INGOs NÖHRgeleien 2021

von Ingo Nöhr

Der große Regierungswechsel

Ingo Nöhr zum 1. April 2021

Gerade erhielt Ingo Nöhr einen aufgeregten Anruf von seinem Kumpel Jupp. Der rühmte sich exzellenter Kontakte zu ungewöhnlich gut unterrichteten Kreisen der Regierung. Das ist für mich nicht weiter erstaunlich, denn seit Jahren kann ich in einem besonders großen Boulevardblatt und zwei konkurrierenden Nachrichtenmagazinen regelmäßig Wortprotokolle von streng vertraulichen Regierungstreffen lesen. Augenscheinlich waren die verbeamteten Whistleblower angesichts der alarmierenden Ergebnisse aus den beiden Landtagswahlen letzten Monats wieder besonders aktiv. Eine gewisse Nervosität hat die Berliner Regierungsmannschaft gepackt. "Das Regieren in einer Demokratie wäre wesentlich leichter, wenn man nicht immer wieder Wahlen gewinnen müsste." stellte schon vor über einhundert Jahren der französische Politiker Georges Clemenceau fest.

Hallo Ingo, das hast du bestimmt noch nicht gehört! In Deutschland gibt es gerade sensationelle Entwicklungen. Die Information habe ich heute aus erster Hand erhalten. Stell dir vor: die gegenwärtige Regierungsmannschaft plant schon ihren endgültigen Abgang. Robert Habeck bereitet sich nach den Wahlerfolgen der Grünen jetzt intensiv auf das Kanzleramt vor.

  • Das ist ja nichts Neues, Jupp. Du musst mehr lesen. Deswegen hat er doch extra ein neues Buch geschrieben. Schon die Titel seiner letzten Werke verweisen klar auf seine Zukunft: ‚Wer wagt, gewinnt‘ oder ‚Wer wir sein könnten‘ und jetzt ‚Von hier an anders‘. Noch deutlicher kann er seine Ambitionen doch gar nicht schildern. Aber sag mal, was wird denn aus Annalena Baerbock?

Annalena? Die soll Vize-Kanzlerin werden. Aber als Ministerin ohne Geschäftsbereich. Das Finanzministerium traut Habeck ihr nicht zu. Er will ja eigenhändig dem „hyperglobalisierten Kapitalismus neue Regeln geben“, wie er in seinem Buch schreibt. Da will er schon selbst ran.

  • Aber mal langsam mit den Pferden, Jupp. Habeck ist ja nicht alleine. Man darf das Standing von Markus Söder nicht unterschätzen. Ein großer Teil der Bevölkerung wünscht ihn zum Bundeskanzler.

Das mag ja sein, Ingo, aber Söder hat ein Problem. Er will sein geliebtes Bayernland auf keinen Fall verlassen, ist aber politikmüde, nach dem die ganzen CSU-Amigos auffliegen. Er sucht eine ganz neue Herausforderung. Natürlich in der Industrie. Ein ewiges Auffangbecken für suchende Ex-Politiker. Leider ist der hochdotierte Aufsichtsratsvorsitz bei BMW in den nächsten vier Jahren nicht frei.

  • Also Jupp, das ist vielleicht besser für ihn. Wer weiß denn, wie es den deutschen Autokonzernen künftig bei der Elon-Musk-Offensive ergehen wird. Das wird sicherlich kein Zuckerschlecken, die fünf Jahre Entwicklungsvorsprung des Tesla aufzuholen. Wie in der DDR: Überholen ohne einzuholen!

Das hat Söder dann auch wohl bedacht. Vor allem, seitdem jetzt die hohen Automanager vor Gericht stehen. Er hatte sich aber durch seine guten Drähte zu Papst Benedikt gute Chancen als Außenpolitiker bei der päpstlichen Kurie ausgerechnet. Du erinnerst dich, Ingo? Er wollte ja 2018 in allen Dienstgebäuden Bayerns zwangsweise das Kreuz aufhängen. Das kam damals beim Papst gut an. Aber dann stellte sich heraus, dass er als fränkischer Protestant erst zum katholischen Glauben konvertieren müsste. Letztendlich möchte er doch lieber Präsident von FC Bayern München werden. Da kann er bequem die Erfolge kassieren und die anderen für sich ackern lassen.

  • Söder steigt aus? Das ist aber ganz schlecht für Pannenminister Scheuer, wenn sein Mentor ausfällt. Gibt es für ihn schon eine neue Verwendung nach der Wahl?

Na klar, die bewährte Günther-Oettinger-Lösung. Ab nach Brüssel – als EU-Kommissar für Verkehr. Hat doch auch gerade bei Ursula von der Leyen bestens funktioniert.

  • Dort in Brüssel hätte ich aber Angela Merkel auf ihrem neuen Posten erwartet: Präsidentin der EU-Kommission wäre doch die nächste Sprosse auf ihrer Karriereleiter gewesen.

Oh, Ingo, das hörte sich anfangs ganz gut an, aber dann haben ihr wohlmeinende Menschen dringend davon abgeraten. Die Corona-Blamage und dann noch diesen ewigen Ärger mit Polen und Ungarn sollte sie sich nicht antun. Danach hatte sie einen vielversprechenden Posten in Genf entdeckt. Bei der dortigen Zentrale der Weltgesundheitsorganisation gab es in der Geschichte bislang nur zwei Frauen als Generaldirektorinnen. Das wäre für sie auch ein gutes Sprungbrett zum UN-Generalsekretär gewesen.

  • Aber ich habe aus Pharmakreisen läuten gehört, dass bei der WHO längst Jens Spahn als neuer Generaldirektor vorgesehen ist.

Ja, das war dumm, Ingo, da ist Angela Merkel einfach zu spät gekommen. Aber das Stichwort Genf hat sie aufhorchen lassen. Als altgediente Physikerin wollte sie alternativ den Vorsitz im Kernforschungszentrum CERN übernehmen. Das ging aber schief: ihre letzte Forschungstätigkeit liegt schon 30 Jahre zurück. Da konnte sie auch nicht mehr punkten.

  • Ja, was macht sie jetzt? Da bleiben für sie nicht mehr viele Top-Jobs in der Welt übrig. IOK-Präsidentin? Chefin des Weltwährungsfonds?

Auch zu spät: Da hat sich schon Olaf Scholz heimlich eingenistet. Merkel ist halt nicht die Schnellste. Wie die meisten Spitzenpolitiker wird sie erstmal ein Buch schreiben und dann auf Lesetournee gehen. Vermutlich wird ihr Leben auch von RTL verfilmt. Danach stehen ihr noch viele Wege in der Medienwelt offen – als elder states woman in unzähligen Talkshows zum Beispiel.

  • Also Jupp, ich sehe schon, die Deutschen erobern wieder mal die Welt. Aber kommen wir mal auf ein näherliegendes Thema bei uns zurück. Was wird denn in der Nach-Spahn-Ära aus unserem Gesundheitswesen werden? Hat deine obskure Quelle da auch schon etwas über die Pläne erfahren?

Ingo, das kann man bereits alles nachlesen, denn da gibt das grüne Parteiprogramm schon Auskunft. Ich zitiere: „Gesundheitsförderung und Prävention sollen einen größeren Stellenwert bekommen“. Also der Gedanke dahinter ist eigentlich ganz simpel: man soll einfach nicht mehr krank werden. Vermeidung von Feinstaub, Dieselabgase, Elektrosmog, giftigen Chemikalien und Stress bei der Arbeit minimiert das Krankheitsrisiko. Weniger Patienten im Krankenhaus senken die Kosten. Ächtung des Autoverkehrs reduziert die Zahl der Unfallverletzten, Radfahren fördert die Kondition, gesundes Essen das Immunsystem, - und das Tollste: die Freigabe von Cannabis erzeugt gute Laune und stärkt die Leidenskraft. Jonathan Swift hat schon damals gesagt: „Die besten Ärzte der Welt sind: Dr. Diät, Dr. Ruhe und Dr. Fröhlich.“ Das ist doch eine tolle Sache, nicht wahr, Ingo?

  • Jupp, das ist ja grauenhaft! Die Grünen meinen tatsächlich, es soll also viel mehr Gesunde als Kranke geben? Ist denen denn nicht klar, dass sie damit die deutsche Wirtschaft ruinieren? Wenn die meisten unserer Patienten plötzlich gesund oder gar nicht erst krank werden – das wäre eine einzige Katastrophe für Deutschland, Jupp. Sind dir denn die Konsequenzen nicht bewusst?

Welche Konsequenzen denn, Ingo? Es ist doch Ziel jeder Gesundheitspolitik, die Menschen möglichst lange arbeitsfähig zu erhalten. Und das bedeutet eben eine stabile Sicherung der Gesundheit.

  • Also Jupp, das mag ja sein, aber überleg mal: sie bedrohen damit eine Branche mit einer Bruttowertschöpfung von 350 Milliarden Euro. Laut BMWi arbeiten 7,5 Millionen Beschäftigte im Gesundheitswesen, das ist jeder sechste Arbeitsplatz. Die Hälfte in der Krankenbranche wird überflüssig, die Arbeitslosenrate steigt in unerreichte Höhen. das Bruttoinlandsprodukt sinkt drastisch, die sozialen Systeme werden durch massiven Leerlauf belastet, Apotheken und Arztpraxen gehen reihenweise in Konkurs. Die Kliniken und Sanatorien müssen schließen oder auf Wellness umsteigen, die Steuereinnahmen fehlen hinten und vorne. Und sag mir mal: wie sollen wir überhaupt die ganzen Neu-Gesunden beschäftigen? Die drehen ja durch.

Ja, meine Güte. So habe ich das überhaupt noch nicht gesehen. Du hast tatsächlich recht, Ingo. Die Gesundheitswirtschaft ist ein gewaltiger Jobmotor, na klar. Deswegen brauchen wir auch über 100 Krankenkassen, allein nur im gesetzlichen Bereich.

  • Never change a running system, Jupp! Im Gegenteil sogar: wir brauchen stetiges Wachstum im Gesundheitssystem. Und am stabilsten lässt sich das mit immer mehr Kranken herstellen. Notfalls muss man unseren Bürgern durch eindringliche Pressemeldungen Krankheiten einreden oder gleich ganz neue Krankheitsbilder erzeugen. Krank durch Burnout, Depression, Mobbing, Chemie in der Nahrung oder auch immer wirksam: Nebenwirkungen von Medikamenten oder Impfstoffen. Nach WHO-Definition ist selten einer wirklich gesund, denn Gesundheit ist ja der Zustand vollständigen Wohlergehens in jeder Hinsicht, materiell, seelisch, körperlich. Solche Gesunde musst du mit der Lupe suchen. Und so sollte es auch bleiben, wenn wir keinen Wirtschaftskollaps riskieren wollen.

Danke für die Info, Ingo. Da muss ich sofort mit meiner Quelle telefonieren. Das hat ja keiner voraussehen können. Hoffentlich können die das Programm noch rechtzeitig aufhalten.

  • Jupp, nur mal so nebenbei: von wann sind denn deine Informationen?

Na, die sind brandneu! Von heute Morgen, den 1. April. 

„Die Demokratie ist ein Verfahren, das garantiert,
dass wir nicht besser regiert werden, als wir es verdienen."
(George Bernard Shaw,
irischer Schriftsteller und Bühnenautor, 1856-1950)

"Wenn die Demokratie arbeitsfähig sein soll, muss die Bevölkerung
so weit wie möglich frei von Hass und Zerstörungslust und
ebenso von Furcht und Unterwürfigkeit sein."  
(Bertrand Russell, britischer Mathematiker, Philosoph und Schriftsteller, 1872 – 1970)

 

 

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von Ingo Nöhr

Der kranke Staat

Ingo Nöhr 1. März 2021

Die ständigen Lockdowns zerren an den Nerven der beiden Pensionäre Ingo und Jupp. Seit einem Jahr müssen sie auf ihren traditionellen Plausch in der Eckkneipe verzichten. Der Wirt hat mittlerweile aufgegeben und ist nach Schweden geflüchtet. Auch sonst verzweifeln die Krankenhausmanager am Verstand der verantwortlichen Behörden. In Brüssel hatte sich die ausgebildete Dolmetscherin Sandra Gallina als zuständige EU-Einkäuferin für Impfstoffe von den Profis der Pharmaindustrie gnadenlos über den Tisch ziehen lassen. Zwar günstigere Preise ausgehandelt, aber Lieferung „nach besten Bemühungen“? Professionelle Beschaffung sieht schon bei jedem Einzelhändler etwas anders aus.

Hallo Jupp, wie geht es dir heute? Worüber wollen wir heute mal nicht reden? Hast du schon deine FFP2- Masken von der Apotheke abgeholt?

  • Also Ingo, danke der Nachfrage. Ich will heute nichts vom Ausland hören. Ich bin so schon mächtig geladen, angesichts der Heerscharen von Dumpfbacken um mich herum. Wer hätte das jemals gedacht? Deutschland war mal das Land der Findigen, Macher und Tüftler. Weltweit bewundert wegen unserer perfekten Arbeitsorganisation. Und jetzt: der totale Zusammenbruch der Professionalität. Tägliche Blamage durch planloses Herumwursteln einer ratlosen Regierung. Wir Deutschen sind in den letzten Jahren sehr leidensfähig geworden angesichts der gigantischen Geldverschwendungen durch Inkompetenz: Nimm nur die Hamburger Elbphilharmonie – Kostenüberschreitung um 1.100 Prozent. Aber das ist nichts, verglichen mit dem bislang unübertroffenen Pleiteprojekt der nächsten Jahre: der BER-Flughafen. Und jetzt ist Stuttgart-21 noch besser geworden.

Wie Jupp, Stuttgart-21? Habe ich etwas verpasst? Dort war es doch verdächtig ruhig in letzter Zeit.

  • Klar, beim heutigen Geldverbrennen spielt es noch in der unteren Liga. Der unsinnige Bahnhofumbau hat gerade mit 8,2 Milliarden Euro Ausgaben den BER-Flughafen um eine Milliarde überrundet. Stuttgart 21 wird frühestens vier Jahre später fertig, falls sie überhaupt mit dem schwammigen Untergrund klarkommen. Zur Umsetzung des geplanten Deutschlandtaktes sind - überraschenderweise - weitere vier Tunnelbauten plus ein unterirdischer Zusatzbahnhof erforderlich. Aber immerhin: das Stuttgart-21-Tunnellabyrinth kommt damit auf 105 Kilometer Länge – das könnte ein Weltrekord werden. Man rechnet mit Gesamtkosten bis zu 20 Milliarden Euro, das Fünffache der ursprünglichen Planung bei Baubeginn.

Lass mich raten, Jupp: Beim Deutschlandtakt hat doch sicherlich unser Superminister Scheuer seine Finger im Spiel. Bei ihm spielt Geld längst keine Rolle mehr: das Maut-Desaster, jetzt die Autobahn-GmbH. Arbeitet der überhaupt noch selbst? Oder seine 1245 Mitarbeiter? 2019 hat er 49 Millionen Euro für externe Berater ausgegeben. Fällt aber nicht weiter auf, denn im Jahr 2020 haben die gesamten Beraterkosten der Regierung fast eine halbe Milliarde Euro erreicht.

  • Mit Sicherheit werden die Berater ihre Honorare zeitnah, wenn nicht schon im Voraus, kassiert haben. Aber wir kleinen Leute haben uns daran gewöhnt, überlebensnotwendige Novemberhilfen im Februar zu erhalten. Mein lieber e-Scooter-Scheuer: in der Zwischenzeit schickte ein Privatmann sein Elektro-Auto mit einer eigenen Rakete in Richtung Mars. So geht modernes Transportmanagement. Schade, dass du nicht dringesessen hast. Wir hätten eine Menge Geld gespart.

Jupp, ich kann deine Wut gut nachvollziehen, wenn ich an die verkackte Digitalisierung Deutschlands denke. Der Bund investiert für den Straßenausbau in Deutschland jährlich 10,5 Milliarden Euro, während er für Datenautobahnen nur 0,39 Milliarden Euro zur Verfügung stellt. Aber das Fiasko kann man dem Scheuer nicht allein anlasten. Die Gründe liegen schon vier Jahrzehnte zurück, wie der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann vor kurzem recherchierte. Helmut Kohl habe 1982 seinem Kumpel Leo Kirch zuliebe auf Kupferkabel gesetzt, um das Privatfernsehen zu fördern. Obwohl sein Vorgänger Helmut Schmidt schon Monate vorher die Installation eines flächendeckenden Glasfasernetzes geplant hatte.

  • Ja Ingo, das ist wohl der Grund, warum Deutschlands Behörden bei der Digitalisierung im EU-Vergleich auf Platz 21 von 28 landeten. Und unsere Schulen liegen im digitalen Lernen noch hinter Moldawien, auf Platz 76 von 78 Teilnehmern. Aber warum haben wir denn heutzutage immer noch kein leistungsfähiges Glasfasernetz? Die Industrie macht doch seit vielen Jahren gewaltigen Druck.

Es sind die Altlasten, Jupp. Im November 1996 ist die Telekom an die Börse gegangen. Als privatisiertes Unternehmen musste sie schnell und einfach Gewinne machen. Es war kein Geld mehr da für die milliardenschwere Investition in teure Glasfaserkabel. Und die teilweise achtzig Jahre alten Kupferkabel konnte man mit einem technischen Trick namens Vectoring etwas schneller machen.

  • Das erklärt aber nicht das Datenchaos bei den archaischen Meldewegen der Gesundheitsämter an das Robert Koch-Institut, mit den Softwareproblemen, verspätet eingehenden oder vergessenen Meldungen. Daraus bastelt das RKI mit mehr als 1000 Mitarbeitern die offiziellen Infektionskennzahlen wie die 7-Tage- Inzidenz oder die Reproduktionszahl R, auf denen letztendlich die brutalen Lockdown-Entscheidungen der Politiker basieren.

Genau diese Zahlen sind doch der Grund, warum die Landesminister regelmäßig nach der „einvernehmlichen“ Ministerpräsidentenrunde bei Merkel das gewohnte Durcheinander anrichten, kaum dass sie Berlin verlassen haben. Sie vertrauen den offiziellen Zahlen selber nicht mehr.

  • Aber Ingo, jetzt wird alles besser werden. Das Robert Koch-Institut (RKI) bekommt demnächst in Wildau ein Zentrum Künstliche Intelligenz in der Public-Health-Forschung mit 100 Mitarbeitern. Mit den KI-Technologien sollen künftig komplexe Datenquellen nutzbar gemacht werden, um etwa Epidemien besser zu analysieren und Frühwarnsysteme weiterzuentwickeln. Die KI soll uns wieder mal retten. Vermutlich kann sie dann auch mit gefaxten Daten umgehen.

Das RKI sollte besser James Daniell kontaktieren. In Eigeninitiative hat der Katastrophenforscher ein eigenes Corona-Dashboard namens Risklayer entwickelt. Jeden Tag sammelt er die Fallzahlen der 401 Kreise und kreisfreien Städte direkt von deren Websites ein und vermittelt somit ein genaueres und schnelleres Bild der Lage. Risklayer liefert seit fast einem Jahr aktuellere Corona-Zahlen, unter anderem an das ZDF. 

  • Ja klar Ingo, altes Prinzip: eine Lösung kann so simpel sein – mit etwas Grips und gesundem Menschenverstand. Du musst mal zu unseren Nachbarn rüber schauen – nach Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz. Dort gibt es ein alternatives Alarmsystem, das schnell, billig und anonym funktioniert: Proben aus der Kanalisation. Das Abwasser spiegelt wie bei einer Massentestung direkt das Infektionsgeschehen wider, denn die Virenpartikel lassen sich im Labor nachweisen. In Darmstadt könnte man einen neuen Infektionsherd stadtteilgenau mit Proben aus dem Kanalnetz vor Ort lokalisieren. Aber man wartet auf die Anschlussfinanzierung, ebenso wie Forschungsgruppen in Leipzig, Frankfurt, Berchtesgaden und Oldenburg. Die Politik trödelt leider vor sich hin.

Versteh doch, Jupp. Abwasser ist nicht gerade ein spannendes Thema. Außerdem könnte man dabei versehentlich das peinliche Thema des lokalen Kokainkonsums aufdecken.

  • Das mag ja der Grund sein, Ingo. Aber jetzt ist meine Geduld am Ende. Um auf deine erste Frage zurückzukommen - Ja, ich habe meine sechs Masken abgeholt. Dafür musste ich dreimal zur Apotheke fahren. Beim ersten Mal haben sie mich nach einem Berechtigungsschein gefragt. Da war mein Ausweis nicht genug. Irgendwann erhielt ich Post von der Bundesregierung. Drin waren zwei Scheine, schön gedruckt mit dem Bundesadler. Beim zweiten Besuch waren die sechs „Schutzmasken mit hoher Schutzwirkung“ schon vergriffen. Erst beim dritten Versuch hat es dann geklappt, nachdem ich eine Viertelstunde draußen warten musste. Dafür bin ich im tiefen Winter insgesamt zwanzig Kilometer mit dem Auto gefahren.

Jupp, du weißt anscheinend den großen Aufwand nicht zu würdigen. Man hätte dir die Masken auch einfach mit der Post schicken können. Aber was sollen die zuständigen Beamten in dieser Zeit machen? Däumchen drehen? Nein, das Projekt wurde mit deutscher Perfektion organisiert. Die Krankenkassen mussten 34 Millionen Adressen heraussuchen, die Bundesdruckerei für jeden fälschungssichere Coupons drucken – Kosten: 9,3 Millionen Euro. Jetzt die Coupons an die Berechtigten schicken – Kosten 27 Millionen Euro für das Porto. Damit läuft dann jeder aus der Risikogruppe bei Wind und Wetter zur Apotheke, stellt sich in die Warteschlange und zahlt dann 2 Euro Schutzgebühr. Beim Supermarkt kosten diese Masken unter einem Euro pro Stück. Der Apotheker erhält aber für jede ausgegebene Maske 6 Euro. Ein wahrer Geldsegen – macht 3 Milliarden Euro mehr Umsatz für die deutschen Apotheker. Dankeschön, Herr Spahn. 

  • Warte, Ingo! Jetzt kommt ja noch ein Sahnehäubchen des Irrsinns obendrauf. Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC äußert öffentlich Zweifel am Zusatznutzen von FFP2-Masken im Alltag. Der erwartete Mehrwert der universellen Verwendung von FFP2 in der Gemeinschaft sei sehr gering. Kosten und mögliche Nachteile sprächen gegen eine Empfehlung. Der Virologe Hendrik Streeck sieht ebenfalls keinen entscheidenden Faktor im Kampf gegen die Corona-Pandemie und rät generell von der Nutzung der FFP2-Maske ab. Viele Menschen würden die Maske nicht korrekt tragen. Im Arbeitsleben gibt es noch eine weitere Einschränkung. Die Arbeitsschutzvorschriften lassen es nicht zu, dass Arbeitnehmer die Maske länger als 75 Minuten am Stück nutzen. Da das Atmen unter der Maske deutlich schwerer falle, muss der Träger eine mindestens 30-minütige Pause einlegen.

Für mich kommt noch ein anderer Aspekt hinzu, Jupp, den die Maskenverweigerer wohl hocherfreut aufgreifen werden. Mit den Marken tragen wir einen Chemiecocktail vor Nase und Mund, der nie auf seine Giftigkeit und auf etwaige Langzeitwirkungen untersucht wurde. Im Vlies der meisten FFP2- Masken sind neben Polypropylen auch Klebstoffe, Bindemittel, Antioxidantien und UV-Stabilisatoren in großen Mengen zu finden. Manchmal fand man bei Labortests auch zu hohe Konzentrationen an Formaldehyd oder Anilin sowie zusätzlich künstliche Duftstoffe, die den unangenehmen Chemiegeruch überlagern sollen.
Das Blau der OP-Masken enthält meistens Cobalt als Farbstoff. Dazu atmen wir auch noch Mikroplastikfasern aus dem Vliesstoff ein, die genau die richtige Größe haben, um sich in unserer Lunge festzusetzen oder von dort aus weiter durch den Körper zu wandern. Diese Inhaltsstoffe der Masken sind von der CE-Zulassung nicht betroffen, denn es wird nur die Funktionsfähigkeit getestet. Wenn die Maske eine ausreichende Filterwirkung zeigt, wird sie zertifiziert, allerdings ausdrücklich als Einmalartikel wohlgemerkt, wegen des Abriebs bei mehrmaligem Gebrauch. Der Bund spendiert dir aber nur sechs Masken für volle zwei Monate.

  • Ich fasse es nicht, Ingo. Dabei ist bei uns alles bis ins kleinste Detail genormt, aber an die Giftstoffe hat keiner gedacht? Dabei können wir kaum noch eine knackige Bratwurst vom Holzkohlengrill essen, weil man dort krebserregende Stoffe gemessen hat. Wenn wir endlich alle geimpft wären, könnten wir hoffentlich alle Masken vergessen und wieder freiatmend durch die Gegend laufen. Aber seit Wochen wähle ich mir die Finger wund, um überhaupt einen Impftermin zu bekommen. Und wenn ich Pech habe und endlich drankommen könnte, schnappt mir irgendein Politiker oder Verwaltungsfuzzi mit seiner ganzen Familie den Impfstoff vor der Nase weg.

Jupp, du lebst leider im deutschen Staat. In anderen Ländern fährst du einfach an einem Impfstützpunkt vorbei, gibst kurz deine Daten an, machst deinen Oberarm frei, erhältst die Spritze, - und fährst geimpft weiter.

  • In Brasilien solltest du aber darauf achten, ob wirklich der Kolben heruntergedrückt wurde. Denn es könnte sein, dass der kostbare Impfstoff vorher schon anderswo verhökert wurde.

Ja, Jupp der Kampf um den lebensrettenden Impfstoff hat weltweit begonnen. Nur mal zum Nachdenken: Uno-Generalsekretär António Guterres beklagte vor kurzem ein moralisches Versagen der Reichen: 75 Prozent der weltweit vorhandenen Impfstoffe wurden von nur zehn Ländern aufgekauft. Mehr als 130 Länder haben noch nicht eine einzige Dosis erhalten. Dort werden nun die Chinesen und Russen als rettende Lieferanten auftauchen und mehr Einfluss gewinnen. Dabei würden die vom Westen eingekauften 11,3 Milliarden Dosen Corona-Impfstoff für die gesamte Menschheit ausreichen. Aber so bestellte Großbritannien fast sieben Dosen je Einwohner und Kanada gleich neun Dosen pro jeden. Das ist allerdings sehr kurzsichtig gedacht, denn die mutierten Viren halten sich leider nicht an Ländergrenzen und kommen demnächst aus den Elendsregionen zu uns zu Besuch. Oder wir besuchen sie freiwillig im nächsten Urlaub.

  • Ingo, was schließen wir daraus? Wo man hinschaut in Deutschland – ein komplettes Staatsversagen. Nicht nur im Gesundheitswesen, wo Minister Spahn morgens im ZDF verkündet: „Wir wissen vor allem, wo es die Hauptansteckungspunkte gibt. Nämlich beim Feiern, beim Geselligsein, zu Hause privat oder eben in der Veranstaltung, auf der Party im Klub.“ Abends geht er dann zu einem Dinner mit einem Dutzend Gästen und wird am nächsten Tag positiv auf Corona getestet.

Die Menschen verlieren nach den vielen gebrochenen Versprechungen und einem Jahr Krisenzustand zunehmend das Vertrauen in einen fürsorglichen und kompetenten Staat, vor allem was den Schutz der Kinder, Ältesten und Schwächsten angeht.

  • Aber der Staat versagt doch nicht nur beim Thema Corona, Ingo. Schau dir nur unser Justizwesen an: ein verzweifelter Oberstaatsanwalt erklärt öffentlich, dass die Politik in Berlin die Verbrechensbekämpfung ruiniert habe. Mit zuwenig Personal und veralteter Technik in maroden Büros schafft er immer seltener eine Anklage und zu viele Kriminelle kommen ungestraft davon. 2019 betrug seine Aufklärungsquote 44,7% gegenüber 57,5% in Deutschland.

Oder unser Bildungswesen: Der Präsident des Lehrerverbandes hat auch gerade die Schnauze voll: jahrzehntelang gescheiterte Reformen und jetzt ein katastrophales Krisenmanagement. Sein Schlachtruf: Entmachtet die Kultusministerkonferenz!

  • Die Beispiele können wir unendlich fortsetzen. Wo der Staat seine Finger drin hat, wird es schlimmer. Wie wollen wir die drohende Klimakatastrophe überstehen? Gerade gerät der Golfstrom ins Stottern. Was ist nur mit unserer Regierung passiert? Angela Merkel ist Physikerin, sie hat doch über viele Jahre eine vernünftige Politik betrieben. Wo ist ihr Geschick zur objektiven Analyse und angemessenen Therapie abgeblieben?

Jupp, vielleicht liegt genau da die Ursache: in ihrer Ausbildung. Unbelebte Objekte nach physikalischen Naturgesetzen beobachten und deren Wechselwirkungen beurteilen ist ihre Fachdisziplin. In der Krisenzeit hat sie es aber mit störrischen Menschen zu tun, die sich nicht mehr nach von oben verordneten Grundregeln verhalten, weil ihnen die Sinnhaftigkeit nicht erkennbar ist. Die Gegenströmungen der Querdenker und Widerständler organisieren sich stärker und erreichen immer mehr Verlierer. Die genervten Normalbürger lassen sich nicht mehr ruhigstellen und finden in den alternativen Medien ein machtvolles Sprachrohr.

  • Donald Trump hat die Macht der social media perfekt genutzt und seine wütenden Fans hinter sich versammelt. Ja, Ingo, ich muss zugeben, du hast es schon im Oktober 2018 prophezeit. Die Tage der Obrigkeit sind langsam gezählt. Für viele hart arbeitende Menschen geht es plötzlich um die Existenz und die Hilfe von Vater Staat bleibt aus. Der Respekt wird versagt, das Misstrauen wächst – und mit ihm die Wut.

Der Anfang vom Ende ist da, wenn man seine Kritiker ignoriert. Der Kölner Professor Matthias Schrappe hat als Infektiologe und stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit über viele Jahre die Bundesregierung beraten und argumentiert seit einem Jahr gegen den Lockdown als einzige Corona-Bremse. Er sagte kürzlich in einem Interview: „Ich würde die Kanzlerin natürlich gern beraten, wenn sie eine andere Stimme hören wollte. Aber ich rechne nicht damit, dass sie anruft. Frau Merkel hat sich in einen Tunnel vergraben. In der Risikoforschung nennt man das Kuba-Syndrom, wenn sich eine Führungsgruppe nur mit Menschen umgibt, die alle der gleichen Meinung sind. Dann gibt es nur die dauerhafte Fortsetzung von Fehlern.“

  • Ich fürchte, Ingo, Corona wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern. Wir werden eine wachsende Entfremdung zwischen Bevölkerung und Politik erleben. Und die Quittung wird uns schon bald präsentiert werden: eine Bundestagswahl, fünf Landtags- und drei Kommunalwahlen in diesem Jahr und weitere vier Landtagswahlen in 2022. Möglicherweise wird die politische Landschaft danach ganz anders aussehen.

Kopf hoch, Jupp. Krisen sind auch immer mit Chancen verbunden. Konzentriere deinen Blick auch auf die positiven Nachrichten der Hilfsbereitschaft, Aufbruchstimmung und Kreativität. Wir können aus unseren Fehlern auch lernen und mit der zunehmend aufmüpfigeren Jugend das verkrustete System renovieren. Denke an die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts, als von der Jugend der „Muff von Tausend Jahren aus den Talaren“ weggeblasen wurde. In diesem Sinne lass uns auf die Zukunft anstoßen, die meistens nicht so kommt, wie wir sie uns vorstellen. Prost.

 

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.
(Chinesische Weisheit)

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.
(Mahatma Gandhi)

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird;
aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.
(Georg Christoph Lichtenberg)

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von Ingo Nöhr

Über das liebe Geld

Der vergangene Monat Januar war vollgestopft mit aufregenden Neuigkeiten. Der Sturm auf das US-Kapitol, die Ablösung des Trump -Regimes, die hektischen Corona-Aktionen der Regierenden in Bund und Länder, das Impf-Chaos, der erneute Lockdown – die Ereignisse hätten für ein ganzes Jahr gereicht. Kein Wunder, dass unsere beiden Klinik-Rentner sich etwas genervt von dem Medienrummel abwenden und nun eher grundsätzlichen Themen zuwenden.

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von Ingo Nöhr

Der Homunkulus in der Echokammer

Nach einer Pause im Dezember treffen sich die beiden Klinikpensionäre Jupp und Ingo wieder im virtuellen Raum des Internets zu ihrem traditionellen Stammtischgespräch. Gemäß ihrer Mentalität haben sie die Zeit mit unterschiedlichen Aktivitäten verbracht. Während der optimistische Denker Ingo sich in fast mönchischer Klausur in seinen Sabatmonat zurückgezogen hat, wurde der handwerklich besser begabte Jupp in seinem Haus und Garten in kreativer Weise tätig.

Während die beiden vor einem Jahr eine Rückschau der letzten zehn Jahre mit einem optimistischen Blick in die Zukunft getätigt hatten, gerät die Erinnerung an die letzten zwölf Monate zu einer gänzlich anderen Betrachtung. Der damalige Rat von Wilhelm von Humboldt erfüllte sich auf unerwartete Weise: „Man muss die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen.“

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