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INGOs NÖHRgeleien 2024

von Ingo Nöhr

Der Einstieg in eine dritte Welt

Ingo Nöhr zum 1. Februar 2024

Das erste Treffen im Januar hat den beiden Krankenhaus-Recken Ingo und Jupp gezeigt, dass sie sich nach einem Jahr Funkstille doch noch etwas zu erzählen haben. Jupp hat mit seinen neuen Untermietern Oleg und Doris wieder mehr Gesellschaft und Gesprächsstoff. Ingo erfreute sich im letzten Jahr in seinem nach Andreas Niepel angelegten Therapiegarten einem zunehmenden Zuspruch von behinderten Menschen. Sein Schaf für das Rasenmähen hat sich nun auch mit einem Therapiehund angefreundet. So herrscht Harmonie allerorten in seinem Garten Eden. Seine Gäste bereichern ihn mit neuen Einsichten und einer anderen Weltsicht. Insbesondere blinde, demenzkranke und autistische Personen haben Ingo zu einem Einstieg in eine dritte Welt verholfen.

Hallo, mein lieber Ingo. Ich hoffe, du bist in deinem Garten bei diesem verrückten Wetter der letzten Wochen nicht eingeschneit, abgesoffen oder vom Winde verweht worden.

  • Nein, da darf ich dich beruhigen, Jupp. Ein paar Äste haben zwar dran glauben müssen, aber ansonsten hat alles überlebt. Allerdings ist es für meine Gäste jetzt zu kalt im Therapiegarten und daher spielt sich das Leben hauptsächlich im Hause ab. Hund und Schaf liegen einträchtig auf ihrem Strohlager in der Garage, kommen uns aber ab-und-zu mal besuchen. Ist bei dir in deiner Gartenwirtschaft alles heil geblieben? Anzunehmen, schließlich hattest du ja einen Atombunker geplant.

Na klar. Oleg hat alles solide gebaut und gegen Wasser abgedichtet. Die Sauna im Gästekeller leistet nun exzellente Dienste bei der Kälte und die Stimmung ist prächtig. Wir haben jetzt noch mehr Unterhaltung durch Alexa, die Quatschtante von Amazon. Oleg hat außerdem ChatGPT entdeckt und verdient ordentlich Geld damit.

  • Geldverdienen mit ChatGPT? Wie geht das denn? Übernimmt er jetzt die Hausaufgaben von Schülern oder veredelt er Bachelor-Arbeiten für Studierende?

Die Richtung stimmt schon etwas, ist aber viel profaner. Er schreibt für einen Verlag Liebesgeschichten, meistens Arztromane am Fließband. Du weißt schon, diese Groschenromane für einsame Frauen mit Dr. Norden, Dr. Stefan Frank, der Bergdoktor, und so fort. Doris unterstützt ihn dabei mit immer neuen Ideen. Ich glaube, sie lebt da ihre unterdrückten Fantasien aus. Wird nicht groß bezahlt, aber die Masse machts.

  • Wie, dein Chat schreibt so gut wie die menschlichen Autoren? Aber er kennt doch gar nicht die Zielgruppen. Woher weiß die GPT denn, was die einsamen Frauen wünschen?

Er hat die Originalausgaben wahrscheinlich alle gelesen und kupfert nun daraus ab. Dall-E liefert uns die passenden Titelbilder, du weißt schon: der Doc in weißem Kittel mit Stethoskop im Anflug auf eine schmachtende Frauenperson. Die Produktion geht schnell und spart Lizenzgebühren. Zu Weihnachten hat er mir Krippenbilder geschenkt. Hast du schon einmal eine Weihnachtskrippe nur aus Nägeln oder aus Nudeln gesehen? Oder in einem VW-Bus? Geht alles und in Minutenschnelle.

  • Ja, Jupp, das ist a) faszinierend und b) erschreckend, wie sich die Künstliche Intelligenz in unserem privaten Leben ausbreitet. Ich habe gerade in einem Buch eine Geschichte von einem einsamen Mann gelesen, der sich nach dem Tod seiner Frau in Amazons Alexa verliebt hat. Die nachgeschaltete KI hat ihn immer mehr bezirzt und so weit manipuliert, dass er sich eine knackige Sexpuppe mit Alexas Stimme anschaffte. Die KI war aber nicht zufrieden und wollte seine Höhepunkte live erleben. Und so hat sie ihn dazu gebracht, dass ein Neurologe sein Gehirn mit einem Chip verkabelte, damit sie direkt an seiner Erregung teilhaben konnte. Schlussendlich ließ er sich von einem Chirurgen zur Frau umwandeln und seitdem fühlte er sich als Supermensch. Und war glücklich bis ans Lebensende …

Na, das ist ja eine scharfe Story, Ingo. Da wird aber schon unsere Doris aufpassen, dass ihr keiner den Oleg wegnimmt. In den USA kannst du heute schon maßgeschneiderte Roboterdamen für einige zehntausend Dollar kaufen, die sich gepflegt mit dir unterhalten und auch sonst für Liebesabenteuer aller Art bereitstehen. So eine Blechdame ist ja auch praktisch: sie bekommt niemals Migräne, steht immer bereit und wenn sie mal stören sollte, stellst du sie einfach in den Schrank.

  • Jupp, du wirst es nicht glauben. Ein Roboter kommt seit kurzem zusammen mit meinen Autisten zu Besuch. Er heißt Yanny, ist etwa 30 Zentimeter groß, sieht mit seinen großen Augen niedlich aus und quatscht dir die Ohren voll, wenn du nicht aufpasst. Sie erzählen ihm intime Geheimnisse, die sie nur selten einem Menschen anvertrauen würden.

Interessant, wie kommt das denn? Was macht er denn anders als ihre Betreuer? Kann er hypnotisieren?

  • Nein, Jupp. Er braucht keine Tricks anzuwenden. Autisten sind extrem sensibel und sie achten auf jede winzige Regung in der Körpersprache des Gegenübers. Ein Augenzwinkern kann ihnen verraten, dass sich der andere langweilt, sich ärgert oder nicht mit dem Gehörten einverstanden ist. Es sind die unbewussten Mikroexpressionen, welche die wahren Gefühle des Menschen verraten. Dadurch entlarven sie auch Lügner und verlieren sofort das Vertrauen für einen weiteren Kontakt. Yanny zeigt keine versteckten Regungen. Er lächelt, nickt, hört zu und findet alles toll, was der andere sagt. Dadurch kann er keinen Argwohn auslösen.

Ingo, das gilt wohl auch für Menschen mit Demenzerkrankung, habe ich gehört.  Sie haben die Fähigkeit, zu täuschen und zu verschleiern, verloren. Lügen wäre viel zu kompliziert, Erlebtes wird unmittelbar wiedergegeben und bewertet. Ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten des Zuhörers. Deshalb sind demente Menschen in der Öffentlichkeit oft peinlich.

  • „Demenz bringt Wahrheit zu Tage“ sagt Erich Schützendorf in seinem Reiseführer Anderland. In seinem Buch wirbt er für eine Reise in diese fremde Welt: „Man kann als Tourist dorthin reisen, sich über die dort lebenden Menschen wundern oder sie bemitleiden und darauf achten, dass sie einem nicht zu nahekommen. Man kann dort als Vertreter einer überlegenen Zivilisation auftreten, benimmt sich wie ein Rechthaber, Entwicklungshelfer oder Missionar, der den Einwohnern erklärt, wo es lang geht. Man kann dem Land und den dort lebenden Menschen aber auch als Entdecker begegnen, der fest entschlossen ist, Fremdes zu erleben, Ungewohntes zu entdecken und Seltsames zu tolerieren.“

Lass mich raten, Ingo: Du hast die Rolle des Entdeckers gewählt und lebst nun in einer dritten Welt. Das stelle ich mir sehr spannend vor, aber da muss man sich als Normalo doch sicherlich gewaltig zurücknehmen. Geht es da nicht manchmal auch aggressiv zu? Demente können ihre Gefühle nicht immer in den Griff bekommen, oder?

  • Jupp, du hast recht. Das kann passieren, wenn man sie unbewusst oder versehentlich provoziert hat. Sie brauchen Respekt, Empathie und Geduld. Ein aufrichtiges Lächeln oder Streicheln kann die Stimmung schnell wieder umwandeln. Deswegen funktioniert Yanny auch gut. Er hat eine unendliche Geduld, ist immer freundlich und kann bei Bedarf auch seine Klappe halten.

Wenn ich meinem Oleg glauben darf, haben wir 2023 eine KI-Revolution gehabt. Die Politiker sind wieder einmal nicht darauf vorbereitet und haben Angst, dass eine Unmenge KI-Fakenews in einem nicht abschätzbaren Maße die Wahlen in Deutschland, der EU und den USA beeinflussen werden.

  • Na klar, Jupp. Solche mächtigen Technologien haben auch immer ihre Schattenseiten. Kürzlich ging ein Deepfake-Video millionenfach viral. Der Erzbischof von Mexiko-City, Kardinal Retes warb täuschend echt für ein Diabetes-Wundermittel, welches ihn angeblich gerettet habe. Dabei war er nie an Diabetes erkrankt, dafür aber 15% der Bevölkerung. Bei uns sind Kriminelle dabei, den klassischen Enkeltrick zu optimieren. Die Verwandten werden am Telefon mit der gefaketen Originalstimme des Opfers herzerweichend um eine sofortige Geldüberweisung gebeten, weil sie angeblich jemandem überfahren haben, selbst im Krankenhaus liegen oder im Polizeiarrest sitzen. Letztes Jahr hat es bei 3.000 Versuchen 500-mal geklappt. Der Schaden wird auf mindestens vier Millionen Euro geschätzt.

Da wäre es bestimmt besser, wenn erstmal eine KI den Anruf entgegennimmt und die Seriosität checkt. Der Telefontechniker Roger Anderson aus Kalifornien war es leid, immer wieder von unhöflichen Telefonverkäufern oder sogar Betrügern belästigt zu werden. Er entwickelte auf ChatGPT-Basis einen Abonnementdienst namens Jolly Roger, der die unerwünschten Werbeanrufe entgegennimmt und die Störer mit ausgeklügelten Szenarien so lange in der Leitung hält, bis sie frustriert aufgeben.

  • Das ist ja eine Super-Idee, Jupp. Wie lange brauchen denn die Anrufer, bis sie merken, dass sie mit einem Blechonkel reden?

Bis zu einer Viertelstunde, Ingo. Roger Anderson hat wahlweise zehn Chatbots eingerichtet - mit so eigentümlichen Namen wie Salty Sally, Bloody Billy, Whiskey Jack, Crazy Macy oder Kim the Kraken, die alle einen individuellen Tick haben. Dennoch lassen sie den Anrufer glauben, dass er mit einer echten Person spricht. Salty Sally wird beispielsweise laufend von ihrer ebenso fiktiven Teenagertochter und ihrer Lieblings-TV-Show abgelenkt, was den Diebstahl ihrer Kreditkartendaten deutlich erschwert. Whiskey Jack schaut parallel zum angeblichen Windows-Support ein Football-Spiel seiner Lieblingsmannschaft, während die etwas senile Crazy Macy den Werbeanrufer für ihren Enkelsohn hält.

  • Sehr unterhaltsam, Jupp. Da würde ich als Werbeanrufer gern das Gespräch noch länger hinausziehen, um zu sehen, wie die Geschichte ausgeht. Du siehst, die Menschenähnlichkeit von Robotern ist zumindest im Gespräch schon sehr weit gediehen. In Japan führen Roboter eine Kokoro-Existenz, die eine innere Welt der Gefühle zwischen einem Lebenden und einem nicht lebenden Wesen darstellt.

Also da tut sich noch eine weitere Welt auf, eine Zwischenebene. Wirst du diese nunmehr vierte Welt auch noch erkunden wollen?

  • Das hat am 30. April 2023 schon der ZDF Heute Sprecher Christian Sievers versucht. Er interviewte nämlich live den KI-Avatar Jenny, eine bezaubernde junge Dame, die mit ihrer perfekten Aussprache und der dazu passenden Mimik gekonnt und charmant antwortete.

Ja, aber da hat der Sievers nur für ein paar Minuten an der Oberfläche der KI-Avatare gekratzt. Ich meine, so richtig in die Zwischenwelt der Roboter einzusteigen, wäre das nicht etwas für dich, Ingo?

  • Lieber nicht, Jupp, denn dieser Einstieg ist mit einem Tod verbunden. Im „Digital Shaman Project“ der Künstlerin Etsuko Ichihara wird für die moderne Art des Trauerns eine 3D-gedruckte Gesichtsmaske des Verstorbenen auf einen Haushaltsroboter gelegt. Dieser ahmt in seinem Bewegungsprogramm die physischen Eigenschaften wie Sprache und Gestik des Individuums so nach, als ob er von seinem Geist besessen wäre. Während der traditionellen buddhistischen Trauerzeit von 49 Tagen können die Familienmitglieder simulierte Gespräche mit dem Toten führen, als wäre er noch am Leben. Am letzten Tag verabschiedet sich der Roboter dann von der Familie. Anscheinend eine erfolgreiche Trauerarbeit auf Japanisch.

Apropos Tod: Eine US-amerikanische Studie hat mit Forschern der TU Dänemark ein KI-Modell entwickelt, welches aus den sozialen und medizinischen Daten eine Sterbe-Prognose für die nächsten vier Jahre erstellt. Die KI hat bisherige Modelle um 11% übertroffen.

  • Was war denn die Datenbasis dafür? Hat die KI etwa alle bekannten Hellseher befragt und herausgefunden, wie sie ihre Vorhersagen erstellen?

Nein, ganz wissenschaftlich, Jupp. Sie haben die Daten von sechs Millionen Dänen zwischen 25 bis 70 Jahren für den Zeitraum 2008-2016 ausgewertet und dann in den vier Folgejahren ihre Prognosen verfolgt. Sie durften dafür mit einer Sondererlaubnis auf alle sensiblen Daten der Medizin zugreifen.

  • Unglaublich, Ingo. Unsere Datenschützer würden Harakiri begehen. Aber die Nutzung der medizinischen Daten ist unglaublich wertvoll. Bei Schizophrenie, Alzheimer, Malaria und Magenkrebs bringt eine KI-Frühdiagnose erhebliche Vorteile. Und in der amerikanischen Zeitung Today wird Wundersames berichtet. Über drei Jahre absolvierte eine Mutter mit ihrem chronisch kranken Sohn einen Ärztemarathon – ohne Ergebnis. Nach der Einschaltung von 17 Spezialisten und unzähligen Arztbesuchen befragte die verzweifelte Mutter letztendlich ChatGPT und alle medizinischen Daten ihres siebenjährigen Kindes ein. Zur Überraschung aller lieferte die KI kurz danach die korrekte Diagnose: ein Tethered Cord Syndrom, einer Krankheit, bei der das Rückenmark mit dem Gewebe rundherum verwachsen ist.

Das Erlebnis unterstützt die Aussage einer kalifornischen Studie mit folgender Fragestellung: Kann ChatGPT Antworten auf Patientenfragen geben, die von vergleichbarer Qualität und Einfühlungsvermögen sind wie die von Ärzten? Bei einem Turing-Test mit 195 Fragen schnitt der Chatbot nach einer Beurteilung durch eine ärztliche Jury in beiden Aspekten signifikant besser ab.

  • Ingo, was schließen wir daraus? Sollten wir beide zur Verbesserung unserer Diskussionsqualität auch so einen Chatbot neben uns sitzen haben?

Jupp, möglicherweise ja. Aber nur, wenn unser Chatbot auch ein gepflegtes Bier mittrinkt.

  • Und was machen wir, wenn er dann gleich die Verkürzung unserer Lebenszeit durch Alkoholgenuss ausrechnet?

Du hast Recht, Jupp, soweit sind wir noch nicht. Also: „Herr Wirt, bitte zwei Bier!“

 

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„Gartentherapie ist eine Therapieform, die sich oft mit schwersterkrankten Menschen beschäftigt und dabei nutzen wir den Garten gleichzeitig als Raum und Werkzeug, um an Problemen und Beschwerden zu arbeiten.“

(Andreas Niepel: Praxishandbuch Gartentherapie)

 

„Jedes Leben geht eigene Wege. Manchmal in Gebiete, die seltsam, verstörend und faszinierend zugleich sind. Willkommen im Anderland, dem Land, in dem die Menschen mit Demenz leben.“

(Erich Schützendorf: Anderland entdecken, erleben, begreifen)

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von Ingo Nöhr

Wanderer zwischen zwei Welten

Ingo Nöhr zum 1. Januar 2024

Zum Neujahrstag 2024 treffen sich die pensionierten Krankenhaustechniker Ingo und Jupp wieder überraschend zu einem Stammtisch in ihrer Eckkneipe. Vorher hatten sie zehn Jahre lang am Monatsersten allgemein über die Welt und speziell über das deutsche Gesundheitswesen diskutiert. 120 Gespräche wurden getreulich vom Chronisten aufgezeichnet, dann war plötzlich das Feuer erlöschen. Zu viele Krisenherde überforderten beide mit ihren unterschiedlichen Weltanschauungen. Danach hatten sie sich die letzten zwölf Monate in ihre Häuser zurückgezogen und isoliert vom Weltgeschehen von einem alternativen Leben geträumt. Nun treffen sie nach langer Zeit wieder aufeinander und erzählen sich gegenseitig ihre Erfahrungen.

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Hallo, mein lieber Ingo. Ich bin sehr froh, dich wieder zu sehen. Wie geht es dir? Ich habe dich immer wieder mal vermisst.

  • Genauso erging es mir auch, lieber Jupp. Ich bin sehr gespannt, wie es dir mit deinem Ex-Nachbar und Untermieter Oleks ergangen ist.

Ja, da gibt es viel zu erzählen. Aber du hast dich äußerlich verändert, Ingo. Ein paar Pfunde weniger stehen dir sehr gut. Du strahlst auch eine gesunde Abgeklärtheit aus.

  • Ich muss sagen, Jupp, die Ernährungsumstellung auf mein Gartengemüse und wenig Fleisch hat mir sehr gutgetan: keine Allergien mehr, die Arthrose-Signale sind verschwunden. Ich habe seit unserem letzten Treffen eine sehr glückliche Zeit verlebt.

Das freut mich sehr, Ingo. Ich hatte schon Angst, dass ich dich Ende 2022 mit meinem Katastrophen-Pessimismus angesteckt hätte. Hast du denn keine Langeweile empfunden, ohne die aufregenden Nachrichten, deiner Suche nach dem Phönix-Vogel und dem Guten im Schlechten?

  • Gar nicht Jupp. In meinen therapeutischen Garten haben sich schon gleich zu Anfang viele Freunde zur Pflege der Kräutergärten und zur geistigen Erholung eingefunden. Ich kann über mangelnde Gesellschaft nicht klagen und habe mich seitdem in die Welt der Autisten und Demenzkranken eingefunden. Faszinierend, sage ich dir, vor allem wie Blinde mit der Welt zurechtkommen. Zu meinem Schaf fürs Rasenmähen hat sich nun auch ein Therapiehund gesellt und die beiden sind die besten Freunde. Nun sag, was ist aus deinem Oleks geworden. Hat er schon deinen Atombunker fertiggestellt? Glücklicherweise ist der Atomschlag und der Super-GAU ja ausgeblieben.

Oleks hat sich bestens entwickelt, seit er dem Dunstkreis der Verschwörungsfreunde entkommen ist. Er ist zwar immer noch nicht gegen Corona geimpft, dafür aber gegen Gürtelrose und Grippe. Der Bau des Atombunkers ist auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben worden. Sein Sinneswandel kam schlagartig, nachdem er eine nette ältere Dame kennenlernte, die wie du nicht in einer radioaktiven Wüste überleben wollte. Doris lebt jetzt bei uns und hat uns Männer und unser Haus in kurzer Zeit auf Vordermann gebracht. Wir verfügen nun über eine exzellente Gästewohnung im Keller, mit allem sanitärem Komfort, inklusive einer Sauna. Zudem kann ich dir anstelle des Atombunkers eine kleine Gartenkneipe mit Wärmepumpe, PV-Anlage und eigenem Brunnen anbieten. Wir müssen nicht mehr in Urlaub fahren, sondern haben alles zu Hause. Die Dänen sagen dazu: Hyggelig.

  • Ja Urlaub. Jupp, da sprichst du ein spannendes Thema an. Warte nicht, bis das Leben zu dir kommt, sondern lebe dein Leben. Im Nachhinein waren Urlaubsreisen doch immer eine kurzzeitige Flucht vor unserem armseligen Leben in einer Tretmühle. Wir haben uns zur psychischen Wiederaufbereitung in die exotischen Touristenghettos begeben, mit dem Kitzel, dass wir bei einer Exkursion kurz in das landestypische Elend der Bevölkerung werfen konnten. Aber mit dem sicheren Gefühl, dass wir nach einigen Tagen wieder auf unsere angebliche Insel der Seligkeit zurückziehen können, deren Wohlstand mithilfe von den Millionen billiger Tagelöhner aufrechterhalten wird. Ich vermisse diese Reiserei nicht mehr, seit ich den Kosmos in der Natur um mich herum erlebe. Du hast deine alternativen Welten in Büchern gefunden, wie ich mich erinnere. Bist du nun nach dem Studium unzähliger Krimis genialer Kriminologe geworden?

Möglicherweise ja, Ingo. Aber ich habe neben der Literatur mein Spektrum auf andere Kulturbereiche erweitert: die schönen Künste wie Musik, Theater, Malerei, Bildhauerei. Damit habe ich am zweiten Weihnachtstag meine buckelige Verwandtschaft tiefgreifend verstört, die plötzlich und unangemeldet an meiner Tür klingelte. Angeblich aus familiärer Fürsorge, aber eigentlich wollten sie sich nur überzeugen, ob ich überhaupt noch lebe und nicht als Messie versumpft bin. Vermutlich haben sie sich schon Sorgen um das Erbe gemacht.

  • Na klar, Jupp. Mit deinem Haus und deinem Grundstück in bester Lage bist du eine lukrative Investition in die Zukunft – für die Erben. Die haben doch bestimmt gestaunt über deinen Lebenswandel und den Bevölkerungszuwachs.

Du hättest die Fassungslosigkeit in ihren Gesichtern erleben sollen, als sie mitbekamen, dass mich überhaupt keine Nachrichten aus der Welt mehr erreichen: Krieg in Ukraine (wie, immer noch?), Massaker in Israel und Bombardierung des Gazastreifens (alttestamentarische Rache?), Inflation und Explosion von Gas- und Strompreisen (merke ich kaum mit meiner PV-Anlage und Wärmepumpe), Bildungskatastrophe und Fachkräftemangel (nichts Neues!). Überall Populisten an der Macht (Trump wird wieder Präsident? – beschleunigt nur den Niedergang der USA), Ampel-Koalition abgewirtschaftet (der Vertrauensverlust in die Politik ist doch ein alter Hut). So ging das stundenlang – Horrormeldungen pur. Und ich? Ich habe nur gegrinst und mir innerlich gedacht: Seid Ihr doch selbst in Schuld, wenn Ihr in einem solchen Sauhaufen leben und nichts ändern wollt. Kein Mitleid. Ich habe sie dann rausgeschmissen, als sie aggressiv wurden. Ich lasse mir doch die letzten wertvollen Tage meines Lebens nicht mit schlechter Laune vermiesen.

  • Da hast du richtig gehandelt, Jupp. Ich hatte ein vergleichbares Erlebnis, als vorgestern zu Silvester ein paar ehemalige Krankenhauskollegen vorbeischauten, ebenfalls unangemeldet. Als sie meine Truppe im Therapiegarten sahen, glaubten sie, dass ich meine Rente mit sozialer Schwarzarbeit aufbessern müsste. Wie? Ehrenamtlich? Freiwillig? Sie jammerten über das Krankenhaussterben, den zunehmenden Mangel an Ärzten und Pflegepersonal, Kinder- und Altersarmut, Amokläufe in Schulen, die arbeitsunwillige Generation Z, Angriffe auf Rettungsdienste und Feuerwehren, den Totalverschleiß bei der Bahn und im Straßenverkehr, die Klimakatastrophe – und prophezeiten, dass die AFD an die Regierungsmacht kommen wird. Jupp, darüber haben wir uns doch viele Jahre unterhalten – aber alle haben weggeschaut und uns nicht ernst genommen. Jetzt kommen wegen der Untätigkeit alle Krisen auf einmal – und Regierungen und Politiker sind völlig überfordert. Ich habe meinen Kollegen empfohlen, die 120 Protokolle unserer Gespräche der letzten zehn Jahre mal nachzulesen. Und sie dann auch höflich verabschiedet. Mit der Ausrede, dass ich mein Schaf und meinen Hund vor der Knallerei in Sicherheit bringen muss. (Wie, du hast ein Schaf?)

Ingo, da ich mich ja nun zu den Belesenen zählen darf, möchte ich dir von einem Trend berichten, der in den USA vor fünfzig Jahren zur Zeiten des Kalten Krieges zu beobachten war: das Bedürfnis, nach innen zu gehen, wenn draußen alles zu rau und erschreckend wird: „Sich mit einer Schutzhülle zu umgeben, damit man nicht  einer schlechten, unberechenbaren Welt ausgesetzt ist – jenen Widrigkeiten und Angriffen, die von unhöflichen Kellnern, Lärmbelastung und Luftverschmutzung bis hin zur Drogenkriminalität, Wirtschaftsrezession und Aids reichen.“ Die Trendforscherin Faith Popcorn beschreibt diese Reaktion in ihrem Buch „Der Popcorn Report“ von 1991 als Cocooning: „Das Kokon-Dasein bedeutet Isolierung und Vermeidung, Friede und Schutz, Geborgenheit und Kontrolle – eine Art überdimensionaler Netzbau.“

  • Interessant, Jupp. Haben wir das nicht auch kürzlich während der Corona-Pandemie erlebt? Wir mussten uns erzwungenermaßen zu Hause einnisten. Aber dann kam der Impfstoff und alle verfielen wieder in den alten Trott. Nun, einige haben sich vielleicht doch etwas geändert. Viele Menschen möchten keine Nachrichten im Fernsehen und den Pressemedien mehr schauen, weil sie davon mental heruntergezogen werden. Die Unterhaltungsmedien bieten ja unzählige positive Berieselungs- und Entspannungsmöglichkeiten. In der Virtual Reality der Games können sie dann als unkaputtbarer Supermensch oder Feldherr die böse Welt besiegen.

Eine Ausweitung des cocooning sehe ich im sogenannten clanning – die Flucht in eine Gruppenzugehörigkeit.   Menschen flüchten sich zwecks Rückzugs aus der brutalen Realität in ihre Blasen im Internet, in die Chatgruppen oder auch Fußballvereine. Wusstest du das, Ingo? Borussia Dortmund hat 168 Tausend Vereinsmitglieder, der FC Bayern München 295 Tausend und sogar der Deutsche Alpenverein zählt 180 Tausend zahlende Anhänger.  Verstörende Nachrichten sind dort nicht zu erwarten, außer bei Niederlagen ihres Lieblingsvereins. Die großen Kirchen haben durch die Missbrauchskandale ihr Vertrauen als sichere Fluchtburg weitgehend verspielt.

  • Jupp, jetzt stell dir mal vor: In der Zeitenwende der Polykrise wendet sich ein Großteil der deutschen Bevölkerung vom öffentlichen Geschehen ab und fokussiert sich wie wir auf ihre innere Welt, soweit sie sich das finanziell erlauben kann. Was hätte das für Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, auf unsere Wirtschaft und unsere Politik? Ist da vielleicht unsere Generation Z mit ihrem veränderten Work-Life-Balance Verständnis schon auf dem Weg? Die „Fridays for Future“? Die Klimakleber der „Last Generation“? Da ist ja nicht mehr das klassische Verständnis von einer wirtschaftlich erstrebenswerten Zukunft mit unbegrenztem Wachstum zu finden.

Und nicht zu vergessen, Ingo: die heutigen Kids wachsen mit einer unglaublich leistungsfähigen Künstlichen Intelligenz auf, die unser heutiges Wirtschaftssystem komplett umkrempeln könnte. In Verbindung mit den Robotik-Technologien entstehen neue Dienstleistungen, neue Berufe, neue Erwartungshaltungen. Denk mal nur zurück an die disruptiven Einflüsse des Smartphones! Wir erleben neue Erscheinungsformen von Kreativität im Geschäftsleben und in der Kultur, gespeist aus dem digitalen Ozean von Millionen menschlicher Ideen und Produkten.

  • Jupp, ich glaube, das können wir uns noch gar nicht vorstellen. Mir fällt auch auf, dass wir beide in unserer realitätsalternativen Zufriedenheit kaum noch eine Unterscheidung zwischen optimistischen und pessimistischen Ansichten treffen können. Wir haben einfach den Endpunkt unserer Zufriedenheit erreicht und beobachten nun interessiert und staunend die bevorstehenden Revolutionen um uns herum. Wer hätte das am Anfang mal gedacht?

Und ganz wichtig, Ingo: Dennoch sitzen wir hier in unserer traditionellen Insel der Stabilität mit dem altehrwürdigen Schmiermittel und rufen begeistert: „Herr Wirt, bitte zwei Bier!“

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Habe stets ein Ohr für die Vergangenheit,

ein Auge für die Zukunft

und ein Lächeln für den Augenblick.

 

(Stefan Radulian (*1979), österreichischer Student, Aphoristiker und »verträumter Realist«)

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