmal nicht in der Maschine, sondern der Staatspräsident selbst schickt dir eine MIG-29 zur unmissverständlichen Landebegleitung in Minsk vorbei. Stell dir mal vor, wenn ein solches Verhalten Schule macht! Der Begriff des Abenteuer-Reisens bekommt da eine ganz neue Bedeutung.

  • „Wenn das Schule macht“? Du hast wohl ein kurzes Gedächtnis, Jupp. Lukaschenko hat doch einfach die amerikanische Vorgehensweise vom Juli 2013 kopiert. Damals wurde die Präsidentenmaschine von Evo Morales bei seinem Rückflug von Moskau nach Bolivien zu einer unfreiwilligen Landung in Wien gezwungen. Bei der Durchsuchung des Flugzeuges konnte man leider den Whistleblower Edward Snowdon nicht auffinden, da er unerwarteterweise in Russland geblieben war. Erst nach zwölf Stunden Zwangsaufenthalt durfte der bolivianische Präsident mit seinem Verteidigungsminister wieder weiterfliegen. Ich kann mich nicht erinnern, dass die EU daraufhin massive Strafmaßnahmen gegen die USA angekündigt hatte. Vielmehr hatte sie vorher gehorsam, aber rechtswidrig, den europäischen Luftraum für den Weiterflug nach Bolivien sperren lassen.

Ja Ingo, war das nicht immer so? In dem einen Land sind Oppositionelle Terroristen und bei uns mutige Widerstandskämpfer. Vergleiche mal die Haftbedingungen von Alexej Nawalny in Moskau und Julien Assange in London. Und bedenke: 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 befinden sich noch rund 40 Häftlinge in dem US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba – immer noch ohne Anklage. Aber lieber Ingo, lass uns das Thema wechseln und über deinen Optimismus sprechen. Schließlich siehst du ja in jeder Krise immer die Chancen, im Gegensatz zu mir.

  • Jupp, das ist die richtige Einstellung. Schau dir die unzähligen Pannen an und lass uns analysieren, was sie positiv bewirkt haben. Vergiss nicht diesen unglaublichen Aufschwung in der Digitalisierung: Home-Offices, Home-Schooling, Online-Shopping – und jetzt kommt sogar ein europaweiter digitaler Impfpass. Ohne Pandemie würden wir noch Jahrzehnte darauf warten. Covid-19 hat den verantwortlichen Entscheidern einen gewaltigen Tritt in den Hintern verpasst.

Na ja, Ingo – du schwebst bei deinem Blick in die Zukunft immer etwas über den Wolken, jetzt komm doch mal auf den Boden der Tatsachen. Home-Offices mit ihren weit offenen Eingangstoren sind ein Paradies vor die Cyberkriminellen. Home-Schooling hat die Kluft der Bildungschancen in der Gesellschaft noch weiter vertieft. Fälle von Kindesmisshandlungen haben über zehn Prozent zugenommen. Das Online-Shopping werden wir mit einer gewaltigen Konkurswelle des Einzelhandels bezahlen. Dafür hat Amazon im ersten Quartal 2021 über 108 Mrd. Dollar Umsatz gemacht und seinen Nettogewinn verdreifacht. Und der Impfpass hat wieder mal den Dilettantismus unseres Gesundheitsministeriums entlarvt. Während wir mit einem irrsinnigen Aufwand für 30 Millionen FFP2-Masken fälschungssichere Gutscheine an unsere Senioren verschickt haben, war es augenscheinlich nicht möglich, die simplen Aufkleber in unserem gelben Impfpass vor Fälschern zu schützen, etwa mit einem Hologramm auf speziellem Papier mit UV-Licht-Kennzeichen. 

  • Jupp, du jammerst ja schon wieder über vergangene Versäumnisse und siehst nicht, dass wir daraus lernen können und müssen. Vergiss nicht, mit einem Mal ist genug Geld da. Niemand redet mehr von der schwarzen Null. Plötzlich ist die Bevölkerung „systemrelevant“ geworden. Allein in Deutschland steigen unsere Schulden um 8740 Euro pro Sekunde, aber für die 2,2 Billionen Euro zahlt der Staat ja keine Zinsen mehr, vielmehr verdient er sogar noch an den Negativzinsen. Wer hätte das gedacht?

Aber Ingo, systemrelevant sind wir wahrscheinlich nur in diesem Super-Wahljahr. Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, wer letztendlich für die ganzen Schulden haftet, wer sie später mal zurückzahlen soll? Da werden unsere Urenkel noch dran zu knabbern haben.

  • Ich gebe zu, Jupp, da sprichst du ein brisantes Thema an. Wie wurde ein Staat sonst seine Schulden los? Durch eine galoppierende Inflation und einen Währungsschnitt. Werden unsere Urenkel überhaupt noch einen Euro oder Dollar kennen? Oder wird bereits der chinesische Renminbi die neue Weltleitwährung darstellen? Was wird aus den digitalen Währungen wie der Bitcoin, die ohne Banken auskommen? Ich weiß es nicht, aber die Weltgeschichte hat schon Hunderte von Staatsbankrotten erlebt. Zuletzt ging Puerto Rico 2017 in die Insolvenz.

Okay, Ingo. Ich habe zuhause für alle Fälle noch eine Menge an D-Mark aufbewahrt. Zudem liegen in Deutschland immer noch 12 Milliarden D-Mark in Privathaushalten herum. Eigentlich hat mich der hohe Kupferanteil der Münzen als künftige Geldanlage animiert, denn der Kupferpreis steigt seit vielen Jahren. Vielleicht wird die D-Mark mal eine Ersatzwährung, wenn der schwache Euro seinen Geist aufgibt. Aber beschäftigen wir uns doch mal mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Bist du da angesichts der drohenden Insolvenzwelle noch optimistisch?

  • Vielleicht kommt diese Welle nur verzögert und schleichend. Zumindest können unsere ehemaligen Volksparteien derart schlechte Nachrichten vor dem 26. September überhaupt nicht gebrauchen. Sie werden sich was einfallen lassen. Fragen wir doch mal Klaus Schwab, den Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos. Er schreibt in seinem Buch COVID -19: Der große Umbruch: „Die globale Wirtschaftskatastrophe, mit der wir jetzt konfrontiert sind, ist die größte seit 1945; in puncto Geschwindigkeit ist sie beispiellos in der Geschichte.“ Er erwartet signifikante Nachwirkungen, die noch bis zu 40 Jahre dauern können. Die Wucht der Rezession hängt von drei Faktoren ab: 1) der Dauer und dem Schweregrad der Pandemie, 2) dem Erfolg der einzelnen Länder bei der Pandemiebekämpfung und 3) vom Zusammenhalt der Gesellschaften im Lockdown und danach. Und weiter schreibt er: „Was die Geschichte früherer Epidemien immer wieder zeigt, ist, wie Pandemien Handelswege und den Interessenkonflikt zwischen öffentlicher Gesundheit und Wirtschaft zu ihrem Vorteil nutzen.“ Die Debatte „Leben retten gegen Wirtschaft retten“ haben wir ja aktuell erlebt. Das hört sich also nicht gut an.

Es wurde ja mit zweierlei Maß gehandelt: die produzierende Industrie hat relativ wenig Einschränkungen erlitten: Die Verfügbarkeit von Masken und Schnelltests für die Arbeiter musste oft mit massivem Druck von staatlicher Seite durchgesetzt werden. Dagegen hat es den Dienstleistungssektor im Tourismus, Gastgewerbe, Einzelhandel oder Sport und Veranstaltungen brutal erwischt. Sie waren gleich dreifach vom Pech betroffen: 1) weniger Kunden, weil risikoscheuer, 2) die weniger ausgeben, um zu sparen und 3) die steigenden Investitionskosten für die Schutzmaßnahmen zur Bedienung eines Kunden. Die OECD-Experten haben eine Faustregel: Mit jedem Monat, in dem große Teile einer Volkswirtschaft geschlossen bleiben, sinkt das jährliche Wachstum möglicherweise um weitere 2 Prozentpunkte. In den G7-Ländern erwarten sie einen BIP-Einbruch von 20% - 30%. Wo finde ich nun deine optimistische Sichtweise, lieber Ingo?

  • Genau hier, Jupp. Es findet ein Nachdenken über den künftigen Wert eines BIP-Wachstums statt. Ist es nicht sinnlos, einer immer höheren Steigerung des Bruttoinlandsprodukts hinterherzulaufen, ohne die zukünftige Verfügbarkeit unserer natürlichen und sozialen Ressourcen zu berücksichtigen? Seit Jahren wird im World Happiness Report deutlich, dass ein höheres BIP keine Verbesserung des Lebensstandards und des sozialen Wohlergehens garantiert. Die ungleiche Verteilung der Gewinne, Einkommen und Vermögen macht den Indikator des Pro-Kopf-BIP zunehmend unbrauchbar. Wir brauchen ein Umdenken zur Verbesserung des sozialen Zusammenhalts und der ökologischen Nachhaltigkeit.

Das beruhigt mich, Ingo. Ich hatte immer schon das Gefühl, dass man die starke Vernetzung der Wirtschaft mit der Gesellschaft und Umwelt nicht ausreichend im Blickfeld hat. Was bringt den einzelnen Menschen eine brummende Wirtschaft, wenn sie soziale Instabilität und Umweltkatastrophen produziert. Sie sollte uns ein angenehmes Leben garantieren, aber diesen unangemessenen Konsum auf Kosten der Natur abschaffen. Die Tyrannei des BIP-Wachstums sollte endlich durch eine grüne Wirtschaft mit anderen Zielen und Schwerpunkten abgelöst werden. Die Wegwerfgesellschaft muss gestoppt werden, wir brauchen wieder mehr reparierbare Produkte mit längerer Lebensdauer und Plattformen für den Handel mit gebrauchten Produkten.

  • Die Wachstumskritik wurde ja spätestens mit dem Bericht des Club of Rome von 1972 salonfähig. Vierzig Jahre später wurde 2012 von 30 Wissenschaftlern erneut ein Blick in die Zukunft unseres Planeten bis 2052 geworfen. Der Report sieht die globale Entwicklung pessimistisch, aber nicht katastrophal. Die reichen Industriestaaten werden demnach kein ausreichend schnelles Wachstum mehr schaffen, um Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit zu beseitigen. China wird die Amerikaner als Weltmarktführer ablösen. Der sich selbst verstärkende Klimawandel wird einen Großteil der Weltbevölkerung schwer treffen und sie noch stärker in die Armut stürzen. Die Erfahrungen von 50 Jahren Entwicklungshilfe haben gezeigt, dass gegen die Armut keine Lösung von außen hilft. Vielmehr muss die Lösung von den Menschen vor Ort selbst kommen – insbesondere durch stabile staatliche Einrichtungen und Bildung für alle, insbesondere für Frauen.

Du schilderst also doch ein negatives Szenario, Ingo. Eins ist doch klar geworden, dass die bisherige Globalisierung der Märkte eine ungeheure Verschiebung der Macht und des Reichtums verursacht hat. Das bisherige Wirtschaftsmodell des Neokapitalismus ist für die Bewältigung des Klimawandels nicht geeignet. Die Umstrukturierung einer Volkswirtschaft muss durch enorme Investitionen und gesetzliche Regelungen durch die Politik vorgegeben werden. Elon Musk versucht gerade mit kalifornischem Unternehmergeist in Rekordzeit in Grünheide eine Gigafabrik aufzubauen. Im August sollten schon die ersten Tesla Model Y vom Band laufen. Es fehlen ihm aber noch unzählige Stellungnahmen von Behörden und Sachverständigen zur finalen Genehmigung. Momentan wird geprüft, ob ein Hubschraubereinsatz auch den Lärmschutzvorgaben in dem Seen- und Waldgebiet entspricht. Er lernt gerade, dass das deutsche Baurecht rund 20.000 Vorschriften enthält.

  • Jupp, du magst mir fehlenden Optimismus vorwerfen, aber letztendlich ist bei der Projektion des neuen Club of Rome doch beruhigend, dass die Menschheit die nächsten 50 Jahre noch überleben kann. Aber kommen wir auf unsere aktuellen Erkenntnisse zurück, du hast es ja an einem Beispiel gerade vorgestellt. Die deutsche Bürokratie verursacht nicht nur gigantische Kosten. In der Pandemiebekämpfung haben die öffentlichen Institutionen notorisch versagt und durch Verzögerungen viele Menschenleben gekostet. Mit den Strukturen von gestern lassen sich die Herausforderungen der Digitalisierung, des Klimawandels und von Pandemien nicht mehr bewältigen. Mit jeder Legislaturperiode wächst die Bürokratie weiter, fast wie ein Naturgesetz. Gerade jetzt ist die Zeit reif für eine Verwaltungsreform, für eine grundlegende Modernisierung des Staates auf allen Ebenen. Drei Gesetze zur Bürokratieentlastung seit 2014 hatten nur kosmetische Auswirkungen. Es fehlt ein John F. Kennedy, der 1961 das Ziel eines Mondfluges bis zum Ende der Dekade ausgerufen hatte.

Also Ingo, du hast deine Erwartungen als Optimist ja drastisch heruntergeschraubt. Jetzt bist du schon glücklich, wenn wir die nächsten Jahrzehnte überhaupt überleben können. Immerhin versauern wir nicht mehr länger in unseren Zimmern vor dem Bildschirm, sondern dürfen endlich wieder ein gepflegtes Bier in einer Gaststätte einnehmen. Es ist doch beruhigend, dass das fünfhundert Jahre alte Reinheitsgebot bis heute überleben konnte. Das nenne ich eine gelungene und praxisgerechte Gesetzgebung. Also Prost auf den großen Umbruch. Und auf den nächsten Kennedy-Weckruf.

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Konzentriere nicht all deine ganze Kraft auf das Bekämpfen des Alten,
sondern darauf, das Neue zu formen.
(Sokrates)

Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren.
Die nächstbeste Zeit ist - jetzt.
(Sprichwort aus Uganda)

Fürchte nicht das Chaos, denn im Chaos wird das Neue geboren.
(Carl Gustav Jung)

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