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Unsere tägliche Krise gib uns heute

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
Vielen Dank MEDI-LEARN.de!

Am 1. Februar verliert die EU mit dem Brexit 67 Millionen Einwohner und schrumpft flächenmäßig um 5,6%. Die Abstimmungsgewichte im EU-Parlament und EU-Ministerrat verschieben sich deutlich. Und Deutschland wird etwas mehr zur Kasse gebeten. Wir leben in krisengeschüttelten Zeiten: soziale Krise, politische Krise, Wirtschafts- und Handelskrise, Finanz- und Schuldenkrise, Bildungskrise, Energiekrise, demografische Krise, Flüchtlingskrise, Glaubwürdigkeitskrise, Kulturkrise, Glaubenskrise, ökologische Krise und jetzt auch noch die Virenepidemie.
Kein Wunder, dass dieser dauernde Beschuss von Katastrophenmeldungen bei unseren kampferprobten Krankenhausstrategen Ingo und Jupp eine besondere Wirkung zeigt. Bei ihrem monatlichen Stammtischgespräch widmen sich die beiden wieder einmal dem bevorstehenden Weltuntergang.

Also mein lieber Jupp: ich habe dich in den vielen Jahren als vorausschauenden und fürsorglichen Familienvater erlebt. Du hast dich bestimmt schon auf die große Berlin-Quarantäne vorbereitet?

  • Berlin-Quarantäne? Was soll das denn sein? Soll der Rest unserer Republik etwa vor den negativen Ausdünstungen unserer Regierungsmannschaft geschützt werden?

Nein, umgekehrt, lieber Jupp: nicht wir sollen geschützt werden, sondern die Politiker in Berlin wollen nicht von uns angesteckt werden. Wir erwarten schließlich wieder eine gewaltige Virusepidemie mit vielen Tausend Toten. Selbst Jens Spahn hat schon darüber gesprochen.

  • Also Ingo, ich glaube, du verwechselst da etwas. Die Virusepidemie grassiert in China und da hat man die Stadt Wuhan unter Quarantäne gestellt. Und erwartet werden auch nicht Tausende von Toten, sondern eher ein paar Hundert bei einem Milliarden-Volk.

Siehst du, mein lieber Jupp, du bist nicht aktuell informiert. Ich rede nicht vom Coronavirus, sondern vom hundsgemeinen Grippevirus, der im Winter 2017/2018 allein in Deutschland über 25.000 Menschenleben gekostet hat. Und vor genau einhundert Jahren hat die Spanische Grippe in wenigen Monaten weltweit zwischen 27 bis 50 Millionen Menschen getötet.

  • Oh je, da kannste bei diesen Zahlen das Coronavirus wirklich mit der Lupe suchen. Und wie soll die Berlin-Quarantäne jetzt aussehen?

Schau einfach nach China! Verglichen mit den elf Millionen Einwohnern von Wuhan ist Berlin eher ein Vorort. Alle öffentlichen Gebäude und die wichtigen Ein- und Ausfahrtsstraßen werden geschlossen. Und natürlich absolutes Reiseverbot, keiner darf rein oder raus in die Stadt. Bahnhöfe, Flughäfen – überall gähnende Leere.

  • Ingo, da brauchen wir uns in Berlin gar nicht umstellen, wenn wir an den Flughafen BER denken.  Aber mir kommt gerade die Erinnerung an die autofreien Sonntage hoch. 1973 hatten wir wegen der Ölkrise an vier Sonntagen bundesweite Fahrverbote. Da haben wir Volksfeste auf den Autobahnen gefeiert. Aber klar, nach Feiern wird dir nicht zumute sein, wenn du mit Fieber im Bett liegst. Also kriegen wir jetzt statt der Ölkrise eine Viruskrise.

Eigentlich handelt es sich hier um eine spezielle Art von Krisen: begrenzte Probleme wie Engpässe aller Art, oft durch die Medien künstlich hochgepuscht. Meistens ändert sich langfristig nichts an den Ursachen der Situation und wir erleben die gleiche Krise ein paar Jahre später erneut. Man lernt nicht daraus und macht so weiter wie bisher. Hat denn die Finanzkrise von 2008 wirklich das Gehabe unseres Bankensystem revolutio­niert und die Spekulanten eingedämmt? 

  • Die 14 größten Banken der Welt haben für ihre Betrügereien in den letzten zehn Jahren über 230 Milliarden Dollar Strafgelder bezahlt, die Deutsche Bank war mit 13 Milliarden Dollar dabei und sie erwartet noch weitere Bußgelder. Den Banken stehen aber noch ganz andere Herausforderungen bevor, wenn sich erstmal die neuen Technologien wie Künstliche Intelligenz, Big Data und Blockchain richtig entfalten.  Und ihre ganzen Verschlüsselungssysteme werden wertlos, wenn sich die Hacker für eine Stunde einen Quantencomputer mieten.

Ja, ja, die Bankenkrise. Wir Sparer zahlen mal wieder doppelt: mit unseren Kontogebühren für die Strafgelder und mit unseren Steuern für die vorherige Bankenrettung. Ich nenne dir noch ein anderes Beispiel, Jupp. Hatte die Flüchtlingskrise der letzten Jahre wirklich globale Ausmaße angenommen, wie Donald Trump seinen Landsleuten als gesellschaftszerstörende Invasion einreden wollte? Wir haben schließlich allein in Deutschland im letzten Jahrhundert Millionen Polen, Türken, Russen und andere Gastarbeiter aufgenommen, ohne dass wir Schaden genommen haben und ein Einwanderungsland geworden sind.

 

  • Ich erinnere da nur an unsere Fußballer in der Bundesliga. In den ersten sechs Spieltagen der 18 Klubs wurden 2019 nur 149 deutsche, aber 207 ausländische Spieler gezählt.

Der letzte große globale Migrationsstrom, der einem tatsächlichen historischen Wendepunkt entsprach, führte nicht nach Europa, sondern von Europa weg: Er begann vor 500 Jahren und fand vor etwa 150 Jahren in Amerika seinen Höhepunkt - eine „Neue Welt“ entstand.

  • Das ist ja weit weg, kommen wir zurück nach Berlin, Ingo. Durch die Schutzmaßnahme der Quarantäne werden die Politiker leider nicht am Regieren gehindert, richtig? Während der monatelangen Koalitionssuche für die GroKo hatten wir doch auch keine arbeitsfähige Regierung und Deutschland ist nicht zusammengebrochen. Die Menschen in Italien und Belgien haben seit Jahrzehnten keine stabile Regierung mehr gesehen. Und vermissen sie vermutlich auch nicht mehr.

Eigentlich müsste bei uns während der diesjährigen Grippeepidemie der nationale Notstand wie in China ausgerufen werden. Dann würden unsere wichtigsten Politiker im streng geheimen Regierungsbunker in der Eifel monatelang ihre Geschäfte führen, wie sie es damals bei einem Atomschlag geplant hatten. Er wurde nie benutzt und ist schon vor über zehn Jahren in ein Museum umgewandelt worden. Jetzt könnte man sich die Berliner Quarantäne sparen.

  • Schade eigentlich, Ingo. Dort könnte unser Gesundheitsminister Jens Spahn weiterhin jeden Monat ein neues Gesetz raushauen, ungestört von langen Debatten mit den Betroffenen. So wie es der „größte US-Präsident aller Zeiten“ und „ewigliche Freund Israels“ mit seinem „Deal des Jahrhunderts“, oh ich korrigiere: „den genialsten Friedensplan aller Zeiten“ gerade praktiziert hat: man lässt die störenden Palästinenser bei den Verhandlungen einfach außen vor.

Da wurde schon wieder eine Gelegenheit zur Lösung einer uralten Krise zerstört - der Nahostkrise. Sie begann eigentlich schon 1881 mit der ersten Einwanderungswelle von Juden nach Palästina. So gesehen ist es längst eine Metakrise geworden, denn daran haben sich schon mehrere Politiker-Generationen die Zähne ausgebissen. Dieses Problem gehört in die Kategorie der Langzeitkrisen wie die Überbevölkerung, die Überalterung der Gesellschaft, die Umweltzerstörung und Entwicklung des globalen Klimas, die nukleare Bedrohung, die Veränderung der Arbeitswelt und so weiter.

  • Ja, Krisen über Krisen, eine größer als die andere. Jetzt musst du aber mal Farbe bekennen, mein lieber Ingo. Wieso kannst du bei diesen Aussichten immer noch als Optimist herumlaufen? So viele gravierende Probleme hatten wir doch noch nie in unserer Geschichte.

Also Jupp, ich muss schon sagen – du jammerst auf oberster Ebene. Wir beide verfügen dank dem technischem Fortschritt über eine niemals zuvor erreichte Lebensqualität: ein sicheres Dach über ein warmes Zuhause, jederzeit Zugang zu frischem Trinkwasser und besten Nahrungsmitteln. Keiner muss frieren oder hungern. Heute sterben mehr Menschen an zu viel als an zu wenig Essen, mehr kommen durch Unfälle ums Leben als durch Kriege, und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sind Infektionskrankheiten weniger tödlich als Altersgebrechen. Und dank der medizinischen Fortschritte erfreuen sich die meisten von uns bis ins hohe Alter bester Gesundheit. Wir haben viel mehr Zeit für Weiterbildung und Unterhaltung aller Art, sind unbeschränkt mobil und reisen in exotische Länder.

  • Du hast ja recht, Ingo. Aber du musst auch zugeben, dass die neuen Technologien eine Menge Nachteile produziert haben. Die Industrialisierung bewirkte auch ein Proletariat des Elends und der Ausbeutung, nicht nur der Menschen, sondern auch der Natur. Die traditionellen Großfamilien lösen sich auf, die sozialen Konflikte verschärfen sich. Die Naturwissenschaften schufen auch neue Probleme: Die Physik bescherte uns die Atombombe, die Chemie die Vergiftung der Umwelt, die Biologie die Genmanipulation, die Medizin die Abhängigkeit von Medikamenten, die Informatik die Cyberkriminalität. Immer neue Innovationen führen uns in neue Dimensionen der Naturbeherrschung und Lebensgestaltung, die uns nur wenige Jahre zuvor noch unvorstellbar erschienen. Das macht Angst, Ingo.

Ich darf noch ergänzen, Jupp: die Digitalisierung verstärkte immens die Werkzeuge der Manipulation der Menschen: Shit Storms, Fake News, Hate Speech – wir mussten unser Sprachvokabular mit neuen Anglizismen aufstocken. Nicht nur die Populisten und Menschenverführer verfügen nun über ein starkes Instrument, sondern auch die Kritiker, die Mahner und Warner sind deutlich hörbarer geworden. Auf den Böden der Krisen wachsen oft regelrechte Riesen. Die Ängste einer schwedischen Schülerin haben weltweit einen Widerhall gefunden. Die Vergewaltiger in der Unterhaltungsbranche haben das Fürchten gelernt – vor einer Twitter-Welle namens MeToo, ausgelöst durch eine einzelne Frau. In der Tat sind die gegenwärtigen Krisen bedrohlich und gefährlich. Aber wir haben in der Vergangenheit auch gesehen, dass wir fähig sind, solchen Problemen durch technologische, politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Weiterentwicklung zu begegnen.

  • Mag ja sein, Ingo. Reden wir mal über die IT und speziell über die Social Bots, diese KI-Algorithmen, die ohne Zutun eines Menschen Fragen beantworten oder kleinere Dialoge führen. Sie können auch in sozialen Netzwerken massenhaft Kommentare abgeben oder Likes generieren. Dabei ist es den Bots so ziemlich egal, was für Inhalte sie teilen. Jeder kann sie einsetzen, um seine Meinung und Inhalte in die sozialen Netzwerke zu streuen. Man legt einfach ein oder mehrere Fake-Profile an und erweckt diese durch einen Social Bot zum Leben. Seit 2016 hat ein Israeli namens Shakak Shamira gemeinsam mit der Satirepartei DIE PARTEI insgesamt 31 geheime Facebookgruppen der AfD mit 180.000 Mitgliedern infiltriert, ließ sich regulär zum Administrator ernennen und übernahm im September 2017 die Kontrolle über die Gruppen. Den völlig überraschten AfD-Anhängern verkündete er dann die frohe Botschaft: „Bislang wurden Sie von Robotern verarscht, wie in der Matrix. Von nun an werden Sie von echten Menschen verarscht werden". Wem kannst du im Internet noch vertrauen, wenn da unzählige Digitalbots insgeheim ihr Unwesen treiben?

Da sprichst du die eigentliche Metakrise an, mit der wir es in Zukunft zu tun haben: die Umformung des Menschen. Wohin wird sich die digitale Menschheit entwickeln? Werden wir mit der zunehmenden Vernetzung endgültig „digital dement“ und damit zu manipulierten Zombies ohne eigenen Willen? KI-gesteuert, genetisch und neurobiologisch neukonstruiert, vollständig und permanent vom Staat elektronisch überwacht und mit Punkten bewertet? Wer trägt die Verantwortung, wenn von Algorithmen kontrollierte Avatare und Roboter in der realen Welt handeln? Wenn der Mediziner und sogar der Programmierer die Ergebnisse eines selbstlernenden KI-Programms nicht mehr nachvollziehen kann? Was machen wir mit den überflüssigen Menschen, wenn die Arbeitsleistung eines großen Teils unserer Gesellschaft nicht mehr gebraucht wird? Wie werden wir zusammenleben, wenn wir über hundert Jahre alt werden, weil wir alle nur erdenklichen Krankheiten heilen können?

  • Das sind aber jetzt zutiefst philosophische Fragen, Ingo. Ich glaube, wir beide werden wohl nicht mehr umgeformt werden können, so sture Böcke wie wir sind. Mir gefällt die monatliche Quarantäne in unserer Stammkneipe ausgezeichnet. So werden wir in trauter Umgebung bei einem guten Bier angenehm vor den gewaltigen Herausforderungen der Welt geschützt.

Gut gesprochen, Jupp. Herr Wirt, bitte zwei Bier. Wir müssen uns zum Angriff auf das Coronavirus wappnen. Prost! Auf die Gesundheit.

 

Weise Worte von Krisenmanagern:

Richard von Weizsäcker:
Von den Chinesen könnten wir derzeit viel lernen.
Sie haben für Krise und Chance dasselbe Schriftzeichen.

Max Frisch:
Krise ist ein produktiver Zustand.
Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.

Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger:
Um jeden Krisenherd hocken Leute, die ihr Süppchen darauf kochen.

Unbekannt:
Rezession ist ein vornehmer Ausdruck für das brutale Wort Wirtschaftskrise.
Unsere Vorfahren nannten es schlicht und einfach: schlechte Zeiten.

Mark Twain:
Ein Bankier ist ein Mensch, der seinen Schirm verleiht, wenn die Sonne scheint,
und ihn sofort zurückhaben will, wenn es zu regnen beginnt.

Papst Franziskus:
Wenn es den Banken heute schlecht geht oder die Kurse ein bisschen abstürzen, dann schreien alle: "Oh, was für eine Tragödie, was sollen wir jetzt tun?".
Wenn aber Menschen und Kinder hungern oder krank sind, dann passiert nichts. Das ist die Krise, die wir heute haben.

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