Über Truthähne, schwarze Schwäne und unerwartete Überraschungen

von Ingo Nöhr

Ingo Nöhr zum 1. Januar 2022

Über Truthähne, schwarze Schwäne und unerwartete Überraschungen

Zum zehnten Mal beginnen die beiden Pensionäre Jupp und Ingo ein neues Jahr mit einem kritischen Gespräch am traditionellen Stammtisch. Die Welt hat sich seither drastisch gewandelt und mit ihr auch die beiden Diskutanten. Ingos optimistische Sichtweise wird vom skeptischen Jupp stark auf die Probe gestellt, besonders in der vierten Pandemie-Welle und den apokalyptischen Meldungen zur neuen Omikron-Variante. Aber Ingo lässt sich in seiner Zuversicht auf eine bessere Welt nicht beirren, gemäß dem Motto von Victor Hugo: „Die Zukunft hat viele Namen: für Schwache ist sie das Unerreichbare, für die Furchtsamen das Unbekannte, für die Mutigen die Chance.“

Guten Morgen, Jupp, alles Gute in 2022. Ich nehme an, du hast dein Katastrophenjahr mit einem lauten Fluch abgeschlossen. Daher wünsche ich dir einen optimistischeren Einstieg ins neue Jahr.

  • Hallo Ingo, dankeschön. Ich wünsche dir auch ein weiteres Jahr mit deinem Glauben an das Gute im Menschen und deiner unverbesserlichen Zuversicht an die Vernunft der menschlichen Rasse.

Vielen Dank Jupp, ich werde das weiterhin beherzigen. Du siehst aber reichlich verkatert aus. Hast du die Silvesternacht zu lang durchgefeiert?

  • Nein, das kann ich nicht gerade sagen. Ich hatte mich schon auf eine ruhige Mitternacht gefreut, nachdem alle Böller und Raketen ja verboten waren. Aber hat unser Gesetzgeber hat in seiner unergründlichen Weisheit den Verkauf von Signalmunition aus der Regelung herausgenommen. Unser hiesiger Waffenladen hat ganz legal riesige Bestände verkauft, die in meiner Nachbarschaft während der gesamten Nachtstunden abgefeuert wurden.

Du hast mein Mitgefühl, Jupp. Dein neues Jahr startete also mit einem großen Knallkonzert wie unser verflossenes Jahr. Über beeindruckende Knalleffekte können wir uns nicht gerade beklagen.

  • Wie im letzten Jahr? Das verstehe ich nicht ganz, Ingo. Soweit ich mich erinnern kann, waren Böller und Raketen auch letztes Jahr verboten und wir haben uns vielmehr Gedanken zur Stille gemacht.

Mit dem Knalleffekt meine ich den misslungenen Putschversuch von Donald Trump-Fans am 6. Januar auf das Kapitol. Zwei Wochen später wurde Joe Biden als neuer Präsident vereidigt. Aber wie ich höre, hat Trump in drei Jahren schon wieder reelle Chancen auf eine Wiederwahl. Zumindest besetzt er jetzt schon alle wichtigen Wahlämter mit seinen Gefolgsleuten. Und seine Republikaner stehen stramm hinter ihm. Die Russen und Chinesen wird diese Aussicht freuen.

  • Ja richtig, Ingo. Und der große Knalleffekt in der Natur kam dann Mitte Juli, als eine Flutwelle das Ahrtal zerstörte und 180 Menschen getötet wurden. Ende Juni war doch die große Hitzewelle in Nordamerika mit Rekordwerten von 49,6 Grad Celsius. Im Juli hatten wir die riesigen Waldbrände in Kalifornien und sogar bei uns in Südeuropa und der Türkei. September: der Vulkanausbruch auf der kanarischen Insel La Palma! Dezember: die schwersten Tornados in den Vereinigten Staaten. Da hat die Natur dem Menschen mal konkret gezeigt, wo der Hammer hängt.

Jupp, und warum? Diese Ereignisse sind wunderbare Beispiele für den Truthahn von Nassim Taleb, über den wir im Mai 2020 gesprochen haben. Erinnerst du dich noch?

  • Nassim Taleb? Sagt mir nichts. Da haben wir über einen schwarzen Schwan gesprochen, an den Truthahn kann ich mich nicht erinnern.

Also Jupp, du musst auch schon die Zitate am Ende unserer Aufzeichnungen lesen. Der Truthahn von Taleb war fast das ganze Jahr davon überzeugt, dass er das beste Leben auf der Welt führt, denn er wurde jeden Tag großzügig gefüttert und verhätschelt. Bis plötzlich am Thanksgiving Day brutal sein Luxusleben endete, weil er geschlachtet wurde.

  • Aha, jetzt verstehe ich. Du meinst, wir waren auch zu lange der Überzeugung, dass die Natur uns alle Annehmlichkeiten zur kostenlosen Verwertung bereitstellt, bis zu uns unerwartet alles in Rechnung stellt. So auch in Afghanistan, wo wir zwanzig Jahre lang naiv geglaubt haben, wir könnten mit viel Geld das Land modernisieren und die Demokratie einführen. Und dann übernehmen plötzlich im August die Taliban ohne irgendeine Gegenwehr die Regierung.

Gut verstanden, Jupp. Aber warum soweit in die Ferne schweifen? Wir haben es bei der Bundeswahl doch selbst gespürt. Nach sechzehn Jahren Angela Merkel sitzt plötzlich Olaf Scholz und Annalena Baerbock im Kanzleramt und die CDU findet sich seit Menschengedenken total perplex auf den Oppositionsbänken wieder – und dann noch in direkter Nachbarschaft zur AFD. Das dürfte für sie ein ähnliches Gefühl sein, wie der Truthahn in seinen letzten Sekunden erlebt hat.

  • So ein Truthahn-Erlebnis dürften die Briten nun ein Jahr nach dem vollendeten Brexit erleben. Was hatte ihnen Boris Johnson doch für eine himmlische Zukunft in Freiheit versprochen. Dumm nur, dass sie mit dem EU-Austritt auch 150.000 Arbeitskräfte verloren haben, die ihre Wirtschaft am Leben erhalten hatten.

Truthähne überall, Jupp. Jahrzehntelang hat die Politik den Pflegenotstand ignoriert. Dann sorgte Corona mit vollen Betten auf der Intensivstation. Alle haben für die Intensivpfleger geklatscht, es gab ein kleines Bußgeld in Form einer einmaligen Prämie. Das sind alles Idealisten, die dürfen jeden Tag Leben retten, das sollte ausreichend motivieren, dachte man sich im Gesundheitsministerium. Jetzt ist die Luft raus, nach anderthalb Jahren im Notbetrieb ist das Personal völlig ausgebrannt. 5000 Intensivbetten können wegen Personalmangel nicht belegt werden. Und zum Erstaunen der übrigen Welt müssen wir nun schwerstkranke Patienten per Flugzeug in andere Bundesländer evakuieren. Wer zu spät kommt …

  • Ich sehe schon Ingo, überall lauern die vollgefressenen Truthähne: in unserer Verwaltung und Justiz, die die Digitalisierung verschlafen haben. Bei den Auto-Herstellern, die anfangs Elon Musk verlachten. Bei unserem Gesetzgeber und den Finanzverwaltungen, die in den letzten Generationen eine nicht mehr beherrschbare Regelflut produziert haben. 2003 hatte der frischgebackene CDU-Vorsitzende Friedrich Merz eine Steuererklärung auf einem Bierdeckel versprochen. Wäre doch schön, wenn unser neuer Finanzminister Lindner diese Idee mal aufgreifen würde.

Das wäre schon das Erscheinen eines schwarzen Schwans: „die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“. Das beschreibt unser Nassim Taleb in seinem Bestseller. Wir unterschätzen permanent die extremen Einflüsse von überraschenden Wendungen. Taleb führt diesen Mangel auf drei Missverständnisse zurück:  die Illusion, gegenwärtige Ereignisse zu verstehen, die retrospektive Verzerrung historischen Geschehens und die Überbewertung von Sachinformation kombiniert mit der Überbewertung der intellektuellen Eliten.

  • Hört sich ja interessant an, Ingo. Aber erklär mir erst mal, was das mit einem schwarzen Schwan zu tun hat.

Ganz einfach: bis ins 18. Jahrhundert waren alle bekannten Schwäne weiß. Man konnte sich einfach keine andere Farbe für einen Schwan vorstellen. Dann aber entdeckte ein gewisser John Latham 1790 in Westaustralien einen Trauerschwan. Er war vollkommen schwarz. Und eindeutig der Gattung Schwäne zugehörig. Heute spricht man von schwarzen Schwänen, wenn sämtliche bekannten Faktoren keinen Rückschluss auf ein zukünftiges Risiko zulassen und den Akteuren nicht bewusst ist, dass es Unerwartetes geben könnte. Als sich im März bei starkem Wind das Containerschiff im Suezkanal plötzlich quer stellte und sechs Tage lang den gesamten Kanal für 370 Schiffe blockierte. Der tägliche Transportausfall von wichtigen Ladungsgütern im Wert von 9 Milliarden US-Dollar ließ viele weltweite Lieferketten zusammenbrechen, Halbleiter und viele Rohstoffe wurden knapp.

  • Ja, da waren wir alle ganz baff. Plötzlich konnte Amazon vieles nicht liefern, weil seine Pakete im Kanal festhingen. Demnach waren viele Finanzkrisen wohl auf schwarze Schwäne zurückzuführen: die Auswirkungen der Lehman-Brothers Pleite, die Bankenkrise mit den faulen Krediten, die Verschiebung der Olympiade durch die Corona-Pandemie, die Spiele in den leeren Stadien. Nur die vierte Pandemie-Welle nicht, die wurde schließlich monatelang vorher angekündigt.

Und die Flüchtlingskrise zählt auch nicht dazu. Kriege vor unserer Haustür und umwälzende Klimaveränderungen kamen schließlich nicht über Nacht. Wir werden noch mehr Völkerwanderungen in unser europäisches Paradies erleben. Allein letztes Jahr hat die Weltbevölkerung trotz der globalen Pandemie mit 5,5 Millionen Toten um fast 100 Millionen Menschen zugenommen. Alle wollen essen, trinken, wohnen und vom großen Kuchen der Reichen naschen. Erschwerend kommt hinzu: 3,6 Milliarden Benutzer von Smartphones erhalten täglich Meldungen über unseren Wohlstand.

  • Ingo, leider oft über Facebook. Die ehemalige Facebook-Managerin Frances Haugen hat vor kurzem im amerikanischen Kongress über deren asoziales Business-Modell berichtet: von Algorithmen bevorzugte Triggerpunkte wie Hass, Wut und extreme Ansichten fördern enorm die Reichweite und damit den Profit von Mark Zuckerberg. Diese Fütterung von Filterblasen und Echokammern verstärkt die Radikalität von Republikanern, Verschwörungstheoretikern, Impfverweigerern und Rechtsextremen. Und der Staat scheint machtlos zuzuschauen: Too big to fail. Geld regiert die Welt. Allein in den G20-Ländern pumpten die Notenbanken 2020 knapp 9000 Milliarden Dollar in den Wirtschaftskreislauf. Die weltweite Staatsverschuldung erreicht mittlerweile 226 Billionen US-Dollar. Gedrucktes Papier, getragen von Hoffnung und Glauben.

Apropos Facebook: Mark Zuckerberg hat gerade seinen Konzern umbenannt: Facebook, Instagram, Whatsapp und Oculus VR sind nun bei Meta Platforms Inc. untergekommen.  Und er hat große Visionen: das Metaverse, der dreidimensionale Nachfolger des Internets. Bisher war der Internetnutzer nur Zuschauer und konnte Texte, Fotos und Videos austauschen. Bald soll er Mitbewohner eines virtuellen Universums werden: aus dem Home-Office wandert er als Avatar zur täglichen Arbeit zu seinen Kollegen in einen virtuellen Konferenzraum und kann dort mit Partnern und Kunden in aller Welt kommunizieren.

  • Ich spinne es mal weiter, Ingo: Kinder haben in ihrer virtuellen Schulklasse automatisch Zugang zu allen Freunden, aber auch Bildern, Karten, Texten und Filmen der Menschheit. Konzerte müssen nicht mehr persönlich besucht werden, sondern man sitzt auf dem Sofa mithilfe einer VR-Brille mittendrin. Sich mühselig eine passende Lebenspartnerin zu suchen, würde auch überflüssig. Vielmehr sucht man sich im Katalog eine knackige Avatarin aus, schlüpft in einen Sexanzug und durchlebt heiße Dates in der Virtual Reality.

Ich bezweifele, ob man künftig noch so einen Sexanzug benötigt. Schließlich hat einen Tag vor Heiligabend ein australischer ALS-Patient den weltweit ersten Tweet abgesetzt, der ausschließlich mit Hilfe seines Gehirns über eine neuartige Hirn-Computer-Schnittstelle verfasst worden war: „Ich brauche keine Tastenanschläge oder Spracheingabe. Ich habe diesen Tweet nur mit meinen Gedanken verfasst.“ Was sagst du dazu?

  • Und das findest du gut, Ingo? Da vereinsamen die Menschen ja noch mehr als in den Lockdowns der Corona-Pandemie. Ernest Hemingway sagte einmal: „Das Merkwürdige an der Zukunft ist die Vorstellung, dass man unsere Zeit einmal die gute alte Zeit nennen wird.“ Hast du noch mehr dieser Horrorvorstellungen von unserer Zukunft?

Ach Jupp, die Aufzählung würde unser heutiges Treffen sprengen und dich nur noch tiefer in die Depression stürzen. Wir dürfen aber nicht die Augen vor der neuen Welt verschließen. Schließlich geht es um sehr viel Geld. Das Metaverse soll in absehbarer Zeit 10 bis 20 Prozent der Weltwirtschaft ausmachen. Jeff Bezos hat mit der Gründung von Amazon 1994 gezeigt, wohin eine Vision führen kann.

  • Ja und? Was können wir noch dagegen tun? Wie du schon sagtest: too big to fail. Wo bleibt da deine optimistische Seite, Ingo?

Gemach, mein Lieber Jupp. Das Metaverse erinnert mich an Platons Höhlengleichnis. Eine Gruppe von Menschen sind in einer Höhle angekettet. Sie betrachten Schatten an der Wand und glauben, dass diese die einzige Realität sei. In unserer Gesellschaft gibt es immer noch genügend Leute, die nach draußen gehen und sich der echten Wirklichkeit stellen wollen. Erinnere dich an die überwältigende Hilfsbereitschaft wildfremder Mitbürger, als eine Million Flüchtlinge in Deutschland eintrafen; als die Flutkatastrophe über das Ahrtal hereinbrach. An die übergroße Mehrheit von ehrenamtlichen Helfern, Impfwilligen, Nichtrassisten, Umweltbewussten in unserer Bevölkerung. Sie befolgen den platonischen Ratschlag: „Die Suche nach dem Guten in unseren Mitmenschen wird uns dabei helfen, das Gute in uns selbst zu finden.“

  • Okay, du meinst also, wir sollten uns nicht verrückt machen lassen. Weniger Fernsehen gucken, Zeitungen lesen, Internet surfen, die Realität mit eigenen Augen in der Welt erleben. Und uns mit den Guten zusammentun und gemeinsam den digitalen Verlockungen widerstehen. So wie wir das nun schon im zehnten Jahr mit unserem Stammtisch praktizieren. Wahrscheinlich ein hilfreicher Vorschlag. Dann lass uns mit einem nichtdigitalen Bier anstoßen, Ingo.

Ich sehe, Jupp, du hast nun erkannt, woher ich meinen Optimismus beziehe. Auf die alternative Zukunft. Prost neues Jahr.

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Seneca war der Meinung, der kluge Stoiker solle sein Engagement für das öffentliche Wohl einstellen, wenn man nicht auf ihn hört und das Staatswesen unwiderruflich korrumpiert ist. Es zeugt von größerer Weisheit zuzuwarten, bis es sich selbst zerstört.
(aus Nassim Taleb: Kleines Handbuch für den Umgang mit Unwissen.)

Die Menschen gehen lieber zugrunde, als dass sie ihre Gewohnheiten ändern.“
(Leo Tolstoi)

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.
(Mahatma Gandhi)

„Man sollte nie daran zweifeln, dass eine kleine Gruppe kluger, engagierter Bürger die Welt verändern kann. In der Tat ist das der einzige Weg, der jemals Erfolg hatte.“
(Margaret Mead)

Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.“
(Antoine de Saint-Exupery)

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