Holt endlich die KI in die Regierung!

04.11.2019 16:00 von Ingo Nöhr

Wir danken dem Verlag MEDI-LEARN.net GbR für die freundliche Erlaubnis, Cartoons von Rippenspreizer verwenden zu dürfen. Mehr Cartoons sind unter http://www.medi-learn.de/cartoons/ zu finden.
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Die negativen Ereignisse überschlagen sich in der Presse: Das Wahlergebnis in Thüringen zerstört die Mehrheitsfähigkeit einer Regierung; Donald Trump schaut nun wutentbrannt einem drohenden Impeachment-Prozess entgegen; der Brexit lässt weiterhin auf sich warten; die GroKo mit ihren ehemaligen Volksparteien kämpft ums Überleben bis zum Jahresende; Kaiser Franz Beckenbauer ist zutiefst in einem Korruptionsskandal verwickelt. Und nun verliert ausgerechnet Bayern München gegen Eintracht Frankfurt mit unglaublichen 1:5 Toren, nachdem sie fünf Wochen vorher den Champion-League Finalisten Tottenham Hotspur mit 7:2 besiegt hatten.
Mit diesen Nachrichten im Hinterkopf treffen sich Ingo Nöhr und sein Kumpel Jupp wieder zu ihrem monatlichen Stammtischgespräch.

Na Ingo, was sagst du jetzt dazu? Ich hatte doch recht, als ich die heutige Welt vor dem Abgrund sah. Ich mag schon keine Zeitung mehr lesen und keine Nachrichten schauen, es ist alles so deprimierend. Dabei hattest du auch recht, als du schon vor Jahren den Niedergang der politischen Kaste prophezeit hast. Nun hat selbst der CDU-Politiker Norbert Röttgen in der New York Times geschrieben, dass Deutschland ein Totalausfall sei. Er könne keine Europapolitik erkennen. Der Außenminister sei ein Ausfall, die Kanzlerin wisse alles, tue aber nichts.

  • Ja, Jupp, er hat sich sogar in der ZDF-Sendung „Berlin direkt“ vor über drei Millionen Zuschauern beschwert: "So geht es nicht weiter, dass die Große Koalition im Grunde sich immer nur die Frage stellt: 'Wie können wir im Amt bleiben?', anstatt sich an den Problemen zu messen, die die Menschen beunruhigen". Die GroKos haben trotz absoluter Mehrheit in den letzten Jahrzehnten sämtliche Entwicklungen verschlafen: die Digitalisierung, den Klimaschutz, den Demografiewandel, wirksame Reformen in der Umwelt-, Energie-, Finanz-, Bildungs-, Verteidigungs-, Sicherheitspolitik – eigentlich bei allen gesellschaftlichen Herausforderungen.

Aber Ingo, du als unverbesserlicher Optimist – wie kannst du da noch ruhig in die Zukunft schauen? Es geht doch alles den Bach herunter. Wem können wir überhaupt noch vertrauen? Die staatlichen Organe sind unfähig, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das Kraftfahrtbundesamt musste bei den Betrügereien der Automobilindustrie von den Amerikanern zum Jagen getragen werden. Das Finanzministerium hat den kriminellen Abzockern der Cum-Ex-Szene jahrelang zugeschaut. Die Lebensmittelaufseher wurden trotz ständiger Kontrollen von den aktuellen Fleischskandalen völlig überrascht. Woran liegt das bloß, wir Deutschen galten weltweit immer als die perfekten Organisierer.

  • Ja, Jupp, woran liegt das? Zunächst einmal geht in der Bundesrepublik zum dritten Mal eine überlange Kanzlerschaft zu Ende. Konrad Adenauer regierte 14 Jahre, Helmut Kohl 16 Jahre und jetzt Angela Merkel auch schon 14 Jahre. In diesen Zeiträumen kann sich eine Menge Filz und Verkrustung ansammeln, verstärkt durch finanzkräftige Lobbyistenvereine, die mittlerweile schon die Gesetze selber schreiben. Die Ministerien haben sich an die hochbezahlten Beraterheere gewöhnt und sind längst total abhängig geworden. Das beste Beispiel ist der historisch gewachsene Moloch in unserem Gesundheitswesen, welches eigentlich ein Krankheitssystem ist. Der Patient ist nur noch reine Verfügungsmasse und durch seine Kassenbeiträge zur Gelddruckmaschine für eine kommerzialisierte Medizinindustrie geworden. Fünfzehn Jahre elektronische Patientenakte - das sagt doch eigentlich alles.

Aber zur Ehrenrettung, weil du das Thema ePA genannt hast, Ingo. Verdientermaßen hat unser Gesundheitsminister Jens Spahn diesem System mit neuartigen Methoden den Kampf angesagt – er überschüttet die Branche so schnell mit Gesetzen, dass sie garnicht rechtzeitig reagieren kann.

  • Aber letztendlich ist er ein Einzelkämpfer, der vor den disruptiven Entwicklungen in der privaten Gesundheitswirtschaft kapitulieren wird. Schau dir doch nur die riesigen Investitionen von Google, Microsoft, Amazon und Konsorten in der Medizinbranche an: sie haben alle im wahren Wortsinn „Blut geleckt“. Die Hedgefonds finden für ihre milliardenschweren Töpfe die besten Anlageziele im deutschen Gesundheitssystem. Sie kaufen paketweise Krankenhausketten, Kliniklabore und Hersteller auf und rechnen mit der dahinalternden Bevölkerung Deutschlands. Die Chinesen bedienen sich fast unbemerkt im Hintergrund von den lukrativen Pfründen.

Das ist ja gerade die Krux, Ingo: der Staat kriegt es nicht mehr gebacken, aber die privaten Unternehmer sind mit ihrer Profitgier auch keine bessere Alternative. Sie können sich zwar schneller auf geänderte Marktbedingungen einrichten als die unflexiblen Politiker, aber die oberste Priorität lautet weiterhin Shareholder-Value und nicht Optimierung der Gesundheit von Menschen. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir kaum noch verantwortungsbewusste Manager in unseren Hochschulen heranziehen. Wo sollen die in unserem Bildungssystem auch herkommen? Die Studenten lernen den Stoff nur noch für die Prüfungen auswendig und werden schließlich als Technokraten mit der passenden Stromlinienform für den kommerziellen Einsatz ausgeworfen. Tieferes Verständnis der grundlegenden Prinzipien, ethische Ausrichtung an gesellschaftliche Ziele, Respekt vor handwerklicher Meisterschaft – das behindert nur auf dem geraden Weg zum finanziellen Erfolg.

  • Jupp, ich möchte deine erste Frage nach meinem Optimismus noch beantworten. Ich erinnere mich an viele Umbrüche in unserer Geschichte, die zu Neuanfängen geführt haben. Nach dem zweiten Weltkrieg lag Deutschland in Trümmern, unsere Großeltern haben es wiederaufgebaut. Willy Brandt hat mit seiner Ostpolitik plötzlich die entscheidende Bewegung in den Ost-West-Konflikt gebracht. Der KKW-GAU in Fukushima hat uns die Energiewende beschert. Der Aufstand der Friday for Future-Schüler hat den Klimawandel ins politische Bewusstsein gestoßen. Weltweite Auswirkungen hatte der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums. Und ein einziger Tag im September 2001 hat einen mörderischen Kampf gegen den Terrorismus ausgeleitet.

Ingo, dein letztes Beispiel überzeugt mich nicht gerade. Der Kreuzzug von George W. Bush hat die Welt nicht gerade zu einem besseren Zustand geführt. Die dadurch ausgelösten Kriege haben uns eine Vielzahl von neuen Konfliktherden beschert, von der weltweiten Überwachung aller Bürger gar nicht zu reden. Millionen Menschen haben bei diesem Rachefeldzug ihr Leben lassen müssen. Woher nimmst du die Zuversicht, dass eine disruptive Änderung zu einer besseren Zukunft führen wird?

  • Es ist eine Hoffnung, die ich habe. Die Menschen haben immer mehr das Vertrauen in die alten Vorbilder und Respektspersonen verloren. Früher waren dies Lehrer, Pfarrer, Polizisten und auch Politiker. Beamte, Feuerwehrleute, medizinische Helfer werden angegriffen, Politiker mit Mord bedroht. Die Bundeswehr ist zu einer Lachnummer verkommen. Viele Menschen wünschen sich eine starke Führungskraft und in ihrer Sehnsucht verfallen sie fast in religiöser Verzückung radikalen Persönlichkeiten wie dem Guru Donald Trump.

Aber wer soll jetzt diese Vorbildfunktion übernehmen? Entsprechende Kandidaten würden in den sozialen Medien in kürzester Zeit von ihren Gegnern demontiert – wir haben das Zeitalter der Fake News.

  • Nicht wer, sondern was sollte eine Vorbildfunktion übernehmen, mein lieber Jupp. Wir haben mit hochkomplexen Vorgängen in der Gesellschaft zu tun, die kein Mensch mehr in ihren Verknüpfungen und Reaktionen überschauen kann. Es gibt aber einen Hoffnungsträger, der immer mehr durch die Köpfe der Menschen geistert – die künstliche Intelligenz. Ihr werden wahre Wunder angedichtet und sie nimmt immer mehr Einfluss auf unser tägliches Leben. Jetzt hat Google auch noch seinen Quantencomputer Sycamore vorgestellt, der in 200 Sekunden eine Rechenaufgabe löste, für die Supercomputer zehntausend Jahre benötigen würden. KI kann durch die Big Data Analysen mittels seinem Deep Learning Algorithmen viel besser mit komplexen Systemen umgehen. Warum setzen wir nicht ein KI-System mit an den Kabinetttisch?

Moment mal, Ingo. Du glaubst, dass ein KI-Computer alle unsere Probleme lösen würde? Aber er wird doch anfangs auch von Menschen angelernt und wer weiß, was er alles für Blödsinn anstellen könnte, wenn er sein Weltwissen aus Youtube, Facebook und Instagram bezieht.

  • Da gebe ich dir recht, Jupp. Entscheidend ist, mit welchem Datenmaterial er gefüttert wird. Da gibt es schon etliche abschreckende Beispiele von misslungenen KI-Anwendungen. Zudem wird die Leistungsfähigkeit der KI-Algorithmen wohl aus Marketinggründen noch weit übertrieben. Nimm mal Google Translate, welches mittels Deep Learning brauchbare Übersetzungen für mehr als hundert Sprachen liefert. Aber die Wörter oder Sätze versteht die KI nicht, ihr fehlt der Sprachverstand. Sie erkennt nur statistische Muster in Zeichenketten und sucht dann ähnliche Muster in der Zielsprache. Mit einfachen Tricks kann man KI-Algorithmen hinters Licht führen: „Deep Trouble for Deep Learning“ titelte kürzlich das Wissenschaftsmagazin Nature.

Jetzt erklär mir doch mal, Ingo, wie deine KI nun die gesellschaftlichen Probleme lösen soll, wenn sie nur statistische Muster versteht. Muss sie dann nach Patentrezepten in alten Geschichtsbüchern suchen, um herauszufinden, wie sich vergleichbare Fehler ausgewirkt haben? Da frage ich doch lieber ein Historikergremium, die ihre Deep Learning Phase schon abgeschlossen haben.

  • Gut, aber deine Historiker werden sich nur auf begrenzte Zeiträume und Regionen beziehen können, während sich die KI neben Wikipedia auch die gesamte Weltgeschichte einspeichern kann. Sie verfügt somit über ein phänomenales Datengedächtnis, welches für weitergehende Analysen verfügbar ist. Deshalb ist sie den Radiologen bei der Diagnose von Bilddaten schon überlegen. Es fehlt ihr aber das Weltwissen, dieses kaum beschreibbare Zusammenhängen von Eindrücken, Erfahrungen und Empfindungen. Deep Learning finden wir bei kleinen Kindern, wenn sie anfangen, die Welt zu begreifen. Daher benötigen wir für unsere Regierung einen Mix von KI und realen Menschen mit verschiedenen Erfahrungshorizonten.

Aber ich verstehe immer noch nicht, warum sich unsere Regierung mit einem Blechonkel an den Kabinettstisch zusammensetzen soll. Sie kann sich doch einfach von ihrem wissenschaftlichen Dienst des Bundestages neutral beraten lassen, notfalls auch mit der Einbindung von KI-Systemen.

  • Könnte sie, mein lieber Jupp. Aber jetzt komme ich zurück auf meine eingangs erwähnte Sehnsucht nach einer Führungspersönlichkeit. Dieser von dir so respektlos genannte Blechonkel dient nun als Korrektiv und als Alibi für alle politischen Entscheidungen. Die KI ist nicht korrumpiert durch Lobbyisten, nicht gefesselt durch Fraktionszwang, nicht manipuliert durch Parteiinteressen. Sie steht bei den Bürgern für eine neutrale, unabhängige und kompetente Entscheidungsinstanz und verkörpert somit einen unbestechlichen Schiedsrichter. Man könnte damit wieder Vertrauen in eine sachliche Arbeit der Politik zurückgewinnen.

Ah, jetzt kapiere ich, Ingo. Dein KI-Onkel, oh, vielleicht sollte es auch besser eine KI-Tante sein, sitzt also neben Angela Merkel und hört sich das ganze Palaver an. Dann wägt er nach logischen Grundsätzen das Für und Wider ab und gelangt zu einer Empfehlung, der sich dann das Kabinett anschließt. Gibt es Kritik von den Parteigenossen, Wirtschaftsfunktionären oder Bürgern, kann die Noch-Kanzlerin immer auf die unbegrenzte Weisheit ihres elektronischen Superhirns verweisen. Das ist also das Alibi – „ich war es nicht, es war der KI-Computer. Alternativlos!“ Super Idee.

  • Also Jupp, nachdem wir die dringenden Probleme unserer Welt erfolgreich angegangen sind, brauchen wir etwas Schmierstoff für unsere Kehle.

Ganz recht, Ingo. Da lobe ich mir immer wieder unsere verlässliche analoge Welt mit noch richtigen Menschen. Herr Wirt, bitte zwei Bier für die Weltretter.

 

 

Intelligenz, behaupten die Intelligenten, ist die Fähigkeit, sich der Situation anzupassen.

Wenn du ein Buch verkehrt in die Hand genommen hast, lerne, es verkehrt zu lesen.

Wieslaw Brudzinski (1920 - 1996), polnischer Schriftsteller

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