Jupp, lass uns mal wieder über Risikomanagement reden. Eine große Klinik im Badischen lieferte gerade ein schönes Beispiel dafür.
Ach Ingo, für die kommt doch das Risikomanagement viel zu spät. Die brauchten ein Krisen- und Katastrophenmanagement viel nötiger. Die Hinrichtungen durch die Medien waren doch schon in vollem Gange.
Hallo, Jupp, hast du mal einen Zehn-Euro-Schein dabei?
Ja, wieso? Bist du pleite und kannst dein Bier nicht bezahlen?
Nein, ich will dir mal die neueste Innovation zeigen. Hast du eine Ahnung, was für Völkerscharen von Bakterien und Viren auf deinem Schein siedeln? Vielleicht hat sich schon ein Ebola-Virus dort eingenistet. Oder du musst damit rechnen, dass von einem deiner Vorgänger noch ein paar Kokainpartikel übrig geblieben sind. Könnte Probleme bei einer Drogenkontrolle geben.
Glaube ich nicht. Die Kokainschnupfer nehmen dazu immer einen 100- oder 200er Euroschein, zumindest in den Filmen.
Hallo, Jupp, wie geht es Dir heute? Schon innovative Ideen produziert?
Ach Ingo, sei bloß still. Ich habe gerade eine Broschüre von der Schavan, du weißt doch: Ex-Doktorin und Ex-Forschungsministerin, gelesen. Der Titel „Wie wir morgen leben – zehn Zukunftsprojekte, die uns bewegen“ ist ja noch okay, aber dann kommt die Drohung: „Wir haben die Zukunft im Blick“. Ausgerechnet unsere Politiker! Wann haben sie jemals um unsere Zukunft gesorgt? Es geht doch immer nur um ihre eigene. Um unsere Zukunft kümmern sich schon ausreichend deren Lobbyisten im Bundestag. Leider ohne uns Bürger zu beteiligen.
„Hallo, Herr Wirt, wir brauchen mal schnell zwei Bier, aber nicht eins von der innovativen Sorte, Bitteschön.“
Mein Freund Jupp gibt bei unserem Treffen in der Eckkneipe gleich das Thema vor. Augenscheinlich hat er sich über eine Innovation geärgert. „Jupp, was ist los? Ist bei Euch in der Familie neuerdings auch das Innovationsmanagement angesagt?“ Ich erinnerte mich noch gut an die letzte Kampagne, als Jupp die ISO 9001 zu Hause einführen wollte. Sie scheiterte kläglich an den unterschiedlichen Sichtweisen zur Qualitätspolitik und deren Zielsetzungen.
Die Fußballweltmeisterschaft ist vorüber, die Welt hat angesichts der Ergebnisse Kopf gestanden. Ganze Länder sahen sich unvermittelt in nationale Identitätskrisen versetzt, die Schonzeit für viele Regierungen ist angesichts der im jeweiligen Lande ungelösten Probleme vorbei. Die Aufbereitung des sensationellen Halbfinales und Endspiels läuft publizistisch auf Hochtouren. Der SPIEGEL fragt sich im Titel „Wir sind wieder … wer?“ und stellt philosophische Betrachtungen über die Rolle Deutschlands in der Welt an. Die amerikanische Huffington Posttitelt: "Champions of the World. Wir! Sind! Weltmeister!" (sogar auf deutsch zitiert – eindeutig eine Steigerung der damaligen BILD-Schlagzeile „Wir sind Papst!“)
Innovationsmanagement ist jetzt gerade angesagt. Die Regierungen von Bund und Länder haben Hunderte von Millionen Euro Fördergelder für neue Ideen im Gesundheitswesen bereitgestellt. Eine Googlesuche mit dem Stichwort „Innovationsprogramm Gesundheit Deutschland“ liefert 105.000 Einträge.
Da wird es doch langsam Zeit, auch im Fußball ein paar Innovationen einzuführen. Bei dieser WM sind die klassischen Favoriten aus Europa wie Italien, Spanien und England beschämt nach Hause gefahren. Auch Brasilien hat sich anfangs nicht mit Ruhm bekleckert. Sie konnten den aufstrebenden Fußballzwergen wie Costa Rica, Algerien, Kroatien, Kolumbien und Nigeria keinen Ideenfußball entgegensetzen.
Ingo und Jupp haben sich daher beim letzten Match Deutschland gegen USA innovative Gedanken gemacht, die allerdings jeden echten Fußballfan mit Grausen abwenden lassen.
„Hast du das gesehen, Ingo? So eine Sauerei!“ Jupp redet sich gerade in Rage, seit er sein neues Heimkino in Betrieb genommen hat, genau passend zum DFB-Pokalfinale zwischen FC Bayern München und Borussia Dortmund. „Dieses Kopfballtor von Mats Hummels in der 64. Minute ... – Mensch, der Ball war doch ganz klar hinter der Torlinie. Nicht anerkannt, weil der Linienrichter und der Schiri beide blind sind. Und das bei einem Endspiel.“
Jupp hatte unsere letzte Kneipenrunde wegen „dringender Renovierungsarbeiten“ abgesagt. Da ich neugierig geworden bin, besuche ich ihn zu Hause. „Ab dem 12. Juni gibt es einen Monat lang Fussball-WM, du Sportbanause!“ empfängt er mich, inmitten von einem Kabelgewirr, welches eine 8-Kanal-Dolby-Surround Hifi-Anlage mit einem Dutzend Lautsprechern und einem riesigen Fernsehbildschirm verbindet. Diese Beleidigung lasse ich nicht auf mich sitzen und überrasche ihn mit folgenden Insider-Nachrichten.
„Hallo, Jupp, hast du schon gehört? Mein Discounter bietet jetzt ambulante Schönheits-Operationen an. In der kleinen Kammer, wo bisher wohl der Ladendetektiv hinter dem halbdurchsichtigen Spiegel die Ladendiebe aufgespürt hat, sitzt jetzt ein Chirurg. Für einen Discountpreis kannst du dir jetzt Falten mit Botox wegspritzen und nebenbei die Warzen und Muttermale entfernen lassen. Die Damen an der Kasse erkennen ihre betagten Stammkunden beim Herausgehen nicht mehr wieder.“
„Hallo, Jupp, wie geht es dir heute? Du bist ja zu beneiden, wie ich dem großen Zeitungsartikel letzte Woche entnehmen konnte. Deine Lebensqualität muss explosionsartig zugenommen haben, wenn ich den Pressemitteilungen des neuen Verkehrsreferenten glauben darf.“
In seiner Wohngegend war vor einem Jahr eine verkehrsberuhigte Zone mit Tempo 30 eingerichtet worden. Zudem hatte man in seinem Stadtteil eine Parkraumbewirtschaftung eingeführt, was sich in höheren Parkgebühren, kürzeren Parkzeiten und weniger Parkflächen bemerkbar machte.
„Hallo, Jupp, wieder zurück von der Grünen Woche in Berlin. Ich zitiere: die weltgrößte Messe für Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau. Letztes Jahr warst du voll beladen mit Prospekten und Leitfäden, weil du zu Hause für deine Familie die ISO 9001 einführen wolltest.“
Diese Frotzelei konnte ich bei unserem wöchentlichen Treff in der Eckkneipe gleich bei der Begrüßung nicht sein lassen. Amüsiert erinnerte ich mich an das gnadenlose Scheitern seiner Initiative vor einem Jahr, weil er die widersprüchlichen Kundenerwartungen von Frau und Kindern nicht unter einen Hut bringen konnte.
Unsere beliebte Eckkneipe hat sehr unter der Silvesterfeier gelitten. Vor dem Eingang wateten wir durch einen gefühlten Kubikmeter Kracherreste, drinnen klebte der Fußboden vom vergossenen Sekt und die Luft war noch von den Ausdünstungen der Partygäste alkoholgeschwängert. Am Neujahrstag hielten Jupp und ich Rückschau über das vergangene Jahr und versuchten den Kater mit einer ordentlichen Portion Rollmops zu verdrängen.
„Mann, Jupp, schon wieder ein Jahr rum! Vor zwölf Monaten hatten wir noch über das Qualitäts – und Risikomanagement im Gesundheitswesen gesprochen. Erinnerst du dich noch? Du hattest die Risiken der Weihnachtsfeierei analysiert und anschließend wolltest du als Selbsterfahrung die ISO 9001 bei dir zu Hause einführen. Jetzt steht uns eine neue Zertifizierungswelle im Gesundheitswesen bevor – die DIN EN 15224. Machst du wieder einen Selbstversuch mit der neuen Norm?“