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Prima Klima?

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Junge Leute wie Rezo und Greta haben den politischen Betrieb aus dem Winterschlaf aufgeschreckt. Rechtzeitig vor dem ultraheißen Sommerloch finden weltweit hektische Aktionen statt: die G20-Staaten treffen sich in Japan zu überraschend freundlichen Gesprächen.  Bei der Fußball-Weltmeisterschaft machen die deutschen Frauen eine gute Figur. Politische Macht erleidet empfindliche Dämpfer: zur Rettung der SPD startet ein Dreier-Team, der neue Bürgermeister in Istanbul wird die einträglichen Geschäfte der Erdogan-Clique empfindlich stören, Verkehrsminister Scheuer verstösst mit seiner PKW-Maut gegen EU-Recht, Theresa May schmeißt hin und ihr Erzrivale Boris Johnson will nun den Brexit stemmen. Und die Sonne bringt die Thermometer zum Kochen.

Hallo Jupp, hast du dein Heim schon tropenfest gemacht? Die Klimaexperten haben gerade von den Mikrobiologen erfahren, dass sie einen wichtigen Faktor in ihren Rechnungen komplett übersehen haben. Dummerweise betrifft er 90% der Biomasse auf der Erde. Es sind die Mikroben, die aufgrund der Erwärmung ihre CO2-Produktion gewaltig gesteigert haben. Dadurch beschleunigt sich der Klimawandel um einen erheblichen Faktor. Es gibt aber eine gute Nachricht für dich: die Nächte werden ab sofort wieder länger.

  • Was nutzt mir das, wenn ich in meinem tagsüber aufgeheizten Haus nachts nicht schlafen kann. Absolute Temperatur-Rekorde jede Woche. Hast du von den 46° Celsius in Frankreich gehört? Im Maisfeld neben unserem Haus gibt es bald Popcorn. Ich werde unser Schlafzimmer wohl im Keller einrichten müssen.

Ach Jupp, stell dich nicht so an: in Dubai sind 45°C ganz normal. Kritisch wird es erst, wenn du bei uns folgende Schlagzeilen liest:
- Feigenplantage in Flensburg fährt Rekordernte ein!
- Kohle geschmolzen! Ruhrkohle AG setzt jetzt auf Ölförderung!
- Wanderdüne verschlingt Potsdamer Schloss!
- Schwedisches Kamel gewinnt Spring- und Dressur-Derby in Hamburg!
- Sandsturm schleift Berliner Siegessäule ab! Jetzt Obelisk!
- Radweg im Rheinbett wird jetzt mit Sonnenschutz versehen!

Präsident Donald Trump hat ein einfaches Gegenmittel in petto, um in seinem Land in ganz kurzer Zeit und ohne Kosten die Temperaturwerte drastisch zu senken. Er wechselt einfach von Fahrenheit auf Celsius-Angaben.

  • Ingo, das erinnert mich an das letzte Gespräch von Angela Merkel mit Trump auf dem G20-Gipfel in Osaka. Sie versuchte ihm ins Gewissen zu reden: „Mein lieber Donald, die größten privaten Klimakiller sind Rindfleischessen, Autofahren und Heizen mit Kohle.“ – „Ach liebe Angela, das weiß ich doch. Ich verzichte auf alle drei. Morgens esse ich kein Rindfleisch, nachts fahre ich kein Auto und im Sommer schalte ich die Heizung aus. Deswegen habe ich keine Probleme mit dem angeblichen Klimawandel.“

Treffen sich zwei Planeten. Sagt der eine: "Du siehst aber gar nicht gut aus!" Der andere: "Ja, ich weiß. Ich hab‘ homo sapiens." - "Das kenn ich, das geht vorbei!" Jupp, ich habe mich daher auch umgestellt: ich fahre jetzt immer öfter mit einem ganz dicken Mercedes mit wahnsinnig vielen PS in die Stadt. Was guckst du so ungläubig? Ich kaufe vorher natürlich eine Busfahrkarte!

  • Haha Ingo, sehr witzig. Noch besser wäre es, wenn du das Fahrrad nehmen würdest. Aber wie ich deine Schusseligkeit kenne, fährst du dann nur die vielen E-Roller platt. Wusstest du, dass die tödlichen Fahrradunfälle in nur einem Jahr um 14 % zugenommen haben. 432 Radfahrer starben 2018, ab 2019 müssen auch die E-Scooter dran glauben. Man sollte ab sofort alle Rollerfans mit Airbags ausrüsten.

Das Rollerfahren hat ja bei Temperaturen bis maximal 37 Grad den Vorteil, dass der Fahrtwind kühlt. Außerdem hat man keine Parkprobleme. Wusstest du, dass in Berlin mittlerweile ein Fünftel der Stadtfläche mit Parkplätzen belegt ist? Nebenbei, dieses Jahr wird der einmillionste SUV zugelassen - die Vertreter der beiden Berufsgruppen Bauer und Jäger müssen sich explosionsartig vermehrt haben. Wenn alle Menschen auf der Erde so leben würden wie die Deutschen, bräuchten wir die Ressourcen von drei Planeten. Mahatma Gandhis Appell wird heutzutage in unserer ach so christlichen Wertegesellschaft ignoriert: „Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier. Reich wird man erst durch Dinge, die man nicht begehrt.“

  • Vielleicht hängt der ungebremste Drang nach Straßenpanzern auch mit dem miserablen Zustand unserer Wege zusammen, Ingo. Dabei werden 50% aller Fahrten für Entfernungen von maximal fünf Kilometern unternommen. Unser Verkehrsminister Scheuer unternimmt ja alles, um die gefährdete Zunft der Autofahrer vor allen bösen Einflüssen wie Fahrverboten und Abgasmessungen zu schützen. Für 2020 hat er den Verkehrsetat um 30 auf 600 Millionen Euro aufgestockt. Allerdings musste er dafür die Mittel für den Zweiradbereich um 20 Millionen Euro kürzen.

Jupp, sieh das mal mit der politischen Brille. Damit erhöht Scheuer unseren wichtigsten Wachstumsfaktor, das Bruttosozialprodukt. Dessen Berechnung unterschlägt Umweltschäden, ignoriert Leistungen der Natur und trägt damit maßgeblich zum Weiterwirtschaften auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder bei. Das Umweltbundesamt hat vor zehn Jahren einen „Nationalen Wohlfahrtsindex“ mit 20 Messgrößen vorgestellt, der auch die Schäden durch Luftverschmutzung, durch Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie den Wert ehrenamtlicher Arbeit beinhaltet.

  • Kenn ich schon, Ingo. Der Wohlfahrtsindex ist allerdings in der Fachwelt heftig umstritten und bei den Politikern unbeliebt: seit 2000 ist nämlich das Bruttoinlandsprodukt um 21% gestiegen, während der NWI um 5% gefallen ist. Dabei wurden die Verluste biologischer Vielfalt, dem millionenfachen Artensterben, noch gar nicht berücksichtigt. Der aktuelle Uno-Bericht erklärt 23% der Landfläche des Planeten als ökologisch heruntergewirtschaftet und nicht mehr nutzbar.

Erinnert mich an den Song von Geier Sturzflug: Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das … Robert Kennedy hat 1968 an der University of Kansas dazu eine Rede gehalten: „Zum Bruttosozialprodukt gehören auch Luftverschmutzung und Zigarettenwerbung und Rettungsfahrzeuge, die die Opfer von Verkehrsunfällen von unseren Highways abtransportieren, außerdem Spezialschlösser für unsere Haustüren und Gefängnisse für Leute, die sie aufbrechen. Napalm gehört dazu und Atomsprengköpfe.
Was für das Bruttosozialprodukt andererseits keine Rolle spielt, sind die Gesundheit unserer Kinder, die Qualität ihrer Erziehung, die Freude, die sie beim Spielen haben. Die Schönheit unserer Dichtung zählt nicht, es zählen nicht die Stabilität unserer Ehen, die Intelligenz unserer Debatten oder die Integrität unserer öffentlichen Beamten. Es zählen nicht unsere Klugheit und unser Mut, weder unsere Weisheit noch unsere Ausbildung, weder unser Mitgefühl noch die Liebe zu unserem Land, kurz: Es zählt alles außer dem, was das Leben lebenswert macht.“

  • Die immensen Kosten unserer Nutzung der fossilen Energien, also vor allem die Umwelt- und Klimaschäden, bezahlen wir heimlich über den Staatshaushalt, ohne dass wir das merken. Ingo, das Problem ist nicht, dass wir mehr Wohlstand wollen. Das Problem ist doch, dass wir Wohlstand durch materiellen Besitz definieren. Der Satiriker Gabriel Laub hat es mal sehr treffend formuliert: „Unser Leben ist viel schwerer als das unserer Vorfahren, weil wir uns so viele Dinge anschaffen müssen, die uns das Leben erleichtern.“
    Der frühere US-Präsident Jimmy Carter hat schon 1976 vorausgesehen, dass es nicht so weiter gehen kann: „Wir müssen uns darauf vorbereiten, unsere gegenwärtige Lebensweise zu ändern. Dieser Wandel wird entweder geplant von uns selbst durchgeführt werden, oder er wird uns von den unerbittlichen Naturgesetzen, begleitet von Chaos und Leid, aufgezwungen werden.“

Es ist doch eine uralte Weisheit, Jupp. Der Buddhismus-Gründer Siddhartha Gautama hat schon vor 2500 Jahren gefordert: „Sammle deinen Reichtum, ohne seine Quellen zu zerstören, dann wird er beständig zunehmen.“ Das hat jetzt auch unsere Bundesumweltministerin Svenja Schulze erkannt und 2019 zum Jahr des Klimaschutzes erklärt. Mir kommt das so vor, als wenn ein Lungenkrebskranker erklärt, er möchte jetzt mit dem Rauchen aufhören, um wieder gesund zu werden. Damit da nicht wieder irgendwelche Youtube-Influencer die Show stehlen, will das Bundesjustizministerium deren Wirkung durch ein neues Gesetz einschränken. Alle bezahlten Aussagen in sozialen Netzen sollen dann als Werbung gekennzeichnet werden.

  • Also Ingo, ich finde das eine gute Idee. Die Fußballer und Rennfahrer haben diese Kennzeichnung ja schon lange auf ihrer Kleidung. Jetzt sollten die Politiker auch alle Sponsorenlogos auf ihren Jacken tragen. Agrarministerin Julia Klöckner könnte sich am Hals mit dem Nestlé-Vogelnest als professionelles Tattoo schmücken. Bei manchen Abgeordneten wird wohl die verfügbare Fläche auf Haut und Anzug bei der Vielzahl ihrer Aufsichtsmandate nicht ausreichen. Die verabschiedeten Gesetze müssten dann auch mit den Logos der Autoren aus der Industrie und den Lobbyverbänden verschönert werden.

Jupp, diese Maßnahme könnte bei politischen Debatten endlich mehr Farbe ins Bild bringen. Gut, dass wir bei unseren Stammtischgesprächen keine Werbung für die Biersorte machen. Apropos Bier. Wir brauchen Nachschub. Herr Wirt, bitte zwei Bier, bevor es warm wird. Prost.

 

Die menschliche Geschichte wird mehr und mehr zu einem Wettlauf zwischen Bildung und Katastrophe.
(Herbert George Wells, engl. Schriftsteller, 1866-1946)

Künftige Generationen werden den Vandalismus verfluchen, mit dem wir ein kurzes Jahrhundert Raubbau an der Tierwelt getrieben haben, zu deren Vervollkommnung die Natur fünfzig Millionen Jahre brauchte.
(Romain Rolland, 1866-1944)

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