Vom Guten des Schlechten

von Ingo Nöhr

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Vom Guten des Schlechten

Letzten Monat hatte Ingo Nöhr nach der Lektüre von Voltaires Candide verkündet, dass er die Welt mit einer Rosa-Brille betrachten will. Er ist die ständigen Krisenmeldungen leid und er möchte endlich wieder optimistisch durchs Leben gehen. Heute trifft er auf einen wütenden Jupp, der zudem noch als überzeugter VW-Besitzer unter dem Abgasbetrug leidet. Der traditionelle Besuch in der Eckkneipe wird sich wohl zu einem Testfall für Ingos neue Philosophie entwickeln.

Hallo Ingo. Ich habe einen fürchterlichen Monat hinter mir. Die Chinesen haben mir mit dem Zusammenbruch ihrer Wirtschaft gerade 2.000 Euro Verlust an der Börse eingebrockt. Im letzten Jahr hatte ich meine ausgezahlte Lebensversicherung in konservativen Papieren angelegt, angeblich minimales Risiko. In den letzten Wochen rauschten alle Werte ungebremst in den Keller.

  • Der aktuelle Börsensturz, die drohenden Pleiten in Russland und anderen Ölländern machen uns bewusst, dass die Politik im Bankensektor seit der Lehmann-Pleite nicht viel bewegen konnte. Zudem herrschen Korruption und Betrug in deren obersten Etagen. Das Risikomanagement der Banken musste versagen, weil man die Faktoren Gier und Kriminalität nicht berücksichtigt hatte. Und jetzt auch noch der VW-Skandal. Die verantwortlichen Betrüger bleiben mal wieder ungeschoren oder fallen ins gut gepolsterte Netz. Wir Bürger stehen jetzt für die milliardenschweren Verluste durch Preiserhöhungen und indirekt durch gewaltige Steuerausfälle gerade.

Hör mir bloß auf mit VW, Ingo. Ich war so stolz auf mein sauberes Auto. Jetzt bin ich das Gespött meiner Familie und Nachbarn. Nun bin ich aber mal gespannt, ob du deine guten Vorsätze von Silvester in die Praxis umgesetzt hast. Das neue Jahr begann schließlich nur mit schlechten Nachrichten.

  • Jupp, darf ich mal fragen, welche schlechten Nachrichten du meinst? Für mich fing das Jahr mit sehr positiven Aussichten an.

Mann, Ingo, das kann doch wohl nicht wahr sein. Lebst du in einer anderen Welt? Nimm doch nur die Ereignisse von Silvester in Köln. Die haben eine Schockwelle in Deutschland ausgelöst. Frauen als Freiwild, unter den Augen der Polizei. Szenen, die wir noch nie erlebt haben. Klär mich auf! Wo siehst du da das Positive?

  • Keine Frage. Was sich da am Bahnhof und sonstwo in Deutschland abgespielt hat, ist eine große Sauerei. Aber das erleben unsere Frauen doch tagtäglich auf den Straßen, in den Betrieben und zuhause, ungeachtet der Nationalität der Täter. In Köln kam es zum altbekannten Effekt, der passiert, wenn sich viele Menschen in einer gleichgesinnten Horde zusammenfinden. Der Einzelne fühlt sich nicht mehr verantwortlich für sein Tun. Er agiert in einer gefühlten Mehrheit, in der er als Person anonym untertauchen kann. Dort kann er seine neue Macht unkontrolliert und damit auch ungestraft ausüben. Das Militär kann dir viele Geschichten darüber erzählen. Auf diese Art funktionieren Aufstände, Progrome und Massaker. Letztendlich trennt uns vom Verhalten der Neandertaler nur eine ganz dünne und leicht verletzliche Schicht der Zivilisation.

Aber, Ingo, das klingt ja noch viel schlimmer. Wir können diese Entwicklungen immer weniger in den Griff bekommen. Das Gewaltmonopol des Staates wird nicht mehr respektiert. Die Bürger verlieren das Vertrauen in die Staatsorgane. Sie nehmen die Sache selbst in die Hand. Brennen die Flüchtlingsheime nieder oder schmeißen sogar Handgranaten hinein. Jeder Angsthase will sich jetzt bewaffnen oder gründet eine Bürgerwehr. Im Gegenzug entwickeln wir uns zum totalen Überwachungsstaat. Wo liegt denn jetzt das Gute darin?

  • Jupp, ein weiser Mann hat mal gesagt: Schlechtes ist insofern nicht immer grundsätzlich schlecht, weil es ja die Möglichkeit zum Guten bietet, das eben noch nicht ist. Schau mal über den Tellerrand! Was ist denn danach passiert? Auf allen Ebenen der Gesellschaft setzten drei wichtige Diskussionen ein. Erstens über den unzureichenden Schutz von Frauen vor sexueller Belästigung und die Notwendigkeit, die Gesetze zu verschärfen. Zweitens über die neue Rolle Deutschlands als Einwanderungsland und die Bedeutung der kulturellen Kommunikation und Integration, verbunden mit der Erkenntnis von der Praxisferne der Bundesregierung. Drittens über die Sicherheitspolitik, die mit blindem Vertrauen auf die moderne Überwachungstechnik setzt und nebenbei das Personal bei Polizei und Justiz drastisch abbaut. Es sind Problemfelder, die jahrzehntelang von unserer Gesellschaft und auch unserer politischen Elite verdrängt worden sind. Das geht 2016 nicht mehr, schließlich stehen dieses Jahr mehrere Landtagswahlen an. Und am Horizont drohen die Gespenster AFD und Pegida. Nebenbei bemerkt, weniger als 1 Prozent der Flüchtlinge fallen durch kriminelle Handlungen auf. Das ist vergleichbar mit dem Prozentsatz der deutschen Stammbevölkerung. Die gute Nachricht ist also, dass 99% der Migranten sich vernünftig verhalten.

Okay, Ingo, das lass ich mal gelten. Überall gibt es jetzt ein heilsames Rumoren. Deine Prozentrechnung erinnert mich aber an den Mann, der vom Hochhaus fällt und kurz vom Aufprall noch sagt, „Fliegen ist ein tolles Gefühl“! Der genießt die Schwerelosigkeit während 99,99% der Fallzeit. Ein glücklicher Mensch?

  • Da kontere ich doch direkt mit dem Truthahn von Nassim Taleb. Fast ein Jahr lang wird er unter besten Bedingungen gefüttert und gepflegt. Er genießt glücklich sein luxuriöses Leben und verehrt seinen Bauern als Wohltäter. Bis er Weihnachten plötzlich geschlachtet wird. Hatte er ein schlechtes Leben? Nein, 99,99% seiner Zeit hatte er es gut.

Das mag ja stimmen, aber nur, wenn in Sekundenbruchteilen ein langes Leben endet. Jetzt nimm mal einen Politiker oder anderen Prominenten, der beruflich einen totalen Absturz erlebt. Da zählt nicht mehr das gute Leben vorher.

  • Das Paradies pflegt sich erst dann als Paradies zu erkennen zu geben, wenn wir daraus vertrieben wurden.“ sagt Hermann Hesse. Da habe ich einen guten Ratschlag, Jupp: Nach vorne schauen. Wenn man sich in der tiefsten Talsohle befindet, wird das Leben zwangsweise wieder aufwärtsgehen. Jeder Folgetag kann besser werden als der vorherige. Schließlich konnten Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies auch nicht mehr auf der faulen Haut liegen und haben der Welt die Landwirtschaft und das Handwerk beschert.

Ingo, du bist wirklich ein harter Brocken, jetzt kommst du schon mit der Bibel. Kehren wir zurück zur Silvesternacht. Zugegeben, da sind sicherlich einige Verbesserungen zu erwarten. Aber vermindern sie auch das Risiko, dass die Europäische Union inhaltlich zusammenbricht, weil viele Mitgliedsländer ihre Grenzen wegen der Flüchtlingswellen wieder hochziehen?

  • Jupp, nochmal: Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch zu etwas gut sein könnte. Die Politiker in ihren Berliner und Brüsseler Raumschiffen entwickeln endlich ein adäquates Problembewusstsein. Denn nun wird allen unmissverständlich klar, dass unsere nobelgepreiste Europa-Konstruktion nur bei Schönwetter funktioniert. Diese Mogelpackung bricht zusammen, wenn es plötzlich um konkrete Solidarität geht, die Mitverantwortung, Geld und Einsatz kostet. Bei der Eurokrise fing es schon an, aber die war für die meisten Bürger zu abstrakt und im Alltag nicht spürbar. Jetzt aber stehen plötzlich Millionen Hilfesuchende vor unserer Haustür und wollen rein, um nicht zu verhungern oder zu ertrinken. Oder die von unserem fetten Wohlstandskuchen mal etwas abbeißen wollen. Die wohnen jetzt in Turnhallen, Hotels und Privathäuser in der direkten Nachbarschaft von uns. Kann Europa überhaupt noch ein „christliches Abendland“ bleiben? Nach der Macht der Bilder durch die Sensationsmedien erzeugt dies bei den Menschen ein viel tiefgreifenderes Feeling. Angst vor Besitzstandsverlust, Überfremdung, Kriminalität. Gut ist aber doch die Tatsache, dass dessen ungeachtet Zehntausende von freiwilligen Helfern spontan das totale Behördenversagen aufgefangen haben.

Und was sagst du dazu, dass eine Armee von Terroristen offene Türen nach Europa vorfindet? Keine ausreichende Einreisekontrolle und Registrierung, Bürokratiechaos, fehlende Kommunikation zwischen den Behörden und Staaten.

  • Donald Rumsfeld hat mal in einem lichten Augenblick der Erkenntnis seine Militärs gefragt, ob sie jetzt endlich mehr Terroristen töten als neue erzeugen. Leider hat sich eine Einsicht aus diesem stupiden Verhalten bis heute nicht durchgesetzt. Gewalt wird mit noch mehr Gewalt beantwortet, ein ewiger Teufelskreislauf. Wie zu Neandertalers Zeiten. Paul Watzlawik stellte mal die Frage: "Wie kam es dazu, dass Ide Olog in seinem Sendungsbewusstsein eine Zeitbombe in einem überfüllten Bahnhofrestaurant zur Explosion brachte, die mehrere Menschen tötete und viele verletzte?" Schon damals, 1986, erklärte er in seinem Buch „Vom Schlechten des Guten“ anhand eines fiktiven Terroristen den Mechanismus zur Selbstermächtigung zur Gewalt.

Das ist ja schon 30 Jahre her! Ideen kommen aus vollen Köpfen, Ideologien gehen in leere Köpfe. Haben wir daraus gelernt? Na ja, jetzt haben wir ja ganz andere technische Möglichkeiten, um uns zu schützen.

  • Meinst du wirklich, Jupp? Hat die totale Überwachung denn eine Besserung gebracht? Sind wir jetzt sicherer als vor 15, 30 Jahren? Die Geheimdienste haben längst alle Fesseln der parlamentarischen Kontrolle ausgehebelt. Und das Ergebnis? Sind unsere national fokussierten Schutzmaßnahmen überhaupt noch wirkungsvoll? Wir haben es mit international operierenden Terroristen und Wirtschaftskriminellen zu tun, die laufend neu ausgebrütet werden und sogar andere in Europa infizieren. Liebe Rambos und Feindbildhauer! Solltet ihr die Billionen Dollar, die diese Kriegshandlungen kosten, nicht endlich mal in die Prävention von Gewalt investieren? Analysiert doch die wirklichen Gründe der Flüchtlingsströme in Libyen, Irak, Syrien, Afghanistan! Habt ihr die Vorgeschichten und Verursacher schon vergessen? Meine gute Nachricht ist: Das Nachdenken setzt langsam ein, leider noch nicht bei wichtigen Entscheidern in Übersee.

Schon seit langem absehbar, droht die eine neue Krise: der Demografiewandel. Den versuchen wir mit herkömmlichen Mitteln aus unserem verrosteten Werkzeugkasten zu beherrschen. Dabei benötigen wir ein grundlegendes Umdenken in den Strategien. Ein eigenes Ministerium für Demografie zum Beispiel. Das muss erstmal die totale Verzettelung der zuständigen Ministerien und diesen Regulierungswirrwarr beseitigen.

  • Du hast Recht, Ingo, wir müssen jetzt klotzen, die Zeiten der Kleckerei sind vorbei. Es geht doch! Die Bankenkrise führte zu hektischen Nothilfen, die Verschuldungskrise zur Entmachtung von Staaten, die Eurokrise zu Rettungsaktionen, die sogar gültige EU-Verträge verletzten. Wenn die Regierung hinsichtlich unserer Bevölkerungsentwicklung nicht ebenso den nationalen Notstand ausruft, sehe ich schwarz für unsere Zukunft. Das werden auch die Zuwanderer nicht retten können.

Lieber Jupp, unterschätze mal die Lösungsmöglichkeiten nicht. Frankreich hat keinerlei Probleme mit dem Geburtennachwuchs, weil die berufstätigen Frauen durch eine Mutterschaft keine solchen Nachteile erleiden wie bei uns. Die gute Nachricht: In der Türkei haben die dort gestrandeten Flüchtlinge in einem Jahr 20.000 Firmen gegründet und dabei über 100.000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Warum geht das nicht bei uns?

  • Das deutsche System ist doch für eine schnelle Anpassung an die neuen Herausforderungen viel zu verfilzt und verkrustet. Das siehst du doch in der Steuerpolitik, im Gesundheitswesen, in der Bildungspolitik, bei der Bundeswehr. Beim Klimawandel sind wir schon zu spät dran. Das Wetter spielt weltweit verrückt.

Jupp, zum Wetter habe ich gerade einen passenden Spruch von John Ruskin zur Hand: Sonnenschein ist köstlich, Regen erfrischt, Wind kräftigt, Schnee erheitert. Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur verschiedene Arten von gutem. Denk positiv! Lass dich jetzt von unserem Bier animieren. Da sind zwar über hundert amtlich zugelassene Zusatz- und Hilfsstoffe drin. Und 75.000 Deutsche sterben jährlich an derAlkoholsucht. Aber die gute Nachricht ist doch: Wir beide erfreuen uns dennoch immer wieder des guten Trunkes!

  • Also stoßen wir an: auf Candide und die Optimisten! Pass aber auf, dass deine Rosabrille jetzt nicht ins Bierglas fällt. Prost!!

 

Die Deutschen sind sicherlich das einzige Volk auf Erden, das ein schlechtes Gewissen mehr genießt als eine schöne Frau. (Peter Zadek, deutscher Regisseur und Theaterintendant)

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