INGOs NÖHRgeleien 2021

von Ingo Nöhr

Unsere Krisen - Kommt jetzt der Anfang vom Ende oder das Ende vom Anfang?

Ingo Nöhr zum 1. Oktober 2021

Das tägliche Leben hält für den deutschen Bürger wieder permanente Aufreger bereit. Afghanistan-Debakel, historischer Regierungswechsel, Tornado in Kiel, Vulkanausbruch auf La Palma, neuer James Bond Film. Die Briten haben aus Brexit-bedingtem Mangel an LKW-Fahrern das geplante Ende der Diesel- / Benzin- Ära anscheinend von 2030 auf heute vorverlegt.

Die Corona-Lage entspannt sich gerade – trotz Warnungen vor einer vierten Welle im kommenden Winter. Die Covid-19 Zertifikate gelten für Geimpfte 12 Monate, für Genesene unerklärlicherweise aber nur 6 Monate. Macht aber im Notfall nichts, im Internet gibt es schließlich gefälschte Impfpässe zu kaufen. In NRW fahndet man jetzt mit hohem Aufwand nach den Fälschern von Hunderten von Impfpässen. Nach der Einführung der 2G-Regel haben ungeimpfte Kinder unter 12 Jahren keinen Zutritt in Geschäfte und Gaststätten. In Berlin wollen 56% der Wähler, die dazu oft mehrere Stunden im Wahlchaos warten mussten, die großen Wohnungsunternehmen mit mehr als 3000 Wohnungen enteignen. Dummerweise würde der Rückkauf von 220.000 Wohnungen etwa 30-40 Milliarden Euro kosten und damit das gesamte Berliner Haushaltsvolumen des Jahres 2021 übersteigen.

Unsere beiden Krankenhausrecken sind noch total benommen vom spannenden Wahlabend und seinen Ergebnissen.

Hallo Ingo, wir sind jetzt mit der Rekordzahl an geballter Kompetenz von 735 Abgeordneten ausgestattet. Damit leisten wir uns das zweitgrößte Parlament der Welt. Zugegeben, hier müssen wir noch etwas aufstocken, um den Weltmeister China mit fast 3.000 Abgeordneten zu entthronen. Übrigens: hast du das Instagram-Selfie vom jugendlichen Verhandlungsteam der FDP und Grünen gesehen? Ihre Botschaft lautet: Wer unter uns Kanzler werden will, muss jetzt unsere Bedingungen erfüllen.

  • Jupp, wer hätte sich dieses Szenario vor kurzem noch vorstellen können: die ehemaligen Volksparteien müssen jetzt bei den vorher belächelten Miniparteien FDP und Grüne um Ministerposten betteln, weil diese bei der Wahl mehr Stimmen als Union und SPD geholt haben. FDP-Generalsekretär Volker Wissing beschreibt das Dilemma der Politik in wenigen Worten: Die Menschen wollen nicht, dass der Klimaschutz unseren Wohlstand zugrunde richtet. Sie wollen aber auch nicht, dass unser Wohlstand unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstört. Diese zwei Perspektiven, die beide ihre Berechtigung und ihre Bedeutung haben, müssen zu einem guten Regierungsprogramm zusammengeführt werden.“
    Du siehst, wir leben zunehmend in disruptiven Zeiten: Brexit-Chaos, Corona-Pandemie, Ahrtalfluten, Afghanistan, Wahlausgang und vieles mehr.

Ingo, ich muss leidvoll zugeben: du hattest 2018 recht. Ich darf mal aus unserem damaligen Gespräch zitieren: „Die Statuen unserer Mächtigen stehen auf sehr wackeligem Boden, wenn schon eine kleine Erschütterung das Fundament ins Wanken bringen kann. Daher sollte man besser auf dem Höhepunkt seines Ruhms noch rechtzeitig abtreten, um als Lichtgestalt in die Geschichte eingehen zu können. Aber kein Abschied auf der Welt fällt schwerer als der Abschied von der Macht. Helmut Kohl und Angela Merkel haben den passenden Absprungspunkt verpasst.“ Vor exakt drei Jahren hast du mit mir über disruptive Politik gesprochen. Jetzt erleben wir sie live.

  • Jupp, die disruptive Entwicklung war schon viel früher abzusehen. Schau mal in unseren Aufzeichnungen vom Juli 2016, als wir die sogenannten Pfadabhängigkeiten betrachtet haben. Du erinnerst dich vielleicht an meine Behauptung, dass die Maße des Spaceshuttles von einem römischen Pferdehintern bestimmt wurden – eine 2000 Jahre alte Abhängigkeit eines Weges. Meine Prognose lautete vor fünf Jahren: „Die nunmehr durch ihre Größe stabil etablierten und gut vernetzten Institutionen schotten sich aus Machtgier und Gewinnsucht der Führungselite zunehmend von der normalen Bevölkerung ab. Sie produzieren dadurch immer mehr Unzufriedenheit, zum Beispiel durch eine überbordende Bürokratie, steigende Kundenferne und sinkende Leistungsbereitschaft.“

Ingo, was hat das Letzte jetzt mit der Pfadabhängigkeit zu tun?

  • Jupp, hier spielen die Verlierer der Pfadabhängigkeit die entscheidende Rolle. Die bislang kaum organisierten Frustrierten finden plötzlich ein gemeinsames Sprachrohr: Donald Trump in den USA, Marie Le Pen in Frankreich, Boris Johnson in Großbritannien, die AFD in Deutschland. Ein Auslöser für die PEGIDA-Bewegung war die unterschwellige Fremdenangst vieler Bürger, die sich durch die Sozialleistungen für Migranten benachteiligt sahen. Es sind die Ergebnisse von erfolgreichen Attacken der Verlierer gegen die Pfadabhängigkeit der Politik. Die großen Banken, Industrie- und Medienkonzerne sind durch Vernetzungen und Globalisierungen so mächtig geworden, dass gegen sie nicht mehr regiert werden kann.

Stimmt, das haben wir schon damals festgestellt. Die ehemaligen Volksparteien haben die Bodenhaftung verloren und damit Vertrauen in die Volksvertretung zerstört. Es wächst das Heer der bislang nichtaktiven Unzufriedenen und Wahlverweigerer, bis es plötzlich eine kritische Masse erreicht und sich durch einen charismatischen Sprecher koordiniert zu einer Opposition zusammenfindet. Dann wird nur noch emotional und nicht mehr rational entschieden, wie der Brexit deutlich gezeigt hat. Und nun ist die Opposition plötzlich größer als die regierende Macht geworden und die behäbigen Kanzlermacher reiben sich verwundert die Augen.

  • Unser Starphilosoph Prof. Peter Sloterdijk sagte kürzlich in einem Interview mit dem Podcaster Gabor Steingart: „Politik braucht bühnenfähige Charaktere. Ich bin in der peinlichen Lage als Rechthaber auftreten zu dürfen. Schon vor zwei Jahren habe ich darauf hingewiesen, dass es mit Laschet nicht funktionieren kann, weil hier ein Formatfehler vorliegt, der in politischen Angelegenheiten sehr schwer wiegt: die völlige Abwesenheit von Charisma und Ausstrahlung. Christian Lindner ist der Prototyp eines lernenden Politikers: Jemand, der im ständigen Stoffwechsel mit seiner Umgebung steht.“

Das hat aber bei unserer grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock nicht so durchschlagend funktioniert. Sie ist ja in den Umfragewerten kontinuierlich abgesackt.

  • Für die plötzliche Übergabe ihrer Machtposition an Robert Habeck hat er eine schonungslose Erklärung: „Wir haben eine Politikergeneration, die ausnahmslos Selbsterfinder sind. Das gilt natürlich vor allem für eine Person wie Annalena Baerbock, bei der man das Gefühl hat, dass der Übergang von einer Schülersprecherin zu einer Kanzlerkandidatin doch ein bisschen zu abrupt erfolgte.“

Ich erinnere mich daran, dass du seit etlichen Jahren das politische Versagen des Systems vorhergesagt hast. Permanent hast du mich mit dem bevorstehenden Knall und dem Aufstieg des Phönix aus der Asche genervt. Ist es nun so weit? Haben wir den kritischen Punkt erreicht?

  • Jupp, ich bin es langsam leid, Apokalyptiker zu sein, weil es langsam zu einer Modewelle ausartet. Max Frisch sagte mal: „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ Ja, ich glaube schon, dass wir kurz vor dem Wendepunkt stehen, auch wenn es keinen kompletten Zusammenbruch der Systeme geben wird. Bei der Corona-Pandemie und den Klimawandelfolgen haben wir nun auch die disruptiven Schläge am eigenen Leib erfahren. Nebenbei, wir jammern auf einem extrem hohen Niveau. Für viele auf der Erde ist die Apokalypse längst tägliche Realität: Eine Milliarde Menschen hungern, drei Milliarden leben von weniger als zwei Dollar am Tag.

Ingo, der geplante Qualitätsaufschwung des globalen Millenium-Porgramms hat leider nicht vollständig geklappt. Wir beide haben dann 2013 erkannt, dass wir uns nunmehr auf das Risikomanagement konzentrieren müssen, nachdem wir festgestellt hatten, dass wir das perfekte Qualitätsmanagement nicht finanzieren können. Die nächste Modewelle würde dann wohl das Krisenmanagement darstellen, welches schluss­endlich vom Management der Katastrophen abgelöst werden muss.

  • Jupp, du fandest damals in ein passendes Zitat dazu: „Ich habe einfach keine Zeit, den Zaun zu reparieren, denn ich muss ständig die entlaufenen Kühe einfangen.“

Ingo, ja, das ist die ständige Ausrede für die Vernachlässigung unserer Infrastruktur in Deutschland. Dazu passt gerade die aktuelle Meldung über einen Umrüstungsauftrag der Funktechnik bei der Bundeswehr. Dort ist ein Digitalisierungsprojekt für 90.000 IP-fähige Funkgeräte nach zehn Jahren Entwicklung krachend gescheitert. Nun soll der französische Rüstungskonzern Thales für 600 Millionen Euro 30.000 neue Geräte bis 2035 liefern. Aber nicht etwa mit digitaler Technik! Nein, die Firma soll die uralten Funkgeräte aus den 1980ern identisch nachbauen, weil es für diese kaum noch Ersatzteile gibt. Damit soll die weitere Einsatzbereitschaft der Bundeswehr gewährleistet werden. Für die nächsten zehn Jahre mit 40 Jahre alter Technik.

  • Unfassbar, aber für mich nachvollziehbar. Weil man die Digitalisierung komplett verschlafen hat, ist keine Zeit mehr, den Schritt zur echten Problemlösung zu wagen. So auch im Bildungswesen, im Justizwesen und im Gesundheitswesen. Überall muss man hektisch Provisorien installieren. Dabei hätten die Verantwortlichen anfangs die Sinnhaftigkeit von Corona-Schutzmaßnahmen intelligenter und ohne widerstandserzeugende Drohgebärden kommunizieren können.  

Ingo, die Anschnallpflicht im Auto wurde damals auch nur durch Bußgelder wirksam umgesetzt. Für die Impfunwilligen wird es ab diesem Monat auch richtig teuer, wenn die Kostenpflicht von Schnelltest flächendeckend umgesetzt wird. In den USA geht es mit der Impfpflicht drastischer zu. Bei den United Airlines droht 600 Impfverweigerern die Entlassung.

  • Es sollte die Querdenker langsam nachdenklich machen, dass auf den Intensivstationen fast nur noch Ungeimpfte liegen. Überhaupt würde ich heutzutage einen möglichst großen Bogen um Krankenhäuser machen, nachdem ich kürzlich eine Oxford-Studie über die Situation in Londoner Krankenhäusern gelesen habe. Das Team von Jie Zhou hat während des Covid-19 Peaks im April 2020 untersucht, was in den neu aufgestellten Luftfiltern hängengeblieben ist: neben Covid-19 Viren auch Pilze, Fäkalienkeime, Staphylokokken aller Art, Herpes, Grippe und ein Dutzend anderer Erreger. Nach dem Abschalten der Filter waren sie alle wieder da und schwebten in der Atemluft.

Das ist ja ekelhaft, Ingo. Also als Patient, Besucher oder Mitarbeiter solltest du dich in deiner Klinik besser nur noch mit einer FFP2-Maske aufhalten.

  • Wie ist es denn überhaupt soweit gekommen? Im einem SPIEGEL-Interview vergleicht der Politikwissenschaftler Christoph Meyer das Pandemie-Management in Deutschland und Großbritannien. Krisen sind disruptiv und erfordern ein Ausbrechen aus alten Mustern. In der Pandemie-Krise haben Angela Merkel und ihre Ministerpräsidenten einen Konsens mit der Wirtschaft, ihren Parteien und ihren Wählern gesucht, anstatt mutig ins Risiko gehen und die exponentielle Coronadynamik mit schmerzhaften Einschränkungen wirksam einzudämmen. An Beratern herrschte ein heilloser Wildwuchs, der sich in 21 Corona-Expertengremien in deutschen Landen austobte. Die Politiker konnten auswählen, wem sie zuhören und bestellten sich für ihre geplanten Maßnahmen das passende Expertenwissen. Zu Wort kamen meist nur die ausgesuchten Leute mit einer hohen Talkshow-Eloquenz, die störenden Kritiker hat man in den offiziellen Gremien ausgesondert.

Okay, Ingo. Die Politikberatung zur Krisenbewältigung war absolut unprofessionell organisiert. Wie wäre Meyer denn vorgegangen?

  • Er hätte das erfolgreiche Konzept der Briten kopiert: die Scientific Advisory Group for Emergencies, kurz SAGE genannt. Das ist ein kurzfristiger Zusammenschluss der besten und unabhängigen Wissenschaftler des Landes mit einem gemeinsamen Sekretariat. Sie beraten die Regierung je nach Notfall in Fachkomitees, zum Beispiel bei Flutkatastrophen, Nuklearunfällen, Aschewolken und eben Pandemien. Die Zusammensetzung ist völlig transparent und die Ergebnisse werden zeitnah und ohne politische Zensur gemeinsam als britische Expertenmeinung veröffentlicht.

Aber im letzten Herbst hat die Regierung von Boris Johnson die Ratschläge augenscheinlich nicht befolgt. Er wollte mit einem lockeren Shutdown die Pandemie kontrollieren und die Wirtschaft nicht belasten.

  • Für diesen Irrtum hat die britische Bevölkerung auch einen hohen Preis an vermeidbaren Coronatoten bezahlt. Und der totale Lockdown war später unausweichlich. Jetzt wird die SAGE-Expertise in der Person des Sprechers und Chefmediziners Chris Whitty so ernst genommen, dass er schon als „De-Facto-Primeminister“ bezeichnet wurde. Dafür zieht er mit seinem Kollegen, dem Chief Scientific Adviser Patrick Vallance bei unpopulären Maßnahmen alle Wut auf sich und beschützt dadurch die SAGE-Wissenschaftler vor persönlichen Angriffen.

Ingo, wir haben doch auch das Robert-Koch-Institut als Regierungsberater. Warum sollte man noch ein Expertengremium installieren?

  • Das RKI ist dem Bundesgesundheitsminister unterstellt und damit politischen Weisungen unterworfen. Erinnerst du dich nicht an den Konflikt des RKI mit der STIKO, der Ständigen Impfkommission, über die Covid-19 Impfung der Kinder unter 12 Jahren. Trotz des enormen politischen Druckes wollten die unabhängigen Wissenschaftler keine entsprechende Empfehlung aussprechen, weil in Deutschland bis heute noch kein Kind unter 17 Jahren ausschließlich an einer Covid-19 Erkrankung gestorben ist.

Und die Leopoldina-Akademie? Die ist doch unabhängig und interdisziplinär aufgestellt.

  • Das ist richtig, sie spielt auch eine wichtige Rolle in der Debatte, ist aber kein Ersatz für eine wirklich durchdachte, gut strukturierte Politikberatung auf Bundesebene. Wir sind in Deutschland hinsichtlich Krisenvorsorge und Prävention nicht gut aufgestellt, sondern benötigen dringend eine Art nationalen Sicherheitsrat auf Kabinettsebene. Die nächsten Naturkatastrophen, Cyberangriffe und Finanzkrisen kommen mit Sicherheit. Wir sollten vorausschauend planen und bei einer plötzlichen Krise nicht hektisch und unkoordiniert nach parteipolitischen Prämissen in 16 Bundesländern reagieren.

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Es ist sinnlos zu sagen: Wir tun unser Bestes. Es muss dir gelingen, das zu tun, was erforderlich ist.

(Winston Churchill, 1874 – 1965)

 

Die Partei muss laufen lernen, sie muss sich zutrauen, in Zukunft ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich oft selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen.

(CDU-Generalsekretärin Angela Merkel im Dezember 1999 im Zuge der Spendenaffäre)

 

In Krisenzeiten suchen Intelligente nach Lösungen, Idioten suchen nach Schuldigen.

(Loriot)

 

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von Ingo Nöhr

Die Qual der Wahl – wer wird uns retten?

Ingo Nöhr zum 1. September 2021

Covid-19 bestimmt weiterhin das Leben der beiden Klinikpensionäre. Die dritte Impfung zeigt sich schon am Horizont und erzeugt neues Futter für die Querdenker-Szene. Hätten die beiden vor einem Jahr eine Biontech-Aktie für 60 US-Dollar gekauft, wäre sie im August 440 Dollar wert gewesen. 

Noch lukrativer hätte sich eine Investition in Aktien der Rüstungsindustrie gelohnt. Schließlich hat die deutsche Bundesregierung insgesamt 419 Millionen Euro Rüstungsgüter allein für ihr zwanzigjähriges Afghanistan-Abenteuer exportiert. Weltweit wurden 2020 trotz Pandemie fast 2.000 Milliarden Dollar für den Rüstungswahn ausgegeben - ganz vorn die USA und China.

Ein weiteres kostspieliges Investment hatte sich dagegen nicht gelohnt. Für die Olympischen Spiele vor leeren Stadien gaben die Japaner die absolute Höchstmarke von 26 Milliarden Dollar aus. Zum Vergleich: 1972 beliefen sich die Kosten für die Münchener Olympiade auf gerade mal 1 Milliarde Dollar.

Und begleitend zu diesen gigantischen Geldverschwendungen zeigt die Natur ihrem aggressivsten Parasiten mit drastischen Auswirkungen, „wo der Hammer hängt“: Hurrikans, Erdbeben, Waldbrände, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen mit neuen Rekordwerten und einem hohen Blutzoll. Im letzten Sommer gab es mehr Hitzetote als durch Covid-19 Verstorbene.

Ein umfangreicher Themenkatalog also für das monatliche Stammtischgespräch von Ingo und Jupp. 

  • Jupp, ich nehme an, du hast das erste Triell mit Baerbock, Scholz und Laschet im Fernsehen verfolgt. Weißt du nun, wo du am 26. September dein Kreuzchen machen musst?

 Ingo, das waren gerade mal drei Parteien. Auf meinem Wahlzettel werden aber 47 stehen. Am liebsten würde ich den langen Zettel komplett durchstreichen und den 48. Eintrag mit dem Namen „Nichtwähler“ ankreuzen. 2009 hat diese Nichtpartei fast 30% erreicht und wäre damit am stärksten im Bundestag vertreten gewesen. Das hätte den Politikern mal den wahren Volkswillen und ihre zweifelhafte Angehörigkeit zu einer sogenannten Volkspartei demonstriert.

  • Jupp, schau mal. Die Partei #20 auf dem Wahlzettel hört sich doch gut an: „Menschliche Welt – für das Wohl und Glücklichsein aller“. Der Parteivorsitzende heißt Dada Madhuvidyananda, mit bürgerlichem Namen Michael Moritz. Mit dem Wahlprogramm kann ich gut leben, allerdings bekam die Partei seit 2016 bei allen Wahlen weniger als 1% der Stimmen. Aber angesichts deiner Wut auf die Politik denke ich mal, wirst du die #45 Graue Panther ankreuzen, damals von Trude mit dem passenden Nachnamen Unruh gegründet.  

Also Ingo, jetzt mal im Ernst. Hast du beim Triell irgendetwas über unsere Renten, über die Digitalisierung, das Bildungswesen oder überhaupt über unsere demographische Entwicklung gehört? In den nächsten Jahren gehen die Babyboomer in Rente. Landen sie gleich in der Altersarmut?

  • Lieber Jupp, ich darf mal als Antwort dazu Gabor Steingart aus seinem Morning Briefing zitieren: „Der Blick um die nächste Biegung fehlte gestern abend. Das Moderatoren-Pärchen war der journalistischen Augenblicksgier verfallen. Dabei haben wir es nach 16 Jahren Merkel mit einem veritablen Reformstau zu tun. Hinterm Horizont geht es so nicht weiter. Die Staatlichkeit ist verstaubt; die demografischen Probleme schieben sich wie eine Endmoräne ins Tal der Zukünftigen, das geostrategische Denken scheint ausgestorben und über alledem thront eine Kanzlerin, so starr und so wächsern als hätte Madame Tussauds sich ihrer zu Lebzeiten schon angenommen.“

Ingo, beim geostrategischen Denken haben die abendländischen Regierungen gerade komplett versagt und das Vertrauen in ihre moralische Überlegenheit auf Jahre hinaus ruiniert. Das Ziel des Afghanistan-Feldzuges wäre schon vor zehn Jahren mit der Tötung von Osama Bin Laden erreicht gewesen. Aber dann gefiel dem Westen das Schlagwort „Nation-Building“ und wollte mit zwei Billionen Euro ein Drogenemirat in eine liberale Demokratie verwandeln. Das Ergebnis nach weiteren zehn Jahren: Das Nation-Building wird nun von den islamischen Fundamentalisten fortgeführt, aber ohne westliche Werte. Rußland und China füllen das Vakuum sofort auf. Afghanistan ist wieder Weltmarktführer beim Export von Opiaten.

  • Jupp, das war schon lange vorauszusehen. Im Februar 2020 übergab Donald Trump in Doha ohne weitere Bedingungen den Haustürschlüssel an die Taliban, nur gegen freies Geleit für die Soldaten der Allianz. Nebenbei erbten diese die dortige Militärausrüstung im Wert von 85 Milliarden Dollar, darunter 200 Flugzeuge, 75.000 Fahrzeuge und 600.000 Handfeuerwaffen. Potenziell tödlich für viele Menschen vor Ort ist zudem ihr Zugang zu den biometrischen Geräten, welche die Fingerabdrücke, Augen-Scans und biographischen Angaben der afghanischen Soldaten und Ortskräfte der letzten 20 Jahre beinhalten.

Zutiefst beschämend, wie dilettantisch die versuchte Evakuierung dieser Menschen abgelaufen ist. Gerade mal 100 Ortskräfte mit ihren Familien konnten von der Bundeswehr unter höchster Gefahr ausgeflogen werden. Weitere 300 Deutsche und 10.000 Afghanen warten noch unter unbeschreiblichen Umständen auf ihre Ausreise nach Deutschland. Aber ein britischer Ex-Soldat schaffte es nach massiven Interventionen, 170 Hunde und Katzen aus seinem privaten Tierheim nach London zu bringen, seine 70 afghanischen Helfer mussten allerdings zurückbleiben.

  • Jupp, wenn er ein gläubiger Mensch ist, kann er zumindest darauf hoffen, dass die Tiere beim Jüngsten Gericht ein gutes Wort für ihn einlegen. Ich glaube, bei der endzeitlichen Abrechnung werden wir alle gute Fürsprecher brauchen, wenn wir uns vor der himmlischen Jury für den hinterlassenen Zustand der Natur rechtfertigen müssen.

Ingo, richtig. Aber die Natur wehrt sich mit Macht. Der letzte Hurrikan Ida lies in New Orleans den Mississipi für drei Stunden stromaufwärts fließen. Immer mehr Tote und ungeheure Kosten durch zunehmende Umweltkatastrophen. Der Mensch zerstört sein eigenes Haus und seinen Wald drumherum.

  • Ach Jupp, die Toten waren für uns immer weit weg. Die Deutschen wachten erst auf, als im Ahrtal ihre Autos weggespült wurden. Allein mit den dortigen Aufräumkosten könnten wir einen afrikanischen Staat komplett klimaneutral machen. Die Natur hat den gefrässigen Konsumenten in der westlichen Welt eine pädagogische Lektion erteilt, die schon lange in unserem Land überfällig war.

 ngo, vor fünfzig Jahren warnte der Club of Rome, dass die Uhr für die menschliche Existenz auf fünf vor Zwölf steht. Jetzt ist es fünf nach Zwölf und etliche Kipppunkte sind erreicht, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Der Regenwald im Amazonas-Becken produziert schon mehr CO2 als er verbraucht, die Permafrostböden in Rußland und die Eisfelder in Grönland tauen auf. Wie kannst du da noch deinen Optimismus pflegen?

  • Jupp, so langsam begreifen die Menschen in den reichen Ländern, dass sie sich nicht getrennt von der Natur definieren können. Wir erleben doch zunehmend heftigere Diskussionen in der Bevölkerung darüber, ob uns das kapitalistische Prinzip des permanenten Wachstums nicht langsam umbringt. Wir beobachten beunruhigt den ökologischen Fußabdruck. Für die Erfüllung unserer Bedürfnisse stellt die Erde 1,7 Hektar pro Person bereit. In Deutschland belegen wir aber schon 5,5 Hektar, in den USA 8,6 Hektar. Ich erwarte keine Revolution, wie sie die Querdenker und grünen Fundamentalisten anstreben. Aber relevante Änderungen im Innern des Kapitalismus werden kommen, zum Beispiel durch reale Preise, welche auch die Umweltzerstörung mit einpreisen. Der CO2-Preis müsste von derzeit 25 Euro realistisch auf 200 Euro pro Tonne angehoben werden.

Ingo, da sind wir aber noch weit entfernt. Momentan subventionieren wir Deutschen noch das Flugbenzin, lassen jährlich eine Million SUV-Autos zu und blasen durch die Kohleverstromung pro Jahr fünf Tonnen Quecksilber in die Luft. Das erinnert ich mich an meine Schulzeit, als im Physikunterricht ein Quecksilberthermometer zerbrochen wurde. Wochenlang war der Saal zur Renovierung und Lüftung geschlossen. Geh doch mal mehr an die frische Luft, sagen die Mediziner. 2020 generierte unsere schlechte Luftqualität in den autoüberfüllten Städten 70.000 vorzeitige Todesfälle, mehr als das Covid-19 Virus geschafft hat. 

  • Jupp, du ignorierst die Zeichen der Zeit, die einen gewissen Optimismus rechtfertigen. Fridays for Future hat viele Ableger bekommen, den Scientists for Future gehören nun 26.000 Wissenschaftlicher im deutschsprachigen Raum an. Der höchstalarmierende 6. Sachstandsbericht des Weltklimarates hat eine politische Schockwelle produziert. Mit der Bundestagswahl am 26. September wird auch über die Klimapolitik entschieden, die nun alle Parteien außer der AfD für sich entdeckt hat. Die Bevölkerung erkennt zunehmend, dass unser vorherrschendes Wertesystem „höher, schneller, weiter“ in den Abgrund führt. Trotz des materiellen Wohlstands leiden die Menschen in den Industriestaaten an Krankheiten wie Depressionen, Burnouts, Adipositas, Drogenabhängigkeiten und dergleichen mehr.

Ingo, zugegeben, sogar die Kirchen haben mühsam in der Klima-Allianz ihre Verantwortung zur Klimaneutralität entdeckt. Doch die Kirchenvertreter sitzen in allen wichtigen Gremien der Gesellschaft, aber man hört nichts von ihnen. 

  • Jupp, vielleicht sollten sie bundesweit ihre Kirchendächer und all ihre Immobilien mit Solarpanels bepflastern und ihre Türme mit Windrädern krönen, um die Sensibilität der Bevölkerung für erneuerbare Energien zu fördern. Die Abtreibungsgegner in den USA erobern immer mehr republikanische Hochburgen und stoßen schärfste Gesetze zur Abschaffung der Abtreibung an. Stell dir mal vor, die deutsche Bischofskonferenz erkennt der CDU/ CSU die Lizenz für das C im Logo ab und droht mit Exkommunizierung, wenn nicht endlich die göttliche Schöpfung vor dem weiterem Untergang bewahrt wird.

Ingo, das wird wohl nicht passieren, denn die Christenparteien könnten sich auf das industriefreundliche Bibelzitat „Macht euch die Erde untertan“ berufen. Da sind die Religionen der Naturvölker sehr viel fortschrittlicher. Sie setzen den Gott nicht in den Himmel, sondern finden ihn im ewigen Kreislauf der Natur.

  • Mit kommt da gerade ein Gedanke, Jupp. Wir sollten einen indianischen Schamanen als Umweltminister einsetzen. Ein Computer mit Künstlicher Intelligenz in der Bundesregierung wäre nämlich viel gefährlicher. Das RKI hat gerade vor neun Monaten den Grundstein für ein KI-Zentrum in der Public Health Forschung gelegt. Bei erster Inbetriebnahme würde es möglicherweise beschließen, dass alle Corona-Maßnahmen sofort einzustellen und die Menschen als tödliche Parasiten von der Erde zu eliminieren sind. In den Äonen der Entwicklungsgeschichte der Natur stellen wir Menschenvolk sowieso nur eine kurzzeitige Infektion ohne nachhaltige Wirkung dar. Die Natur lässt sich von uns nicht zerstören, sie hat schon schlimmere Katastrophen erlebt. 

Ingo, dass nennst du also eine optimistische Weltsicht? Ich vermute langsam, dein Weltbild fokussiert sich auf die Natur und nicht auf den Menschen. Du nimmst unseren Untergang in Kauf, um der Natur wieder zum Atemholen zu verhelfen. Nach dieser Erkenntnis muss ich erst mal ein kühles Bier trinken. Zumindest dieses Produkt verbindet perfekt den menschlichen Leib mit den natürlichen Ressourcen. 

  • Gut gesprochen, Jupp. Herr Wirt, zwei Bier bitte. Zum Anstossen auf die erfolgreiche Symbiose von Mensch und Natur.

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„Vor 10.000 Jahren verteilte sich die Biomasse der Erde wir folgt: 1% Menschen und 99% Wildtiere. Und heute haben wir 1% Wildtiere, 1/3 Menschen und 2/3 Nutztiere. Wir pupsen und kacken den Planeten platt.“   

(Eckhart von Hirschhausen  auf der 2. Utopie-Konferenz der Leuphana Universität, 2021)

 

Apropos Querdenker: schade um die Verhunzung des einst positiv besetzten Begriffes. Kurt Biedenkopf war nach der deutschen Wiedervereinigung für zwölf Jahre der erste Ministerpräsident des Freistaates Sachsen und sagte 2007 in einer Rede:

„Wenn Sie nicht querdenken, dann sind sie kein erfolgreicher Forscher, dann sind sie kein erfolgreicher Lehrer, dann sind sie kein erfolgreicher Innovator. Denn querdenken heißt gegen das Fell bürsten. Das heißt also, die Fragestellungen, die en vogue sind, nicht zu akzeptieren, andere Fragen aufzuwerfen. Querdenker sind unverzichtbar.“

Laut einer Umfrage möchten nur noch 45% der Deutschen ihre freie Meinung öffentlich äußern.

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von Ingo Nöhr

Kommt jetzt der sechste Kondratjew-Zyklus?

 

Was für ein hektischer Monat! Die Aufregungen überschlugen sich regelrecht: Die Pegasus-Ausspähung der Smartphones, neue Delta-Virus-Ausbrüche, die große Impfverweigerung in vielen Ländern, Chemie-Explosion in Leverkusen, Flutkatastrophen, aber auch extreme Hitzewellen in manchen Regionen. Ungerührt davon baut China gerade seine eigene Raumstation.

Wie immer betrachten Ingo und Jupp beim monatlichen Stammtischgespräch das aktuelle Weltgeschehen mit ihren unterschiedlichen Brillen. 

Also Ingo, wenn du angesichts der katastrophalen Meldungen im vergangenen Monat immer noch ein Optimist bleiben kannst, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

  • Jupp, ich habe damit kein Problem. Der ungarische Physiker und Atombombenbauer Edward Teller hat einmal gesagt: "Der Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten besteht heute darin, dass der Optimist glaubt, die Zukunft sei ungewiss." Du machst den Denkfehler, dass du den gegenwärtig maroden Zustand der Welt einfach in die Zukunft extrapolierst. Ich als Optimist habe zwar nicht weniger oft unrecht als du als Pessimist, aber ich lebe froher, weil ich an die Lernfähigkeit der Menschen glaube.

Ingo, dass stimmt nicht ganz: Ein Pessimist zu sein hat den Vorteil, dass man entweder ständig recht behält oder angenehme Überraschungen erlebt, nämlich, wenn der schlimmste Fall nicht eintritt. Du dagegen musst doch aufgrund der Dummheit der Menschen permanent Enttäuschungen erleben, weil dein bestes Szenario nicht passiert.

  • Lieber Jupp, meine Enttäuschungen halten sich sehr in Grenzen, denn „Ein Pessimist sieht das Problem, das in jeder Chance steckt, ein Optimist sieht die Chance, die in jedem Problem steckt." Das ist von Winston Churchill. Also erzähle mal: wo siehst du aktuell die Probleme. Ich verrate dir dann auch, welche Chancen ich erkenne.

 Ach Ingo, ich weiß ja gar nicht, wo ich anfangen soll. Aktuell ist mein nächstgelegener Problemfall mein Nachbar. Du weißt schon, der Q-Anon-Anhänger und Querdenker. Er lauert mir regelrecht auf, wenn ich mal vor die Tür trete. Dabei meint er es angeblich nur gut mit mir. Er will mich retten und über die wahren Hintergründe aufklären. Dafür soll ich unbedingt mit ihm am 1. August zur großen Querdenkerdemo nach Berlin fahren. Dort trifft sich die Million der Erleuchteten, um gegen die Verdummung und Versklavung der Bevölkerung durch die geheime Weltregierung und das Großkapital zu kämpfen. Wo siehst du nun die Chancen, bitte schön?

  • Zunächst einmal möchte ich die Querdenkerbewegung nicht einfach als Versammlung von Verrückten abqualifizieren. Sie hat eine sehr heterogene Zusammensetzung und ich bin sicher, dass ich dort auch viele ernsthaft besorgte Menschen treffen würde, die sich gut informiert haben. Sie haben eine Gegenöffentlichkeit zu den Mainstream-Medien aufgebaut und stellen zuweilen sehr kritische Fragen. Die Masken- und Impfverweigerer beklagen doch nicht ganz zu Unrecht die offizielle Unterdrückung von Informationen, „welche die Bevölkerung beunruhigen könnten“. In dieser ernstzunehmenden Untergruppe der Skeptiker sehe ich ein wichtiges Regulativ in der politisch beeinflussten Meinungsbildung.

Also Ingo, glaubst du jetzt wirklich, dass Bill Gates uns mit seinem mikrochip-einpflanzenden Test- und Impfkampagnen zu willenlosen Untertanen einer Weltregierung umformen will? Dass die Eliten der Welt mit dem Blut entführter Kinder in satanischen Ritualen versuchen, sich das Leben zu verlängern? Mein Nachbar ist sich neuerdings sicher, dass die ersten beiden Corona-Impfungen die Menschen süchtig machen werden und sie wie Drogenabhängige jeden Monat mehr Impfstoff haben wollen.

  • Danke, Jupp, dass du mir ein solches Gedankengut zutraust, aber glaube mir, ich wurde noch nicht von den Verschwörungstheorien infiziert. Mich macht nur nachdenklich, mit welcher Intensität man die Andersdenkenden zur Ruhe zwingen will. Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht in einigen Gruppierungen der Querdenkerszene „sektenähnliche Meinungsgenossenschaften mit Figuren wie aus dem Spätmittelalter, die den Weg in die Moderne und damit zu naturwissenschaftlicher Evidenz und zum Staatsbürgertum innerlich nicht mitgegangen sind. Das hat im Verwechseln der eigenen Wünsche mit der Welt etwas Kleinkindliches.“ Und was macht die Zugehörigkeit so attraktiv? „Man macht miteinander euphorische Erfahrungen in der Annahme des gemeinsamen privilegierten Zugangs zur Wahrheit. Es gibt für den Selbstgenuss nichts Schöneres als solche Räusche des Irrsinns.“ Er plädiert für Aussteigerprogramme aus der Szene, um ihnen bei der Abkehr von ihren Positionen ohne Gesichtsverlust zu helfen.

Interessant, Ingo. Du meinst also, sie genießen das Glück, einer verschworenen Glaubensgemeinschaft anzugehören, die sich im Besitz der alternativen Wahrheit zu sein glaubt. Das hat ja direkt etwas Religiöses. Man fühlt sich geborgen in einer Sekte, die von Ungläubigen umzingelt und bekämpft wird. Mich erinnert dies an die fanatischen Republikaner der USA, die trotz aller negativen Meldungen in Donald Trump ihren Heilsbringer sehen. Die Feinde wollen ihnen die Waffen rauben, damit sie wehrlos sind und ihre verfassungsmäßige Freiheit verlieren. Aber woher kommt denn der Druck, sich solch einer Sekte anzuschließen?

  • Sloterdijk zitiert dazu den österreichischen Schriftsteller Hermann Broch. Er hatte in 1930er-Jahren seine »Massenwahntheorie« formuliert, als er die aufgepeitschten Massen der NS-Zeit erlebte. seine Faschismustheorie ist bis heute aktuell geblieben. „Seiner Auffassung nach sind moderne Gesellschaften großformatige Ensembles in präpanischer Erregung, die unter dem Eindruck von Krisenstress plötzlich in akute Panikzustände versetzt werden können. Demnach wäre Panik der Stoff, aus dem die irrationalen Masseneffekte sind. Kollektivpaniken manifestieren sich in Massenflucht durch enge Ausgänge oder in der Zuflucht zu einem Retter. Der trägt das Mandat, das Volk wieder groß zu machen, indem er die befreiende Katastrophe herbeiführt.“

Da finden wir also unseren Donald Trump wieder. Demnach sind diese erregten Querdenker-Demos auch eine Folge der Corona-Krisen, verstärkt durch die vermurkste Bewältigung des Klimawandels.  Gerade passend dazu erlebten wir am 29. Juli fast einen Monat früher als 2020 den diesjährigen Earth Overshoot Day. In Deutschland fiel der Erdüberlastungstag schon auf den 5. Mai. Hatten wir nicht eine ähnliche Panik in den 1960er Jahren, als zu Zeiten des Kalten Krieges die Amerikaner in Erwartung eines russischen Nuklearangriffs massenhaft Atombunker in ihren Gärten und Städten bauten?

  • Na ja, vielleicht aus gutem Grund, schließlich stand unser Globus bei der Kubakrise im Oktober 1962 kurz vor dem Ausbruch des Dritten Weltkrieges. Unsere Medien greifen immer wieder panikerzeugende Meldungen auf und multiplizieren durch ihren Fokus die Horrorängste. Das war bei Corona-Ausbruch in Bergamo so und bei den vielen Lockdowns, als ratlose Regierungen hektische Alibiaktionen in Gang setzten.

Nicht zu vergessen, Ingo, die großen Flutkatastrophen in NRW und Bayern kürzlich. Und gleich darauf die Explosion im Leverkusener Chemiebetrieb, die mich in ihren Folgen an Tschernobyl erinnerte, als wir wegen der Giftwolke Kinderspielplätze nicht benutzen und unser Gemüse und Obst im Garten nicht essen durften. Jedes Mal erlebten wir die Hilflosigkeit unserer Behörden, die auf ihre verbeamtete Schönwetter-Bürokratie angewiesen waren.

  • Jetzt kommt aber der positive Aspekt zum Tragen, Jupp: die gewaltige Hilfsbereitschaft der Bevölkerung, besonders sichtbar bei den zerstörten Dörfern in der Eifel. Heerscharen von freiwilligen Helfern machten sich auf den Weg und schufteten bis zum Umfallen bei wildfremden Menschen. Die vergleichbare rettende Hilfe durch die Bürger haben wir schon vor fünf Jahren erlebt, als sich eine Million Flüchtlinge auf Einladung von Angela Merkel auf den Weg ins paradiesische Deutschland machten. Die Menschen haben mittlerweile kapiert, dass sie sich in Notsituationen selbst helfen müssen und ihre Illusion verloren, dass der Staat mit seinem angeblichen Rundum-Fürsorgepaket alles im Griff hat. Für ein effektives Krisenmanagement ist unsere staatliche Konstruktion mit der unüberschaubaren Verteilung von Verantwortungen auf Bund, Länder und Kommunen denkbar schlecht gerüstet.

Jedes Mal wird gestritten, wer im Notfall die gesamte Verantwortung und Krisenleitung übernehmen soll. Es fehlt ein durchsetzungsstarker Helmut Schmidt, der als Senator 1962 in Hamburg die Sturmflut gemanagt hat. Wir haben zwar seit 2004 ein Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit einer eigenen Akademie. Angesichts des jüngsten Hochwassers mit 150 Toten erklärte der BBK-Präsident, dass seine Behörde für den Verteidigungsfall im Krieg zuständig sei, aber nicht im Katastrophenfall.

  • Da hat man sich wohl in der Namensnennung vertan, Jupp. Übrigens möchte ich auch mal den Begriff Verteidigungsministerium infrage stellen. Minister Struck erklärte im Dezember 2002: "Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt". Und wie steht es jetzt mit unserer Sicherheit? Die Bundeswehr zieht sich nach 20 Jahren verlustreich mit über 50 toten Soldaten aus dem gescheiterten Afghanistan-Einsatz zurück und überlässt ihre lokalen Hilfskräfte der Rache der Talibans. Da konnten die 800 Milliarden US-Dollar der Amerikaner auch nichts bewirken. Dafür hatten sie 3.600 tote Soldaten und das zehnfache an Opfern bei der Zivilbevölkerung zu beklagen.

Und wo finde ich angesichts dieser Situation jetzt deinen Optimismus wieder, mein lieber Ingo?

  • Wie ich schon sagte, Jupp, ich konzentriere mich auf die Chancen. Die grundlegende Herausforderung ist doch, dass man ein derart komplexes und dynamisches System von Problemen mit seinen unzähligen Verknüpfungen und multiplen Ursachenketten nicht mit den historisch gewachsenen Konzepten beherrschen kann. Die Kanzlerkandidaten einiger Parteien geben eine grausame Vorstellung ihrer Kompetenz ab. Die Bevölkerung erkennt zunehmend, dass unser gegenwärtiges politisches System zur Bewältigung der heraufziehenden Krisen in der Demografie, Digitalisierung und dem Umweltschutz nicht geeignet ist. Das Resultat ist ein Vertrauensverlust in die Allmacht des Staates, seine Untertanen ausreichend vor den Folgen zu schützen. Ein neues Klimabewusstsein entsteht, ein langsames Umdenken hinsichtlich der unkritischen Fortsetzung unserer bisherigen Arbeits-, Produktions- und Bildungsstrukturen findet statt. Kurzum: die Zeit für ein neues Denken ist reif. So kann es nicht weitergehen. Wir haben diese Umbrüche doch schon mehrmals erlebt: Industrialisierung, Elektrifizierung, Digitalisierung, Globalisierung – alles schon vergessen? Wir stehen kurz vor einer neuen Phase.

Du meinst, wir erleben jetzt den sechsten Kondratjew-Zyklus, der auf den der Informationstechnik folgt? Der sich dann vor allem mit dem Überlebenskampf in unserer ruinierten Natur befasst?

  • Ja, diese Anzeichen sehe ich überall. Ich zitiere mal eine Meldung der Deutschen Welle vom 28. Juli: „Mehr als 14.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus rund 150 Ländern haben sofortige Veränderungen im Hinblick auf die Klimakrise gefordert. Diese Veränderungen seien dringlicher denn je, um das Leben auf der Erde zu schützen, heißt es in einem im Fachjournal BioScience veröffentlichten Artikel. Gefordert wird unter anderem ein absehbarer Ausstieg aus der Verwendung fossiler Brennstoffe sowie ein besserer Schutz der Artenvielfalt.“

 

Also Ingo, angesichts dieser Aussichten bleibt uns nur der Griff nach unserem beständigen und innovationsgeschützten Lebensmittel. Herr Wirt, bitte zwei Bier für ein Prosit auf unser aller Zukunft.

 

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Die Kondratjew-Zyklen beschreiben den Kern einer von dem sowjetischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew entwickelten Theorie zur zyklischen Wirtschaftsentwicklung, die Theorie der Langen Wellen. Ausgangspunkt für die Langen Wellen sind Paradigmenwechsel und die damit verbundenen innovationsinduzierten Investitionen: Es wird massenhaft in neue Techniken investiert und damit ein Aufschwung hervorgerufen.

  1. Periode (ca. 1780–1840): Frühmechanisierung; Beginn der Industrialisierung in Deutschland; Dampfmaschinen-Kondratjew. Es gibt Vermutungen, dass es in England schon einen früheren Zyklus gab.
  2. Periode (ca. 1840–1890): Zweite industrielle Revolution Eisenbahn-Kondratjew (Bessemerstahl und Dampfschiffe). In Mitteleuropa Gründerzeit
  3. Periode (ca. 1890–1940): Elektrotechnik- und Schwermaschinen-Kondratjew (auch Chemie)
  4. Periode (ca. 1940–1990): Einzweck-Automatisierungs-Kondratjew (Basisinnovationen: Integrierter Schaltkreis, Kernenergie, Transistor, Computer und das Automobil)
  5. Periode (ab 1990): Informations- und Kommunikations-Technik-Kondratjew (globale wirtschaftliche Entwicklung)

(aus Wikipedia)

 

Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. –

Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist. 

(Douglas Adams, Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“)

 

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von Ingo Nöhr

Die Post-Corona-Gesellschaft

 

Nachdem sich an der Corona-Front etwas Entspannung andeutet und die Deutschen wieder in ihren traditionellen Urlaubsrausch verfallen, dringen andere, beunruhigende Meldungen ins kollektive Bewusstsein. Ein schwerer Tornado zerstört ganze Dörfer in Czechien, die USA und Kanada erleben eine unvorstellbare Hitzewelle, in Sibirien taut der Permafrostboden auf und die Bundesregierung hat nach der schallenden Ohrfeige vom Bundesverfassungsgericht einen verbesserten Entwurf für ein neues Klimaschutzgesetz vorgelegt. Nun übertreffen sich die Parteien mit wohlklingenden Bekenntnissen zum radikalen Schutz von Umwelt und Klima. Die beiden Pensionäre Ingo und Jupp sind aber nicht so recht überzeugt. Was bringt wohl die Nach-Corona-Zeit?

Hallo Ingo, jetzt geht es dem Klimawandel aber ordentlich an den Kragen, was? Alle Politiker geloben Besserung. Höchste Zeit, wo der deutsche Wald zunehmend dahinsiecht - da versteht der Bundesbürger keinen Spaß mehr. Nur noch jeder fünfte Baum verfügt über eine intakte Baumkrone.

  • Lass mich raten, Jupp. Dein überraschend positives Statement soll wahrscheinlich nur überdecken, dass du als unverbesserlicher Pessimist mit der nächsten Katastrophe rechnest, deren Krisenmanagement unser Staat wieder gründlich vermasseln wird.

Ist das so verwunderlich, Ingo? Die jahrelangen Versäumnisse in der Digitalisierung, im Bildungswesen und im Gesundheitswesen haben wohl mehr Schaden angerichtet als die Pandemie selbst. Es ist doch jedem Bürger in den letzten anderthalb Jahren deutlich geworden, dass unsere Schönwetter-Bürokratie und das föderale System derartigen Krisen nicht gewachsen sind. Vor allem, wenn wegen Wählerstimmen und Wirtschaftslobbyisten die wissenschaftlichen Warnungen ignoriert werden. Glaubst du daran, dass unser deutsches Staatsgebilde mit den weit größeren Herausforderungen des Klimawandels klar kommen wird?

  • Na ja, Jupp, verglichen mit einigen Nachbarländern haben wir die Corona-Krise noch relativ gut gemeistert. Wenn auch mit unglaublich hohen Kosten, deren Rückzahlung uns noch generationenlang belasten wird.

Ingo, genauso wird es wohl weitergehen – jeder bedeutende Meckerer wird als Entschädigung mit einem erklecklichen Sümmchen aus dem Steuertopf ruhiggestellt. Die weniger lauten Betroffenen, sprich das namenlose Stimmvieh, werden wohl wie üblich in die Röhre gucken und letztendlich mit ihren Steuern die Wohltaten bezahlen müssen.

  • Ich weiß nicht so recht, Jupp, ob das bisherige System weiterhin so funktionieren wird. Im Volk hat sich eine gewaltige Wut auf die Entscheidungsträger und Politiker angestaut, die sich nicht nur am Wahlabend im September entladen könnte. Das Vertrauen in Vater Staat und Mutti Merkel ist schwer angekratzt. Der alte Henry Kissinger schrieb im April 2020 im Wall Street Journal: „Der Zusammenhalt und wirtschaftliche Erfolg von Ländern basiert auf dem Glauben, dass ihre Institutionen Katastrophen vorhersehen, ihre Auswirkungen stoppen und die Stabilität wiederherstellen können. Wenn die Covid-19- Pandemie vorbei ist, werden die Institutionen vieler Länder als gescheitert gebrandmarkt sein.“ Vergiss nicht, dass die Pandemie in ärmeren Ländern die Armut, Ungleichheit und Korruption dramatisch verschärft hat. Es hat eine massive Umverteilung von Reichtum an wenige Profiteure stattgefunden.

Ja, Ingo - das sehe ich auch so. Die rebellische Jugend, die Querdenker und ihre Verschwörungsgläubigen lassen sich nicht mehr mundtot machen, sondern verbreiten sich unzensiert immer stärker im Internet und im Büchermarkt, oft kaum beachtet von den öffentlichen Medien. Demonstrationsverbote und rigorose Polizeieinsätze verschärfen nur den Widerstand und schaffen Märtyrer. Vielleicht sind die USA mit ihren Trump-hörigen Republikanern wieder mal die Vorreiter einer gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland.

  • Ich glaube, wir müssen bei der Analyse der Ursachen etwas tiefer hinschauen, Jupp, denn das Covid-19 Virus hat als Verstärker langjährig ignorierte Probleme aus strukturellen Defiziten der Gesellschaft offengelegt. Der bislang praktizierte Neoliberalismus hat immer das Wirtschaftswachstum über soziales Wohlergehen gestellt. Die wichtigsten Vertreter dieses Wirtschaftskonzeptes, die USA und Großbritannien, hatten in der Pandemie die meisten Opfer zu beklagen. Während die Arbeiter an vorderster Front arbeiteten, um im Gesundheitswesen Menschenleben und in der Produktion beziehungsweise im Handel die Wirtschaft zu retten, konnte die Mittel- und Oberschicht bequem und gut versorgt zu Hause arbeiten. Im Bundesstaat Michigan zum Beispiel leben weniger als 15% schwarze Einwohner. Sie machten aber 40% aller Corona-Todesfälle aus.

Es ist doch kaum zu fassen, Ingo, dass gerade die Personen, welche die Gesellschaft am meisten braucht, die also wirklich „systemrelevant“ sind, wirtschaftlich am schlechtesten entlohnt werden. Die Pflegekräfte lassen sich nicht mehr länger mit einem Applaus vom Balkon abspeisen. Im Gegenzug protzen dann die Hedgefonds-Manager mit ihren Jahreseinkommen in Millionenhöhe, ohne dass sie überhaupt einen Beitrag zum sozialen Wohlergehen leisten. Es gibt zahllose Studien und Artikel, die darauf hinweisen, dass Menschen ohne Arbeit und Einkommen und ohne Aussichten auf ein besseres Leben häufig zu Gewalt neigen. Aber der Lerneffekt daraus ist gleich Null.

  • Richtig, Jupp. Die Zahl der Unruhen und Proteste von Regierungsgegnern hat in den letzten zwei Jahren stark zugenommen. Kein Wunder. Etwa 30% der US-Amerikaner haben keinerlei Besitz oder sind verschuldet. Viele Familien haben Kredite aufgenommen, um sich ärztlich behandeln zu lassen. Das sind soziale Zeitbomben. Die „Black Lives Matter“ - Bewegung hat sich rasch weltweit ausgedehnt, sie war ein Funke, der das Feuer der sozialen Unruhen entfachte. In manchen Ländern führte der wachsende Unmut schon zu Wahlsiegen populistischer und extremistischer Parteien.

Jetzt staune ich aber, Ingo. Das sind doch letztendlich erschreckende Aussichten, die du da von dir gibst. Wo ist jetzt dein optimistischer Blick auf das Geschehen abgeblieben?

  • Da ist ein Blick in die Geschichte hilfreich, mein lieber Jupp. Krisen haben in den letzten Jahrhunderten immer zu einer Stärkung der Staatsmacht beigetragen. Die rein marktbezogenen Lösungen haben nie zur Bewältigung von Krisen beigetragen. Aktuell wurde es doch in unserem Gesundheitswesen deutlich, wo, vornehm ausgedrückt: „die Übertragung von wichtigen Bereichen auf kommerzielle Marktteilnehmer nicht die sozialen Interessen der Gesellschaft berücksichtigt hat“. Oder wie es der Intensivpfleger Ricardo Lange in einer Talkshow mit Markus Lanz treffender ausdrückte: "Kliniken sind momentan eher Fabriken, wo die Ware Mensch hineinkommt und da wird Geld generiert bis zum letzten Atemzug. Da wird halt immer am Mensch gespart, am Personal gespart."

Die Folgen der Globalisierung und deren Abhängigkeit von weltweiten Lieferketten haben wir ja auch bei der Beschaffung von Masken und Impfstoffen schmerzlich erleben müssen. Und du meinst jetzt, dass der Staat nach der Pandemie wieder sein soziales Gewissen entdecken wird und sich der Absicherung der verarmten Bevölkerung stärker annimmt. Nun ja, zugegeben, er hat ja zur Beruhigung schon gewaltige Mengen an Helikoptergeld ausgeschüttet. Aber hat dieser Geldsegen auch eine nachhaltige Wirkung?

  • Es geht nicht nur um Geld, Stichwort Grundrente und Kurzarbeit, sondern auch um eine neue Machtverteilung und Machtkontrolle in der Gesellschaft. Der Raubtierkapitalismus muss dringend gezähmt werden, gerade im Hinblick auf den Umwelt- und Klimaschutz. Ich nenne dir mal zwei Beispiele: die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieg resultierten in fast ganz Europa in der Einführung eines umfassenden staatlichen Sozialsystems. Im Kalten Krieg wetteiferten die Politiker in den kapitalistischen Ländern mit der kommunistischen Alternative im Osten. Deswegen verwalteten bei uns staatliche Bürokraten große Teile der Wirtschaft im Verkehrswesen und der Energieversorgung. Und schon zu Beginn der Pandemie starteten die Regierungen der ganzen Welt riesige Konjunkturprogramme.

Was erwartest du denn genau in der Nach-Corona-Ära, Ingo? Können die Ausnahmezustände erst dann wieder zurückgefahren werden, wenn die digitale Überwachung der Gesellschaft ausreichend etabliert worden ist? Ich erinnere nur an China, wo das Social Credit System die oppositionelle Bevölkerung immer mehr im Griff hat und jeder Bürger permanent überwacht wird. Werden uns unzählige KI-Programme und Kontaktverfolge-Apps bald auch zu gläsernen Bürgern machen?

  • Das will ich nicht ausschließen, Jupp, aber insgesamt hat das Bewusstsein und der Anspruch auf persönliche Freiheiten aufgrund der massiven Beschränkungen durch die Pandemie-Maßnahmen deutlich zugenommen. Große Teile der Gesellschaft sind sensibilisiert und lassen sich nicht so einfach mehr überwachen und wie unmündige Kinder gängeln, vor allem die jüngere Generation nicht. Die Pandemie hat ihr Leben auf den Kopf gestellt und sie dauerhaft gezeichnet. Die Bewegung „Fridays for Future“ ist nur der Beginn eines wachsenden Selbstbewusstseins mit klaren Forderungen an die Machthaber. Sie haben mit der Nutzung ihrer Smartphones längst das Contact Tracking und Tracing akzeptiert, lassen sich aber trotzdem nicht den Mund verbieten und stehen jeglicher Obrigkeit kritisch gegenüber, insbesondere verstärkt durch ihre digitalen Netzwerke. Sie werden den sozialen Wandel entschlossen vorantreiben, denn es geht um ihre eigene Zukunft. Im September 2019 demonstrierten vier Millionen junge Menschen gleichzeitig in 150 Ländern für dringende Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Tja, lieber Ingo, ich habe langsam das Gefühl, dass deine schon jahrelang vorher beschriebenen Ahnungen vom disruptiven Wandel unserer Gesellschaftsform allmählich konkret werden. Lass uns auf die Post-Corona-Zeit anstoßen, auf dass wir alten Knacker dabei nicht vergessen werden.

  • Gut gesprochen, Jupp. Ein Prost auf unser aller Zukunft.

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„Die historische Herausforderung für Führungspersönlichkeiten besteht darin, die Krise zu bewältigen und gleichzeitig die Zukunft zu gestalten. Ein Scheitern könnte die Welt in Brand setzen.“
(Henry Kissinger im Wall Street Journal vom 3. April 2020)

„Wie wird diese Generation reagieren? Durch den Vorschlag radikaler Lösungen (und häufig radikaler Handlungen) als Versuch, die nächste Katastrophe abzuwenden, egal ob Klimawandel oder soziale Ungleichheiten. Sie wird höchstwahrscheinlich eine radikale Alternative zum derzeitigen Gang der Dinge fordern, weil ihre Mitglieder frustriert und von dem quälenden Glauben verfolgt werden, dass das aktuelle System irreparabel beschädigt ist.“
(Klaus Schwab, Weltwirtschaftsforum 2020: Covid-19: Der große Umbruch)

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von Ingo Nöhr

Kommt der große Umbruch?

 

Kommt der große Umbruch?

Es gibt weiterhin viel Bewegung in der Weltgeschichte. Donald Trump hat seine Republikaner noch weitgehend im Griff, muss sich aber nun zunehmend mit etlichen Strafermittlungen beschäftigen. Unser Gesundheitsminister hat den augenscheinlich unerschöpflichen Goldesel des Steuerzahlers nach den Maskenbeschaffern nun auch den Anbietern von Schnelltests bereitgestellt. Die dritte Corona-Welle ebbt langsam ab und die Impfraten steigen zuversichtlich – freilich in Deutschland und nicht in der Dritten Welt. Urlaubsreisen in fremde Länder werden wieder möglich, allerdings ist zuweilen mit unerwarteten Flugzeugentführungen zu rechnen. Möglicherweise ist der unentwegt hustende Sitznachbar mit einem selbstausgefüllten Impfpass von Telegram an Bord gelangt. Bei der Benutzung von Seilbahnen sollte man vorher einen Blick auf die Seilbremse werfen, ob sie vom Betreiber nicht aus Gründen der Kostenersparnis durch einen simplen Bügel ausgeschaltet wurde. Das Risiko eines Absturzes ist aber relativ vernachlässigbar klein gegenüber der Wahrscheinlichkeit, in der Ferne mit einer noch unbekannten, aber wesentlich aggressiveren Mutation des Corona-Virus engere Bekanntschaft zu machen.

Nichtsdestotrotz – auch für Unterhaltung ist gesorgt: Bill Gates lässt sich nach 27 Jahren scheiden. In einigen Gesellschaftskreisen erwartet man pikante Enthüllungen. Dies ist aber beileibe nicht das Thema der Rentner Ingo und Jupp bei ihrem monatlichen Treffen, nach langer Zeit erstmalig live in einem Biergarten.

  • Grüß dich, Jupp. Schön, dass wir uns mal wieder in 3D begegnen. Du hast gewichtsmäßig etwas zugelegt, wie mir scheint. Wie wäre es mit einem Wanderurlaub in den Bergen oder am Meer zum Abspecken?

Also Ingo, bei meiner nächsten Urlaubsreise werde ich mir vorher genau anschauen, über welche Länder meine Flugroute führt und wer mit mir in der Maschine drinsitzt. Lukaschenkows dreistes Kidnapping erinnert mich an frühere Zeiten, als harmlose Reisende sich plötzlich in Kuba oder in der arabischen Wüste wiederfanden. Nur sitzen die Luftpiraten diesmal nicht in der Maschine, sondern der Staatspräsident selbst schickt dir eine MIG-29 zur unmissverständlichen Landebegleitung in Minsk vorbei. Stell dir mal vor, wenn ein solches Verhalten Schule macht! Der Begriff des Abenteuer-Reisens bekommt da eine ganz neue Bedeutung.

  • „Wenn das Schule macht“? Du hast wohl ein kurzes Gedächtnis, Jupp. Lukaschenko hat doch einfach die amerikanische Vorgehensweise vom Juli 2013 kopiert. Damals wurde die Präsidentenmaschine von Evo Morales bei seinem Rückflug von Moskau nach Bolivien zu einer unfreiwilligen Landung in Wien gezwungen. Bei der Durchsuchung des Flugzeuges konnte man leider den Whistleblower Edward Snowdon nicht auffinden, da er unerwarteterweise in Russland geblieben war. Erst nach zwölf Stunden Zwangsaufenthalt durfte der bolivianische Präsident mit seinem Verteidigungsminister wieder weiterfliegen. Ich kann mich nicht erinnern, dass die EU daraufhin massive Strafmaßnahmen gegen die USA angekündigt hatte. Vielmehr hatte sie vorher gehorsam, aber rechtswidrig, den europäischen Luftraum für den Weiterflug nach Bolivien sperren lassen.

Ja Ingo, war das nicht immer so? In dem einen Land sind Oppositionelle Terroristen und bei uns mutige Widerstandskämpfer. Vergleiche mal die Haftbedingungen von Alexej Nawalny in Moskau und Julien Assange in London. Und bedenke: 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 befinden sich noch rund 40 Häftlinge in dem US-Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba – immer noch ohne Anklage. Aber lieber Ingo, lass uns das Thema wechseln und über deinen Optimismus sprechen. Schließlich siehst du ja in jeder Krise immer die Chancen, im Gegensatz zu mir.

  • Jupp, das ist die richtige Einstellung. Schau dir die unzähligen Pannen an und lass uns analysieren, was sie positiv bewirkt haben. Vergiss nicht diesen unglaublichen Aufschwung in der Digitalisierung: Home-Offices, Home-Schooling, Online-Shopping – und jetzt kommt sogar ein europaweiter digitaler Impfpass. Ohne Pandemie würden wir noch Jahrzehnte darauf warten. Covid-19 hat den verantwortlichen Entscheidern einen gewaltigen Tritt in den Hintern verpasst.

Na ja, Ingo – du schwebst bei deinem Blick in die Zukunft immer etwas über den Wolken, jetzt komm doch mal auf den Boden der Tatsachen. Home-Offices mit ihren weit offenen Eingangstoren sind ein Paradies vor die Cyberkriminellen. Home-Schooling hat die Kluft der Bildungschancen in der Gesellschaft noch weiter vertieft. Fälle von Kindesmisshandlungen haben über zehn Prozent zugenommen. Das Online-Shopping werden wir mit einer gewaltigen Konkurswelle des Einzelhandels bezahlen. Dafür hat Amazon im ersten Quartal 2021 über 108 Mrd. Dollar Umsatz gemacht und seinen Nettogewinn verdreifacht. Und der Impfpass hat wieder mal den Dilettantismus unseres Gesundheitsministeriums entlarvt. Während wir mit einem irrsinnigen Aufwand für 30 Millionen FFP2-Masken fälschungssichere Gutscheine an unsere Senioren verschickt haben, war es augenscheinlich nicht möglich, die simplen Aufkleber in unserem gelben Impfpass vor Fälschern zu schützen, etwa mit einem Hologramm auf speziellem Papier mit UV-Licht-Kennzeichen. 

  • Jupp, du jammerst ja schon wieder über vergangene Versäumnisse und siehst nicht, dass wir daraus lernen können und müssen. Vergiss nicht, mit einem Mal ist genug Geld da. Niemand redet mehr von der schwarzen Null. Plötzlich ist die Bevölkerung „systemrelevant“ geworden. Allein in Deutschland steigen unsere Schulden um 8740 Euro pro Sekunde, aber für die 2,2 Billionen Euro zahlt der Staat ja keine Zinsen mehr, vielmehr verdient er sogar noch an den Negativzinsen. Wer hätte das gedacht?

Aber Ingo, systemrelevant sind wir wahrscheinlich nur in diesem Super-Wahljahr. Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, wer letztendlich für die ganzen Schulden haftet, wer sie später mal zurückzahlen soll? Da werden unsere Urenkel noch dran zu knabbern haben.

  • Ich gebe zu, Jupp, da sprichst du ein brisantes Thema an. Wie wurde ein Staat sonst seine Schulden los? Durch eine galoppierende Inflation und einen Währungsschnitt. Werden unsere Urenkel überhaupt noch einen Euro oder Dollar kennen? Oder wird bereits der chinesische Renminbi die neue Weltleitwährung darstellen? Was wird aus den digitalen Währungen wie der Bitcoin, die ohne Banken auskommen? Ich weiß es nicht, aber die Weltgeschichte hat schon Hunderte von Staatsbankrotten erlebt. Zuletzt ging Puerto Rico 2017 in die Insolvenz.

Okay, Ingo. Ich habe zuhause für alle Fälle noch eine Menge an D-Mark aufbewahrt. Zudem liegen in Deutschland immer noch 12 Milliarden D-Mark in Privathaushalten herum. Eigentlich hat mich der hohe Kupferanteil der Münzen als künftige Geldanlage animiert, denn der Kupferpreis steigt seit vielen Jahren. Vielleicht wird die D-Mark mal eine Ersatzwährung, wenn der schwache Euro seinen Geist aufgibt. Aber beschäftigen wir uns doch mal mit den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Bist du da angesichts der drohenden Insolvenzwelle noch optimistisch?

  • Vielleicht kommt diese Welle nur verzögert und schleichend. Zumindest können unsere ehemaligen Volksparteien derart schlechte Nachrichten vor dem 26. September überhaupt nicht gebrauchen. Sie werden sich was einfallen lassen. Fragen wir doch mal Klaus Schwab, den Gründer des Weltwirtschaftsforums in Davos. Er schreibt in seinem Buch COVID -19: Der große Umbruch: „Die globale Wirtschaftskatastrophe, mit der wir jetzt konfrontiert sind, ist die größte seit 1945; in puncto Geschwindigkeit ist sie beispiellos in der Geschichte.“ Er erwartet signifikante Nachwirkungen, die noch bis zu 40 Jahre dauern können. Die Wucht der Rezession hängt von drei Faktoren ab: 1) der Dauer und dem Schweregrad der Pandemie, 2) dem Erfolg der einzelnen Länder bei der Pandemiebekämpfung und 3) vom Zusammenhalt der Gesellschaften im Lockdown und danach. Und weiter schreibt er: „Was die Geschichte früherer Epidemien immer wieder zeigt, ist, wie Pandemien Handelswege und den Interessenkonflikt zwischen öffentlicher Gesundheit und Wirtschaft zu ihrem Vorteil nutzen.“ Die Debatte „Leben retten gegen Wirtschaft retten“ haben wir ja aktuell erlebt. Das hört sich also nicht gut an.

Es wurde ja mit zweierlei Maß gehandelt: die produzierende Industrie hat relativ wenig Einschränkungen erlitten: Die Verfügbarkeit von Masken und Schnelltests für die Arbeiter musste oft mit massivem Druck von staatlicher Seite durchgesetzt werden. Dagegen hat es den Dienstleistungssektor im Tourismus, Gastgewerbe, Einzelhandel oder Sport und Veranstaltungen brutal erwischt. Sie waren gleich dreifach vom Pech betroffen: 1) weniger Kunden, weil risikoscheuer, 2) die weniger ausgeben, um zu sparen und 3) die steigenden Investitionskosten für die Schutzmaßnahmen zur Bedienung eines Kunden. Die OECD-Experten haben eine Faustregel: Mit jedem Monat, in dem große Teile einer Volkswirtschaft geschlossen bleiben, sinkt das jährliche Wachstum möglicherweise um weitere 2 Prozentpunkte. In den G7-Ländern erwarten sie einen BIP-Einbruch von 20% - 30%. Wo finde ich nun deine optimistische Sichtweise, lieber Ingo?

  • Genau hier, Jupp. Es findet ein Nachdenken über den künftigen Wert eines BIP-Wachstums statt. Ist es nicht sinnlos, einer immer höheren Steigerung des Bruttoinlandsprodukts hinterherzulaufen, ohne die zukünftige Verfügbarkeit unserer natürlichen und sozialen Ressourcen zu berücksichtigen? Seit Jahren wird im World Happiness Report deutlich, dass ein höheres BIP keine Verbesserung des Lebensstandards und des sozialen Wohlergehens garantiert. Die ungleiche Verteilung der Gewinne, Einkommen und Vermögen macht den Indikator des Pro-Kopf-BIP zunehmend unbrauchbar. Wir brauchen ein Umdenken zur Verbesserung des sozialen Zusammenhalts und der ökologischen Nachhaltigkeit.

Das beruhigt mich, Ingo. Ich hatte immer schon das Gefühl, dass man die starke Vernetzung der Wirtschaft mit der Gesellschaft und Umwelt nicht ausreichend im Blickfeld hat. Was bringt den einzelnen Menschen eine brummende Wirtschaft, wenn sie soziale Instabilität und Umweltkatastrophen produziert. Sie sollte uns ein angenehmes Leben garantieren, aber diesen unangemessenen Konsum auf Kosten der Natur abschaffen. Die Tyrannei des BIP-Wachstums sollte endlich durch eine grüne Wirtschaft mit anderen Zielen und Schwerpunkten abgelöst werden. Die Wegwerfgesellschaft muss gestoppt werden, wir brauchen wieder mehr reparierbare Produkte mit längerer Lebensdauer und Plattformen für den Handel mit gebrauchten Produkten.

  • Die Wachstumskritik wurde ja spätestens mit dem Bericht des Club of Rome von 1972 salonfähig. Vierzig Jahre später wurde 2012 von 30 Wissenschaftlern erneut ein Blick in die Zukunft unseres Planeten bis 2052 geworfen. Der Report sieht die globale Entwicklung pessimistisch, aber nicht katastrophal. Die reichen Industriestaaten werden demnach kein ausreichend schnelles Wachstum mehr schaffen, um Arbeitslosigkeit und Ungerechtigkeit zu beseitigen. China wird die Amerikaner als Weltmarktführer ablösen. Der sich selbst verstärkende Klimawandel wird einen Großteil der Weltbevölkerung schwer treffen und sie noch stärker in die Armut stürzen. Die Erfahrungen von 50 Jahren Entwicklungshilfe haben gezeigt, dass gegen die Armut keine Lösung von außen hilft. Vielmehr muss die Lösung von den Menschen vor Ort selbst kommen – insbesondere durch stabile staatliche Einrichtungen und Bildung für alle, insbesondere für Frauen.

Du schilderst also doch ein negatives Szenario, Ingo. Eins ist doch klar geworden, dass die bisherige Globalisierung der Märkte eine ungeheure Verschiebung der Macht und des Reichtums verursacht hat. Das bisherige Wirtschaftsmodell des Neokapitalismus ist für die Bewältigung des Klimawandels nicht geeignet. Die Umstrukturierung einer Volkswirtschaft muss durch enorme Investitionen und gesetzliche Regelungen durch die Politik vorgegeben werden. Elon Musk versucht gerade mit kalifornischem Unternehmergeist in Rekordzeit in Grünheide eine Gigafabrik aufzubauen. Im August sollten schon die ersten Tesla Model Y vom Band laufen. Es fehlen ihm aber noch unzählige Stellungnahmen von Behörden und Sachverständigen zur finalen Genehmigung. Momentan wird geprüft, ob ein Hubschraubereinsatz auch den Lärmschutzvorgaben in dem Seen- und Waldgebiet entspricht. Er lernt gerade, dass das deutsche Baurecht rund 20.000 Vorschriften enthält.

  • Jupp, du magst mir fehlenden Optimismus vorwerfen, aber letztendlich ist bei der Projektion des neuen Club of Rome doch beruhigend, dass die Menschheit die nächsten 50 Jahre noch überleben kann. Aber kommen wir auf unsere aktuellen Erkenntnisse zurück, du hast es ja an einem Beispiel gerade vorgestellt. Die deutsche Bürokratie verursacht nicht nur gigantische Kosten. In der Pandemiebekämpfung haben die öffentlichen Institutionen notorisch versagt und durch Verzögerungen viele Menschenleben gekostet. Mit den Strukturen von gestern lassen sich die Herausforderungen der Digitalisierung, des Klimawandels und von Pandemien nicht mehr bewältigen. Mit jeder Legislaturperiode wächst die Bürokratie weiter, fast wie ein Naturgesetz. Gerade jetzt ist die Zeit reif für eine Verwaltungsreform, für eine grundlegende Modernisierung des Staates auf allen Ebenen. Drei Gesetze zur Bürokratieentlastung seit 2014 hatten nur kosmetische Auswirkungen. Es fehlt ein John F. Kennedy, der 1961 das Ziel eines Mondfluges bis zum Ende der Dekade ausgerufen hatte.

Also Ingo, du hast deine Erwartungen als Optimist ja drastisch heruntergeschraubt. Jetzt bist du schon glücklich, wenn wir die nächsten Jahrzehnte überhaupt überleben können. Immerhin versauern wir nicht mehr länger in unseren Zimmern vor dem Bildschirm, sondern dürfen endlich wieder ein gepflegtes Bier in einer Gaststätte einnehmen. Es ist doch beruhigend, dass das fünfhundert Jahre alte Reinheitsgebot bis heute überleben konnte. Das nenne ich eine gelungene und praxisgerechte Gesetzgebung. Also Prost auf den großen Umbruch. Und auf den nächsten Kennedy-Weckruf.

***

Konzentriere nicht all deine ganze Kraft auf das Bekämpfen des Alten,
sondern darauf, das Neue zu formen.
(Sokrates)

Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor zwanzig Jahren.
Die nächstbeste Zeit ist - jetzt.
(Sprichwort aus Uganda)

Fürchte nicht das Chaos, denn im Chaos wird das Neue geboren.
(Carl Gustav Jung)

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von Ingo Nöhr

Das komplex-dynamische Covid-19 Virus

Ingo Nöhr zum 1. Mai 2021

Das komplex-dynamische Covid-19 Virus

In Deutschland rumort es gerade gewaltig. Dritte Corona-Welle, Bundes-Notbremse mit Ausgangssperren, widerspenstige Bürger, Bundesländer und Kommunen, mittendrin die Parteien im stellenweisen skurrilen Wahlkampf. Aber auch Massensterben in Indien gegenüber Herdenimmunität in einigen Ländern, Hundert Tage Joe Biden mit überraschenden Erfolgsbilanzen – Extreme der Zeitgeschichte treffen täglich in den Nachrichten aufeinander. Eine spannende, aber auch schwierige Zeit für die beiden Klinikhaudegen Ingo und Jupp, die aber in Kürze mit ihren Impfterminen rechnen können.

Hallo Ingo, wie läufts bei dir? Ich bin ja ein gutmütiger Mensch und mir liegt viel an einer guten Nachbarschaft. Aber in letzter Zeit nervt mein Nachbar gewaltig.

  • Es grüßt dich vom Bildschirm dein virtueller Nachbar, Jupp, den du beim Nerven einfach abschalten kannst. Meinst du jetzt den Q-Anon-Fan, von dem du schon mal erzählt hast?

Genau der, Ingo. Jetzt war ich für ihn beim Baumarkt Schrauben einkaufen. Er darf ja nicht rein, weil er keinen Schnelltest vorweisen kann.

  • Verstehe ich nicht, diese Tests erhält man doch mittlerweile kostenlos an vielen Stellen in der Stadt.

Sein Problem ist nicht der Schnelltest an sich, sondern diese Stocherei mit den Stäbchen in der Nase. Zuerst hatte er Angst, dass damit ein Loch ins Gehirn gebohrt wird, weil alle ihm erzählt haben, dass diese brutal bis zum Anschlag eingeführt werden. Damit werden heimlich die Mikrochips von Bill Gates ins Gehirn eingepflanzt. Ich habe mir daraufhin ein paar versiegelte Stäbchen von der Schnellteststation besorgt. Unter Lupe haben wir dann gemeinsam die Wattebausche seziert. Faser für Faser – kein verdammter Chip zu finden.

  • Es gibt doch jetzt schon die verbesserte Version, die nur vorne im Rachenraum Sekret aufnehmen. Da braucht man nicht mehr bohren.

Ja richtig, habe ich ihm auch erzählt. Aber zwei Tage später bringt er mir einen Internetausdruck vorbei: Achtung: Die Stäbchen werden in Ethylenoxid getränkt, um sie steril zu halten! Dazu knallt er mir einen Haufen Kopien auf den Tisch: darunter die Ethylenoxid-Verordnung sowie eine Gefährdungsbeurteilung des Bundesinstituts für Risikobeurteilung. Darin dick mit Rotstift unterstrichen: „gentoxisches Kanzerogen ohne Schwellenwert“. Wütend schreit er mich an: „Ich wusste es gleich, das ist ein extremes Krebsgift. Der Verbrecherstaat will uns alle vergiften!“

  • Du hast ihm natürlich gleich erklärt, dass Ethylenoxid ein Gas ist, dessen Anwendung vom TÜV zertifiziert wird und dessen Konzentration in den Stäbchen nach dem Ausgasen nicht mehr messbar sein dürfte.

Natürlich, ich habe mich schließlich in unserer Klinik jahrelang mit Sterilisationsverfahren herumgeschlagen. Aber das hat ihn gar nicht interessiert. Er hat dann von Chemtrails und vergifteten Lebensmitteln geschwafelt, die schon seit langem die Bevölkerung dezimieren. Und jetzt kommen noch die massenhaften Corona-Impfungen, die Hirnthrombosen und in Zukunft willenlose Zombies erzeugen.

  • Du hättest ihn fragen können, warum ein Staat seine Steuerzahler umbringen sollte, die bringen ihm doch jeden Monat Geld ein. Die Abgeordneten werden nicht gerne auf ihre dicken Diäten verzichten.

Ingo, so ähnlich habe ich ihn auch nach dem Sinn des Ganzen gefragt. Und daraufhin hat er mich in ein streng gehütetes Geheimnis der Querdenker eingeweiht – die alternativen Zehn Gebote der Georgia Guidestones in den USA. Dort ist die Agenda für eine neue Welt eingemeißelt: in zehn Richtlinien in zwölf Sprachen.

  • Jupp, das habe ich jetzt gerade gegoogelt. Tatsächlich, sie werden auch das amerikanische Stonehenge genannt. Sind allerdings nur 40 Jahre alt und nicht 4000 wie das englische Original. Und von einem Privatmann errichtet. Was ist daran jetzt besonders?

Ingo, lies die erste Richtlinie: „Maintain Humanity under 500.000.000 in Perpetual Balance with Nature“. Die geheime Weltregierung will die Bevölkerung von acht Milliarden Menschen auf eine halbe reduzieren. Für die natürliche Balance. Dafür ist denen kein Mittel zu schade. Die Corona-Pandemie haben sie insgeheim ein Jahr vor dem Ausbruch in einer Simulation geprobt. Mein Nachbar hat mich nun zu einem Eingeweihten gemacht. Der ist für Argumente überhaupt nicht mehr zugänglich. Wie peinlich – jetzt bin ich ein Auserwählter. Ingo, du musst mich retten.

  • Ich verneige mich vor dir, du Gesalbter. Mir fällt gerade die Richtlinie 7 ins Auge: „Vermeide belanglose Gesetze und unnütze Beamte.“ Die kann ich direkt unterschreiben. Hat dir dein Nachbar auch verraten, wer hinter dieser geheimen Regierung steckt?

Nur unter strengster Vertraulichkeit: die Illuminati. Das haben die Q-Anons rausgefunden, als sie deren geheimes Erkennungszeichen entdeckt haben - das SGD-Wheel. Das ist ein kleiner Anstecker in Regenbogenfarben, offen getragen vom WHO-Chef Tedros, Boris Johnson, Emanuel Macron, Renate Künast. Die meisten haben sich aber noch nicht geoutet. Sie treffen sich jedes Jahr in Davos und bei den Bilderberger-Meetings, allen voran auf Einladung von Klaus Schwab. Und in seinem Umkreis findet man dann Warren Buffett, George Soros, David Rockefeller und natürlich Bill Gates.

  • Das SDG-Rad symbolisiert doch die 17 Sustainable Development Goals mit der Agenda 2030, dem Nachfolger der Millennium Development Goals. Ende März 2020 hat doch die UN einen Bericht zu den Nachhaltigkeitszielen veröffentlicht, um aus der Covid-19 Pandemie zu lernen und die Agenda 2030 konsequenter und schneller als bisher umzusetzen. Da sind doch hehre Ziele formuliert. Ich zitiere mal: "Diese menschliche Krise erfordert von den führenden Volkswirtschaften der Welt koordinierte, entschlossene, integrative und innovative politische Maßnahmen - und maximale finanzielle und technische Unterstützung für die ärmsten und am stärksten gefährdeten Menschen und Länder. Denken wir daran, dass wir nur so stark sind wie das schwächste Gesundheitssystem in unserer vernetzten Welt.

Lieber Ingo, der UN-Generalsekretär hat aber auch verkündet: "Mit den richtigen Maßnahmen kann die COVID-19-Pandemie den Beginn einer neuen Art globaler und gesellschaftlicher Zusammenarbeit markieren." Das ist natürlich Wasser auf den Mühlen der Verschwörungstheoretiker – die Ankündigung der Neuen Welt.

  • Also Jupp, über die alternative Welt der Verschwörer könnten wir uns köstlich amüsieren, wenn sie nicht so ernsthafte Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hätte. Die radikalen Republikaner in den USA sind doch für jeden ein abschreckendes Beispiel.

Da hat natürlich das Internet mit Twitter, Facebook und Fox News entscheidend dazu beigetragen. Die permanenten Fake News haben gegenüber der Wahrheit dominiert und sich allmählich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Große Gruppen haben sich in ihrer Meinungsblase eingerichtet und fühlen sich täglich aufs Neue bestätigt.

  • Nicht nur, Jupp. Viele US-Bürger halten ihre Regierung der schlimmsten Verbrechen für fähig, siehe Pearl Harbour, Mondlandung, 11. September Anschlag. Und in Deutschland? Durch das dilettantische Krisenmanagement der staatlichen Echokammern ist in weiten Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in die Fürsorge des Staates zerstört worden.

Kein Wunder, Ingo. Länder und Kommunen gehorchen nicht mehr den Vorgaben des Bundes, Gerichte kippen serienmäßig Verbote und Anordnungen, Warnungen der Wissenschaftler werden vorsätzlich ignoriert, führende Politiker und andere Prominente ruinieren durch Inkompetenz ihre Reputation. Wie soll da noch ein Vertrauen bestehen bleiben?

  • Wir haben ein Wiederaufleben des Reaktanz-Effektes – die heftige Abwehr einer vermeintlich unverständlichen Anordnung durch Obrigkeiten. Wir hatten diesen Effekt in den 1970er Jahren, als die Sicherheitsgurte bei Autos eingeführt wurden. Millionen Menschen wehrten sich hysterisch gegen die Anschnallpflicht und bestanden wütend auf die Freiheit ihrer Entscheidung.

Ich erinnere mich daran, Ingo. Erst als 1984 ein heftiges Bußgeld für Gurtmuffel eingeführt wurde, schnallten sich die Autofahrer an. Ähnliches haben wir doch auch bei den Rauchverboten erlebt. Raucher empfanden dies als Einschränkung ihrer Persönlichkeitsrechte.

  • Für das Missmanagement sind noch drei weitere Defizite im menschlichen Empfinden verantwortlich. Angela Merkel wurde Ende September 2020 für ihre Weihnachtsprognose ausgelacht: fast 20.000 Neuinfektionen angesichts der 1200 aktuell Infizierten waren unvorstellbar. Dabei hatte sie den Trend nur exponentiell hochgerechnet. Bereits am 5. November überschritt die tatsächliche Anzahl ihre Prognose.

Dabei gibt es ein anschauliches Beispiel für exponentielles Wachstum: auf einem Teich setzt man eine Seerose, die sich jede Woche verdoppelt. Nach einem Jahr ist der halbe See bedeckt. Und schon am nächsten Tag ist vom Wasser nichts mehr zusehen.

  • Das zweite Problem des Menschen ist die verzerrte Risikowahrnehmung. 2017 gaben 71% der Deutschen die Angst vor terroristischen Anschlägen an erster Stelle an. Das Risiko, an einer Herzattacke zu sterben, ist 17.600-mal höher. Pro Tag beklagen wir 3,5 Drogentote, aber 203 Tote durch Alkoholkonsum und 301 durch das Rauchen. Das Risiko, durch eine Corona-Impfung an Hirnthrombose zu sterben, beträgt unter 10 zu 1 Million. Ohne Impfung steigt es auf 1000 in Deutschland und 2000 in Großbritannien. Die Antibabypille führt bei etwa 1000 von 1 Million Fällen zu Beinthrombosen. Die Versicherungswirtschaft hat dafür die Einheit Mikromort entwickelt. Um das individuelle Sterberisiko um ein Millionstel zu erhöhen, muss man 370 km mit dem Auto fahren oder 1,4 Zigaretten rauchen.

Also Ingo, wenn ich dich so höre, haben wir unser Sterberisiko in den letzten Monaten bestimmt um einige Mikromorts verringert, weil wir uns nicht mehr so viel aus dem Haus trauen und dem gefährlichen Treiben da draußen aussetzen. Leben ist eben lebensgefährlich.

  • Könnte man so sehen, aber deine Mikromort-Rechnung wird gleich komplexer, wenn du die Tatsache einbeziehst, dass du nicht mehr so oft zum Arzt läufst. Dort könnte er frühzeitig eine unbekannte Krankheit entdecken oder aber er überweist dich an einen Facharzt, der unnötigerweise eine risikoreichere Therapie in einem Krankenhaus veranlasst. Dafür dürfte durch die konsequenten Hygienemaßnahmen in der Klinik das Risiko geringer sein, sich mit einem multiresistenten Krankenhauskeim zu infizieren.

Vielleicht will ich die Berechnung meiner Risiken nicht mehr so genau wissen, Ingo. Reden wir mal über das dritte Defizit. Welches ist es denn?

  • Eine uralte Herausforderung des Menschen ist das Managen von komplex-dynamischen Systemen. Wir sind umgeben davon, nicht nur in der Technik. Schau in den Körper des Menschen, in die Gesellschaft, der Natur und das Klimageschehen. Überall wirken kompliziert vernetzte Systeme, die auf äußere Eingriffe unvorhersehbar reagieren. Unsere staatlichen Regelsetzer versuchen sich regelmäßig mit linearen Eingriffen in die Steuerung der Wirtschafts-, Finanz-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik und scheitern an den unberechenbaren Reaktionen der Netzwerke.

Ingo, du meinst also, die Corona-Pandemie spielt sich auch in einem solchen komplexen System ab?

  • Klar, die Ministerpräsidenten haben in ihrer Echokammer nur einen begrenzten Einblick in das Geschehen gehabt. Sie hätten wegen der Komplexität viel öfter zusätzliche Fachleute aus den medizinischen Disziplinen, Psychologen, Pädagogen, Soziologen, Mathematiker und neutrale Wirtschaftsexperten einbeziehen müssen und vor allem auf unbequeme Kritiker hören sollen. Die Dynamik, die durch neue Erkenntnisse der Virologie und Epidemiologie, aber auch durch permanente Mutationen des Virus gestaltet wird, kann mit den langen Entscheidungswegen, den Kommunikationsdefiziten und der extrem langsam reagierenden Bürokratie nicht aufgefangen werden. Andere Länder wie Taiwan, Israel und zuletzt auch Portugal haben die dynamische Entwicklung einfach durch radikale Quarantäneregeln eingefroren. In China haben die Behörden sogar Fenster und Türen von Wohnhäusern zugenagelt. Nach wenigen Wochen totalen Stillstand war das Virus regelrecht ausgehungert.

Also Ingo: jetzt graut mir immer mehr vor der kommenden Klimakatastrophe. Sie ist doch viel komplexer und dynamischer als alles bisher Dagewesene. Damit werden doch alle staatlichen Strukturen und Prozesse überfordert. Was hast du als unverbesserlicher Optimist da noch an Hoffnung zu bieten?

  • Tja mein lieber Freund Jupp, vielleicht kann ich deine Angst etwas reduzieren. Du spürst doch auch die zunehmende Unruhe in der Bevölkerung. Ein Umdenken der Werte beginnt. Die historisch gewachsenen Strukturen in Politik und Gesellschaft wackeln. Große Teile der Gesellschaft glauben nicht mehr daran, dass das neoliberale Wirtschaftssystem die gegenwärtigen Herausforderungen bewältigen kann. Vielleicht bekommen wir im September eine Kanzlerin, die mit neuem Denken die Probleme angeht. Denn allen ist doch heute schon klar: ein Weiterso kann es nicht mehr geben.

Also Ingo, glauben wir an deine Erwartung, dass Krisen immer auch neue Chancen bieten. Beispiele in der Geschichte gibt es ja reichlich. Trinken wir auf die Zukunft. Salut. 

 

Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.
Winston Churchill

Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen.
Buddha

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.
Albert Einstein

 

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von Ingo Nöhr

Der große Regierungswechsel

Ingo Nöhr zum 1. April 2021

Gerade erhielt Ingo Nöhr einen aufgeregten Anruf von seinem Kumpel Jupp. Der rühmte sich exzellenter Kontakte zu ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen der Regierung. Das ist für mich nicht weiter erstaunlich, denn seit Jahren kann ich in einem besonders großen Boulevardblatt und zwei konkurrierenden Nachrichtenmagazinen regelmäßig Wortprotokolle von streng vertraulichen Regierungstreffen lesen. Augenscheinlich waren die verbeamteten Whistleblower angesichts der alarmierenden Ergebnisse aus den beiden Landtagswahlen letzten Monats wieder besonders aktiv. Eine gewisse Nervosität hat die Berliner Regierungsmannschaft gepackt. "Das Regieren in einer Demokratie wäre wesentlich leichter, wenn man nicht immer wieder Wahlen gewinnen müsste." stellte schon vor über einhundert Jahren der französische Politiker Georges Clemenceau fest.

Hallo Ingo, das hast du bestimmt noch nicht gehört! In Deutschland gibt es gerade sensationelle Entwicklungen. Die Information habe ich heute aus erster Hand erhalten. Stell dir vor: die gegenwärtige Regierungsmannschaft plant schon ihren endgültigen Abgang. Robert Habeck bereitet sich nach den Wahlerfolgen der Grünen jetzt intensiv auf das Kanzleramt vor.

  • Das ist ja nichts Neues, Jupp. Du musst mehr lesen. Deswegen hat er doch extra ein neues Buch geschrieben. Schon die Titel seiner letzten Werke verweisen klar auf seine Zukunft: ‚Wer wagt, gewinnt‘ oder ‚Wer wir sein könnten‘ und jetzt ‚Von hier an anders‘. Noch deutlicher kann er seine Ambitionen doch gar nicht schildern. Aber sag mal, was wird denn aus Annalena Baerbock?

Annalena? Die soll Vize-Kanzlerin werden. Aber als Ministerin ohne Geschäftsbereich. Das Finanzministerium traut Habeck ihr nicht zu. Er will ja eigenhändig dem „hyperglobalisierten Kapitalismus neue Regeln geben“, wie er in seinem Buch schreibt. Da will er schon selbst ran.

  • Aber mal langsam mit den Pferden, Jupp. Habeck ist ja nicht alleine. Man darf das Standing von Markus Söder nicht unterschätzen. Ein großer Teil der Bevölkerung wünscht ihn zum Bundeskanzler.

Das mag ja sein, Ingo, aber Söder hat ein Problem. Er will sein geliebtes Bayernland auf keinen Fall verlassen, ist aber politikmüde, nach dem die ganzen CSU-Amigos auffliegen. Er sucht eine ganz neue Herausforderung. Natürlich in der Industrie. Ein ewiges Auffangbecken für suchende Ex-Politiker. Leider ist der hochdotierte Aufsichtsratsvorsitz bei BMW in den nächsten vier Jahren nicht frei.

  • Also Jupp, das ist vielleicht besser für ihn. Wer weiß denn, wie es den deutschen Autokonzernen künftig bei der Elon-Musk-Offensive ergehen wird. Das wird sicherlich kein Zuckerschlecken, die fünf Jahre Entwicklungsvorsprung des Tesla aufzuholen. Wie in der DDR: Überholen ohne einzuholen!

Das hat Söder dann auch wohl bedacht. Vor allem, seitdem jetzt die hohen Automanager vor Gericht stehen. Er hatte sich aber durch seine guten Drähte zu Papst Benedikt gute Chancen als Außenpolitiker bei der päpstlichen Kurie ausgerechnet. Du erinnerst dich, Ingo? Er wollte ja 2018 in allen Dienstgebäuden Bayerns zwangsweise das Kreuz aufhängen. Das kam damals beim Papst gut an. Aber dann stellte sich heraus, dass er als fränkischer Protestant erst zum katholischen Glauben konvertieren müsste. Letztendlich möchte er doch lieber Präsident von FC Bayern München werden. Da kann er bequem die Erfolge kassieren und die anderen für sich ackern lassen.

  • Söder steigt aus? Das ist aber ganz schlecht für Pannenminister Scheuer, wenn sein Mentor ausfällt. Gibt es für ihn schon eine neue Verwendung nach der Wahl?

Na klar, die bewährte Günther-Oettinger-Lösung. Ab nach Brüssel – als EU-Kommissar für Verkehr. Hat doch auch gerade bei Ursula von der Leyen bestens funktioniert.

  • Dort in Brüssel hätte ich aber Angela Merkel auf ihrem neuen Posten erwartet: Präsidentin der EU-Kommission wäre doch die nächste Sprosse auf ihrer Karriereleiter gewesen.

Oh, Ingo, das hörte sich anfangs ganz gut an, aber dann haben ihr wohlmeinende Menschen dringend davon abgeraten. Die Corona-Blamage und dann noch diesen ewigen Ärger mit Polen und Ungarn sollte sie sich nicht antun. Danach hatte sie einen vielversprechenden Posten in Genf entdeckt. Bei der dortigen Zentrale der Weltgesundheitsorganisation gab es in der Geschichte bislang nur zwei Frauen als Generaldirektorinnen. Das wäre für sie auch ein gutes Sprungbrett zum UN-Generalsekretär gewesen.

  • Aber ich habe aus Pharmakreisen läuten gehört, dass bei der WHO längst Jens Spahn als neuer Generaldirektor vorgesehen ist.

Ja, das war dumm, Ingo, da ist Angela Merkel einfach zu spät gekommen. Aber das Stichwort Genf hat sie aufhorchen lassen. Als altgediente Physikerin wollte sie alternativ den Vorsitz im Kernforschungszentrum CERN übernehmen. Das ging aber schief: ihre letzte Forschungstätigkeit liegt schon 30 Jahre zurück. Da konnte sie auch nicht mehr punkten.

  • Ja, was macht sie jetzt? Da bleiben für sie nicht mehr viele Top-Jobs in der Welt übrig. IOK-Präsidentin? Chefin des Weltwährungsfonds?

Auch zu spät: Da hat sich schon Olaf Scholz heimlich eingenistet. Merkel ist halt nicht die Schnellste. Wie die meisten Spitzenpolitiker wird sie erstmal ein Buch schreiben und dann auf Lesetournee gehen. Vermutlich wird ihr Leben auch von RTL verfilmt. Danach stehen ihr noch viele Wege in der Medienwelt offen – als elder states woman in unzähligen Talkshows zum Beispiel.

  • Also Jupp, ich sehe schon, die Deutschen erobern wieder mal die Welt. Aber kommen wir mal auf ein näherliegendes Thema bei uns zurück. Was wird denn in der Nach-Spahn-Ära aus unserem Gesundheitswesen werden? Hat deine obskure Quelle da auch schon etwas über die Pläne erfahren?

Ingo, das kann man bereits alles nachlesen, denn da gibt das grüne Parteiprogramm schon Auskunft. Ich zitiere: „Gesundheitsförderung und Prävention sollen einen größeren Stellenwert bekommen“. Also der Gedanke dahinter ist eigentlich ganz simpel: man soll einfach nicht mehr krank werden. Vermeidung von Feinstaub, Dieselabgase, Elektrosmog, giftigen Chemikalien und Stress bei der Arbeit minimiert das Krankheitsrisiko. Weniger Patienten im Krankenhaus senken die Kosten. Ächtung des Autoverkehrs reduziert die Zahl der Unfallverletzten, Radfahren fördert die Kondition, gesundes Essen das Immunsystem, - und das Tollste: die Freigabe von Cannabis erzeugt gute Laune und stärkt die Leidenskraft. Jonathan Swift hat schon damals gesagt: „Die besten Ärzte der Welt sind: Dr. Diät, Dr. Ruhe und Dr. Fröhlich.“ Das ist doch eine tolle Sache, nicht wahr, Ingo?

  • Jupp, das ist ja grauenhaft! Die Grünen meinen tatsächlich, es soll also viel mehr Gesunde als Kranke geben? Ist denen denn nicht klar, dass sie damit die deutsche Wirtschaft ruinieren? Wenn die meisten unserer Patienten plötzlich gesund oder gar nicht erst krank werden – das wäre eine einzige Katastrophe für Deutschland, Jupp. Sind dir denn die Konsequenzen nicht bewusst?

Welche Konsequenzen denn, Ingo? Es ist doch Ziel jeder Gesundheitspolitik, die Menschen möglichst lange arbeitsfähig zu erhalten. Und das bedeutet eben eine stabile Sicherung der Gesundheit.

  • Also Jupp, das mag ja sein, aber überleg mal: sie bedrohen damit eine Branche mit einer Bruttowertschöpfung von 350 Milliarden Euro. Laut BMWi arbeiten 7,5 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen, das ist jeder sechste Arbeitsplatz. Die Hälfte in der Krankenbranche wird überflüssig, die Arbeitslosenrate steigt in unerreichte Höhen. das Bruttoinlandsprodukt sinkt drastisch, die sozialen Systeme werden durch massiven Leerlauf belastet, Apotheken und Arztpraxen gehen reihenweise in Konkurs. Die Kliniken und Sanatorien müssen schließen oder auf Wellness umsteigen, die Steuereinnahmen fehlen hinten und vorne. Und sag mir mal: wie sollen wir überhaupt die ganzen Neu-Gesunden beschäftigen? Die drehen ja durch.

Ja, meine Güte. So habe ich das überhaupt noch nicht gesehen. Du hast tatsächlich recht, Ingo. Die Gesundheitswirtschaft ist ein gewaltiger Jobmotor, na klar. Deswegen brauchen wir auch über 100 Krankenkassen, allein nur im gesetzlichen Bereich.

  • Never change a running system, Jupp! Im Gegenteil sogar: wir brauchen stetiges Wachstum im Gesundheitssystem. Und am stabilsten lässt sich das mit immer mehr Kranken herstellen. Notfalls muss man unseren Bürgern durch eindringliche Pressemeldungen Krankheiten einreden oder gleich ganz neue Krankheitsbilder erzeugen. Krank durch Burnout, Depression, Mobbing, Chemie in der Nahrung oder auch immer wirksam: Nebenwirkungen von Medikamenten oder Impfstoffen. Nach WHO-Definition ist selten einer wirklich gesund, denn Gesundheit ist ja der Zustand vollständigen Wohlergehens in jeder Hinsicht, materiell, seelisch, körperlich. Solche Gesunde musst du mit der Lupe suchen. Und so sollte es auch bleiben, wenn wir keinen Wirtschaftskollaps riskieren wollen.

Danke für die Info, Ingo. Da muss ich sofort mit meiner Quelle telefonieren. Das hat ja keiner voraussehen können. Hoffentlich können die das Programm noch rechtzeitig aufhalten.

  • Jupp, nur mal so nebenbei: von wann sind denn deine Informationen?

Na, die sind brandneu! Von heute Morgen, den 1. April. 

„Die Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert,
dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen."
(George Bernard Shaw,
irischer Schriftsteller und Bühnenautor, 1856-1950)

"Wenn die Demokratie arbeitsfähig sein soll, muss die Bevölkerung
so weit wie möglich frei von Hass und Zerstörungslust und
ebenso von Furcht und Unterwürfigkeit sein."  
(Bertrand Russell, britischer Mathematiker, Philosoph und Schriftsteller, 1872 – 1970)

 

 

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von Ingo Nöhr

Der kranke Staat

Ingo Nöhr 1. März 2021

Die ständigen Lockdowns zerren an den Nerven der beiden Pensionäre Ingo und Jupp. Seit einem Jahr müssen sie auf ihren traditionellen Plausch in der Eckkneipe verzichten. Der Wirt hat mittlerweile aufgegeben und ist nach Schweden geflüchtet. Auch sonst verzweifeln die Krankenhausmanager am Verstand der verantwortlichen Behörden. In Brüssel hatte sich die ausgebildete Dolmetscherin Sandra Gallina als zuständige EU-Einkäuferin für Impfstoffe von den Profis der Pharmaindustrie gnadenlos über den Tisch ziehen lassen. Zwar günstigere Preise ausgehandelt, aber Lieferung „nach besten Bemühungen“? Professionelle Beschaffung sieht schon bei jedem Einzelhändler etwas anders aus.

Hallo Jupp, wie geht es dir heute? Worüber wollen wir heute mal nicht reden? Hast du schon deine FFP2- Masken von der Apotheke abgeholt?

  • Also Ingo, danke der Nachfrage. Ich will heute nichts vom Ausland hören. Ich bin so schon mächtig geladen, angesichts der Heerscharen von Dumpfbacken um mich herum. Wer hätte das jemals gedacht? Deutschland war mal das Land der Findigen, Macher und Tüftler. Weltweit bewundert wegen unserer perfekten Arbeitsorganisation. Und jetzt: der totale Zusammenbruch der Professionalität. Tägliche Blamage durch planloses Herumwursteln einer ratlosen Regierung. Wir Deutschen sind in den letzten Jahren sehr leidensfähig geworden angesichts der gigantischen Geldverschwendungen durch Inkompetenz: Nimm nur die Hamburger Elbphilharmonie – Kostenüberschreitung um 1.100 Prozent. Aber das ist nichts, verglichen mit dem bislang unübertroffenen Pleiteprojekt der nächsten Jahre: der BER-Flughafen. Und jetzt ist Stuttgart-21 noch besser geworden.

Wie Jupp, Stuttgart-21? Habe ich etwas verpasst? Dort war es doch verdächtig ruhig in letzter Zeit.

  • Klar, beim heutigen Geldverbrennen spielt es noch in der unteren Liga. Der unsinnige Bahnhofumbau hat gerade mit 8,2 Milliarden Euro Ausgaben den BER-Flughafen um eine Milliarde überrundet. Stuttgart 21 wird frühestens vier Jahre später fertig, falls sie überhaupt mit dem schwammigen Untergrund klarkommen. Zur Umsetzung des geplanten Deutschlandtaktes sind - überraschenderweise - weitere vier Tunnelbauten plus ein unterirdischer Zusatzbahnhof erforderlich. Aber immerhin: das Stuttgart-21-Tunnellabyrinth kommt damit auf 105 Kilometer Länge – das könnte ein Weltrekord werden. Man rechnet mit Gesamtkosten bis zu 20 Milliarden Euro, das Fünffache der ursprünglichen Planung bei Baubeginn.

Lass mich raten, Jupp: Beim Deutschlandtakt hat doch sicherlich unser Superminister Scheuer seine Finger im Spiel. Bei ihm spielt Geld längst keine Rolle mehr: das Maut-Desaster, jetzt die Autobahn-GmbH. Arbeitet der überhaupt noch selbst? Oder seine 1245 Mitarbeiter? 2019 hat er 49 Millionen Euro für externe Berater ausgegeben. Fällt aber nicht weiter auf, denn im Jahr 2020 haben die gesamten Beraterkosten der Regierung fast eine halbe Milliarde Euro erreicht.

  • Mit Sicherheit werden die Berater ihre Honorare zeitnah, wenn nicht schon im Voraus, kassiert haben. Aber wir kleinen Leute haben uns daran gewöhnt, überlebensnotwendige Novemberhilfen im Februar zu erhalten. Mein lieber e-Scooter-Scheuer: in der Zwischenzeit schickte ein Privatmann sein Elektro-Auto mit einer eigenen Rakete in Richtung Mars. So geht modernes Transportmanagement. Schade, dass du nicht dringesessen hast. Wir hätten eine Menge Geld gespart.

Jupp, ich kann deine Wut gut nachvollziehen, wenn ich an die verkackte Digitalisierung Deutschlands denke. Der Bund investiert für den Straßenausbau in Deutschland jährlich 10,5 Milliarden Euro, während er für Datenautobahnen nur 0,39 Milliarden Euro zur Verfügung stellt. Aber das Fiasko kann man dem Scheuer nicht allein anlasten. Die Gründe liegen schon vier Jahrzehnte zurück, wie der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann vor kurzem recherchierte. Helmut Kohl habe 1982 seinem Kumpel Leo Kirch zuliebe auf Kupferkabel gesetzt, um das Privatfernsehen zu fördern. Obwohl sein Vorgänger Helmut Schmidt schon Monate vorher die Installation eines flächendeckenden Glasfasernetzes geplant hatte.

  • Ja Ingo, das ist wohl der Grund, warum Deutschlands Behörden bei der Digitalisierung im EU-Vergleich auf Platz 21 von 28 landeten. Und unsere Schulen liegen im digitalen Lernen noch hinter Moldawien, auf Platz 76 von 78 Teilnehmern. Aber warum haben wir denn heutzutage immer noch kein leistungsfähiges Glasfasernetz? Die Industrie macht doch seit vielen Jahren gewaltigen Druck.

Es sind die Altlasten, Jupp. Im November 1996 ist die Telekom an die Börse gegangen. Als privatisiertes Unternehmen musste sie schnell und einfach Gewinne machen. Es war kein Geld mehr da für die milliardenschwere Investition in teure Glasfaserkabel. Und die teilweise achtzig Jahre alten Kupferkabel konnte man mit einem technischen Trick namens Vectoring etwas schneller machen.

  • Das erklärt aber nicht das Datenchaos bei den archaischen Meldewegen der Gesundheitsämter an das Robert Koch-Institut, mit den Softwareproblemen, verspätet eingehenden oder vergessenen Meldungen. Daraus bastelt das RKI mit mehr als 1000 Mitarbeitern die offiziellen Infektionskennzahlen wie die 7-Tage- Inzidenz oder die Reproduktionszahl R, auf denen letztendlich die brutalen Lockdown-Entscheidungen der Politiker basieren.

Genau diese Zahlen sind doch der Grund, warum die Landesminister regelmäßig nach der „einvernehmlichen“ Ministerpräsidentenrunde bei Merkel das gewohnte Durcheinander anrichten, kaum dass sie Berlin verlassen haben. Sie vertrauen den offiziellen Zahlen selber nicht mehr.

  • Aber Ingo, jetzt wird alles besser werden. Das Robert Koch-Institut (RKI) bekommt demnächst in Wildau ein Zentrum Künstliche Intelligenz in der Public-Health-Forschung mit 100 Mitarbeitern. Mit den KI-Technologien sollen künftig komplexe Datenquellen nutzbar gemacht werden, um etwa Epidemien besser zu analysieren und Frühwarnsysteme weiterzuentwickeln. Die KI soll uns wieder mal retten. Vermutlich kann sie dann auch mit gefaxten Daten umgehen.

Das RKI sollte besser James Daniell kontaktieren. In Eigeninitiative hat der Katastrophenforscher ein eigenes Corona-Dashboard namens Risklayer entwickelt. Jeden Tag sammelt er die Fallzahlen der 401 Kreise und kreisfreien Städte direkt von deren Websites ein und vermittelt somit ein genaueres und schnelleres Bild der Lage. Risklayer liefert seit fast einem Jahr aktuellere Corona-Zahlen, unter anderem an das ZDF. 

  • Ja klar Ingo, altes Prinzip: eine Lösung kann so simpel sein – mit etwas Grips und gesundem Menschenverstand. Du musst mal zu unseren Nachbarn rüber schauen – nach Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz. Dort gibt es ein alternatives Alarmsystem, das schnell, billig und anonym funktioniert: Proben aus der Kanalisation. Das Abwasser spiegelt wie bei einer Massentestung direkt das Infektionsgeschehen wider, denn die Virenpartikel lassen sich im Labor nachweisen. In Darmstadt könnte man einen neuen Infektionsherd stadtteilgenau mit Proben aus dem Kanalnetz vor Ort lokalisieren. Aber man wartet auf die Anschlussfinanzierung, ebenso wie Forschungsgruppen in Leipzig, Frankfurt, Berchtesgaden und Oldenburg. Die Politik trödelt leider vor sich hin.

Versteh doch, Jupp. Abwasser ist nicht gerade ein spannendes Thema. Außerdem könnte man dabei versehentlich das peinliche Thema des lokalen Kokainkonsums aufdecken.

  • Das mag ja der Grund sein, Ingo. Aber jetzt ist meine Geduld am Ende. Um auf deine erste Frage zurückzukommen - Ja, ich habe meine sechs Masken abgeholt. Dafür musste ich dreimal zur Apotheke fahren. Beim ersten Mal haben sie mich nach einem Berechtigungsschein gefragt. Da war mein Ausweis nicht genug. Irgendwann erhielt ich Post von der Bundesregierung. Drin waren zwei Scheine, schön gedruckt mit dem Bundesadler. Beim zweiten Besuch waren die sechs „Schutzmasken mit hoher Schutzwirkung“ schon vergriffen. Erst beim dritten Versuch hat es dann geklappt, nachdem ich eine Viertelstunde draußen warten musste. Dafür bin ich im tiefen Winter insgesamt zwanzig Kilometer mit dem Auto gefahren.

Jupp, du weißt anscheinend den großen Aufwand nicht zu würdigen. Man hätte dir die Masken auch einfach mit der Post schicken können. Aber was sollen die zuständigen Beamten in dieser Zeit machen? Däumchen drehen? Nein, das Projekt wurde mit deutscher Perfektion organisiert. Die Krankenkassen mussten 34 Millionen Adressen heraussuchen, die Bundesdruckerei für jeden fälschungssichere Coupons drucken – Kosten: 9,3 Millionen Euro. Jetzt die Coupons an die Berechtigten schicken – Kosten 27 Millionen Euro für das Porto. Damit läuft dann jeder aus der Risikogruppe bei Wind und Wetter zur Apotheke, stellt sich in die Warteschlange und zahlt dann 2 Euro Schutzgebühr. Beim Supermarkt kosten diese Masken unter einem Euro pro Stück. Der Apotheker erhält aber für jede ausgegebene Maske 6 Euro. Ein wahrer Geldsegen – macht 3 Milliarden Euro mehr Umsatz für die deutschen Apotheker. Dankeschön, Herr Spahn. 

  • Warte, Ingo! Jetzt kommt ja noch ein Sahnehäubchen des Irrsinns obendrauf. Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC äußert öffentlich Zweifel am Zusatznutzen von FFP2-Masken im Alltag. Der erwartete Mehrwert der universellen Verwendung von FFP2 in der Gemeinschaft sei sehr gering. Kosten und mögliche Nachteile sprächen gegen eine Empfehlung. Der Virologe Hendrik Streeck sieht ebenfalls keinen entscheidenden Faktor im Kampf gegen die Corona-Pandemie und rät generell von der Nutzung der FFP2-Maske ab. Viele Menschen würden die Maske nicht korrekt tragen. Im Arbeitsleben gibt es noch eine weitere Einschränkung. Die Arbeitsschutzvorschriften lassen es nicht zu, dass Arbeitnehmer die Maske länger als 75 Minuten am Stück nutzen. Da das Atmen unter der Maske deutlich schwerer falle, muss der Träger eine mindestens 30-minütige Pause einlegen.

Für mich kommt noch ein anderer Aspekt hinzu, Jupp, den die Maskenverweigerer wohl hocherfreut aufgreifen werden. Mit den Marken tragen wir einen Chemiecocktail vor Nase und Mund, der nie auf seine Giftigkeit und auf etwaige Langzeitwirkungen untersucht wurde. Im Vlies der meisten FFP2- Masken sind neben Polypropylen auch Klebstoffe, Bindemittel, Antioxidantien und UV-Stabilisatoren in großen Mengen zu finden. Manchmal fand man bei Labortests auch zu hohe Konzentrationen an Formaldehyd oder Anilin sowie zusätzlich künstliche Duftstoffe, die den unangenehmen Chemiegeruch überlagern sollen.
Das Blau der OP-Masken enthält meistens Cobalt als Farbstoff. Dazu atmen wir auch noch Mikroplastikfasern aus dem Vliesstoff ein, die genau die richtige Größe haben, um sich in unserer Lunge festzusetzen oder von dort aus weiter durch den Körper zu wandern. Diese Inhaltsstoffe der Masken sind von der CE-Zulassung nicht betroffen, denn es wird nur die Funktionsfähigkeit getestet. Wenn die Maske eine ausreichende Filterwirkung zeigt, wird sie zertifiziert, allerdings ausdrücklich als Einmalartikel wohlgemerkt, wegen des Abriebs bei mehrmaligem Gebrauch. Der Bund spendiert dir aber nur sechs Masken für volle zwei Monate.

  • Ich fasse es nicht, Ingo. Dabei ist bei uns alles bis ins kleinste Detail genormt, aber an die Giftstoffe hat keiner gedacht? Dabei können wir kaum noch eine knackige Bratwurst vom Holzkohlengrill essen, weil man dort krebserregende Stoffe gemessen hat. Wenn wir endlich alle geimpft wären, könnten wir hoffentlich alle Masken vergessen und wieder freiatmend durch die Gegend laufen. Aber seit Wochen wähle ich mir die Finger wund, um überhaupt einen Impftermin zu bekommen. Und wenn ich Pech habe und endlich drankommen könnte, schnappt mir irgendein Politiker oder Verwaltungsfuzzi mit seiner ganzen Familie den Impfstoff vor der Nase weg.

Jupp, du lebst leider im deutschen Staat. In anderen Ländern fährst du einfach an einem Impfstützpunkt vorbei, gibst kurz deine Daten an, machst deinen Oberarm frei, erhältst die Spritze, - und fährst geimpft weiter.

  • In Brasilien solltest du aber darauf achten, ob wirklich der Kolben heruntergedrückt wurde. Denn es könnte sein, dass der kostbare Impfstoff vorher schon anderswo verhökert wurde.

Ja, Jupp der Kampf um den lebensrettenden Impfstoff hat weltweit begonnen. Nur mal zum Nachdenken: Uno-Generalsekretär António Guterres beklagte vor kurzem ein moralisches Versagen der Reichen: 75 Prozent der weltweit vorhandenen Impfstoffe wurden von nur zehn Ländern aufgekauft. Mehr als 130 Länder haben noch nicht eine einzige Dosis erhalten. Dort werden nun die Chinesen und Russen als rettende Lieferanten auftauchen und mehr Einfluss gewinnen. Dabei würden die vom Westen eingekauften 11,3 Milliarden Dosen Corona-Impfstoff für die gesamte Menschheit ausreichen. Aber so bestellte Großbritannien fast sieben Dosen je Einwohner und Kanada gleich neun Dosen pro jeden. Das ist allerdings sehr kurzsichtig gedacht, denn die mutierten Viren halten sich leider nicht an Ländergrenzen und kommen demnächst aus den Elendsregionen zu uns zu Besuch. Oder wir besuchen sie freiwillig im nächsten Urlaub.

  • Ingo, was schließen wir daraus? Wo man hinschaut in Deutschland – ein komplettes Staatsversagen. Nicht nur im Gesundheitswesen, wo Minister Spahn morgens im ZDF verkündet: „Wir wissen vor allem, wo es die Hauptansteckungspunkte gibt. Nämlich beim Feiern, beim Geselligsein, zu Hause privat oder eben in der Veranstaltung, auf der Party im Klub.“ Abends geht er dann zu einem Dinner mit einem Dutzend Gästen und wird am nächsten Tag positiv auf Corona getestet.

Die Menschen verlieren nach den vielen gebrochenen Versprechungen und einem Jahr Krisenzustand zunehmend das Vertrauen in einen fürsorglichen und kompetenten Staat, vor allem was den Schutz der Kinder, Ältesten und Schwächsten angeht.

  • Aber der Staat versagt doch nicht nur beim Thema Corona, Ingo. Schau dir nur unser Justizwesen an: ein verzweifelter Oberstaatsanwalt erklärt öffentlich, dass die Politik in Berlin die Verbrechensbekämpfung ruiniert habe. Mit zuwenig Personal und veralteter Technik in maroden Büros schafft er immer seltener eine Anklage und zu viele Kriminelle kommen ungestraft davon. 2019 betrug seine Aufklärungsquote 44,7% gegenüber 57,5% in Deutschland.

Oder unser Bildungswesen: Der Präsident des Lehrerverbandes hat auch gerade die Schnauze voll: jahrzehntelang gescheiterte Reformen und jetzt ein katastrophales Krisenmanagement. Sein Schlachtruf: Entmachtet die Kultusministerkonferenz!

  • Die Beispiele können wir unendlich fortsetzen. Wo der Staat seine Finger drin hat, wird es schlimmer. Wie wollen wir die drohende Klimakatastrophe überstehen? Gerade gerät der Golfstrom ins Stottern. Was ist nur mit unserer Regierung passiert? Angela Merkel ist Physikerin, sie hat doch über viele Jahre eine vernünftige Politik betrieben. Wo ist ihr Geschick zur objektiven Analyse und angemessenen Therapie abgeblieben?

Jupp, vielleicht liegt genau da die Ursache: in ihrer Ausbildung. Unbelebte Objekte nach physikalischen Naturgesetzen beobachten und deren Wechselwirkungen beurteilen ist ihre Fachdisziplin. In der Krisenzeit hat sie es aber mit störrischen Menschen zu tun, die sich nicht mehr nach von oben verordneten Grundregeln verhalten, weil ihnen die Sinnhaftigkeit nicht erkennbar ist. Die Gegenströmungen der Querdenker und Widerständler organisieren sich stärker und erreichen immer mehr Verlierer. Die genervten Normalbürger lassen sich nicht mehr ruhigstellen und finden in den alternativen Medien ein machtvolles Sprachrohr.

  • Donald Trump hat die Macht der social media perfekt genutzt und seine wütenden Fans hinter sich versammelt. Ja, Ingo, ich muss zugeben, du hast es schon im Oktober 2018 prophezeit. Die Tage der Obrigkeit sind langsam gezählt. Für viele hart arbeitende Menschen geht es plötzlich um die Existenz und die Hilfe von Vater Staat bleibt aus. Der Respekt wird versagt, das Misstrauen wächst – und mit ihm die Wut.

Der Anfang vom Ende ist da, wenn man seine Kritiker ignoriert. Der Kölner Professor Matthias Schrappe hat als Infektiologe und stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit über viele Jahre die Bundesregierung beraten und argumentiert seit einem Jahr gegen den Lockdown als einzige Corona-Bremse. Er sagte kürzlich in einem Interview: „Ich würde die Kanzlerin natürlich gern beraten, wenn sie eine andere Stimme hören wollte. Aber ich rechne nicht damit, dass sie anruft. Frau Merkel hat sich in einen Tunnel vergraben. In der Risikoforschung nennt man das Kuba-Syndrom, wenn sich eine Führungsgruppe nur mit Menschen umgibt, die alle der gleichen Meinung sind. Dann gibt es nur die dauerhafte Fortsetzung von Fehlern.“

  • Ich fürchte, Ingo, Corona wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Wir werden eine wachsende Entfremdung zwischen Bevölkerung und Politik erleben. Und die Quittung wird uns schon bald präsentiert werden: eine Bundestagswahl, fünf Landtags- und drei Kommunalwahlen in diesem Jahr und weitere vier Landtagswahlen in 2022. Möglicherweise wird die politische Landschaft danach ganz anders aussehen.

Kopf hoch, Jupp. Krisen sind auch immer mit Chancen verbunden. Konzentriere deinen Blick auch auf die positiven Nachrichten der Hilfsbereitschaft, Aufbruchstimmung und Kreativität. Wir können aus unseren Fehlern auch lernen und mit der zunehmend aufmüpfigeren Jugend das verkrustete System renovieren. Denke an die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, als von der Jugend der „Muff von Tausend Jahren aus den Talaren“ weggeblasen wurde. In diesem Sinne lass uns auf die Zukunft anstoßen, die meistens nicht so kommt, wie wir sie uns vorstellen. Prost.

 

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.
(Chinesische Weisheit)

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.
(Mahatma Gandhi)

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird;
aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.
(Georg Christoph Lichtenberg)

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von Ingo Nöhr

Über das liebe Geld

Der vergangene Monat Januar war vollgestopft mit aufregenden Neuigkeiten. Der Sturm auf das US-Kapitol, die Ablösung des Trump -Regimes, die hektischen Corona-Aktionen der Regierenden in Bund und Länder, das Impf-Chaos, der erneute Lockdown – die Ereignisse hätten für ein ganzes Jahr gereicht. Kein Wunder, dass unsere beiden Klinik-Rentner sich etwas genervt von dem Medienrummel abwenden und nun eher grundsätzlichen Themen zuwenden.

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von Ingo Nöhr

Der Homunkulus in der Echokammer

Nach einer Pause im Dezember treffen sich die beiden Klinikpensionäre Jupp und Ingo wieder im virtuellen Raum des Internets zu ihrem traditionellen Stammtischgespräch. Gemäß ihrer Mentalität haben sie die Zeit mit unterschiedlichen Aktivitäten verbracht. Während der optimistische Denker Ingo sich in fast mönchischer Klausur in seinen Sabatmonat zurückgezogen hat, wurde der handwerklich besser begabte Jupp in seinem Haus und Garten in kreativer Weise tätig.

Während die beiden vor einem Jahr eine Rückschau der letzten zehn Jahre mit einem optimistischen Blick in die Zukunft getätigt hatten, gerät die Erinnerung an die letzten zwölf Monate zu einer gänzlich anderen Betrachtung. Der damalige Rat von Wilhelm von Humboldt erfüllte sich auf unerwartete Weise: „Man muss die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen.“

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