INGOs NÖHRgeleien Mai 2021

von Ingo Nöhr

Das komplex-dynamische Covid-19 Virus

Ingo Nöhr zum 1. Mai 2021

Das komplex-dynamische Covid-19 Virus

In Deutschland rumort es gerade gewaltig. Dritte Corona-Welle, Bundes-Notbremse mit Ausgangssperren, widerspenstige Bürger, Bundesländer und Kommunen, mittendrin die Parteien im stellenweisen skurrilen Wahlkampf. Aber auch Massensterben in Indien gegenüber Herdenimmunität in einigen Ländern, Hundert Tage Joe Biden mit überraschenden Erfolgsbilanzen – Extreme der Zeitgeschichte treffen täglich in den Nachrichten aufeinander. Eine spannende, aber auch schwierige Zeit für die beiden Klinikhaudegen Ingo und Jupp, die aber in Kürze mit ihren Impfterminen rechnen können.

Hallo Ingo, wie läufts bei dir? Ich bin ja ein gutmütiger Mensch und mir liegt viel an einer guten Nachbarschaft. Aber in letzter Zeit nervt mein Nachbar gewaltig.

  • Es grüßt dich vom Bildschirm dein virtueller Nachbar, Jupp, den du beim Nerven einfach abschalten kannst. Meinst du jetzt den Q-Anon-Fan, von dem du schon mal erzählt hast?

Genau der, Ingo. Jetzt war ich für ihn beim Baumarkt Schrauben einkaufen. Er darf ja nicht rein, weil er keinen Schnelltest vorweisen kann.

  • Verstehe ich nicht, diese Tests erhält man doch mittlerweile kostenlos an vielen Stellen in der Stadt.

Sein Problem ist nicht der Schnelltest an sich, sondern diese Stocherei mit den Stäbchen in der Nase. Zuerst hatte er Angst, dass damit ein Loch ins Gehirn gebohrt wird, weil alle ihm erzählt haben, dass diese brutal bis zum Anschlag eingeführt werden. Damit werden heimlich die Mikrochips von Bill Gates ins Gehirn eingepflanzt. Ich habe mir daraufhin ein paar versiegelte Stäbchen von der Schnellteststation besorgt. Unter Lupe haben wir dann gemeinsam die Wattebausche seziert. Faser für Faser – kein verdammter Chip zu finden.

  • Es gibt doch jetzt schon die verbesserte Version, die nur vorne im Rachenraum Sekret aufnehmen. Da braucht man nicht mehr bohren.

Ja richtig, habe ich ihm auch erzählt. Aber zwei Tage später bringt er mir einen Internetausdruck vorbei: Achtung: Die Stäbchen werden in Ethylenoxid getränkt, um sie steril zu halten! Dazu knallt er mir einen Haufen Kopien auf den Tisch: darunter die Ethylenoxid-Verordnung sowie eine Gefährdungsbeurteilung des Bundesinstituts für Risikobeurteilung. Darin dick mit Rotstift unterstrichen: „gentoxisches Kanzerogen ohne Schwellenwert“. Wütend schreit er mich an: „Ich wusste es gleich, das ist ein extremes Krebsgift. Der Verbrecherstaat will uns alle vergiften!“

  • Du hast ihm natürlich gleich erklärt, dass Ethylenoxid ein Gas ist, dessen Anwendung vom TÜV zertifiziert wird und dessen Konzentration in den Stäbchen nach dem Ausgasen nicht mehr messbar sein dürfte.

Natürlich, ich habe mich schließlich in unserer Klinik jahrelang mit Sterilisationsverfahren herumgeschlagen. Aber das hat ihn gar nicht interessiert. Er hat dann von Chemtrails und vergifteten Lebensmitteln geschwafelt, die schon seit langem die Bevölkerung dezimieren. Und jetzt kommen noch die massenhaften Corona-Impfungen, die Hirnthrombosen und in Zukunft willenlose Zombies erzeugen.

  • Du hättest ihn fragen können, warum ein Staat seine Steuerzahler umbringen sollte, die bringen ihm doch jeden Monat Geld ein. Die Abgeordneten werden nicht gerne auf ihre dicken Diäten verzichten.

Ingo, so ähnlich habe ich ihn auch nach dem Sinn des Ganzen gefragt. Und daraufhin hat er mich in ein streng gehütetes Geheimnis der Querdenker eingeweiht – die alternativen Zehn Gebote der Georgia Guidestones in den USA. Dort ist die Agenda für eine neue Welt eingemeißelt: in zehn Richtlinien in zwölf Sprachen.

  • Jupp, das habe ich jetzt gerade gegoogelt. Tatsächlich, sie werden auch das amerikanische Stonehenge genannt. Sind allerdings nur 40 Jahre alt und nicht 4000 wie das englische Original. Und von einem Privatmann errichtet. Was ist daran jetzt besonders?

Ingo, lies die erste Richtlinie: „Maintain Humanity under 500.000.000 in Perpetual Balance with Nature“. Die geheime Weltregierung will die Bevölkerung von acht Milliarden Menschen auf eine halbe reduzieren. Für die natürliche Balance. Dafür ist denen kein Mittel zu schade. Die Corona-Pandemie haben sie insgeheim ein Jahr vor dem Ausbruch in einer Simulation geprobt. Mein Nachbar hat mich nun zu einem Eingeweihten gemacht. Der ist für Argumente überhaupt nicht mehr zugänglich. Wie peinlich – jetzt bin ich ein Auserwählter. Ingo, du musst mich retten.

  • Ich verneige mich vor dir, du Gesalbter. Mir fällt gerade die Richtlinie 7 ins Auge: „Vermeide belanglose Gesetze und unnütze Beamte.“ Die kann ich direkt unterschreiben. Hat dir dein Nachbar auch verraten, wer hinter dieser geheimen Regierung steckt?

Nur unter strengster Vertraulichkeit: die Illuminati. Das haben die Q-Anons rausgefunden, als sie deren geheimes Erkennungszeichen entdeckt haben - das SGD-Wheel. Das ist ein kleiner Anstecker in Regenbogenfarben, offen getragen vom WHO-Chef Tedros, Boris Johnson, Emanuel Macron, Renate Künast. Die meisten haben sich aber noch nicht geoutet. Sie treffen sich jedes Jahr in Davos und bei den Bilderberger-Meetings, allen voran auf Einladung von Klaus Schwab. Und in seinem Umkreis findet man dann Warren Buffett, George Soros, David Rockefeller und natürlich Bill Gates.

  • Das SDG-Rad symbolisiert doch die 17 Sustainable Development Goals mit der Agenda 2030, dem Nachfolger der Millennium Development Goals. Ende März 2020 hat doch die UN einen Bericht zu den Nachhaltigkeitszielen veröffentlicht, um aus der Covid-19 Pandemie zu lernen und die Agenda 2030 konsequenter und schneller als bisher umzusetzen. Da sind doch hehre Ziele formuliert. Ich zitiere mal: "Diese menschliche Krise erfordert von den führenden Volkswirtschaften der Welt koordinierte, entschlossene, integrative und innovative politische Maßnahmen - und maximale finanzielle und technische Unterstützung für die ärmsten und am stärksten gefährdeten Menschen und Länder. Denken wir daran, dass wir nur so stark sind wie das schwächste Gesundheitssystem in unserer vernetzten Welt.

Lieber Ingo, der UN-Generalsekretär hat aber auch verkündet: "Mit den richtigen Maßnahmen kann die COVID-19-Pandemie den Beginn einer neuen Art globaler und gesellschaftlicher Zusammenarbeit markieren." Das ist natürlich Wasser auf den Mühlen der Verschwörungstheoretiker – die Ankündigung der Neuen Welt.

  • Also Jupp, über die alternative Welt der Verschwörer könnten wir uns köstlich amüsieren, wenn sie nicht so ernsthafte Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hätte. Die radikalen Republikaner in den USA sind doch für jeden ein abschreckendes Beispiel.

Da hat natürlich das Internet mit Twitter, Facebook und Fox News entscheidend dazu beigetragen. Die permanenten Fake News haben gegenüber der Wahrheit dominiert und sich allmählich in den Köpfen der Menschen festgesetzt. Große Gruppen haben sich in ihrer Meinungsblase eingerichtet und fühlen sich täglich aufs Neue bestätigt.

  • Nicht nur, Jupp. Viele US-Bürger halten ihre Regierung der schlimmsten Verbrechen für fähig, siehe Pearl Harbour, Mondlandung, 11. September Anschlag. Und in Deutschland? Durch das dilettantische Krisenmanagement der staatlichen Echokammern ist in weiten Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in die Fürsorge des Staates zerstört worden.

Kein Wunder, Ingo. Länder und Kommunen gehorchen nicht mehr den Vorgaben des Bundes, Gerichte kippen serienmäßig Verbote und Anordnungen, Warnungen der Wissenschaftler werden vorsätzlich ignoriert, führende Politiker und andere Prominente ruinieren durch Inkompetenz ihre Reputation. Wie soll da noch ein Vertrauen bestehen bleiben?

  • Wir haben ein Wiederaufleben des Reaktanz-Effektes – die heftige Abwehr einer vermeintlich unverständlichen Anordnung durch Obrigkeiten. Wir hatten diesen Effekt in den 1970er Jahren, als die Sicherheitsgurte bei Autos eingeführt wurden. Millionen Menschen wehrten sich hysterisch gegen die Anschnallpflicht und bestanden wütend auf die Freiheit ihrer Entscheidung.

Ich erinnere mich daran, Ingo. Erst als 1984 ein heftiges Bußgeld für Gurtmuffel eingeführt wurde, schnallten sich die Autofahrer an. Ähnliches haben wir doch auch bei den Rauchverboten erlebt. Raucher empfanden dies als Einschränkung ihrer Persönlichkeitsrechte.

  • Für das Missmanagement sind noch drei weitere Defizite im menschlichen Empfinden verantwortlich. Angela Merkel wurde Ende September 2020 für ihre Weihnachtsprognose ausgelacht: fast 20.000 Neuinfektionen angesichts der 1200 aktuell Infizierten waren unvorstellbar. Dabei hatte sie den Trend nur exponentiell hochgerechnet. Bereits am 5. November überschritt die tatsächliche Anzahl ihre Prognose.

Dabei gibt es ein anschauliches Beispiel für exponentielles Wachstum: auf einem Teich setzt man eine Seerose, die sich jede Woche verdoppelt. Nach einem Jahr ist der halbe See bedeckt. Und schon am nächsten Tag ist vom Wasser nichts mehr zusehen.

  • Das zweite Problem des Menschen ist die verzerrte Risikowahrnehmung. 2017 gaben 71% der Deutschen die Angst vor terroristischen Anschlägen an erster Stelle an. Das Risiko, an einer Herzattacke zu sterben, ist 17.600-mal höher. Pro Tag beklagen wir 3,5 Drogentote, aber 203 Tote durch Alkoholkonsum und 301 durch das Rauchen. Das Risiko, durch eine Corona-Impfung an Hirnthrombose zu sterben, beträgt unter 10 zu 1 Million. Ohne Impfung steigt es auf 1000 in Deutschland und 2000 in Großbritannien. Die Antibabypille führt bei etwa 1000 von 1 Million Fällen zu Beinthrombosen. Die Versicherungswirtschaft hat dafür die Einheit Mikromort entwickelt. Um das individuelle Sterberisiko um ein Millionstel zu erhöhen, muss man 370 km mit dem Auto fahren oder 1,4 Zigaretten rauchen.

Also Ingo, wenn ich dich so höre, haben wir unser Sterberisiko in den letzten Monaten bestimmt um einige Mikromorts verringert, weil wir uns nicht mehr so viel aus dem Haus trauen und dem gefährlichen Treiben da draußen aussetzen. Leben ist eben lebensgefährlich.

  • Könnte man so sehen, aber deine Mikromort-Rechnung wird gleich komplexer, wenn du die Tatsache einbeziehst, dass du nicht mehr so oft zum Arzt läufst. Dort könnte er frühzeitig eine unbekannte Krankheit entdecken oder aber er überweist dich an einen Facharzt, der unnötigerweise eine risikoreichere Therapie in einem Krankenhaus veranlasst. Dafür dürfte durch die konsequenten Hygienemaßnahmen in der Klinik das Risiko geringer sein, sich mit einem multiresistenten Krankenhauskeim zu infizieren.

Vielleicht will ich die Berechnung meiner Risiken nicht mehr so genau wissen, Ingo. Reden wir mal über das dritte Defizit. Welches ist es denn?

  • Eine uralte Herausforderung des Menschen ist das Managen von komplex-dynamischen Systemen. Wir sind umgeben davon, nicht nur in der Technik. Schau in den Körper des Menschen, in die Gesellschaft, der Natur und das Klimageschehen. Überall wirken kompliziert vernetzte Systeme, die auf äußere Eingriffe unvorhersehbar reagieren. Unsere staatlichen Regelsetzer versuchen sich regelmäßig mit linearen Eingriffen in die Steuerung der Wirtschafts-, Finanz-, Bildungs- oder Gesundheitspolitik und scheitern an den unberechenbaren Reaktionen der Netzwerke.

Ingo, du meinst also, die Corona-Pandemie spielt sich auch in einem solchen komplexen System ab?

  • Klar, die Ministerpräsidenten haben in ihrer Echokammer nur einen begrenzten Einblick in das Geschehen gehabt. Sie hätten wegen der Komplexität viel öfter zusätzliche Fachleute aus den medizinischen Disziplinen, Psychologen, Pädagogen, Soziologen, Mathematiker und neutrale Wirtschaftsexperten einbeziehen müssen und vor allem auf unbequeme Kritiker hören sollen. Die Dynamik, die durch neue Erkenntnisse der Virologie und Epidemiologie, aber auch durch permanente Mutationen des Virus gestaltet wird, kann mit den langen Entscheidungswegen, den Kommunikationsdefiziten und der extrem langsam reagierenden Bürokratie nicht aufgefangen werden. Andere Länder wie Taiwan, Israel und zuletzt auch Portugal haben die dynamische Entwicklung einfach durch radikale Quarantäneregeln eingefroren. In China haben die Behörden sogar Fenster und Türen von Wohnhäusern zugenagelt. Nach wenigen Wochen totalen Stillstand war das Virus regelrecht ausgehungert.

Also Ingo: jetzt graut mir immer mehr vor der kommenden Klimakatastrophe. Sie ist doch viel komplexer und dynamischer als alles bisher Dagewesene. Damit werden doch alle staatlichen Strukturen und Prozesse überfordert. Was hast du als unverbesserlicher Optimist da noch an Hoffnung zu bieten?

  • Tja mein lieber Freund Jupp, vielleicht kann ich deine Angst etwas reduzieren. Du spürst doch auch die zunehmende Unruhe in der Bevölkerung. Ein Umdenken der Werte beginnt. Die historisch gewachsenen Strukturen in Politik und Gesellschaft wackeln. Große Teile der Gesellschaft glauben nicht mehr daran, dass das neoliberale Wirtschaftssystem die gegenwärtigen Herausforderungen bewältigen kann. Vielleicht bekommen wir im September eine Kanzlerin, die mit neuem Denken die Probleme angeht. Denn allen ist doch heute schon klar: ein Weiterso kann es nicht mehr geben.

Also Ingo, glauben wir an deine Erwartung, dass Krisen immer auch neue Chancen bieten. Beispiele in der Geschichte gibt es ja reichlich. Trinken wir auf die Zukunft. Salut. 

 

Ein Experte ist ein Mann, der hinterher genau sagen kann, warum seine Prognose nicht gestimmt hat.
Winston Churchill

Ganz gleich, wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im Heute von Neuem beginnen.
Buddha

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.
Albert Einstein

 

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