INGOs NÖHRgeleien August 2021

von Ingo Nöhr

Die Qual der Wahl – wer wird uns retten?

Ingo Nöhr zum 1. September 2021

Covid-19 bestimmt weiterhin das Leben der beiden Klinikpensionäre. Die dritte Impfung zeigt sich schon am Horizont und erzeugt neues Futter für die Querdenker-Szene. Hätten die beiden vor einem Jahr eine Biontech-Aktie für 60 US-Dollar gekauft, wäre sie im August 440 Dollar wert gewesen. 

Noch lukrativer hätte sich eine Investition in Aktien der Rüstungsindustrie gelohnt. Schließlich hat die deutsche Bundesregierung insgesamt 419 Millionen Euro Rüstungsgüter allein für ihr zwanzigjähriges Afghanistan-Abenteuer exportiert. Weltweit wurden 2020 trotz Pandemie fast 2.000 Milliarden Dollar für den Rüstungswahn ausgegeben - ganz vorn die USA und China.

Ein weiteres kostspieliges Investment hatte sich dagegen nicht gelohnt. Für die Olympischen Spiele vor leeren Stadien gaben die Japaner die absolute Höchstmarke von 26 Milliarden Dollar aus. Zum Vergleich: 1972 beliefen sich die Kosten für die Münchener Olympiade auf gerade mal 1 Milliarde Dollar.

Und begleitend zu diesen gigantischen Geldverschwendungen zeigt die Natur ihrem aggressivsten Parasiten mit drastischen Auswirkungen, „wo der Hammer hängt“: Hurrikans, Erdbeben, Waldbrände, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen mit neuen Rekordwerten und einem hohen Blutzoll. Im letzten Sommer gab es mehr Hitzetote als durch Covid-19 Verstorbene.

Ein umfangreicher Themenkatalog also für das monatliche Stammtischgespräch von Ingo und Jupp. 

  • Jupp, ich nehme an, du hast das erste Triell mit Baerbock, Scholz und Laschet im Fernsehen verfolgt. Weißt du nun, wo du am 26. September dein Kreuzchen machen musst?

 Ingo, das waren gerade mal drei Parteien. Auf meinem Wahlzettel werden aber 47 stehen. Am liebsten würde ich den langen Zettel komplett durchstreichen und den 48. Eintrag mit dem Namen „Nichtwähler“ ankreuzen. 2009 hat diese Nichtpartei fast 30% erreicht und wäre damit am stärksten im Bundestag vertreten gewesen. Das hätte den Politikern mal den wahren Volkswillen und ihre zweifelhafte Angehörigkeit zu einer sogenannten Volkspartei demonstriert.

  • Jupp, schau mal. Die Partei #20 auf dem Wahlzettel hört sich doch gut an: „Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklichsein aller“. Der Parteivorsitzende heißt Dada Madhuvidyananda, mit bürgerlichem Namen Michael Moritz. Mit dem Wahlprogramm kann ich gut leben, allerdings bekam die Partei seit 2016 bei allen Wahlen weniger als 1% der Stimmen. Aber angesichts deiner Wut auf die Politik denke ich mal, wirst du die #45 Graue Panther ankreuzen, damals von Trude mit dem passenden Nachnamen Unruh gegründet.  

Also Ingo, jetzt mal im Ernst. Hast du beim Triell irgendetwas über unsere Renten, über die Digitalisierung, das Bildungswesen oder überhaupt über unsere demographische Entwicklung gehört? In den nächsten Jahren gehen die Babyboomer in Rente. Landen sie gleich in der Altersarmut?

  • Lieber Jupp, ich darf mal als Antwort dazu Gabor Steingart aus seinem Morning Briefing zitieren: „Der Blick um die nächste Biegung fehlte gestern abend. Das Moderatoren-Pärchen war der journalistischen Augenblicksgier verfallen. Dabei haben wir es nach 16 Jahren Merkel mit einem veritablen Reformstau zu tun. Hinterm Horizont geht es so nicht weiter. Die Staatlichkeit ist verstaubt; die demografischen Probleme schieben sich wie eine Endmoräne ins Tal der Zukünftigen, das geostrategische Denken scheint ausgestorben und über alledem thront eine Kanzlerin, so starr und so wächsern als hätte Madame Tussauds sich ihrer zu Lebzeiten schon angenommen.“

Ingo, beim geostrategischen Denken haben die abendländischen Regierungen gerade komplett versagt und das Vertrauen in ihre moralische Überlegenheit auf Jahre hinaus ruiniert. Das Ziel des Afghanistan-Feldzuges wäre schon vor zehn Jahren mit der Tötung von Osama Bin Laden erreicht gewesen. Aber dann gefiel dem Westen das Schlagwort „Nation-Building“ und wollte mit zwei Billionen Euro ein Drogenemirat in eine liberale Demokratie verwandeln. Das Ergebnis nach weiteren zehn Jahren: Das Nation-Building wird nun von den islamischen Fundamentalisten fortgeführt, aber ohne westliche Werte. Rußland und China füllen das Vakuum sofort auf. Afghanistan ist wieder Weltmarktführer beim Export von Opiaten.

  • Jupp, das war schon lange vorauszusehen. Im Februar 2020 übergab Donald Trump in Doha ohne weitere Bedingungen den Haustürschlüssel an die Taliban, nur gegen freies Geleit für die Soldaten der Allianz. Nebenbei erbten diese die dortige Militärausrüstung im Wert von 85 Milliarden Dollar, darunter 200 Flugzeuge, 75.000 Fahrzeuge und 600.000 Handfeuerwaffen. Potenziell tödlich für viele Menschen vor Ort ist zudem ihr Zugang zu den biometrischen Geräten, welche die Fingerabdrücke, Augen-Scans und biographischen Angaben der afghanischen Soldaten und Ortskräfte der letzten 20 Jahre beinhalten.

Zutiefst beschämend, wie dilettantisch die versuchte Evakuierung dieser Menschen abgelaufen ist. Gerade mal 100 Ortskräfte mit ihren Familien konnten von der Bundeswehr unter höchster Gefahr ausgeflogen werden. Weitere 300 Deutsche und 10.000 Afghanen warten noch unter unbeschreiblichen Umständen auf ihre Ausreise nach Deutschland. Aber ein britischer Ex-Soldat schaffte es nach massiven Interventionen, 170 Hunde und Katzen aus seinem privaten Tierheim nach London zu bringen, seine 70 afghanischen Helfer mussten allerdings zurückbleiben.

  • Jupp, wenn er ein gläubiger Mensch ist, kann er zumindest darauf hoffen, dass die Tiere beim Jüngsten Gericht ein gutes Wort für ihn einlegen. Ich glaube, bei der endzeitlichen Abrechnung werden wir alle gute Fürsprecher brauchen, wenn wir uns vor der himmlischen Jury für den hinterlassenen Zustand der Natur rechtfertigen müssen.

Ingo, richtig. Aber die Natur wehrt sich mit Macht. Der letzte Hurrikan Ida lies in New Orleans den Mississipi für drei Stunden stromaufwärts fließen. Immer mehr Tote und ungeheure Kosten durch zunehmende Umweltkatastrophen. Der Mensch zerstört sein eigenes Haus und seinen Wald drumherum.

  • Ach Jupp, die Toten waren für uns immer weit weg. Die Deutschen wachten erst auf, als im Ahrtal ihre Autos weggespült wurden. Allein mit den dortigen Aufräumkosten könnten wir einen afrikanischen Staat komplett klimaneutral machen. Die Natur hat den gefrässigen Konsumenten in der westlichen Welt eine pädagogische Lektion erteilt, die schon lange in unserem Land überfällig war.

 ngo, vor fünfzig Jahren warnte der Club of Rome, dass die Uhr für die menschliche Existenz auf fünf vor Zwölf steht. Jetzt ist es fünf nach Zwölf und etliche Kipppunkte sind erreicht, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Der Regenwald im Amazonas-Becken produziert schon mehr CO2 als er verbraucht, die Permafrostböden in Rußland und die Eisfelder in Grönland tauen auf. Wie kannst du da noch deinen Optimismus pflegen?

  • Jupp, so langsam begreifen die Menschen in den reichen Ländern, dass sie sich nicht getrennt von der Natur definieren können. Wir erleben doch zunehmend heftigere Diskussionen in der Bevölkerung darüber, ob uns das kapitalistische Prinzip des permanenten Wachstums nicht langsam umbringt. Wir beobachten beunruhigt den ökologischen Fußabdruck. Für die Erfüllung unserer Bedürfnisse stellt die Erde 1,7 Hektar pro Person bereit. In Deutschland belegen wir aber schon 5,5 Hektar, in den USA 8,6 Hektar. Ich erwarte keine Revolution, wie sie die Querdenker und grünen Fundamentalisten anstreben. Aber relevante Änderungen im Innern des Kapitalismus werden kommen, zum Beispiel durch reale Preise, welche auch die Umweltzerstörung mit einpreisen. Der CO2-Preis müsste von derzeit 25 Euro realistisch auf 200 Euro pro Tonne angehoben werden.

Ingo, da sind wir aber noch weit entfernt. Momentan subventionieren wir Deutschen noch das Flugbenzin, lassen jährlich eine Million SUV-Autos zu und blasen durch die Kohleverstromung pro Jahr fünf Tonnen Quecksilber in die Luft. Das erinnert ich mich an meine Schulzeit, als im Physikunterricht ein Quecksilberthermometer zerbrochen wurde. Wochenlang war der Saal zur Renovierung und Lüftung geschlossen. Geh doch mal mehr an die frische Luft, sagen die Mediziner. 2020 generierte unsere schlechte Luftqualität in den autoüberfüllten Städten 70.000 vorzeitige Todesfälle, mehr als das Covid-19 Virus geschafft hat. 

  • Jupp, du ignorierst die Zeichen der Zeit, die einen gewissen Optimismus rechtfertigen. Fridays for Future hat viele Ableger bekommen, den Scientists for Future gehören nun 26.000 Wissenschaftlicher im deutschsprachigen Raum an. Der höchstalarmierende 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates hat eine politische Schockwelle produziert. Mit der Bundestagswahl am 26. September wird auch über die Klimapolitik entschieden, die nun alle Parteien außer der AfD für sich entdeckt hat. Die Bevölkerung erkennt zunehmend, dass unser vorherrschendes Wertesystem „höher, schneller, weiter“ in den Abgrund führt. Trotz des materiellen Wohlstands leiden die Menschen in den Industriestaaten an Krankheiten wie Depressionen, Burnouts, Adipositas, Drogenabhängigkeiten und dergleichen mehr.

Ingo, zugegeben, sogar die Kirchen haben mühsam in der Klima-Allianz ihre Verantwortung zur Klimaneutralität entdeckt. Doch die Kirchenvertreter sitzen in allen wichtigen Gremien der Gesellschaft, aber man hört nichts von ihnen. 

  • Jupp, vielleicht sollten sie bundesweit ihre Kirchendächer und all ihre Immobilien mit Solarpanels bepflastern und ihre Türme mit Windrädern krönen, um die Sensibilität der Bevölkerung für erneuerbare Energien zu fördern. Die Abtreibungsgegner in den USA erobern immer mehr republikanische Hochburgen und stoßen schärfste Gesetze zur Abschaffung der Abtreibung an. Stell dir mal vor, die deutsche Bischofskonferenz erkennt der CDU/ CSU die Lizenz für das C im Logo ab und droht mit Exkommunizierung, wenn nicht endlich die göttliche Schöpfung vor dem weiterem Untergang bewahrt wird.

Ingo, das wird wohl nicht passieren, denn die Christenparteien könnten sich auf das industriefreundliche Bibelzitat „Macht euch die Erde untertan“ berufen. Da sind die Religionen der Naturvölker sehr viel fortschrittlicher. Sie setzen den Gott nicht in den Himmel, sondern finden ihn im ewigen Kreislauf der Natur.

  • Mit kommt da gerade ein Gedanke, Jupp. Wir sollten einen indianischen Schamanen als Umweltminister einsetzen. Ein Computer mit Künstlicher Intelligenz in der Bundesregierung wäre nämlich viel gefährlicher. Das RKI hat gerade vor neun Monaten den Grundstein für ein KI-Zentrum in der Public Health Forschung gelegt. Bei erster Inbetriebnahme würde es möglicherweise beschließen, dass alle Corona-Maßnahmen sofort einzustellen und die Menschen als tödliche Parasiten von der Erde zu eliminieren sind. In den Äonen der Entwicklungsgeschichte der Natur stellen wir Menschenvolk sowieso nur eine kurzzeitige Infektion ohne nachhaltige Wirkung dar. Die Natur lässt sich von uns nicht zerstören, sie hat schon schlimmere Katastrophen erlebt. 

Ingo, dass nennst du also eine optimistische Weltsicht? Ich vermute langsam, dein Weltbild fokussiert sich auf die Natur und nicht auf den Menschen. Du nimmst unseren Untergang in Kauf, um der Natur wieder zum Atemholen zu verhelfen. Nach dieser Erkenntnis muss ich erst mal ein kühles Bier trinken. Zumindest dieses Produkt verbindet perfekt den menschlichen Leib mit den natürlichen Ressourcen. 

  • Gut gesprochen, Jupp. Herr Wirt, zwei Bier bitte. Zum Anstossen auf die erfolgreiche Symbiose von Mensch und Natur.

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„Vor 10.000 Jahren verteilte sich die Biomasse der Erde wir folgt: 1% Menschen und 99% Wildtiere. Und heute haben wir 1% Wildtiere, 1/3 Menschen und 2/3 Nutztiere. Wir pupsen und kacken den Planeten platt.“   

(Eckhart von Hirschhausen  auf der 2. Utopie-Konferenz der Leuphana Universität, 2021)

 

Apropos Querdenker: schade um die Verhunzung des einst positiv besetzten Begriffes. Kurt Biedenkopf war nach der deutschen Wiedervereinigung für zwölf Jahre der erste Ministerpräsident des Freistaates Sachsen und sagte 2007 in einer Rede:

„Wenn Sie nicht querdenken, dann sind sie kein erfolgreicher Forscher, dann sind sie kein erfolgreicher Lehrer, dann sind sie kein erfolgreicher Innovator. Denn querdenken heißt gegen das Fell bürsten. Das heißt also, die Fragestellungen, die en vogue sind, nicht zu akzeptieren, andere Fragen aufzuwerfen. Querdenker sind unverzichtbar.“

Laut einer Umfrage möchten nur noch 45% der Deutschen ihre freie Meinung öffentlich äußern.

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von Ingo Nöhr

Kommt jetzt der sechste Kondratjew-Zyklus?

 

Was für ein hektischer Monat! Die Aufregungen überschlugen sich regelrecht: Die Pegasus-Ausspähung der Smartphones, neue Delta-Virus-Ausbrüche, die große Impfverweigerung in vielen Ländern, Chemie-Explosion in Leverkusen, Flutkatastrophen, aber auch extreme Hitzewellen in manchen Regionen. Ungerührt davon baut China gerade seine eigene Raumstation.

Wie immer betrachten Ingo und Jupp beim monatlichen Stammtischgespräch das aktuelle Weltgeschehen mit ihren unterschiedlichen Brillen. 

Also Ingo, wenn du angesichts der katastrophalen Meldungen im vergangenen Monat immer noch ein Optimist bleiben kannst, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

  • Jupp, ich habe damit kein Problem. Der ungarische Physiker und Atombombenbauer Edward Teller hat einmal gesagt: "Der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten besteht heute darin, dass der Optimist glaubt, die Zukunft sei ungewiss." Du machst den Denkfehler, dass du den gegenwärtig maroden Zustand der Welt einfach in die Zukunft extrapolierst. Ich als Optimist habe zwar nicht weniger oft unrecht als du als Pessimist, aber ich lebe froher, weil ich an die Lernfähigkeit der Menschen glaube.

Ingo, dass stimmt nicht ganz: Ein Pessimist zu sein hat den Vorteil, dass man entweder ständig recht behält oder angenehme Überraschungen erlebt, nämlich, wenn der schlimmste Fall nicht eintritt. Du dagegen musst doch aufgrund der Dummheit der Menschen permanent Enttäuschungen erleben, weil dein bestes Szenario nicht passiert.

  • Lieber Jupp, meine Enttäuschungen halten sich sehr in Grenzen, denn „Ein Pessimist sieht das Problem, das in jeder Chance steckt, ein Optimist sieht die Chance, die in jedem Problem steckt." Das ist von Winston Churchill. Also erzähle mal: wo siehst du aktuell die Probleme. Ich verrate dir dann auch, welche Chancen ich erkenne.

 Ach Ingo, ich weiß ja gar nicht, wo ich anfangen soll. Aktuell ist mein nächstgelegener Problemfall mein Nachbar. Du weißt schon, der Q-Anon-Anhänger und Querdenker. Er lauert mir regelrecht auf, wenn ich mal vor die Tür trete. Dabei meint er es angeblich nur gut mit mir. Er will mich retten und über die wahren Hintergründe aufklären. Dafür soll ich unbedingt mit ihm am 1. August zur großen Querdenkerdemo nach Berlin fahren. Dort trifft sich die Million der Erleuchteten, um gegen die Verdummung und Versklavung der Bevölkerung durch die geheime Weltregierung und das Großkapital zu kämpfen. Wo siehst du nun die Chancen, bitte schön?

  • Zunächst einmal möchte ich die Querdenkerbewegung nicht einfach als Versammlung von Verrückten abqualifizieren. Sie hat eine sehr heterogene Zusammensetzung und ich bin sicher, dass ich dort auch viele ernsthaft besorgte Menschen treffen würde, die sich gut informiert haben. Sie haben eine Gegenöffentlichkeit zu den Mainstream-Medien aufgebaut und stellen zuweilen sehr kritische Fragen. Die Masken- und Impfverweigerer beklagen doch nicht ganz zu Unrecht die offizielle Unterdrückung von Informationen, „welche die Bevölkerung beunruhigen könnten“. In dieser ernstzunehmenden Untergruppe der Skeptiker sehe ich ein wichtiges Regulativ in der politisch beeinflussten Meinungsbildung.

Also Ingo, glaubst du jetzt wirklich, dass Bill Gates uns mit seinem mikrochip-einpflanzenden Test- und Impfkampagnen zu willenlosen Untertanen einer Weltregierung umformen will? Dass die Eliten der Welt mit dem Blut entführter Kinder in satanischen Ritualen versuchen, sich das Leben zu verlängern? Mein Nachbar ist sich neuerdings sicher, dass die ersten beiden Corona-Impfungen die Menschen süchtig machen werden und sie wie Drogenabhängige jeden Monat mehr Impfstoff haben wollen.

  • Danke, Jupp, dass du mir ein solches Gedankengut zutraust, aber glaube mir, ich wurde noch nicht von den Verschwörungstheorien infiziert. Mich macht nur nachdenklich, mit welcher Intensität man die Andersdenkenden zur Ruhe zwingen will. Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht in einigen Gruppierungen der Querdenkerszene „sektenähnliche Meinungsgenossenschaften mit Figuren wie aus dem Spätmittelalter, die den Weg in die Moderne und damit zu naturwissenschaftlicher Evidenz und zum Staatsbürgertum innerlich nicht mitgegangen sind. Das hat im Verwechseln der eigenen Wünsche mit der Welt etwas Kleinkindliches.“ Und was macht die Zugehörigkeit so attraktiv? „Man macht miteinander euphorische Erfahrungen in der Annahme des gemeinsamen privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Es gibt für den Selbstgenuss nichts Schöneres als solche Räusche des Irrsinns.“ Er plädiert für Aussteigerprogramme aus der Szene, um ihnen bei der Abkehr von ihren Positionen ohne Gesichtsverlust zu helfen.

Interessant, Ingo. Du meinst also, sie genießen das Glück, einer verschworenen Glaubensgemeinschaft anzugehören, die sich im Besitz der alternativen Wahrheit zu sein glaubt. Das hat ja direkt etwas Religiöses. Man fühlt sich geborgen in einer Sekte, die von Ungläubigen umzingelt und bekämpft wird. Mich erinnert dies an die fanatischen Republikaner der USA, die trotz aller negativen Meldungen in Donald Trump ihren Heilsbringer sehen. Die Feinde wollen ihnen die Waffen rauben, damit sie wehrlos sind und ihre verfassungsmäßige Freiheit verlieren. Aber woher kommt denn der Druck, sich solch einer Sekte anzuschließen?

  • Sloterdijk zitiert dazu den österreichischen Schriftsteller Hermann Broch. Er hatte in 1930er-Jahren seine »Massenwahntheorie« formuliert, als er die aufgepeitschten Massen der NS-Zeit erlebte. seine Faschismustheorie ist bis heute aktuell geblieben. „Seiner Auffassung nach sind moderne Gesellschaften großformatige Ensembles in präpanischer Erregung, die unter dem Eindruck von Krisenstress plötzlich in akute Panikzustände versetzt werden können. Demnach wäre Panik der Stoff, aus dem die irrationalen Masseneffekte sind. Kollektivpaniken manifestieren sich in Massenflucht durch enge Ausgänge oder in der Zuflucht zu einem Retter. Der trägt das Mandat, das Volk wieder groß zu machen, indem er die befreiende Katastrophe herbeiführt.“

Da finden wir also unseren Donald Trump wieder. Demnach sind diese erregten Querdenker-Demos auch eine Folge der Corona-Krisen, verstärkt durch die vermurkste Bewältigung des Klimawandels.  Gerade passend dazu erlebten wir am 29. Juli fast einen Monat früher als 2020 den diesjährigen Earth Overshoot Day. In Deutschland fiel der Erdüberlastungstag schon auf den 5. Mai. Hatten wir nicht eine ähnliche Panik in den 1960er Jahren, als zu Zeiten des Kalten Krieges die Amerikaner in Erwartung eines russischen Nuklearangriffs massenhaft Atombunker in ihren Gärten und Städten bauten?

  • Na ja, vielleicht aus gutem Grund, schließlich stand unser Globus bei der Kubakrise im Oktober 1962 kurz vor dem Ausbruch des Dritten Weltkrieges. Unsere Medien greifen immer wieder panikerzeugende Meldungen auf und multiplizieren durch ihren Fokus die Horrorängste. Das war bei Corona-Ausbruch in Bergamo so und bei den vielen Lockdowns, als ratlose Regierungen hektische Alibiaktionen in Gang setzten.

Nicht zu vergessen, Ingo, die großen Flutkatastrophen in NRW und Bayern kürzlich. Und gleich darauf die Explosion im Leverkusener Chemiebetrieb, die mich in ihren Folgen an Tschernobyl erinnerte, als wir wegen der Giftwolke Kinderspielplätze nicht benutzen und unser Gemüse und Obst im Garten nicht essen durften. Jedes Mal erlebten wir die Hilflosigkeit unserer Behörden, die auf ihre verbeamtete Schönwetter-Bürokratie angewiesen waren.

  • Jetzt kommt aber der positive Aspekt zum Tragen, Jupp: die gewaltige Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, besonders sichtbar bei den zerstörten Dörfern in der Eifel. Heerscharen von freiwilligen Helfern machten sich auf den Weg und schufteten bis zum Umfallen bei wildfremden Menschen. Die vergleichbare rettende Hilfe durch die Bürger haben wir schon vor fünf Jahren erlebt, als sich eine Million Flüchtlinge auf Einladung von Angela Merkel auf den Weg ins paradiesische Deutschland machten. Die Menschen haben mittlerweile kapiert, dass sie sich in Notsituationen selbst helfen müssen und ihre Illusion verloren, dass der Staat mit seinem angeblichen Rundum-Fürsorgepaket alles im Griff hat. Für ein effektives Krisenmanagement ist unsere staatliche Konstruktion mit der unüberschaubaren Verteilung von Verantwortungen auf Bund, Länder und Kommunen denkbar schlecht gerüstet.

Jedes Mal wird gestritten, wer im Notfall die gesamte Verantwortung und Krisenleitung übernehmen soll. Es fehlt ein durchsetzungsstarker Helmut Schmidt, der als Senator 1962 in Hamburg die Sturmflut gemanagt hat. Wir haben zwar seit 2004 ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit einer eigenen Akademie. Angesichts des jüngsten Hochwassers mit 150 Toten erklärte der BBK-Präsident, dass seine Behörde für den Verteidigungsfall im Krieg zuständig sei, aber nicht im Katastrophenfall.

  • Da hat man sich wohl in der Namensnennung vertan, Jupp. Übrigens möchte ich auch mal den Begriff Verteidigungsministerium infrage stellen. Minister Struck erklärte im Dezember 2002: "Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt". Und wie steht es jetzt mit unserer Sicherheit? Die Bundeswehr zieht sich nach 20 Jahren verlustreich mit über 50 toten Soldaten aus dem gescheiterten Afghanistan-Einsatz zurück und überlässt ihre lokalen Hilfskräfte der Rache der Talibans. Da konnten die 800 Milliarden US-Dollar der Amerikaner auch nichts bewirken. Dafür hatten sie 3.600 tote Soldaten und das zehnfache an Opfern bei der Zivilbevölkerung zu beklagen.

Und wo finde ich angesichts dieser Situation jetzt deinen Optimismus wieder, mein lieber Ingo?

  • Wie ich schon sagte, Jupp, ich konzentriere mich auf die Chancen. Die grundlegende Herausforderung ist doch, dass man ein derart komplexes und dynamisches System von Problemen mit seinen unzähligen Verknüpfungen und multiplen Ursachenketten nicht mit den historisch gewachsenen Konzepten beherrschen kann. Die Kanzlerkandidaten einiger Parteien geben eine grausame Vorstellung ihrer Kompetenz ab. Die Bevölkerung erkennt zunehmend, dass unser gegenwärtiges politisches System zur Bewältigung der heraufziehenden Krisen in der Demografie, Digitalisierung und dem Umweltschutz nicht geeignet ist. Das Resultat ist ein Vertrauensverlust in die Allmacht des Staates, seine Untertanen ausreichend vor den Folgen zu schützen. Ein neues Klimabewusstsein entsteht, ein langsames Umdenken hinsichtlich der unkritischen Fortsetzung unserer bisherigen Arbeits-, Produktions- und Bildungsstrukturen findet statt. Kurzum: die Zeit für ein neues Denken ist reif. So kann es nicht weitergehen. Wir haben diese Umbrüche doch schon mehrmals erlebt: Industrialisierung, Elektrifizierung, Digitalisierung, Globalisierung – alles schon vergessen? Wir stehen kurz vor einer neuen Phase.

Du meinst, wir erleben jetzt den sechsten Kondratjew-Zyklus, der auf den der Informationstechnik folgt? Der sich dann vor allem mit dem Überlebenskampf in unserer ruinierten Natur befasst?

  • Ja, diese Anzeichen sehe ich überall. Ich zitiere mal eine Meldung der Deutschen Welle vom 28. Juli: „Mehr als 14.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus rund 150 Ländern haben sofortige Veränderungen im Hinblick auf die Klimakrise gefordert. Diese Veränderungen seien dringlicher denn je, um das Leben auf der Erde zu schützen, heißt es in einem im Fachjournal BioScience veröffentlichten Artikel. Gefordert wird unter anderem ein absehbarer Ausstieg aus der Verwendung fossiler Brennstoffe sowie ein besserer Schutz der Artenvielfalt.“

 

Also Ingo, angesichts dieser Aussichten bleibt uns nur der Griff nach unserem beständigen und innovationsgeschützten Lebensmittel. Herr Wirt, bitte zwei Bier für ein Prosit auf unser aller Zukunft.

 

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Die Kondratjew-Zyklen beschreiben den Kern einer von dem sowjetischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew entwickelten Theorie zur zyklischen Wirtschaftsentwicklung, die Theorie der Langen Wellen. Ausgangspunkt für die Langen Wellen sind Paradigmenwechsel und die damit verbundenen innovationsinduzierten Investitionen: Es wird massenhaft in neue Techniken investiert und damit ein Aufschwung hervorgerufen.

  1. Periode (ca. 1780–1840): Frühmechanisierung; Beginn der Industrialisierung in Deutschland; Dampfmaschinen-Kondratjew. Es gibt Vermutungen, dass es in England schon einen früheren Zyklus gab.
  2. Periode (ca. 1840–1890): Zweite industrielle Revolution Eisenbahn-Kondratjew (Bessemerstahl und Dampfschiffe). In Mitteleuropa Gründerzeit
  3. Periode (ca. 1890–1940): Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (auch Chemie)
  4. Periode (ca. 1940–1990): Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew (Basisinnovationen: Integrierter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Computer und das Automobil)
  5. Periode (ab 1990): Informations- und Kommunikations-Technik-Kondratjew (globale wirtschaftliche Entwicklung)

(aus Wikipedia)

 

Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. –

Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist. 

(Douglas Adams, Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“)

 

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