Lauf doch weiter, du Depp!

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de

Jupp präsentiert wieder sein typisches Pessimistengesicht, als er sich zum monatlichen Stelldichein in der Eckkneipe einfindet. Pessimist zu sein hat den Vorteil, dass man entweder ständig recht behält oder später nur angenehme Überraschungen erlebt. Sein Freund Ingo Nöhr hat sich schon längst an sein deprimiertes Weltbild gewöhnt und kann sich denken, was Kumpel Jupp in den letzten vier Wochen an Läusen über die Leber gelaufen ist.

Hallo Jupp, lass mich mal raten: Erdogan-Referendum und Frankreich-Wahlen. Beides war nicht so in deinem Sinne, oder?

  • Na Ingo, bist du etwa darüber glücklich, dass sich 68% der Türken in Deutschland gegen die Demokratie entschieden haben?

Also Jupp, ich finde, du musst das etwas differenzierter sehen. Wir haben 3 Millionen Türken in Deutschland. Von den 1,4 Millionen Wahlberechtigten haben gerade mal 530.000 gewählt, und davon 68% mit Ja gestimmt, das sind 360.000 von den drei Millionen Türken in Deutschland, also gerade mal 12% und nur ¼ der Wahlberechtigten. Im Umkehrschluss haben sich drei Viertel aller Türken nicht auf die Seite Erdogans gestellt. Istanbul, Ankara, Izmir, die drei größten Städte in der Türkei, alle waren mehrheitlich gegen Erdogan. Eigentlich ist das doch ein blamables Ergebnis für ihn.

  • Komisch, das liest sich in den Zeitungen und politischen Kommentaren ganz anders. Warum kommt da keiner drauf. Fast eine Million Nichtwähler. Auch sie sind ja eigentlich Wähler, denn sie haben gewählt, nicht zur Wahl zu gehen und damit gegen die massive Wahlbeeinflussung gestimmt. Das ist wie bei uns, wo die Gruppe der Nichtwähler seit vielen Jahren die größte Fraktion stellt, leider ohne Stimmrecht.

Jupp, mal was Anderes. Sei mir nicht böse, wenn ich jetzt zu intim werden sollte, aber auf deiner linken Wange prangt eine Rötung, die verdammt nach einer deftigen Ohrfeige aussieht. Hattest du gerade Krach mit deiner Frau gehabt?

  • Wie, das sieht man immer noch? Also mit meiner Frau ist alles bestens. Die Ohrfeige habe ich mir eben erst auf dem Weg zu unserer Kneipe eingefangen. Ich stehe da so nichtsahnend auf dieser Rolltreppe da hinten bei der Unterführung und fahre hoch. Vor mir eine dicke Frau, die oben angekommen, plötzlich stehenbleibt und die Schilder studiert. Hinter mir ein Grobian, der mich anschnauzt: „Lauf doch weiter, du Depp!“ Vor mir die Dicke, welche die gesamte Rolltreppe blockiert. Ich schiebe sie einfach zur Seite, sie dreht sich plötzlich um … - und knallt mir eine, dass mir Sehen und Hören vergeht. Dann hat sie erst kapiert, was los ist. Na ja, sie hat sich zwar entschuldigt. Sie glaubte, jemand wollte an ihre Handtasche. Aber nun laufe ich halt so rum.

Jupp, ich kann dir auch noch eine auf die andere Seite knallen, dann fällt die Rötung nicht mehr so auf. Aber das Verhalten deines Hintermannes ist doch eigentlich typisch für unsere heutige Zeit. Wir mögen keine Staus, keine Stockungen, keine ungeplanten Störungen. Alles soll möglichst geradlinig und berechenbar verlaufen. Wir verlassen uns auf die Verlässlichkeit und Zielstrebigkeit der Anderen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, denn unser Gehirn extrapoliert alle Aktionen um uns herum nach den alltäglichen Erfahrungen, das Leben fließt in gewohnten Bahnen. Du kennst das doch vom Autofahren: du bist permanent umgeben von vielfältigen Reizen und komplexen Bewegungen. Dein Gehirn filtert alle gewohnheitsmäßig fahrenden Verkehrsteilnehmer raus und rechnet mit einem ungestörten Verlauf in deinem nahen Umfeld. Das funktioniert so prächtig in deinem Unterbewusstsein, dass du während der Fahrt telefonieren oder dich mit deinem Beifahrer unterhalten kannst, ohne ständig auf die Straße starren zu müssen.

  • Ja klar. Alles sieht geordnet aus, jeder verhält sich gesittet, und plötzlich … PENG. Ein blöder Radfahrer oder noch schlimmer, ein Kind springt dir vor die Haube. Die sind oft unberechenbar. Ich kenne das auch von der Fußgängerzone. Mittags ist da ein Betrieb wie in einem Ameisenhaufen. Jeder läuft kreuz und quer, aber trotzdem stoßen die Menschen nicht zusammen. Jeder signalisiert dem Entgegenkommenden unbemerkt, wo er hin will und man stellt sich automatisch darauf ein. Und dann kommt so ein junger Schnösel mit seinem Skateboard und bringt alles durcheinander. Weil er sich nicht die gewohnte Laufgeschwindigkeit einhält. 

Gute Beobachtung, Jupp. Ja, das Tempo ist plötzlich anders, jemand hält sich nicht an die Regeln, ist ein Quertreiber, der nicht mehr im Mainstream mitläuft. Ein Störenfried, der dich durcheinander bringt. Deine Sicherheit ist bedroht.

  • Natürlich. Ich bin sauer, weil ich zur Seite springen muss. Ich muss mich diesem einzelnen Deppen unterordnen, er zwingt mir seinen Willen auf.

Und nun, Jupp, siehst du vielleicht auch die Parallele zur Politik. Mit einem Unterschied: es sind nicht mehr einzelne Leute, die aus der Menge ausscheren. Es sind immer mehr Unzufriedene, die nicht mehr die bisherige Richtung verfolgen wollen, weil sie den Gesetzen, den staatlichen Einrichtungen und den gesellschaftlichen Eliten misstrauen. Sie finden über die Social Media Gleichgesinnte, tun sich zusammen, gruppieren sich um eine starke Persönlichkeit, widersetzen sich dem Mehrheitswillen und schaffen sich so ihren eigenen Mainstream.    

  • Na klar, jetzt verstehe ich dich. Die beleidigten Türken wählen Erdogan, die amerikanischen Verlierer Donald Trump, die Franzosen jagen ihre bisherigen Vertreter der etablierten Volksparteien davon, Marie Le Pen und die AfD-Wähler werden plötzlich für die Machthaber gefährlich.    

Wir haben doch genügend Beispiele in unserer Geschichte. Die Grünen: 1980 gegründet, stellten sie schon fünf Jahre später einen Landesminister. Die DDR: 1989 wurde die SED nach vierzig Jahren Alleinherrschaft hinweggefegt. Al Qaida und der Islamische Staat veränderten weltweit die Sicherheitslage. Wir steuern momentan auf weitere Umschlagspunkte zu: Flüchtlingswellen, Klimawandel, Demografieproblem, Geldstabilität, neurotische Staatsmänner, militärische Aufrüstung, kriegerische Provokationen.

  • Aber das sind alles Probleme, die von uns vernunftbegabten Menschen selbst verursacht wurden. Wir haben die Verantwortung und hätten die Möglichkeit, diese Situation zu ändern.

Nur bedingt. Betrachte mal die digitale Revolution. Sie ermöglicht den noch Herrschenden durch ihre modernst ausgerüsteten Geheimdienste eine immer totalere Kontrolle ihrer Untergebenen. Aber die Opposition nimmt trotzdem zu, wird breiter und internationaler, und durch das Internet weniger fassbar und angreifbar. Die Politiker in den dahinschwindenden Volksparteien bekommen Angst, denn das Volk will nicht mehr in den geordneten Bahnen mitlaufen und verweigert ihnen zunehmend die Gefolgschaft.

  • Stimmt. Aber mit ihren Strategien waren sie bislang nicht besonders erfolgreich. Bürokratieabbau? - gescheitert. Atomkraftausstieg? – Stromkosten steigen trotz Überangebot. Geldstabilität? – Nullzinsen, Schuldenkrisen. Europa? – bricht zunehmend auseinander. Sicherheit der Renten? – drohende Altersarmut und Abzockerei durch private Versicherer. Reformen im Schulwesen, Justizwesen, Steuerrecht, Gesundheitswesen, Föderalismus? – wichtige Änderungen wurden nie angepackt.

Interessant sind jetzt deren neuen Strategien, nachdem sie wichtige Systemanpassungen mit dem gegenwärtigen Politikfilz nicht umsetzen können. Der Druck im Kessel steigt. Also muss man die druckerzeugenden Elemente zunächst identifizieren. Big Data Analysen in Verbindung mit umfassender Video- und Netzkontrolle machen es möglich. Im zweiten Schritt wird die Wirken dieser Unruheherde laufend überwacht. Dafür braucht man leistungsfähige Geheimdienste, die möglichst geräuschlos im unkontrollierten Dunkeln arbeiten sollen.

  • Das hat ja die Stasi jahrzehntelang gemacht und auch die NSA ist schon zum Orwellschen Big Brother mutiert. Trotzdem ändert dies nichts am grundsätzlichen Problem – die wachsende Wut der Unzufriedenen, der Verlierer.

Richtig. Wenn man die Wände des Kessels durch gesetzliche Maßnahmen wie zum Beispiel mit der Internetkontrolle nicht weiter verstärken kann, kann man versuchen, den Druckanstieg durch einige öffentlichkeitswirksame Alibiaktionen etwas zu bremsen, etwa durch Rentenerhöhungen und andere wählerfreundliche Gesetze. Aber viel wirksamer ist der Einbau eines Sicherheitsventils, mit dem der Druck umgelenkt wird und nach außen entweicht. Die Wut muss ein anderes Ziel bekommen, einen äußeren Feind. Wir regen uns jetzt gemeinsam mit den Politikern auf über die Terroristen, die kriminellen Ausländer und frauenfeindlichen Einwanderer, die europäische Geldpolitik, die bösen Staatslenker in Russland, Nordkorea und in der Türkei, die bankrotten Staaten im Mittelmeerraum, kurz: unsere armen Politiker sind auch nur Opfer des Weltgeschehens. Sie schüren bewusst die Panik.

  • Ingo, ich verstehe jetzt auch deinen Optimismus. Während ich ständig jammere, dass alles schlechter wird und dabei kein Ende absehe, wartest du auf den kommenden Katastrophenpunkt, wo der Kessel platzt und die Systeme wieder neu geordnet werden müssen. Sozusagen ein neues Fukushima in der Geschichte. Oder noch besser: der Phönix kommt wieder.

Der Phönix war vor 4000 Jahren in der ägyptischen Mythologie ein Reiher, der im Abstand von 500 Jahren erscheint, bei Sonnenaufgang in der Glut der Morgenröte verbrennt und aus seiner Asche verjüngt wieder aufersteht. Er hätte jetzt seine zwölfte Wiedergeburt vor sich. Beim letzten Mal hat er mit der Erfindung des Buchdrucks und der Entdeckung Amerikas die Neuzeit gestartet. Heutzutage könnte er durchaus für die digitale Revolution verantwortlich sein. Da steht uns ein aufregendes Zeitalter bevor. 

  • „Unsere Leidenschaften sind wahre Phönixe. Wie der alte verbrennt, steigt der neue sogleich wieder aus der Asche hervor.“ Dieser Spruch stammt vom alten Goethe. Ich verstehe, was du damit sagen willst, Ingo. Die Ära des „Lauf doch weiter“ geht zu Ende, denn bedeutsame Hindernisse stehen im Wege. Da bin ich froh, dass ich heute noch mit einer Ohrfeige davonkam und nicht ein Messer oder eine Pistolenkugel meine kümmerliche Existenz ausgelöscht hat.

Ja, Jupp, du hast diese Konfrontation überlebt. In kriegerischen Ländern wäre wahrscheinlich Blut geflossen. Lass uns auf deine Gesundheit trinken, in der Hoffnung, dass wir den Weiterstürmenden nicht im Wege stehen. Solange es noch geht, trinken wir das Gebräu, dessen Reinheitsgebot beim letzten Phönixerwachen von den Bajuvaren etabliert wurde.

Herr Wirt, bitte zwei Bier, nach dem Phönixrezept!  

 

Willst Du Dein Land verändern, verändere Deine Stadt.

Willst Du Deine Stadt verändern, verändere Deine Straße.

Willst Du Deine Straße verändern, verändere Dein Haus.

Willst Du Dein Haus verändern, verändere Dich selbst.

(Arabisches Sprichwort)

 

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