Wachstum bis es knallt

von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
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In der Nacht klingelt mein Telefon. Am anderen Ende meldet sich ein total frustrierter Mensch mit den alkoholtypischen Artikulationsschwierigkeiten: „Nur Freunde, die man morgens um vier Uhr anrufen kann, die zählen!“ entnehme ich dem Genuschel. Da scheint ein Notfall vorzuliegen und angesichts dieser Einleitung bereite ich mich auf einen Besuch bei meinem Freund Jupp vor. Die alte Volksweisheit bestätigt sich mal wieder: Gute Freunde erkennt man daran, dass sie immer da sind, wenn sie uns brauchen.

„Na, Jupp, geht es dir wieder besser?“  Als Ruhrpottler hatte er beim Champions League Finale natürlich auf Borussia Dortmund gesetzt. Ich dagegen war schon damit zufrieden, dass die Deutschen gewonnen hatten.

„In der 88. Minute, das ist grausam. Ich hatte mich schon auf die Verlängerung eingerichtet.“ stöhnte er.  „Und war gerade unterwegs zum Kühlschrank. Dadurch habe ich das entscheidende Tor verpasst. Wer kann auch damit rechnen, so kurz vor Schluss?“ – „Oh, Jupp. Du solltest dir deine Spiele immer bis ganz zu Ende anschauen. Die Wahrscheinlich­keit für das Risiko, dass ein Tor in der 90. Minute fällt, liegt viermal so hoch wie für jede andere Spielminute.“

„Wie bitte, woher weißt du das denn?“ – „Ganz einfach, die Statistiker unter den Fußballfans führen seit 1963 Buch über jedes Bundesligaspiel (www.vmlogic.net). So sind seit der Bundes­ligasaison 2000/2001 insgesamt 11.295 Tore gefallen. Bei einer Gleichverteilung dürften im Mittel in jeder Spielminute 127 Tore geschossen worden sein. Die Statistik zeigt aber 231 Tore in der 45. Minute und sogar 468 Tore in der letzten Spielminute. Interessant, nicht wahr?“

„Oh, Ingo, komm mir jetzt nicht mit Statistik! Das erinnert mich an den Witz, wie einer beim Telefonieren vom Dach eines Hochhauses fällt. Er sagt zu seinem Gesprächspartner: Du, ich bin gerade vom Dach gefallen. Aber das ist gar nicht so schlimm, statistisch gesehen. Bis jetzt befinde ich mich schon die ganze Zeit im stabilen Zustand der Schwerelosigkeit und habe bereits die Strecke bis zum Erdgeschoß zurückgelegt …“

„Ja, das ist wie beim Truthahnbeispiel von Bertrand Russell. Der Hahn wurde als Küken von einer Familie gekauft und jeden Tag liebevoll gefüttert. Und mit jedem Sonnenaufgang verstärkte sich die Überzeu­gung des Vogels, dass es der Sinn seines Lebens ist, von den Menschen so freundlich ver­sorgt zu werden. So ging es viele Monate lang, bis die extrem hohe statistische Wahrschein­lichkeit des permanenten Wohlergehens völlig überraschend auf Null kollabierte. Dies geschah am Vorabend des Thanksgivingdays.“  (Eigentlich war es ja ein Huhn im Original, aber Truthahn passte bei dieser traurigen Geschichte besser.)

„Unsere Banker mit ihren Spekulationen sind auch solche Truthähne. Und unsere Geld­politiker mit ihren Rettungsfonds. Und die Wirtschaftsexperten mit ihren Wachstums­prognosen. Und die Politiker mit ihren ständigen Gipfeltreffen zur Klima-, Demographie-, Arbeits- und sonstigen Problematiken, die alle auf extra­polierte Fortsetzungen der bisherigen Entwicklung aufbauen. Und plötzlich stellen sie überrascht fest, dass in Deutschland andert­halb Millionen weniger Menschen leben, dafür aber eine halbe Million mehr Wohnun­gen als erwartet existieren.“

Der übliche Frust an unserer Gesellschaft hatte bei Jupp wieder Besitz ergriffen. Ermattet schlief er am Küchentisch ein und überließ mich meinen weiteren Gedanken.  

Unser menschliches Wissen basiert weitgehend auf der Annahme der Gleichförmigkeit der Natur bzw. der Annahme allgemeingültiger Regeln natürlicher Abläufe. Das, was bisher immer so geschah, wird auch in Zukunft weiterhin genauso geschehen. So leben wir in den Tag hinein und planen munter den Fortgang der bisherigen Geschichte.

Aber schon vor 215 Jahren prophezeite Thomas Robert Malthus in einem Aufsatz, dass der Menschheit bei linear wachsenden Ressourcen und exponentiell wachsender Population die Bevölkerungs­falle mit dem Zusammenbruch der Zivilisation durch Hunger, Epidemien und Kriege drohe. Dan Brown hat sich in seinem neuen Bestseller „Inferno“ dieses Themas angenommen und zitiert Malthus dahingehend. In einer Sackgasse kann der Rückschritt ein Fortschritt sein.

Im Prinzip haben wir das gleiche Problem in unserem Gesundheitssystem, ausgelöst durch die demografische Entwicklung und die rasante technische Innovation. Immer hektischer werden die Eingriffe unserer Gesundheitspolitiker in ein komplex-dynamisches System, welche allerdings durch die unüberschaubare Vernetzung bislang noch nie zu nachhaltig reduzierenden Effekten der Kostenexplosion geführt haben.

Und wie steht es mit den Resultaten in unserem angeblich hochentwickelten Krankenhaus­wesen?

Eine Auswertung von zahlreichen Studien durch den Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen im Jahre 2007 ergab, dass pro Jahr im Krankenhaus­bereich mit fünf bis zehn Prozent unerwünschter Ereignisse, zwei bis vier Prozent Schäden, ein Prozent Behandlungsfehler und 0,1 Prozent Todesfälle, die auf Fehler zurückgehen, zu rechnen ist.

Bei jährlich 17 Millionen Krankenhauspatienten entspricht dies 850.000 bis 1,7 Millionen unerwünschten Ereignissen, 340.000 Schäden (vermeidbare unerwünschte Ereignisse), 170.000 Behandlungsfehler (mangelnde Sorgfalt) und 17.000 auf vermeidbare unerwünschte Ereignisse zurückzuführende Todesfälle. Der gesamte ambulante Bereich ist darin nicht enthalten. 

Während beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 2012 mit kontinuierlich steigender Tendenz über 8.200 Risikomeldungen eingingen und knapp 800 Tote in den letzten sieben Jahren zu verzeichnen waren, sind die Risiken für einen Patienten, sich einen Krankenhauskeim in einer deutschen Klinik einzufangen, drastisch höher: 2008 schätzte man die Anzahl der Infektionen auf 400.000 – 600.000 pro Jahr, davon enden ca. 10.000 – 15.000 tödlich.

Die Europäische Kommission, aufgeschreckt durch eine Serie von weltumspannenden Skandalen mit CE-zertifizierten Medizinprodukten, reagierte wieder in althergebrachter Weise und stellte kürzlich einen monströsen Entwurf einer EU-Verordnung für Medizin­produkte mit 210 Seiten, 97 Artikeln und 16 Anhängen vor.

Wie warnte Jupp mal vor einigen Jahren in einem Vortrag: „Ich habe einfach keine Zeit, den Zaun zu reparieren, denn ich muss ständig die entlaufenen Kühe einfangen.“

Nach meinem Empfinden bauen wir jetzt allerseits auf das Risikomanagement, nachdem wir festgestellt haben, dass wir das perfekte Qualitätsmanagement nicht finanzieren können. Die nächste Modewelle wird dann wohl das Krisenmanagement darstellen, welches schluss­endlich vom Katastrophenmanagement abgelöst werden muss. 

Der Trend lässt sich leicht im DIN-Normenverzeichnis ablesen. Unter dem Stichwort Qualitätsmanagement findet man 232 Seiten Einträge, vergleichbar mit den Fundstellen für das Wort Risiko (265 Seiten). Normen für das Risikomanagement finden sich schon auf 32 Seiten, das Krisenmanagement ist momentan nur auf 2 Seiten vertreten.

Apropos Normung: ein kleiner Witz zum Schluß.

Ein Mathematiker, ein Physiker und ein Ingenieur sollen das Volumen eines kleinen roten Gummiballs herausbekommen.
Der Mathematiker misst den Durchmesser und rechnet dann das Volumen aus.
Der Physiker taucht den Ball in einen Eimer voll Wasser und schaut nach was für eine Wasserverdrängung er hat.
Der Ingenieur guckt in der "DIN für kleine rote Gummibälle" nach!

Letzte Anmerkung: Es gibt ihn tatsächlich, den genormten Gummiball: „Der Gummiball besteht aus einer Hohlkugel mit einem Durchmesser von 180 mm und einem Gewicht von 2,5 kg. Seine akustisch maßgebenden Eigenschaften, wie z. B. Materialbeschaffenheit und Rückprallkoeffizient, sind in DIN EN ISO 140-11, Anhang F vorgegeben.“

„Der wahre Fortschritt besteht darin, dass man im Vorwärtseilen nach der Stelle ausschaut, auf der man stehen bleiben kann.“ (Gilbert Keith Chesterton)

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